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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 49
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Harnruhr. Zuckerharnruhr. Diabetes mellitus

Diese Krankheit gibt sich kund durch eine meist ungewöhnlich stark vermehrte Harnabsonderung, die stets mehr oder weniger zuckerhaltig ist. Im Blute zeigt sich bis ½ % Zucker und bis 10% kann durch den Harn ausgeschieden werden. Die Krankheit braucht lange Zeit zu ihrer Ausbildung und führt, wenn sie nicht bald erkannt wird, sicher zum Tode. Die eigentliche Ursache zur Zuckerkrankheit ist unbekannt, doch begünstigen gewisse Umstände das Auftreten der Erkrankung. Die Fettleibigkeit scheint hierbei eine gewisse Rolle zu spielen, ebenso der reichliche Alkoholgenuß. Auch Gemütsbewegungen können zur Zuckerkrankheit beitragen. Sicher aber scheinen gewisse Infektionskrankheiten, besonders Influenza und Blutkrankheiten, die Krankheit herbeiführen zu können. Auch können Erkrankungen innerer Organe, des Magens, der Leber und der Nieren, besonders der Bauchspeicheldrüse, Diabetes herbeiführen. Entweder besteht eine krankhafte Beschaffenheit der Verdauungssäfte, wodurch mehr Zucker gebildet wird, als die ausscheidenden Organe bewältigen können, der nun die Gewebe durchdringt, oder die Leber, gewissermaßen die zweite Zuckerstation, ist der Sitz der Krankheit. Die Pfortader führt Zuckerbestandteile zur Leber, die aber auch selbst Zucker bereitet; dieser gelangt in den venösen Kreislauf vom Herzen in die Lunge, aber von hier nicht zurück, sondern verbrennt in Kohlensäure und Wasser unter Entwicklung von Wärme. Nicht selten ist auch die Bauchspeicheldrüse Ursache des Diabetes. Diese Fälle führen meist in einigen Jahren zum Tode. Viertens kann endlich die krankhafte Zuckerbildung in den nervösen Zentren liegen. ( Claude Bernard erzeugte künstlich Zucker im Harn durch Reizung des Bodens der vierten Hirnhöhle.) So kann unter ganz verschiedenen Einflüssen, bleibend oder vorübergehend, Zucker im Harn auftreten. So in der Schwangerschaft wegen Druckes der Leber durch die aufsteigende Gebärmutter, durch anästhetische Mittel, infolge Beeinflussung des Gehirns, durch Exzesse in Baccho, bei überschüssiger Säurebildung in den Verdauungswegen usw.

Der ausgeschiedene Zucker im Harn ist lediglich eine Erscheinung der Stoffwechselstörung. Die moderne Auffassung des Diabetes mellitus macht auch besonders Störungen in der inneren Sekretion verantwortlich.

Ein ursächliches Moment dieser Krankheit ist meist eine unzweckmäßige, entweder zu schwelgerische oder dürftige Lebensweise. Sie befällt am häufigsten männliche Individuen in den mittleren und höheren Lebensjahren. Doch stellen Lebemänner mit sitzender Lebensweise das bei weitem größere Kontingent. Die Mäßigkeit ist die beste Prophylaxe. So kann man denn auch hier nicht selten bestätigt finden, »daß in der Tragik des Armen das Schicksal, in dem Elende des Reichen die Schuld vorwaltet.« Auch heftige Erkältungen und starke Durchnässung des Körpers sollen zuweilen den Ausbruch der Krankheit hervorgerufen haben. Betrübend ist es, daß auch Kinder, selbst im ersten Lebensjahre schon, von dieser Krankheit ergriffen werden können. Hier führt diese in den meisten Fällen zum Tode.

