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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Leberentzündung. Hepatitis

Man unterscheidet vier verschiedene Formen der Leberentzündung.

Die Entzündung des Bauchfellüberzuges der Leber (Perihepatitis). Es ist dies stets eine sekundäre Krankheitserscheinung, deren Ursachen Entzündung, eingekeilte Gallensteine, Krebs u. a. sind; oder sie wird vom übrigen Bauchfelle (Peritoneum) und den benachbarten Organen auf die Leberkapsel fortgeleitet. Sie bewirkt Verdickung der Leberkapsel durch Bindegewebsneubildung und hat entweder akuten oder chronischen Verlauf. – Die Symptome der akuten Perihepatitis sind: Heftiges Fieber mit Frösteln, Kopfschmerzen, heftige Schmerzen im rechten Hypochondrium, besonders Drücken und Stechen, durch Niesen, Husten, Berühren vermehrt. Das Atmen ist schwer, oberflächlich und schmerzhaft. Hat die Entzündung ihren Sitz auf der konkaven Fläche der Leber, dann zieht sich der Schmerz nach dem Kreuze hin, und es stellt sich ein anfangs mäßiger Ikterus ein. Wir verabfolgen gegen das Fieber Aconitum oder Belladonna; bei eintretendem Ikterus Nux vomica oder Mercurius solubilis; letzteren besonders zur Aufsaugung des Exsudates. In hartnäckigen Fällen Sulfur. – Wo die Entzündung durch Schlag oder Stoß auf die Lebergegend verursacht worden ist, da verabfolgen wir Arnica und wenden fleißig kalte Umschläge an. Im übrigen verweisen wir auf das bei Gallensteinkolik Gesagte.

Die interstitielle Leberentzündung, Cirrhose der Leber, granulierte Leber. Diese Krankheit charakterisiert sich zunächst durch bedeutende Volumenzunahme und große Empfindlichkeit der Leber. Im zweiten Stadium erfolgen: allmähliche Verkleinerung der Leber, Stauungserscheinungen im Pfortaderbezirke und Gelbsucht. Die Krankheit kann sich auf mehrere Jahre erstrecken und befällt fast nur Säufer. Im ersten Stadium ist die Krankheit noch rückbildungsfähig, und wir verabfolgen nach den obwaltenden Symptomen: Nux vomica, Natrium muriaticum, China, Arsenicum oder Lycopodium. Bei bereits eingetretenem Schwunde der Leber kann von einer erfolgreichen Behandlung nicht mehr die Rede sein, der tödliche Ausgang ist unabwendbar.

Der Leberabszeß, Hepatitis suppurativa. Das Vorkommen dieser Krankheit beschränkt sich hauptsächlich auf die heißen Klimate. Bei uns tritt sie vor allem auf infolge traumatischer Einwirkungen auf die Leber (Stöße, Verwundungen) oder aus unbekannten Ursachen. Sekundär infolge von Gallensteinen in der Leber. Die an Zahl und Größe sehr verschiedenen Abszesse, die sich im Leberparenchym bilden, können sich durch peripherisches Umsichgreifen des Vereiterungsprozesses so bedeutend vergrößern, daß sie weit über die Oberfläche der vergrößerten Leber hervorragen. In glücklichen Fällen kapselt sich der Abszeß ab, d. h. es bildet sich infolge von Bindegewebsneubildung eine dicke schwielige Wand um den Eiterherd. In dieser Kapsel dickt sich der Eiter ein und trocknet zuletzt aus. In anderen Fällen kommt es zur Perforation des Abszesses, und so kann sich der Eiter in die Bauchhöhle, den Magen oder Darmkanal, in die Brusthöhle, sowie durch die Bauchwand nach außen ergießen. Die Eiterbildung wird gewöhnlich durch wiederholte Schüttelfröste eingeleitet; die Krankheit verläuft in den meisten Fällen unter dem Bilde der Pyämie. Gegen das Fieber verabfolgen wir Aconitum oder Belladonna. Kündigen Schüttelfröste den Eintritt der Eiterung an, dann verabfolgen wir Mercurius. Bei pyämischen Erscheinungen verordnen wir Chininum arsenicosum.

Die akute gelbe Leberatrophie oder allgemeine parenchymatöse Hepatitis. Diese Krankheitserscheinung kommt äußerst selten vor. Die nähere Beschreibung findet man am Schlusse dieser Abhandlung.

Wir wollen nun die gegen die verschiedenen Formen der Leberentzündung gebräuchlichsten homöopathischen Mittel einzeln charakterisieren.

Aconitum: Ein vorzügliches Mittel im Anfange der Krankheit, besonders bei Perihepatitis; bei heftigem Fieber mit großer Unruhe, argem Durste, weißbelegter Zunge und stechendem Schmerze in der Lebergegend. Ein besonders leitendes Symptom zur Anwendung dieses Mittels ist der kurze und sehr schmerzhafte Husten, der vor allem bei Entzündung der oberen Leberfläche einzutreten pflegt.

Arsenicum: Bei bedeutenden, sich auch nach dem Unterleibe erstreckenden, brennenden Schmerzen; auch bei meteoristischer Aufblähung. Galleerbrechen mit wässerigem oder blutigem Durchfalle und entsetzlichem Durste. Auch bei Stauungshyperämie der Leber mit außerordentlicher Atemnot und großer Schwäche kann dieses Mittel noch von einigem Nutzen sein.

Belladonna: Drückende, sich oft bis zur Schulter hinauf erstreckende Leberschmerzen, mit beschwerlichem, ängstlichem Atemholen. Spannen und Auftreibung in der Magen- und Lebergegend mit großer Empfindlichkeit und Schmerzhaftigkeit an und für sich und bei Berührung. Fieber mit vielem Durste. Heftiger, trockener, empfindliches Stechen hervorrufender Husten, besonders bei Perihepatitis.

