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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Geistes- und Gemütskrankheiten. Psychopathiae

Als solche bezeichnet man jene krankhaften Seelenstörungen, in denen die Funktionen des Denkens und Wollens entweder gänzlich oder partiell, zeitweise oder konstant behindert oder gänzlich aufgehoben sind. Zwar können heftige Leidenschaften und Affekte die Festigkeit des Willens schwächen, die Klarheit des Verstandes umdüstern und die Aufmerksamkeit auf sich und die Umgebung ablenken, doch können wir im ärztlichen Sinne diese vorübergehenden Momente nicht als Geisteskrankheit bezeichnen; ebensowenig die vorübergehenden Beschränkungen der geistigen Tätigkeit im kranken Zustande des Menschen, da hier die Geistesstörungen nur Symptome des Hauptleidens sind, z. B. die irrigen Geistesvorstellungen in nervösen Fiebern und bei Gehirnentzündungen, die Delirien bei Alkohol- und anderen Vergiftungen, die Wutausbrüche in der Wasserscheu, die tobsüchtige Erregtheit bei manchen epileptischen Anfällen usw. Auch sind die Hypochondrie und Hysterie, obgleich wirkliche Gemütsverstimmungen, nicht hierher zu rechnen. So befinden sich auch Lungenkranke in einer steten Selbsttäuschung und Hoffnungsfülle, an Unterleibskrankheiten Leidende in Furcht und ängstlicher Stimmung. – Wir verstehen hier jedoch unter Geisteskrankheiten bleibende oder stetig wiederkehrende psychische Funktionsstörungen, wenngleich sie auch mehr oder weniger von materiellen Veränderungen im Körper oder von Nervenverstimmungen abhängen. Die krankhaften Vorstellungen und Ideengänge beschränken sich entweder nur auf gewisse Kreise oder sind zahlreich und wechselnd. Oft mischen sich wirkliche Sinnestäuschungen (Halluzinationen) mit ein: der Kranke hat nicht nur Ohrensausen, er hört sogar Läuten, Singen, vernimmt Stimmen; er fühlt nicht nur eine Lähmung oder Abgestorbenheit in einzelnen Körperteilen, sondern glaubt sogar hölzerne Beine zu haben, will Stecknadeln aus seinen Fingern schütteln, ist oft sehr aufgeregt und (in manchen Fällen) tobsüchtig. Die Gesichtszüge sind verzerrt, das Auge ist stier oder gläsern, unstät, zeigt Mißtrauen oder ist feurig und erregt.

Die Krankheit hat einen unbestimmten Verlauf und beginnt gewöhnlich mit erhöhter Empfindlichkeit des Gemüts, Ärgerlichkeit, Mißtrauen, Launenhaftigkeit, wechselnder Stimmung vom Weinen zum Lachen usf. Dann gehen die Eindrücke gewöhnlich in Handlungen über, die man leicht für etwas anderes, z. B. für Launenhaftigkeit, Hypochondrie, anzusehen geneigt ist; die Kranken sprechen für sich, sind hastig in ihren Handlungen, schimpfen, schreien, suchen Händel u. dgl.; zuletzt verwirren sich die Vorstellungen, und die Krankheit tritt unverkennbar hervor.

