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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Von der Diät

Einen so schönen Bund hat die Diät noch nie mit der Pathologie geschlossen, wie in der Homöopathie. Der Grundsatz: »Heile nach Symptomenähnlichkeit!« läßt von keiner Seite eine Einmischung fremder Reize zu, die möglicherweise die Arzneiwirkung stören könnten. Bei einer Krankendiät kann der Zweck nur einfache Ernährung sein, ohne andere Erregung, als die gerade zur Digestion und Assimilation des Stoffes und zum Ersatz des Abgangs gehört. Bei den akuten Krankheiten zeigt meist schon die Natur den richtigen Weg, weniger aber bei chronischen Krankheiten. – Soll die Arznei ungestört wirken, so muß die ganze Lage des Kranken derartig sein, daß er vor allen sowohl den Körper als auch das Gemüt schädigenden Einflüssen bewahrt bleibt.

Bei allen fieberhaften Krankheiten redet der Instinkt des Kranken deutlich genug; es besteht völliger Appetitmangel, ja sogar Ekel vor Speisen, denn in dem trockenen Munde des Fieberkranken wird kein Speichel, in seinem Magen kein Magensaft abgesondert. Darum werden die Speisen erbrochen oder wirken wie ein fremder Körper im Verdauungskanale. Nichts ist daher schädlicher, als solchen Kranken »eiweißreiche, stärkende« Kost zuzuführen. Die Speisen werden zum Teil gar nicht assimiliert; darnach verschlimmert sich stets der Zustand des Kranken. Es genügt meist, nur den Durst zu stillen. Schon Hippokrates sagt klar und deutlich: »Man muß sich notwendig der magersten Diät bedienen, sobald die Krankheit ihre größte Stärke erreicht.« Die Kranken verlangen nur einfache kühlende Getränke. Wo die Natur so laut spricht, sollte man ihre Stimme nicht überhören; denn » kein Maß, keine Wage, keine Berechnung kann für die Erkenntnis dessen, was dem Körper not tut, das Gefühl des Körpers selbst ersetzen«.

Bei den fieberlosen, chronischen Krankheiten richtet eine zu kräftige Diät ebenfalls großes Unheil an. Die Kraft, derer der Organismus bedarf, um die Krankheit zu überwinden, erlischt bald, wenn sie dazu verwendet wird, übermäßige Nahrungsmengen zu verarbeiten. So erlischt die schwache Flamme einer Öllampe, wenn man den Docht mit Öl überflutet. Übrigens sagt einem schon die gesunde Vernunft, daß die beliebte »nahrhafte« Kost wohl einem arbeitenden Drescher zuträglich sein mag, aber nicht einem ruhenden Kranken. – Die nachfolgenden Diätvorschriften verdienen besonders bei einer homöopathischen Kur die größte Beachtung.

Vor allem zu vermeiden sind jene Genüsse, die eine nervenaufregende Wirkung äußern oder Kongestivzustände erzeugen. Besonders starker Bohnenkaffee und Tee, hauptsächlich bei Leuten, die nicht an diese Getränke gewöhnt sind Personen, die sich seit Jahren an den Genuß des Bohnenkaffees und des chinesischen Tees gewöhnt haben und diese Getränke nicht mehr entbehren zu können glauben, sind diese, freilich nur in mäßigen Portionen, auch bei einer homöopathischen Kur zu gestatten.. Ferner starke Biere und alkoholische Getränke. Reiner und nicht zu saurer Wein ist in vielen Fällen ein gutes diätetisches Mittel, dessen mäßiger Gebrauch älteren Personen zuträglich ist. Stark gewürzte Speisen sind stets schädlich, wie auch alle zu fetten und stark gesalzenen Nahrungsmittel. Man esse nie heiß und nehme sich die gehörige Zeit zum Kauen.

Gut bereitetes (Weiß-) Bier ist zuweilen erlaubt und kann auch, selbst in Fieberzuständen, als antiphlogistisches Getränk gereicht werden; es enthält eine geringe Menge von Alkohol und Hopfen und viel vegetabilischen Schleim, Kohlensäure mit Wasser. Das Bier ist der venösen Konstitution zuwider, sagt dagegen der arteriellen mehr zu. Mit dem Weine verhält es sich gerade umgekehrt. Geistesstörungen sind nicht selten die Folge eines häufig wiederholten Genusses kleiner Mengen von Branntwein.

