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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Halsentzündung, böser Hals. Angina catarrhalis. Mandelentzündung (Mandelbräune). Tonsillitis

Mit dem Namen Halsentzündung bezeichnet man die Entzündung der Schlingorgane. Es gehören hierher die Gaumenbogen, das Zäpfchen, die Mandeln (Tonsillen) und der obere Teil des Schlundkopfes – Organe, die gewöhnlich gemeinsam erkranken oder doch eins das andere in solchen Fällen beeinträchtigt. Die örtliche Untersuchung dieser Teile darf nie versäumt werden; der Kranke muß den Mund weit öffnen und sich gegen das Licht stellen, daß der Arzt eine bequeme Einsicht in die Rachenhöhle gewinnen kann; die Zunge wird etwas herausgestreckt und mit einem Löffelstiele niedergedrückt, wobei der Patient den Vokal »a« kräftig und langgezogen ausstoßen muß, wodurch die Einsicht in die Rachenhöhle sehr erleichtert wird.

Die Symptome der katarrhalischen Halsentzündung sind nach dem Alter der Patienten etwas verschieden. Die Krankheit tritt plötzlich und besonders bei Kindern mit heftigem Fieber, hoher Temperatur und beschleunigtem Pulse auf. Abends steigern sich die Symptome, die Kinder schrecken aus dem Schlafe auf, schreien und phantasieren auch. Diese Erscheinungen ähneln oft sehr den Vorboten einer Gehirnentzündung.

Der Klang der Stimme ist mehr alteriert, rauh und heiser; das Schlingen ist erschwert und schmerzhaft. Oft ist lästiges Trockenheitsgefühl im Halse oder Brennen, Stechen und Kitzel, zum Husten reizend. Die Besichtigung zeigt Röte und Entzündung der Schleimhaut der Rachenhöhle, des Zäpfchens, des Gaumens usw., oft ist sogar innere und äußere Anschwellung der betreffenden Teile, der Hals- und Ohrspeicheldrüsen, vorhanden.

Schwellen die Tonsillen an, dann treten bedeutende Schlingbeschwerden ein, und das Fieber erhält sich auf seiner Höhe. Bei sich rasch steigernder Anschwellung kommt es fast immer zur Abszeßbildung. Die Zunge ist mit dickem, gelbem Schleime belegt, der Atem übelriechend, der Harn feurig, sparsam und sehr saturiert. Bis zum 9. Tage steigern sich die Beschwerden zu einer oft große Besorgnis erregenden Höhe; mit Entleerung des Abszesses tritt jedoch fast momentan die Besserung ein.

Die chronische Tonsillitis entsteht gewöhnlich aus der akuten, und zwar dadurch, daß die Resorption des entzündlichen Exsudates nur teilweise erfolgt. Die zurückbleibende Infiltration bedingt gewöhnlich die Neigung zu neuen Entzündungsanfällen. Jeder neue Anfall fügt zu der Schwellung wieder etwas hinzu. Die zurückbleibende Tonsillenanschwellung ist nur selten ganz zu beseitigen, wohl aber die Neigung zu öfters wiederkehrenden neuen Entzündungsanfällen, die sich aber auch spontan im höheren Alter verlieren.

Die homöopathische Behandlung der Halsentzündungen ist in jeder Beziehung zufriedenstellend gegenüber den nutzlosen Qualen, die der allopathische Heilapparat dem Kranken verursacht.

Nur anfangs, bei heftigem Fieber, verabfolgen wir Aconitum, verweilen aber nicht zu lange bei diesem Mittel. – Sobald sich Röte, Geschwulst und Schmerz beim Schlingen zeigen, verabfolgen wir Belladonna in stündlichem Wechsel mit Mercurius solubilis; letzterer ist besonders angezeigt bei starkem Speichelfluß, stechendem Druckgefühl beim Schlucken, bedeutender Geschwulst der Mandeln, oft mit gelben Punkten auf diesen, und bei Neigung zu Abszeßbildungen. Zerteilt sich der Abszeß bei konsequentem Gebrauch dieses Mittels nicht innerhalb 3 bis 4 Tagen, dann reichen wir zur Beförderung der Eiterbildung Hepar sulfuris in stündlicher Wiederholung. Auch hat sich oft nach Mercurius unter denselben Umständen Lachesis bewährt, besonders bei Schweratmigkeit und Erstickungsgefahr. Bildet sich, wie nicht selten, am vorderen Gaumensegel ein Abszeß, dann muß dieser rechtzeitig mittels Einstichs geöffnet werden. Es tritt dann, nach Abfluß des Eiters, ein sofortiger Nachlaß der Beschwerden ein.

Als Getränke dienen schleimige Abkochungen von Hafergrütze, Graupen, Reis u. dgl., auch sorge man für Erhaltung reiner Luft im Krankenzimmer. – Von Arzneimitteln haben sich noch, außer den obengenannten, in einzelnen Fällen Baryum, Cantharis, Cistus canadensis, Ignatia, Nux vomica, Mezereum, Phytolacca und Sulfur bewährt.

Baryum carbonicum: Besonders hilfreich gegen chronische Halsentzündung mit harter Geschwulst der Mandeln; kleine Drüsenanschwellungen im Nacken, Schrunden und Trockenheitsgefühl oder Stechen und Drücken beim Schlingen, wie ein Pflock im Halse; viel Schleim. Starker Drang zum Trinken.