Endlich ist noch eine durch die Erfahrung bekannte Form krankhafter Seelenstörung zu besprechen, die Monomanie oder sog. partielle Manie. Sie charakterisiert sich durch krankhafte Abweichung des Seelenlebens in einer einzelnen, bestimmten Richtung, wobei die Seelenverrichtungen in ihrem übrigen Umfange und Inhalte mehr oder weniger normal erscheinen. Solche Monomanien äußern sich, je nach den drei verschiedenen Hauptrichtungen des Seelenlebens, als Monomanien des Verstandes (fixe Ideen), des Willens (instinktive Monomanie, z. B. Stehlsucht, Mordsucht), oder endlich der Gefühle (engl.: Moral insanity). Die fixen Ideen sind entweder Überreste eines allgemeinen Wahnsinnes oder sie bilden sich ursprünglich aus krankhaften körperlichen Empfindungen, z. B. die Idee, daß ein Teil des Körpers von Glas sei, daß sich irgendein Tier o. dgl. im Körper befinde. Bei der instinktiven Monomanie ist der Wille das blinde Werkzeug eines übermächtigen Triebes, den der Kranke selbst verabscheut, aber nicht zu überwinden vermag (Obsession). Endlich die Monomanie der Gefühle, wobei diese in krankhafter Stimmung zu abnormen Willensbestimmungen werden. Eine krankhafte Verstimmung der Gefühle kann aber nur da angenommen werden, wo ganz neue Gefühle unmotiviert auftauchen oder herrschende plötzlich in ihr Gegenteil umschlagen, oder gewisse Gefühlsveränderungen periodisch sich bemerkbar machen. – Höchst merkwürdig ist ferner noch eine Manie, die Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer, verworfene und noch schuldlose Individuen in gewissen Zeiten und Gegenden gleich einem heißen Fieber, wie durch eine Luftströmung über die Grenze geführt, überfällt. So erzählt der um die Bekämpfung des Hexenwesens hochverdiente Johann Wier in seinem berühmten Werke » De praestigiis Daemonum« von der Besessenheit vieler Nonnen im Kloster Werteln (1550). Diese ahmten Tierstimmen nach, fluchten, machten abscheuliche Grimassen und Körperverrenkungen, wurden mehrere Ellen hoch über den Fußboden erhoben usw. Ähnliche, sog. » epidemische Obsessionen« trugen sich zu 1552 im Brigittenkloster Kentorp, in der Grafschaft Mark, bei den Waisenkindern zu Horn, 1670, ferner in Paderborn, in Mora in Schweden, in Calw usf. Es sei hier auch an die bekannten Fälle von Massensuggestion erinnert.

Einbildungen und fixe Vorstellungen, mögen sie von freudigen oder traurigen (melancholischen) Affekten erzeugt worden sein, sind an und für sich weder selbst Wahnsinn oder Verrücktheit, noch Beweis der Nichtzurechnungsfähigkeit einer damit in Verbindung stehenden Handlung. Ein Wahn geht erst dann in wahre, die Zurechnung aufhebende Geisteskrankheit über, wenn er von der Art oder zu solchem Grade gesteigert ist, daß dadurch in der Person, entweder überhaupt oder in besonderen Beziehungen, die natürliche Fähigkeit des Verstandes aufgehoben wird, die Beschaffenheit der Handlungen zu erkennen und dieser Erkenntnis gemäß den Willen zu bestimmen. Unter dieser Voraussetzung erst ist der geistige Zusammenhang zwischen der äußeren Tat und dem Willen des Menschen gelöst.

Jene polnische (oder schlesische) Fürstin des Mittelalters, von der die Sage erzählt, daß sie in der Meinung, Jungfrauenblut sei das untrügliche Mittel ewiger Jugend und Schönheit, in ihrem Schlosse Mädchen schlachten ließ, um sich in ihrem Blute zu baden, war ein sittliches Ungeheuer, aber keine Wahnsinnige. – (Siehe Feuerbachs aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen. 3. Aufl. von Mittermaier, Frankfurt a. M. 1849, S. 411.)