Die Zuckerkrankheit kommt im Anfange meist schleichend und unmerklich heran. Nur selten tritt sie plötzlich auf und ist dann auch in ihrem Verlaufe stürmisch. Die ersten Anfänge sind äußerst unbestimmt und daher schwer erkennbar. Mattigkeit, leichte Ermüdung, Zerschlagenheitsgefühl in der Kreuzbiegung. Trotz oft starken Appetits besteht Abmagerung. Die Kranken klagen über Trockenheit des Mundes und der Lippen und haben heftigen Durst, der durch das innerlich wütende Fieber verursacht wird und zuletzt, besonders zur Nachtzeit, fast unlöschbar wird. Dementsprechend ist auch die Harnmenge erheblich (3 bis 12 l am Tage), während sie bei normalen Verhältnissen 1½ bis 2 l beträgt. Doch gibt es auch Fälle, bei denen trotz des vorhandenen Zuckers die Harnmenge nicht vermehrt ist. Bei zunehmendem Durste ist die Harnmenge bedeutend, wasserhell und enthält vorwiegend Traubenzucker. Der Harn ist trotz seines hohen spezifischen Gewichtes hell, ohne Geruch oder süßlich riechend und schmeckend. Auch der Schweiß ist oft süßlich und klebrig. Die Haut des Kranken ist gewöhnlich bleich, trocken und schuppig. Die Gemütsstimmung des Kranken ist gedrückt, verdrießlich und reizbar. Oft tritt Ödem und Schwäche der Füße ein; auch Sehschwäche der Augen. Viele Diabetiker leiden an lange andauernder Verstopfung, andere an Durchfällen. Ist neben dem Zuckergehalt auch noch Eiweiß im Harn vorhanden, oder bildet sich geradezu eine chronische Nierenentzündung aus, dann ist große Lebensgefahr damit verbunden.

Bei schweren Fällen tritt die gefürchtete Acidose, Ausscheidung von Aceton und ß-Oxybuttersäure, auf, kenntlich durch einen obstartigen säuerlichen Geruch der Atemluft. Das Endstadium des Diabetes ist schließlich das Koma, das sich klinisch als Säurevergiftung darstellt: Ganz plötzlich treten Übelkeit, Erbrechen, Benommenheit, Schwindel, Kopfschmerz und Angstzustände auf. Beim Koma-Anfall ist der Aderlaß unentbehrlich. Auch sollen Klistiere mit Natrium-bicarbonicum-Lösung (1 Eßlöffel auf ½ l Wasser) unverzüglich angewandt werden.

Die zuckerfreie Harnruhr, Diabetes insipidus, mit Ausscheidung reichlicher Harnmengen, kommt selten vor: wahrscheinlich eine Neurose als Folge der Influenza. Häufiger Abgang nicht riechender Blähungen, vom Mastdarm aus; viel Durst und Schleim im Munde. Große Müdigkeit.

Unangenehme Erscheinungen an der Haut sind noch das Auftreten von Flechten und auch von Furunkeln. Auch Brüchigkeit der Nägel, Ausfallen der Haare, Schwinden des Sehvermögens durch Netzhautblutungen können eintreten. Eine fernere lästige Begleiterscheinung des Diabetes ist die Gicht und die Fettleibigkeit. Hauptsächlich in den mit Gicht verbundenen Fällen bilden sich am Herzen und in den großen Schlagadern, besonders bei älteren Personen, Verkalkungsprozesse, die selbstverständlich viele Störungen im Gefolge haben.

Der Verlauf der Krankheit ist meist chronisch und kann sich auf Jahrzehnte erstrecken. Der Tod wird in diesen Fällen fast stets bedingt durch das Koma oder durch andere Komplikationen, z. B. die Lungenschwindsucht. Das Koma ist ein Zustand von teilweiser oder gänzlicher Bewußtlosigkeit, wie er ja auch bei manchen andern Krankheiten vorkommt.

Wenn die Krankheit rechtzeitig erkannt und behandelt wird, sie auch noch nicht mit einer schon vorgeschrittenen Lungentuberkulose kompliziert ist, dann wird häufig, bei vernünftiger Diät und Lebensweise, wobei Gemütsbewegungen sorgfältig vermieden werden müssen, Heilung erzielt. – In schlimmen Fällen tröstete Dr.  Constantin Hering den Patienten mit folgendem Verse:

»Lerne in den bösen Tagen
Mit Geduld dein Leiden tragen.
Jeder stirbt nach Gottes Willen,
Viele durch Mixtur und Pillen!«

Man hüte sich vor den vielen gegen Diabetes angepriesenen Arzneimitteln, denn diese nützen oft nichts, schaden eher ungemein. Der Diabetes tritt bei den davon Ergriffenen sehr verschieden auf, sowohl betreffs des Sitzes der Krankheit als auch der Komplikationen und der Konstitution der Kranken.

