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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 55
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Hypochondrie

Die Hypochondrie ist eine in den Nervengeflechten des Unterleibes sitzende Krankheit, die sich in krankhafter Aufmerksamkeit auf den eigenen Gesundheitszustand äußert. Romberg bezeichnet die Hypochondristen als »Virtuosen auf den sensiblen Nerven«. Auch gibt es für den echten Hypochondristen wohl keinen Krankheitszustand, den er nicht zu besitzen glaubt, über den er nicht klagen sollte. Kant nennt die Hypochondrie »Grillenkrankheit«: sie sei die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne ein bestimmtes Objekt, zu überlassen. – Die Krankheit kommt meistens bei dem männlichen Geschlechte in den mittleren Lebensjahren vor, besonders bei sehr heftigen und sehr reizbaren oder in sich gekehrten und sanften Gemütern. Sie ist oft der Anlage nach ererbt und mit Hämorrhoidalbeschwerden und Gichtanlage in Verbindung, doch wird sie auch oft erzeugt durch übermäßige geistige Anstrengungen, schwelgerisches Leben, Übermaß im Genusse geistiger Getränke, desgleichen des Kaffees, sowie auch in der physischen Liebe; aber andererseits auch wieder durch Mangel an Übung körperlicher und geistiger Kraft, Müßiggang, Langeweile usw. Doch mag man nicht vergessen, daß auch gewisse Arzneien hypochondrische Verstimmung hervorrufen können, besonders der zu häufige Gebrauch der Chinapräparate.

Die Hypochondrie zeigt sich in einer trüben, in sich gekehrten oder sehr reizbaren, ärgerlichen Seelenstimmung, die aber auch oft mit ausgelassener Fröhlichkeit und heiterer Stimmung launenhaft abwechselt. Die Kranken beschäftigen sich meistens mit sich und ihren vielfach eingebildeten Krankheitssymptomen, wobei ihnen zuletzt die Außenwelt, ihr Geschäft und ihre Umgebung ganz gleichgültig werden; mißtrauisch, verdrießlich und rechthaberisch oder stets widersprechend, schließen sie sich von der Außenwelt ab, nachgrübelnd, ärztliche Bücher lesend und nur in der Erzählung ihrer vielen Leiden eine Unterhaltung findend, wobei sie sich am meisten ärgern, wenn man ihren Erzählungen nicht die gehörige Aufmerksamkeit schenkt oder ihre Krankheit für eingebildet hält, da sie doch selbst ihre Leiden zu empfinden sich bewußt sind. – Die Hypochondrie stört somit alle Lebensfreuden und macht den Kranken, selbst unter den glücklichsten Außenverhältnissen, zu einem unzufriedenen, unglücklichen Menschen und zur Plage seiner Umgebung.

Es wäre jedoch höchst unrecht, den Hypochonder als einen unerträglichen »malade imaginaire« zu fliehen oder ihn auszulachen. Man meint in Überspannung der Nerven und Einbildungen die Ursache des Leidens zu suchen, von dem man behauptet, daß es nur durch einen festen Willen geheilt werden könnte, wenn nicht die Natur der Krankheit einen Willen verböte. Über die Kunst, durch die bloße Macht des Willens seiner krankhaften Gefühle Herr zu werden, welche Kant so trefflich gelehrt hat, läßt sich weise und schön reden, solange uns das Gefühl des Wohlseins behaglich durchdringt. »In der ärztlichen Praxis« – sagt Dr.  Waxmann sehr wahr – »bemerkt man wenigstens noch nicht, daß die Lehren dieser Kunst da besondere Erfolge zeigten, wo man über dieselbe geistreich philosophiert. Die Philosophen unter den Menschen sind keineswegs die liebenswürdigsten oder geduldigsten Patienten. Lehrt die tägliche Erfahrung, daß der Rat zur Selbstbeherrschung oder, wie man sich ausdrückt, sich nicht Empfindungen hinzugeben, sich herauszureißen, wenig Aussicht auf Erfolg bietet, weil die in Rede stehenden Personen sich damit nur den anderen, nicht aber sich selbst erträglicher machen, so ist dagegen Härte und Spott geradezu geeignet, sie in die bedenklichste Richtung ihres Wesens gewaltsam hineinzuführen.«