Die Heilung der Geisteskrankheiten ist nicht selten großen Schwierigkeiten unterworfen. Sind Funktionsstörungen und sonstige Krankheiten des Organismus als Ursache zu vermuten, so müssen zunächst diese erforscht und beseitigt werden. Mitunter sind unterdrückte Hautausschläge, Menstruations-Anomalien, Krankheiten der Geschlechtsteile oder Unterdrückung des Geschlechtstriebes Ursachen der Krankheit. Doch gibt es auch Fälle, wo das psychische Leiden ganz isoliert dasteht, wo nichts Anomales in den Organen und körperlichen Verrichtungen vorliegt. Diesen mit dem »pathologischen Wahnsinn« nicht zu verwechselnden Zustand nennen wir Obsession oder »Besessenheit«. Erst in der neuesten Zeit ist dieses sehr häufig vorkommende Leiden einer wissenschaftlichen Untersuchung gewürdigt worden, obgleich Sache und Namen zu allen Zeiten vorhanden gewesen sind. Oft nimmt das Leiden den äußerlichen Schein des Wahnsinnes an, tritt auch in Anfällen zu gewissen Stunden und Zeiten auf, in Wutanfällen (Berserkerwut) usw. Hierher gehört auch die unter dem Namen Mania transitoria bekannte vorübergehende Tobsucht, der ein fester Schlaf, wie nach epileptischen Anfällen, zu folgen pflegt. Die Personen erwachen daraus mit normalem Bewußtsein, ohne sich ihrer im Anfall vollbrachten Handlungen entsinnen zu können. Verschiedene interessante Kriminalprozesse, die diese schwierige Materie betreffen, findet man im »Neuen Pitaval«, neue Serie, 22. Band, 1888. Unsere Generation ist freilich im allgemeinen noch nicht reif für die wissenschaftliche Behandlung dieser und ähnlicher Erscheinungen, wie solche die Professoren Friedr. Zöllner, Fechner, Perty, Fichte, Ulrici, Crookes, Wallace, der Rechtsgelehrte Ewald W. Cox und viele andere ausgezeichnete Männer untersucht und beschrieben haben. Sie will davon nichts wissen, und so kann es nicht anders kommen, als daß ihnen gegenüber Einsicht und Verstand in die Brüche gehen. Die Psychiatrie, die überhaupt noch in den Windeln steckt, ist oft unvermögend, das Übel zu heilen, weil sie von der wahren Ursache nicht die leiseste Ahnung hat. Jede Medikation und sonstige Einwirkung auf den Kranken ist vergeblich. Die Einwirkung muß vielmehr auf die den Zustand bewirkenden, unsichtbaren Intelligenzen gerichtet sein. »Wenn wir einmal«, sagt Dr.  Carl du Prel, »im Besitz einer autopsychischen Heilmethode sein werden – die neuesten Entdeckungen auf dem Gebiete des Hypnotismus lassen diese Hoffnung gerechtfertigt erscheinen –, so wird damit eine Annäherung an den transzendentalen Zustand erworben sein.« Höchst beachtenswert ist die hypnotische oder mesmerische Behandlung in Fällen von Irrsinn. Sie wurde zu allen Zeiten in derartigen Fällen mit Erfolg angewendet. So wurde u. a. in der englischen Zeitschrift »The Zoist« vom Januar 1850 mitgeteilt, daß Dr.  Kean in der unter seiner Leitung stehenden Irrenanstalt zu Berhampore in Indien 74 Patienten hatte, die er sämtlich mesmerisierte. Die Kranken hörten sehr bald zu wüten und toben auf und schliefen ruhiger. Das schließliche Resultat aber war, daß von den 74 mesmerisierten Irrsinnigen 64 als geheilt entlassen werden konnten, und zwar einige schon nach wenigen Wochen. In neuester Zeit haben ähnliche staunenswerte Heilerfolge französische, englische und amerikanische Ärzte durch das mesmerische Heilverfahren bei Irrsinnigen erzielt. In bezug hierauf sagt Wilh. Daniel mit Recht: »Es kann wohl als ein höchst beklagenswerter Umstand bezeichnet werden, daß die deutschen Professoren und Ärzte in vornehmer Untätigkeit hinter ihren schnell von Erfolg zu Erfolg und zu immer neuen, glänzenderen Entdeckungen geführten Kollegen in England und Frankreich jetzt noch soweit zurückbleiben.«

Übrigens ist bei den Geisteskranken der Geist an sich nicht erkrankt, sondern nur in seiner Verbindung mit dem Körper und soweit diese Verbindung reicht. Nicht selten entwickeln sich bei Geisteskranken Fähigkeiten und Talente, die sie früher nie besessen haben. Prof.  Fechner führt (in »Zend-Avesta« III, p. 181) mehrere Ärzte an, die dieses Phänomen beobachtet haben. Und so ist es allerdings wahr, was schon Haller gesagt hat, daß wir Aufschlüsse über die Natur unserer Seele bekommen müßten, wenn wir die Irrsinnigen studieren würden.

Endlich wollen wir noch darauf aufmerksam machen, daß nicht selten in Familien Geisteskrankheiten erblich sind, was jeder, der zu heiraten gedenkt, wohl berücksichtigen mag, um sich und seine Nachkommen nicht in ein Unglück zu stürzen, das oft für ein ganzes Menschenleben nachhaltig ist. Ebenso sind auch Heiraten unter nahen Blutsverwandten eine Quelle von Krankheiten und von Geisteskrankheiten insbesondere. Denn während die Erblichkeit der Krankheiten von Geschlecht zu Geschlecht abnimmt, sind die Wirkungen der Heiraten zwischen Verwandten anfangs oft unmerklich, werden aber nach einer zweiten, dritten usw. Verbindung in ein und derselben Familie zahlreicher und schleuniger. Eine ausführliche Gliederung der Geisteskrankheiten kann im Rahmen dieses Buches nicht erfolgen; es sei auf die Spezialwerke hingewiesen.