Bryonia: Wenn nach überstandener Perihepatitis Atemversetzung, stechende Schmerzen in der Brust und Lebergegend, besonders beim Tief atmen, empfunden werden. Auch bei der parenchymatösen Leberentzündung mit geringem Druckschmerze in der Leber, aber beeinträchtigtem Atmen. Magenkatarrh, gelb belegte Zunge, Stuhlverstopfung. Die ikterischen Symptome sind bei diesem Mittel nicht hervorragend.

China: Wenn die Krankheitserscheinungen periodenweise, einen Tag um den anderen, eintreten. Bei stechenden Druckschmerzen in der Leber, die oft geschwollen und hart anfühlbar erscheint. Bei drückendem Kopfschmerze, belegter Zunge und bitterem Geschmack im Munde. Gesichtsfarbe und Augenweiß erscheinen oft gelblich.

Kreosotum: Bei anhaltenden, drückenden Schmerzen in der Lebergegend mit Kopfbenommenheit, Schwindel, Brechneigung, Erbrechen, vermehrter Speichelabsonderung und Fieber. Bitterer Geschmack, belegte Zunge, anhaltender Drang zum Urinieren; große Ärgerlichkeit.

Lachesis: Vorzüglich in hartnäckigen Fällen, besonders bei Trinkern. Schweregefühl und Stechen in der Leber oder Drücken wie von einem sich daselbst zusammenziehenden Klumpen. Oft hilfreich im Beginne der interstitiellen Leberentzündung, bei Stauungserscheinungen im Pfortaderbezirke und Gelbsucht.

Leptandra virginica: Diese Arznei hat sich in den mannigfachsten Leberkrankheiten bewährt. Bei dumpfen, drückenden oder brennenden Schmerzen im Rückenteile der Leber, bis zum Rückgrat sich erstreckend und besonders heftig in der Gegend der Gallenblase. Akute, gelbe Leberatrophie. Gelb belegte Zunge, Appetitlosigkeit und große allgemeine Schwäche. Die Stühle sind diarrhöisch, wässerig oder breiig, hellfarbig, sehr stinkend und mit reinem Blute gemischt. Wir verabfolgen dieses Mittel in tieferen Potenzen (täglich 10 bis 15 Tropfen der 1. oder 2. Verdünnung in 6 Eßlöffel voll Wasser) unausgesetzt, bis die Beschwerden nachlassen oder ein anderes Mittel erfordern.

Lycopodium: Ein vorzügliches Mittel, besonders bei langwierigen Leberentzündungen; bei stechenden und drückenden Schmerzen in der rechtsseitigen Unterrippengegend; schmerzhafte Aufgetriebenheit der Lebergegend; Schmerzen verschiedener Art und wechselnden Grades in der Leber, die oft mit Übelkeit oder Erbrechen von Galle und Schleim vergesellschaftet sind.

Mercurius: Druckschmerzen in der Lebergegend, Anschwellung und schmerzhafte Auftreibung der Leber, dem Bilde der Hepatitis parenchymatosa entsprechend. Stechend-brennende Schmerzen in den konvexen Teilen der Leber; bitterer Geschmack im Munde, Appetitlosigkeit mit Durst, Galleerbrechen, gelbe Farbe der Haut und des Augenweißes; beständiges Frösteln. Sehr nützlich, um die Schmelzung des Exsudates zu bewerkstelligen. (Oft passend nach Belladonna; nach Mercurius paßt dann oft Sulfur).

Nux vomica: Gegen stechende oder klopfende Schmerzen, die sich durch Bewegung und Druck vermehren; saurer oder bitterer Mundgeschmack, Druck unter den kurzen Rippen auf der rechten Seite und in der oberen Magengegend; Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Stuhlverstopfung; desgleichen auch Galleerbrechen, kurzer Atem, Durst, feuriger Urin. Bei heftigen Temperamenten und da, wo die Leberentzündung mit gastrischen Beschwerden auftritt. (Nach Nux vomica paßt oft Sulfur.)

Phosphorus: Verdient hauptsächlich in jenen sehr schlimmen Formen der Leberentzündung Berücksichtigung, die unter ausgesprochen typhösen Symptomen und sehr raschem Sinken der Kräfte verlaufen. – Es ist zudem das einzige Mittel, das wir mit Aussicht auf Erfolg gegen die Pylephlebitis verwenden können, da Phosphorus überhaupt sich für die Venenentzündungen eignet, auch für die pyämischen Erscheinungen bei Verschwärungsvorgängen im Darmkanale mit Metastasen in den Lungen. Sobald sich Schüttelfröste einstellen: Chininum sulfuricum oder Chininum arsenicosum. Stündlich 1 Gabe.

Sulfur: Bei anhaltenden stechenden Schmerzen, besonders nach Nux vomica, wenn dieses Mittel zwar angewendet wurde, aber nicht vollständig ausgereicht hat; überhaupt bei hartnäckig anhaltenden Schmerzen, bei denen andere Mittel ihre Wirkung versagten.

Sind wir zu der Annahme berechtigt, daß in den Gallenwegen der Leber eingeklemmte Gallensteine, die leicht zu Abszeßbildungen führen können, die Ursache der schmerzhaften Erscheinungen sind, dann verfahren wir nach der bei Gallensteinkolik besonders angegebenen Methode. – Übrigens ist bei Leber- und Galleerkrankungen Dr. Willmar Schwabes Glissitol empfehlenswert.

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