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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Gelbsucht. Ikterus

Die Gelbsucht oder die gelbe Färbung der Haut und des Harnes durch Gallenfarbstoff ist nur Symptom sehr verschiedener, meist Leberleiden und kommt entweder zustande durch Zurückhalten der Galle in der Leber und Gallenblase ( Leber- oder Stauungs-Ikterus, hepatogener Ikterus), oder erscheint bei Zersetzungsprozessen des Blutes, wenn sich der frei werdende Blutfarbstoff in Gallenfarbstoff (wie man dieses Pigment nennt) umwandelt ( Blut-Ikterus, haematogener Ikterus). Bei diesem Prozesse findet eine Mitwirkung der Leber nicht statt. Er wird beobachtet in pyämischen Zuständen, nach Schlangenbiß, nach Äther- und Chloroforminhalationen und verläuft in akutester Form unter typhusähnlichen Symptomen, indem er an die bedeutenderen Zersetzungskrankheiten des Blutes grenzt, bei denen sich (wie auch bei Typhus, Gelbfieber, Pest) häufig eine gelbe Hautfärbung findet. –

Der Leber- oder Stauungs-Ikterus entsteht entweder aus Krankheiten der Leber selbst oder der Gallenwege und bewirkt in allen Körperteilen eine stärkere oder schwächere Beimischung von Gallenfarbstoff, die sich durch eine mehr oder weniger intensivgelbe (auch wohl grünliche oder bräunliche) Färbung der Körperteile kundgibt.

Die sog. gelbsüchtigen oder ikterischen Erscheinungen sind: gelbe Färbung der Haut in verschiedenen Graden, das Weiße des Auges ist früher als alles andere gelb gefärbt; die Galle fehlt sehr oft im Inhalte des Darmkanales, die Stühle sind weiß oder grau, der Harn von brauner oder schwärzlicher Färbung; selten ist es, daß der Kranke alle Gegenstände gelb sieht, und daß auch andere Säfte des Körpers, z. B. der Speichel und Schweiß, gelb gefärbt sind. Die Verdauung ist fehlerhaft; die Kranken haben daher wenig Appetit, Aufstoßen, Aufblähungen des Unterleibes, die Zunge ist gelb belegt; es besteht Widerwille namentlich gegen Fleischspeisen und fette Sachen. Die Hautausdünstung ist fast immer unterdrückt, und abwechselnd mit Frostschauer tritt eine überlaufende Hitze hervor; die Haut juckt, ist gespannt, hart und empfindlich. Wird jetzt nicht durch passende Mittel der Krankheit entgegengewirkt, so stellt sich zuweilen ein schleichendes Fieber ein, unter dem der Kranke abzehrt und endlich stirbt.

Alles, was auf die Verrichtung der Leber störend einwirkt, kann eine Gelbsucht verursachen; vorzüglich aber sind es Stauungserscheinungen sowie vom Magen und Duodenum sich fortpflanzende Katarrhe, die sehr häufig die Krankheit veranlassen; so auch heftige Gemütsbewegungen, wie Ärger, Zorn, Schreck, Kummer; das Übermaß geistiger Getränke, unverdauliche, scharf gewürzte Speisen, plötzliche Erkältung nach Erhitzung. Ferner: Druck und Pressung der Leber, entweder von außen durch feste Schnürleiber, Bandagen usw., oder, von innen, in der Substanz der Leber selbst durch Geschwulst, Verhärtung in der Leber, Gallensteine, die den Gallenabfluß hemmen, Echinokokken usf.

Die Heilung dieser Krankheit ist schwierig; wenn die ursächliche Erkrankung nicht unheilbar ist, in 4 bis 6 Wochen; wenn diese aber schon lange besteht oder oft wiederkehrt und mit organischen Entartungen der Leber (gelbe Atrophie, Cirrhose usw.) oder kachektischen Zeichen in Verbindung steht, trotzt sie jedem Heilverfahren. Ein allmähliches Dunkelwerden der gelben Hautfarbe, das Erscheinen ungleichförmiger, grünlicher oder schwärzlicher Flecke in der Haut, wo die Krankheit alsdann Schwarzsucht genannt wird, oder das plötzliche Bleichwerden der Haut sind üble Zeichen. Von guter Bedeutung hingegen ist eine mehr blaßgelbe Farbe der Haut, nicht aufgetriebener Unterleib, gefärbter Stuhl.