Hinsichtlich ihrer Symptome verdienen bei gewissen krankhaften Geistes- und Gemütszuständen nachstehende Mittel besondere Berücksichtigung; doch gebe man diese niemals in niederen, sondern in gut zubereiteten höheren Potenzen und lasse das einmal gewählte Mittel einige Zeit nachwirken, da durch ein rasches Wechseln und Wiederholen der Arzneien bei diesen Krankheiten selten eine Heilung erzielt wird.

Arsenicum: Außerordentliche Schwermut, mit Anfällen von großer Seelenangst, Bangigkeit und Unruhe, Furcht vor dem Tode oder Lebensüberdruß und große, bis zum Selbstmord sich steigernde Verzweiflung. Gleichgültigkeit, Zerstreutheit, Unlust zu jeder Arbeit. Die Patienten sehen gewöhnlich blaß, hohläugig und erdfahl aus, leiden an Nervenbeben oder an anfallsweise eintretenden Schüttelfrösten.

Aurum: Tief melancholische Gemütsstimmung, Seelenangst und Verzweiflungsanfälle mit Sehnsucht nach dem Tode und Trieb zum Selbstmord (ähnlich wie Arsenicum) oder ärgerliche und sehr reizbare Laune. Große Unruhe und Hast bei der Arbeit, ohne Ausdauer. Unregelmäßige Herzkontraktionen; schreckhafte Träume.

Belladonna: Geistesstörungen, die von Kongestivzuständen des Gehirns abhängen. (Ähnlich Cimicifuga, besonders bei Frauen, und wenn große zittrige Schwäche vorhanden.) Wahnideen und Sinnestäuschungen, mit Wutanfällen und Tobsucht abwechselnd. Erschreckende Visionen und Furchtsamkeit mit Entfliehenwollen oder Sichverkriechen. Überempfindlichkeit der Gehör- und Geruchsnerven. Anfälle, die anfangs den Charakter hoher Erregung zeigen, später in den Zustand von Schwäche und Lähmung übergehen. Verschlimmerung in den Nachmittags- und Abendstunden. In ähnlichen Anfällen, besonders mit gastrischen Symptomen: Gelsemium.

Calcium carbonicum: Geisteskrankheiten, die von Funktionsstörungen des Gehirnes oder von Ernährungsanomalien des Körpers abhängen, mit dem Gepräge der Stupidität oder Energielosigkeit. In sich gekehrtes, stilles Wesen; gedrückte, ärgerliche, melancholische Stimmung und Wortkargheit. – Unruhiger Schlaf mit ängstlichen Träumen und lautem Aufschreien. Gleichgültigkeit und Gedächtnisschwäche, leichtes Versprechen. Blutandrang nach dem Kopfe und Kältegefühl auf dem Oberkopfe. Schreckhafte Visionen und Ruhelosigkeit, besonders abends und in der Dämmerung. – Paßt besonders für junge, skrofulöse Personen mit blassem Gesichte und schlaffem, welkem Muskelfleische. (Bei alten Leuten würde unter ähnlichen Symptomen Baryum carbonicum angezeigt sein.)

Hyoscyamus: Geistesstörungen mit dem Gepräge der Albernheit und Verrücktheit oder erotisch-ekstatische Zustände, wahnsinnige Eifersucht. – Große Schläfrigkeit und betäubungsartiger Schlaf, mit Zähneknirschen oder Zuckungen in den Gesichtsmuskeln und plötzlichem Auffahren. Hat viel Ähnlichkeit mit Belladonna oder Stramonium.

Nux vomica: Geistes- und Gemütskrankheiten, die von Störungen in den Unterleibsorganen abhängen, mit dem Charakter der Niedergeschlagenheit oder Verdrießlichkeit, Ärgerlichkeit und erhöhter Reizbarkeit. (Siehe Hypochondrie.)