Die Kranken müssen sich soviel wie möglich einer geregelten Lebensweise befleißigen, täglich mehrmals spazieren gehen, besonders in Nadelwäldern und auf Anhöhen sich mäßige Bewegung machen, alle Morgen nach dem Aufstehen den Rücken mit kaltem Wasser waschen, leicht verdauliche Speisen genießen und erhitzende Getränke gänzlich vermeiden. Besonders ist recht viel Zerstreuung anzuraten, daher muß die Neigung, die Einsamkeit zu suchen, mit aller Gewalt unterdrückt werden. Hauptsächlich muß aber auf eine regelmäßige Verdauung und Stuhlentleerung hingewirkt werden. Von den hier anzuwendenden Heilmitteln verdienen besonders Nux vomica und Sulfur, als die in den meisten Fällen bewährten Arzneien, Beachtung; doch werden auch noch sehr viele andere in Betracht kommen, von denen wir hier einige wenige kurz charakterisieren wollen. Nie vergesse man aber, wie bei allen chronischen Krankheiten, die Arznei etwas nachwirken zu lassen, da dies der einzige Weg ist, diese Krankheit gründlich zu beseitigen.

Aurum: Ängstliches Gemüt und reuige Stimmung, mit großer Unruhe, Weinen und Furcht vor dem Tode; Kopfbenommenheit und Kopfweh bei dem geringsten Nachdenken, auch Unfähigkeit zum Denken.

Calcium: Besonders bei Patienten mit mangelhafter Ernährungstätigkeit und schlaffer Muskulatur. Verdrossenheit, Ärgerlichkeit und gedrückte Gemütsstimmung bis zur Melancholie, besonders bei trübem, regnerischem, feuchtkaltem Wetter, Kopfeingenommenheit und zeitweiliger Blutandrang, Appetitlosigkeit mit fadem Geschmacke und weißbelegter Zunge. Harter und seltener Stuhl.

China: Große Überempfindlichkeit aller Organe oder geistige Abgestumpftheit und allgemeine Abgespanntheit; betrübtes Gemüt und wehmütiges Verlassenheitsgefühl; unerquicklicher, von verworrenen und ängstigenden Träumen begleiteter Schlaf. Bohrende Kopfschmerzen, Verdauungsschwäche, viel Blähungen und Aufgetriebenheit des Bauches usw.

Lachesis: Paßt besonders bei älteren Leuten mit schlaffer, welker Haut, die zu venösen Blutstauungen neigen. – Große Mutlosigkeit und Verzagtheit, besonders morgens beim Erwachen. Müdigkeit am Tage, mit Unlust zur Arbeit. Leicht in Affekt (Wehmut, Zorn) geratend; sehr wechselnde Gemütsstimmung.

Natrium muriaticum: Große Bekümmernis und Mutlosigkeit wegen der Zukunft, auch mit Weinen; Neigung zur Einsamkeit und Scheu vor Gesellschaften; Mißmut und Lebensüberdruß; leicht reizbare Stimmung mit Zornesausbrüchen, besonders bei dem Versuche, ihn trösten zu wollen. Unfähigkeit zum Nachdenken und zu ernsten, den Kopf angreifenden Studien; drückende Kopfschmerzen; Appetitlosigkeit und Verdauungsschwäche und viele Beschwerden nach dem Essen oder nach ungewohnter Lebensweise.

Nux vomica: Mürrische Gereiztheit und Verdrießlichkeit mit jähen Zornaufwallungen; Abneigung zu arbeiten und zu denken. Lebensüberdruß, unerquicklicher Schlaf und frühes Erwachen, mit Verschlimmerung der Beschwerden gegen Morgen; Abgespanntheit, Scheu vor Bewegung und große Neigung zu liegen; Schmerzhaftigkeit in der Magengrube und den Hypochondrien, Magenbeschwerden, Stuhlverstopfung, Hämorrhoidalleiden usf. (Oft paßt darnach Sulfur.)

Staphisagria: Trübsinn und melancholische Gemütsstimmung mit mangelhaftem, unerquicklichem Schlafe und großer, bis zur Ohnmacht sich steigernder Schwäche bei an nervöser Überreizung leidenden Personen. Ängstliche Besorgnis wegen seiner Gesundheit; Furcht vor der Zukunft. Gleichgültigkeit und Abneigung vor Arbeit, sowie Unfähigkeit zu denken.

Sulfur: Bei großer Niedergeschlagenheit und ängstlicher, sorgenvoller Stimmung; Hang, sich außerordentlich unglücklich zu fühlen, ängstliche Bekümmernis wegen seines Gesundheitszustandes. Abgespanntheit und Kopfbenommenheit, mit Unlust zu arbeiten und zu denken. Vollheit in der Magengegend; Stuhlträgheit, Hämorrhoidalbeschwerden u. dgl. (Vgl. Calcium, das oft darnach paßt.)

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