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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 62
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Krätze. Scabies

Unter Krätze versteht man einen auf der Haut sich vorfindenden, meist zuerst an den Handgelenken und zwischen den Fingern oder an den Hinterbacken, Schenkeln und in der Kniekehle wahrzunehmenden, aus kleinen, wässerige Feuchtigkeit enthaltenden Knötchen bestehenden Ausschlag, der in der Wärme ein starkes Jucken hervorruft und durch Kratzen entzündet wird. Die sich anfangs in den Bläschen vorfindende helle Feuchtigkeit wird später gelblich und eiterartig. Die Krankheit kann bei längerem Bestehen den ganzen Organismus ergreifen, während der äußerliche Hautausschlag durch kleine, von einem auf das andere Individuum übertragbare Milben (Acarus scabiei, Sarcoptes hominis) verursacht wird, die sich in die Haut einbohren und durch befruchtete weibliche Milben vermehren.

Bei Menschen, die häufig mit Krätzekranken oder von ihnen benutzten Gegenständen in Berührung kommen, ist das Übertragen der Milbe außerordentlich leicht; dies kann oft schon durch den bloßen Händedruck eines Krätzekranken geschehen, mehr aber noch durch Kleidungsstücke, Betten, Handtücher u. dgl. von Krätzekranken benutzte Gegenstände.

Da die Krätzemilbe meist in der Wärme ihre Tätigkeit entfaltet, so ist das durch sie verursachte Jucken besonders nachts im Bett unerträglich. Die Milbe lebt von den Säften unter der Oberhaut und wählt zum Einbohren am liebsten bestimmte weiche Hautstellen, namentlich zwischen den Fingern, nächstdem die Knie- und Ellbogenbeuge, die Haut des Penis usf.

Hauptsache bei Behandlung der Krätze ist zunächst die Tötung der Milbe, da sonst eine Heilung des lästigen Übels undenkbar ist. Zu diesem Zwecke nimmt man einige Stunden vor dem Zubettgehen ein warmes Bad, wobei man den ganzen Körper tüchtig mit Schmierseife einreibt. Wo ein Bad nicht herzurichten ist, reibt man den Körper vorher mit Seife ein, wäscht ihn nach 1 Stunde mit warmem Wasser gründlich ab und frottiert die Haut mit einem etwas groben Handtuche, um zugleich die Milbengänge freizulegen. Dann reibt man sorgfältig Stelle für Stelle mit Perubalsam-Schwefelsalbe ein und hüllt den Patienten in eine Wolldecke, in der er 1 oder 1½ Stunden liegen bleibt, worauf man ihn mit warmem Seifenwasser abwäscht und ihn zu Bett gehen heißt. Dieses Verfahren wird in 8 aufeinanderfolgenden Tagen wiederholt. Der Patient muß sich in der ganzen Zeit vor Erkältung sorgfältig hüten und täglich frische, aber gut durchwärmte Wäsche anlegen. In der kalten Jahreszeit muß selbstverständlich die ganze Prozedur in einem gut durchwärmten Zimmer stattfinden. Die gebrauchte Wäsche und die Bettbezüge müssen, um die daran haftenden Milben zu beseitigen, ausgekocht und die Kleidungsstücke in einem Back- oder Bratofen einige Zeit einer Temperatur von etwa 65 bis 70 °R ausgesetzt werden. Diese Temperatur genügt, um die Milben zu töten. Übrigens kann man statt der kostspieligen Perubalsam-Schwefelsalbe bei ärmeren Personen Einreibungen mit Perubalsam-Lösung machen. Nach der Einreibung wäscht man den Körper bis zum nächsten Tage nicht wieder ab. Als billiger Ersatz des Perubalsams wird auch die Ung. contra scabiem (aus Schwefel, Birkenteer, Fett und Kaliseife bestehend) empfohlen.

Wo die Krätzemilbe lange bestanden und sich über den ganzen Körper verbreitet hat, finden wir noch lange nach vollständiger Beseitigung der Milbe häufig einen juckenden, feinkörnigen Ausschlag bei den betroffenen Personen vor, bei skrofulösen mit sehr reizbarer Haut sogar größere Eiterblüten über den Körper verbreitet (sog. fette Krätze). Ein solcher Ausschlag darf nunmehr nicht mit äußerlichen Mitteln behandelt, sondern muß vielmehr durch eine innerliche Kur beseitigt werden. Man mag über die Psoralehre Hahnemanns denken, wie man will, der besser beobachtende Arzt wird, wie Hahnemann, überall, wo Ausschläge oder Fußschweiße durch Erkältungen oder andere äußerliche Einwirkungen schwanden, die größten Nachteile davon gesehen haben, während andere ein mitleidiges Lächeln über jene »medizinischen Ultras« kaum zu unterdrücken vermögen, die von verschmierten Hautausschlägen, zurückgetriebenen Fußschweißen usw. später entstandene Siechtume ableiten wollen. Und doch, wie viele Krankheiten, gegen die man jahrelang vergebens vorging, schwanden schnell und dauernd, nachdem einst vorhanden gewesene und unterdrückte Hautausschläge sich wieder vorfanden! So beruht auch der wohltätige Einfluß gewisser Bäder nur darauf, Hautausschläge hervorzurufen. Denn die Haut ist ein außerordentlich wichtiges Organ und sondert sehr viele unbrauchbare Stoffe aus, die der Körper auf anderem Wege nicht auszuscheiden vermag.