Opium: Dieses Mittel eignet sich besonders bei plötzlich auftretenden Delirien, mit Andrang des Blutes nach dem Kopfe, gerötetem Gesichte und Pulsieren der Kopfschlagadern. Nächtliche Ruhelosigkeit oder schlummersüchtige Zustände mit Aufschrecken und konvulsivischen Bewegungen der Gesichtsmuskeln.

Platinum: Große Exaltiertheit, Unzufriedenheit und leichte Ärgerlichkeit mit Selbstüberhebung und Geringschätzung anderer. Ausgelassene Fröhlichkeit auch bei dazu ungeeigneten Vorkommnissen; Lachen, Pfeifen, Singen und Springen, Hang zum Weinen; Lebensüberdruß, jedoch mit großer Furcht vor dem Tode. Deutlich wahrnehmbare hysterische Anfälle und Äußerungen.

Pulsatilla: Geistesstörungen mit dem Gepräge der Apathie, besonders bei jungen, schwächlichen, nervösen, lebhaften oder leicht zum Weinen geneigten Frauen. Wahnsinn mit gänzlicher Teilnahmlosigkeit oder großer Schwermut, Beten, Weinen, Händeringen und erschreckenden Visionen. (Ähnlich Graphites oder Sepia.)

Silicea: Ähnlich dem Mittel Calcium carbonicum. Bei Gedächtnisschwäche, übler, zänkischer Laune oder Verzagtheit, Gewissensangst mit Klagen und Weinen; Unzufriedenheit und Lebensüberdruß. Große Schwäche, Gliederzittern, Blutandrang nach dem Kopfe mit Hitzegefühl. Fixe Ideen: sucht die Stecknadeln und Messer im Hause zusammen, überwacht sie und fürchtet, daß sich andere damit beschädigen können, u. dgl. Verschlimmerung vieler Symptome zur Zeit des Neumondes.

Stramonium: Wahnsinn mit schnellem Wechsel der Vorstellungen und Gemütsäußerungen. Baldiger Wechsel vom Weinen zum Lachen, von der Freude zur Mutlosigkeit und Ängstlichkeit. Große Exaltiertheit, Schwatzhaftigkeit, Zanksucht; Wut mit Zähneknirschen und Raserei. Furcht und Sucht zu entfliehen. Unzüchtige Reden und Geberden. Fixe Ideen: glaubt, der Leib sei zerbrochen, u. dgl. Verschlimmerung in der Einsamkeit und im Dunkeln.

Sulfur: Wahnideen und Verrücktheit, mit Erregungszuständen der Hirntätigkeit, oder Vergeßlichkeit und Stumpfsinn. Bei unerquicklichem Schlafe mit leichtem Aufschrecken und Tagesschläfrigkeit. – Energielosigkeit und Niedergeschlagenheit (besonders beim Erwachen) oder heftiges, gereiztes und ärgerliches Wesen.

Paßt besonders für skrofulöse Personen und solche, bei denen Hautausschläge, Flechten u. dgl. unterdrückt wurden, und wo Funktionsstörungen einzelner Organe stattfinden. In vorerwähnten Fällen haben wir mit diesem Mittel ganz vortreffliche Heilresultate erzielt, nur muß es in zuverlässig bereiteten Potenzen verabfolgt und ihm eine längere Zeit zur Nachwirkung gestattet werden. Oft gaben wir mit vorzüglichem Erfolge Sulfur mit einer anderen, sonst noch passenden Arznei im Wechsel; z. B. paßt nach Sulfur oft Calcium carbonicum.

Veratrum: Große Gewissensangst und Trostlosigkeit über eingebildetes Unglück; niedergeschlagenes, wehmütiges Gefühl; außerordentliche Schweigsamkeit; ärgerliche Stimmung bei jeder Gelegenheit. Wahnsinn religiöser oder verliebter Art, mit unzüchtigen Reden und Handlungen. Gewalttätige Stimmung mit Neigung, alles zu zerreißen, auch die eigene Kleidung; der Kranke flucht und heult die ganze Nacht.

Zincum metallicum: Wahnvorstellungen mit Angst; glaubt Böses getan zu haben und vor Gericht gezogen oder vom Teufel verfolgt zu werden. Kopfschwindel zum Umfallen, Denk- und Gedächtnisschwäche. Große Mattigkeit, Appetitlosigkeit, träger Stuhlgang. Unüberwindliche Schläfrigkeit oder unerquicklicher Schlaf. Dumpfdrückender Stirn- und Scheitelschmerz. Bei den häufig vorkommenden, mit chronischer Meningitis vergesellschafteten Geisteskrankheiten.