Bei der homöopathischen Behandlung des Stauungs-Ikterus kommt alles darauf an, die Ursachen zu ermitteln, in deren Folge der Abfluß der Galle aus den Gallengängen gehemmt ist.

Der katarrhalische Ikterus, auch Ikterus gastroduodenalis genannt, beruht auf katarrhalischer Schwellung der Schleimhaut der Gallengänge; er ist die am häufigsten in der Praxis vorkommende Form des Leber- oder Stauungs-Ikterus. Ist dieser durch Erkältung veranlaßt worden und mit heftigen Fieberregungen, Durst, Schmerzen in der Lebergegend verbunden, dann verabfolgen wir Aconitum, in 1stündlicher oder seltenerer Wiederholung der Gabe, mit entschieden günstigem Erfolge. Gesellen sich zu diesen Erscheinungen Gehirnsymptome, Delirien, große Schmerzhaftigkeit der Magen- und Lebergegend, dann greifen wir zu Belladonna oder, wenn dieses Mittel nicht bald bessert, zu Atropinum sulfuricum. Bei weniger heftigen oder fehlenden Fiebererscheinungen, dumpfem Kopfweh, Geschwulst der Leber, Abgespanntheit des Körpers, vorhandenem oder auch fehlendem Darmkatarrh geben wir Mercurius solubilis, wonach gewöhnlich bald Besserung eintritt. Ist mit dem Ikterus gänzliche Appetitlosigkeit, Aufgetriebenheit und Empfindlichkeit der Magengegend verbunden, findet heftiges Aufstoßen und hartnäckige Stuhlverstopfung statt, dann ist Nux vomica das passendste Mittel, besonders bei heftigen, leicht reizbaren Personen, Stubensitzern oder Liebhabern geistiger Getränke. Sind die Erscheinungen sehr hartnäckig, dann nützt oft Sulfur. – Gegen das lästige, oft ganz unerträgliche Hautjucken empfehlen wir Einreibungen mit Glycerin oder Kokosnußfett, und wenn dieses nicht genügt, dann verabfolgen wir 2- bis 3mal des Tages 1 Gabe Sulfur oder Chelidonium, was sich mitunter noch besser bewährt hat.

Ist der Ikterus mit vorwiegend gastrischen Symptomen vergesellschaftet, dann empfehlen wir außer Nux vomica noch Bryonia, Pulsatilla, Ipecacuanha, Arsenicum oder Veratrum. Wegen der näheren Anzeichen für die Wahl dieser Mittel verweisen wir auf das bei gastrischem Fieber Gesagte.

Entstand der Ikterus infolge heftiger Gemütsbewegungen, besonders durch Ärger, dann ist Chamomilla oder Nux vomica am Platze. Waren Kummer und Gram die Ursache: Ignatia.

Der Ikterus im Verlaufe von Leberkrankheiten, z. B. Leberhyperämie, Cirrhose der Leber, akute, gelbe Leberatrophie usw., erfordert die in den betreffenden Kapiteln angegebenen Arzneimittel.

Bei Ikterus infolge von Verschließung der Gallenwege durch Gallensteine verweisen wir auf das Kapitel »Gallensteinkolik«.

Die ikterischen Erscheinungen bei Schwangeren treten ein in den letzten Monaten der Schwangerschaft infolge des Druckes, den der schwangere Uterus auf die Gallengänge ausübt, wodurch der Abfluß der Galle verhindert wird.

Wegen des Ikterus der Neugeborenen verweisen wir auf den betreffenden Abschnitt bei »Kinderkrankheiten«.

Der Blut-Ikterus, der nicht selten den Typhus, das Puerperalfieber, die Pyämie usw. kompliziert, ist immer eine bedenkliche, einen höheren Grad der Bluterkrankung anzeigende Erscheinung. Hierbei ist die Behandlung der Grundkrankheit Hauptsache. Verläuft diese günstig, dann schwinden die ikterischen Erscheinungen von selbst.

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