Nach Sitz und Ursache des Diabetes könnten bei der Behandlung sehr verschiedene Mittel in Frage kommen. So heilte z. B. der Geheimrat Dr.  Aegidi einen Kranken durch Natrium sulfuricum und Thuja. Siehe Allg. Horn. Zeitg., Bd. 67, Nr. 20. »Der geneigte Leser«, schreibt Aegidi, »wird, wie ich erwarte, mir nicht zumuten, daß ich die Thuja oder das Glaubersalz als ein spezifisches Heilmittel überhaupt gegen Diabetes mellitus empfehle! – Ein jeder einzelne Fall ist ein eigentümlicher, charakteristischer und bedarf seiner Eigenmittel

Als die vorzüglicheren gegen Diabetes wirkenden Mittel sind zu nennen: Acidum phosphoricum, Acidum sulfuricum, Arsenicum, Belladonna, Carbo vegetabilis, Kreosotum, Lachesis, Mercurius, Nux vomica, Sulfur, Terebinthina.

Acidum phosphoricum: Vorwalten allgemeiner Schwäche und Abmagerung. Heftiger Durst mit vermehrtem und sehr häufigem Abgange wässerigen Harns. Harter oder weicher, schleimiger Stuhl. Hat sich auch bewährt bei einfacher Harnruhr, Diabetes insipidus, wobei auch die Milchsäure, Acidum lacticum, von Nutzen sein soll. – Acidum phosphoricum ist besonders angezeigt, wenn Kummer und Gemütsbewegungen Ursachen sind.

Acidum picrinicum: Die Pikrinsäure bewährt sich, wenn der Harn von dunkelroter Farbe und hohem spezifischen Gewicht ist. Viel Durst, große Schwäche und Schwindel.

Arsenicum: Allgemeines Sinken der Kräfte; höchste Schwäche und Abmagerung. Große, entsetzliche Angst und Traurigkeit. Abnahme des Sehvermögens, Trübsichtigkeit. Arge Mundtrockenheit mit heftigem, unauslöschlichem Durste, besonders nachts. Skorbutische Beschaffenheit des Zahnfleisches. Trockene, schilferige, auch juckende Haut, Hautwassersucht. Viel Harnabgang. Durchfälliger oder harter und seltener Stuhl. Ein Hauptmittel bei Diabetes neben Acidum phosphoricum.

Carbo vegetabilis: Brennender Durst mit belegter Zunge. Jucken auf der Haut. Stinkende, klebrige Schweiße. Mattigkeit. Öfteres und reichlicheres Urinieren mit Brennen in der Harnröhre. Aufgetriebener Leib, durchfällige, scharfe Stühle, die den After wundmachen, auch blutiger Stuhl. Heftiger Abgang von Blähungen.

Echinacea Θ: Nach den Berichten amerikanischer Ärzte soll dieses Mittel von unübertrefflicher Wirkung sein bei Diabetes mellitus und insipidus, auch bei Albuminurie. Selbst urämische Zufälle, die hierbei auftreten, sogar bis zum Grad von Betäubung und Konvulsionen, werden dadurch fast unmittelbar gemildert.

Kreosotum: Hauptmittel bei der Zuckerharnruhr. Harn oft und viel, hell und farblos. Kreuzschmerzen. Saures Aufstoßen; fader, bitterer Geschmack. Verdauungsschwäche. Gesteigerter Hunger und Durst. – Das Mittel kann in tiefen Verdünnungen unausgesetzt gegeben werden. Es vermindert den Durst und verringert schnell die qualitative und quantitative Beschaffenheit des Urins; reicht oft ohne jedes andere Mittel allein zur Heilung aus. (Siehe Dr. H.  Goullons gekrönte Preisschrift: Diabetes mellitus und seine erfolgreiche Beseitigung.)