Bei religiösem Wahnsinne, andächtigen Geberden, Niederknien, Beten usw. Hyoscyamus, Pulsatilla, Stramonium, Sulfur, Veratrum.

Bei verliebtem Wahnsinne mit unzüchtigen Reden oder Handlungen: Hyoscyamus, Platinum, Pulsatilla, Stramonium, Veratrum.

Bei fixen Ideen und Einbildungen: Belladonna, Sabadilla, Stramonium, Sulfur, Veratrum.

Bei angstvollen Verstandesverwirrungen mit Furcht, schreckhaften Gedanken und Visionen: Belladonna, Hyoscyamus, Opium, Stramonium. – Bei Furcht vor Vergiftung: Hyoscyamus, Rhus Toxicodendron; Furcht, gebraten zu werden: Stramonium; verkauft zu werden: Hyoscyamus.

Bei Wut und Tobsucht, Wahnsinn furibunder Art, mit Beißen, Schlagen und Zerreißen der Dinge: Belladonna, Hyoscyamus, Stramonium, Veratrum.

Ist die Geistesstörung Folge von deprimierenden Affekten, z. B. Kummer, Demütigung, Kränkung, Ärger und Zorn, dann eignen sich besonders: Acidum phosphoricum, Ignatia, Staphisagria. – Ignatia (nach Gram), Opium (nach Schreck), Staphisagria (nach langem Kummer). –

Die Behandlung der Geisteskranken erfordert große Sorgfalt und Vorsicht; man zeige den Kranken aber dabei kein Mißtrauen und mache sie nicht argwöhnisch. Man entferne alles, was ihnen oder anderen Schaden zufügen kann, besonders scharfe oder schädliche Instrumente u. dgl., suche sie soviel wie möglich zu zerstreuen und tue ihnen nach Kräften alles zuliebe; auch vermeide man, wenn irgend möglich, das Anlegen einer Zwangsjacke. Man überwache aber stets die Kranken, entferne, was ihnen unangenehm sein könnte, ärgere sie nicht, widerspreche ihnen auch nicht und sei selbst auf seiner Hut, da die Kranken oft eine außerordentliche, nie geahnte Schlauheit und Verschmitztheit bei ihren Handlungen entwickeln. Bei tobsüchtigen Ausbrüchen trete man ihnen mit ernster Ruhe entgegen und zeige ihnen Konsequenz und Bestimmtheit. Sturzbäder und ähnliche Torturmittel dürfen nie geduldet werden.

Bei Melancholie suche man den Kranken durch freundliche Zusprache (keineswegs aber durch zudringliche Lustigmacherei) für Hoffnung und Freude wieder empfänglich werden zu lassen. Nützliche Beschäftigung und Zerstreuung, besonders auf dem Lande, praktische Lebensaufgaben, ein fruchtbringendes Handeln, die Nötigung, aus sich herauszugehen, sind die natürlichen Heilmittel solcher krankhaften Empfindlichkeit des Gemütes.

Der Blödsinn (Stupiditas) ist oft angeborener Idiotismus. Der Kranke zeigt einen bedeutungslosen Gesichtsausdruck, kindischen Blick, dummlächelnden Ausdruck, Arbeitsscheu, zuweilen kränkliche Reizbarkeit und Bosheit; auch wohl viel Gefräßigkeit und Geilheit oder Menschenscheu. Den schwersten Grad des Blödsinnes erzeugt die Hirnatrophie, namentlich die angeborene, der Kretinismus, dessen höchste Grade die tiefste Ausartung und Verkrüppelung des menschlichen Organismus in körperlicher wie in geistiger Hinsicht darstellen. Da die Krankheit größtenteils auf mangelhafter Ausbildung des Gehirns, sowie auf krankhafter, meist angeborener Entartung der Hirnsubstanz beruht, so kann in diesen Fällen an eine Herstellung der Idioten oder Kretinen nicht zu denken sein. Die moderne Therapie sucht durch Organpräparate auf die innere Sekretion einzuwirken und hat einige Erfolge beim Kretinismus zu verbuchen.

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