Calcium jodatum: Sehr zu empfehlen bei chronischen Mandelentzündungen mit starker Mandelanschwellung. Doch muß das Mittel Wochen und selbst Monate hindurch gebraucht werden. Darnach kann oft mit vorzüglichem Erfolge Sulfur jodatum verabfolgt werden. Man bedenke stets, daß bei chronischen Krankheiten auch eine chronische Behandlung erforderlich ist. –

Cantharis: Ein bei vielen hochgradigen Halsentzündungen mit sehr erschwertem Schlingen großer Trockenheit im Halse, Brennen und Stechen darin, großem Durste mit öfterem, aber wenigem Trinken, sehr zu empfehlendes Mittel. Bei Eiter- und Abszeßbildungen in den Drüsen im Wechsel mit Mercurius.

Cistus canadensis: Bei Halskrankheiten erethisch-skrofulöser Kinder, die an chronischen Mandelanschwellungen leiden; Trockenheitsgefühl im Halse und Schmerzen bei Einatmung von kalter Luft. Oft sehr wirksam.

Ignatia: In leichteren Fällen von Gaumen- und Mandelentzündung ohne Eiterbildung. Gefühl wie von einem Pflocke im Halse oder Stiche bis ins Ohr, besonders außer dem Schlingen, mit Brennen und Wundheitsschmerz beim Schlingen. Verengerungsgefühl beim Hinunterschlucken, besonders flüssiger Sachen.

Mezereum: Dieses Mittel bewährt sich vorzüglich bei jenen Halsentzündungen, die vorher mit Merkurialien behandelt worden sind. Brennen im Rachen und Schlunde wie von Pfeffer. Pflockgefühl im Halse; plötzliches Versagen der Stimme bei längerem Sprechen. Verschlimmerung bei kalter Luft.

Nux vomica: Bei Entzündungen geringeren Grades, besonders wenn gastrische Beschwerden zugegen. Bei Kratzen und Wundheitsschmerz im Halse, hauptsächlich beim Einziehen kalter Luft und beim Schlingen; Schmerzen, als wäre der Schlundkopf zu eng oder als stecke ein Pflock darin, Stiche im Ohr, besonders beim Schlucken, auch Geschwulstgefühl mit Drücken.

Sulfur: Sowohl bei akuter wie auch bei chronischer Halsentzündung. Nach Mercurius, wenn dieser nicht ausreicht, oder nach Hepar sulfuris, besonders wenn weder Zerteilung noch Eiterung eintreten will.

Der chronische Rachenkatarrh der Erwachsenen erscheint infolge vernachlässigter Katarrhe, besonders durch häufige Erkältungen, vieles Sprechen, Singen, Rauchen usw. Die Schleimhaut ist stark geschwollen, dunkel- oder bläulichrot und sondert ein zähes, schleimiges Sekret ab; mitunter werden auch die Mandeln vom Katarrh ergriffen, der sich nicht selten auch auf die Eustachische Röhre, den Kehlkopf und die Nasenschleimhaut verbreitet. Der chronische Rachenkatarrh ist häufig ein höchst lästiges und sehr schwer zu beseitigendes Überbleibsel vernachlässigter oder schlecht behandelter Infektionskrankheiten.

Bei der chronischen oder öfter wiederkehrenden Halsentzündung können wir als besonders wirksam empfehlen: Calcium carbonicum oder jodatum, Baryum, Carbo vegetabilis, Hepar sulfuris, Mercurius, Phytolacca, Sepia und Sulfur. – Bei chronischem Rachenkatarrh: Mercurius praecipitatus ruber, täglich morgens und abends 1 Gabe. Auch Mercurius corrosivus leistet oft gute Dienste. Bei harter und entzündlicher Geschwulst der Tonsillen: Mercurius bijodatus. – Hierbei muß jede Erkältung sorgfältig vermieden werden, desgleichen der Genuß kalter Speisen und Getränke und alles Sauren. Nachdem diese Medikamente 5 bis 6 Monate ununterbrochen verabreicht worden sind, kann man noch Mercurius oder Sulfur in höheren Potenzen geben, wodurch oft auch der letzte Rest des Leidens beseitigt wird.

Die chronische Verhärtung und Vergrößerung der Tonsillen läßt sich nur in sehr seltenen Fällen vollständig beseitigen. Wir empfehlen dagegen Baryum carbonicum, Baryum jodatum oder Calcium jodatum.

*

Bei der Speiseröhren-Entzündung (Ösophagitis) ist die Schleimhaut der Speiseröhre ergriffen. Sie charakterisiert sich durch einen ziemlich fest an einer bestimmten Stelle des Halses oder der Brust, selbst in der Herzgrube oder zwischen den Schultern, längs der Wirbelsäule zwischen ihr und dem Brustbeine sitzenden; durch Speiseverschlucken erhöhten Druck oder Schmerz. Ursachen des Leidens sind meistens Verletzungen durch verschluckte ätzende, scharfe oder heiße Dinge oder durch spitze Körper (Fischgräten u. dgl.); in diesem Falle ist Arnica am Platze und bei Verbrennungen Cantharis. – Sonst sind noch zu empfehlen: Arsenicum, Belladonna, Causticum und besonders auch Veratram viride bei sehr schwierigem Schlucken und entsetzlich brennenden Schmerzen in der Speiseröhre. – Bei Krampfzuständen der Speiseröhre: Zincum metallicum.

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