Freilich hat Hahnemann vieles auf die damals in Deutschland weit mehr als heutzutage verbreiteten Krätzeausschläge geschoben, was eher die widersinnigen Mittel verschuldet hatten, die zu damaliger Zeit von Ärzten und Badern gegen die Krätze in Anwendung gebracht wurden. In der Hauptsache müssen wir ihm aber beipflichten.

Nachdem Hahnemann eine Menge Beispiele angeführt, wo sich durch das Verschmieren krätzeartiger Ausschläge die schlimmsten Krankheiten vorfanden, die erst nach dem Wiedererscheinen des Ausschlages beseitigt wurden, fährt er fort: »Wer könnte nun nach Überdenkung auch schon dieser wenigen Beispiele, welche aus den Schriften der Ärzte jener Zeit und meinen Erfahrungen um vieles vermehrt werden könnten, wohl noch so unverständig bleiben, in denselben das große, im Innern verborgene Übel, die Psora, zu verkennen, wodurch der Krätzeausschlag und ihre anderen Formen, Grindkopf, Milchkruste, Flechte usw., nur Ankündigungszeichen der inneren ungeheuren Krankheit des ganzen Organismus, nur sie vicariierend beschwichtigende, äußere Lokalsymptome sind? Wer wollte nach Lesung dieser obschon wenigen Fälle noch Anstand nehmen, zuzugeben, daß die Psora, wie schon oben gesagt, das verderblichste aller chronischen Miasmen sei? Wer so unverschämt, um mit den neueren allopathischen Ärzten zu behaupten, daß Krätzeausschlag, Grindkopf und Flechten nur so oberflächlich auf der Haut säßen und daher unbedenklich äußerlich vertrieben werden könnten und müßten, da der innere Körper keinen Teil daran nehme und dabei gesund bleibe?

Wahrlich, unter allen Freveln, die man den neueren Ärzten alter Schule nachweisen kann, ist dies der allerschädlichste, schändlichste und unverzeihlichste!«

Nirgends ist das Gesagte schöner und begeisterter ausgesprochen als in dem wertvollen und interessanten Werke: Homöopathische Erfahrungen von Dr. C. W.  Wolf, Kreisphysikus a. D. in Berlin, 2. und 5. Heft: Die Grundvergiftungen der Menschheit und ihre Befreiung davon. Berlin bei J. A. Herbig, 1860. Dieses Werk enthält freilich auch manche Übertreibung und muß daher mit gehöriger Kritik gelesen werden.

Die nach vollständiger Beseitigung der Krätzemilbe zurückbleibenden Hautausschläge beseitigt Sulfur in seiner Nachwirkung. In den ersten Wochen bedient man sich des Schwefelspiritus (Spiritus sulfuratus), den auch Hahnemann zunächst empfiehlt. Zum Gebrauch löst man Spiritus sulfuratus D3 in einem mit 4 Eßlöffel gefüllten Trinkglase auf und gibt davon 3mal des Tages ein, daß die Lösung einen Tag reicht. Dieses Verfahren wiederholt man 3 bis 4 Wochen hindurch ununterbrochen. Dann gebe man Sulfur mehrere Tage und lasse dieses Mittel 2 bis 3 Wochen nachwirken. Ist jedoch schon viel Schwefel in allopathischer Gabe gebraucht oder der auf diese Weise unterdrückte Ausschlag wiedergekehrt, so gebe man Sepia oder Pulsatilla; auch sind Carbo vegetabilis, Graphites, Arsenicum, Lycopodium oder Calcium carbonicum zu empfehlen.

Außer Sulfur ist besonders gegen größere, mit Eiter gefüllte Blasen (sog. fette Krätze) Mercurius oder Causticum beachtenswert. In hartnäckigen Fällen ist Thuja oder Apis zu empfehlen, und wo schon allopathisch viel Schwefel gebraucht, zunächst Pulsatilla.

Die durch das Verschmieren von Ausschlägen entstehenden chronischen Siechtume heilt Sulfur in seiner Nachwirkung oder Mercurius, Calcium, Silicea usw.

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