Lycopodium: Von Sanitätsrat Dr.  Schweikert sehr empfohlen bei der zuckerlosen Harnruhr. Häufiger Harndrang und viel Harn, der meist wasserhell und von geringem spezifischen Gewicht ist. Viel Durst und reger Appetit. Viel Abgang von Mastdarmwinden. Große Neigung zu Nachmittagsschlaf.

Natrium sulfuricum: Harn mit, auch ohne Zuckergehalt, rötliche oder ziegelmehlähnliche Niederschläge. Unaufhaltsamer Harndrang mit geringem Harnabgang. Unlöschbarer Durst. Sehschwäche, Mißmutigkeit. Auch im Wechsel mit Lycopodium. Von oft bedeutender Wirksamkeit.

Terebinthina: Ein wichtiges Mittel bei Albuminurie, aber auch bei Diabetes zu berücksichtigen. Häufiger, wässeriger Urin mit Veilchengeruch und vielem Durste. Klebrige und stinkende Schweiße. Fader Obstgeschmack und zäher Schleim im Munde. Drücken in der Nierengegend mit Kreuzschmerzen.

Thuja: Zuckerhaltiger Harn mit großem Harndrang. Appetit und Appetitlosigkeit wechseln. Häufiges Verlangen nach kalten Getränken. Große Hinfälligkeit, besonders morgens.

Uraniam nitricum: Ein mit Arsenicum konkurrierendes Mittel, das in neuerer Zeit oft die ersprießlichsten Dienste beim Diabetes geleistet hat und in vielen Fällen, ohne Beihilfe anderer Mittel, die Heilung bewirkte. Besonders wenn vorhanden: Großer Durst Tag und Nacht, mit öfterem und reichlichem Harn, der stark zuckerhaltig ist. Viel Appetit bei enormer Abmagerung und großem Kräfteverfall. Kommt auch für die Bauchspeicheldrüse in Betracht.

Nun wollen wir noch zwei Mittel erwähnen, die bei dieser schwer heilbaren Krankheit von verschiedenen Seiten empfohlen worden sind. Dr.  Th. Kafka empfiehlt das Pfeilgift der Indianer: Curare (oder Wurali), das jedoch bei den Stämmen verschieden bereitet wird, wenn zugegen: Urin hell, mit häufigem Abgang. Krampfhafte Nierenschmerzen, Trockenheit des Mundes und viel Durst, besonders abends und bei Nacht. Zucker im Harn mit großer Erschöpfung. – Das andere Mittel, Phloridzinum, ist das Extrakt der Wurzelrinde des Apfelbaumes, mit dem Prof.  Mering Diabetes mellitus bei Tieren erzeugte, und das (nach Dr.  Th. Kafka) von englischen Ärzten seit geraumer Zeit mit gutem Erfolge gegeben wird.

Diät. Die moderne Ernährungslehre hat mit den alten Anschauungen über »gesunde Ernährung« gehörig aufgeräumt.

Danach sind dem Zuckerkranken erlaubt:

Fleisch: Rind, Hammel, Schwein, Wild, Geflügel am besten gebraten.

Fisch: Alle Fischarten gekocht oder gebraten mit reichlich Buttersauce. Austern. Kaviar. Räucherfisch (Aal, Flunder).

Gemüse: Kopfsalat, Spinat, Gurken, Endivien, Blumenkohl, Weißkohl, Spargel, Zwiebel, Lauchgewächse. Alle ohne Mehltunke, nur in reiner Butter bereitet, am besten nur gedämpft.

Sonstiges: Fleischbrühen mit oder ohne Ei. Eier in beliebiger Form. Fettkäse.

Flüssigkeiten: Kaffee (Hag), Tee, Heilquellen, Selterswasser, Moselweine.

Die Zufuhr der Kohlehydrate (Brot, Brötchen, Mehl, Kartoffeln) unterliegt einer besonderen Regelung durch den Arzt, die jedem einzelnen Falle anzupassen ist. Desgleichen kann die Diät für Hafermehltage und Fettgemüsetage nur ärztlich im besonderen verordnet werden. –

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