Die verbotenen Genüsse müssen nicht nur während der ganzen Dauer der Kur vermieden werden, sondern auch noch eine Zeitlang danach, damit kein Rückfall erfolgt und die höchst wohltätige Nachwirkung der homöopathischen Mittel nicht gestört wird.

Erlaubt sind alle gewöhnlichen Nahrungsmittel, vorzugsweise alle Mehl-, Milch-, Eier- und Obstspeisen (Besinge, auch Blau- oder Heidelbeeren genannt, wirken nur im getrockneten Zustande stopfend). Frische Butter, frische Buttermilch, dicke Milch, frischer, nicht alter Käse.

Gemüse und Hülsenfrüchte: Kartoffeln, Rüben (gelbe Möhren), Kohlrabi, Kohl (auch Sauerkraut), Spinat, Erbsen, Bohnen, Linsen, Grütze, Hafergrütze, Haferflocken, Hafermehl, Reis, Graupen usw.

Wer an Unterleibsbeschwerden leidet, muß sich vor Kohlarten hüten. Überhaupt muß jeder, was ihm nicht bekommt, meiden.

Während der Mahlzeit kaltes Wasser trinken, ist schädlich, weil es den Magen zu sehr abkühlt und dadurch die Verdauung vermindert oder unmöglich macht. Der Magen bedarf zur Verdauung einer Wärme von 37° C, unter einem geringeren Wärmegrad verdaut er nichts, besonders werden so die fetten Stoffe unlöslich gemacht. Auch verdünnt das Wasser den Magensaft zu sehr und macht ihn unwirksam für die Speisen. Wer das Bedürfnis hat, zur Mahlzeit zu trinken, tue dies ½ Stunde vorher. 1 Stunde nach der Mahlzeit darf ebenfalls getrunken werden, weil dann die Verdauung schon so weit vorgeschritten ist, daß eine Störung nicht zu befürchten ist, wenn nicht zu kalt und zu viel getrunken wird. Dasselbe gilt auch vom Bier.

Über Fleisch- und Pflanzenkost sei hier im allgemeinen gesagt, daß vielfältige Beobachtungen gelehrt haben, daß die letztere für den menschlichen Körper die zuträglichste ist. In England und Nordamerika hat sich seit Jahren eine Partei, die auch viele Ärzte zählt, gebildet, die vegetabilische Nahrung als die gesundeste und in jeder Hinsicht als die zuträglichste erkennt. Das System, dem sie huldigt, nennt man »Vegetarismus« und dessen Anhänger, die bereits in allen Klassen der Gesellschaft zahlreich zu finden sind, »Vegetarier«.

Die Pflanzenkost ist besonders allen denen zu empfehlen, die an Verdauungsschwäche, Reizbarkeit der Nerven, Hautausschlägen und Gicht leiden, und denen, deren Blut Neigung zur Fäulnis besitzt und die an Skorbut, Lungeneiterung, Blutflüssen, Krebsgeschwüren usf. leiden. Wo eine schwelgerische und naturwidrige Lebensweise fortbesteht, machen Arzneien nicht gut, was jene verschuldet hat.

Das summarische Ergebnis der Forschungen amerikanischer Ärzte über das vegetarische System stimmt übrigens vollkommen mit dem Urteil über Fleisch- und Pflanzenkost überein, das einer unserer renommiertesten deutschen Ärzte, der verstorbene Hufeland, in seinem Buche »Makrobiotik« zu einer Zeit schon niedergelegt hat, wo jene Untersuchungen noch nicht stattgefunden haben. Es lautet:

»Man halte sich bei der Wahl der Speisen hauptsächlich an die Vegetabilien; Fleischspeisen haben immer mehr Neigung zu Fäulnis, die Vegetabilien hingegen zur Verbesserung der Fäulnis, die unser beständiger nächster Feind ist. Ferner haben animalische Speisen immer mehr Reizendes und Erhitzendes, hingegen Vegetabilien geben ein kühles, mildes Blut, vermindern die inneren Bewegungen, die Leibes- und Seelenreizbarkeit und retardieren also wirklich die Lebenskonsumtion. Am meisten vermeide man Fleisch im Sommer und wenn Faulfieber herrschen. Auch finden wir, daß nicht die Fleischesser, sondern die, welche von Vegetabilien (Gemüse, Obst, Körnern) und Milch leben, das höchste Alter erreichen

Die Vertreter der neuen Ernährungsreform treten besonders warm für die Rohkost ein. Auf dem im Jahre 1928 abgehaltenen Stoffwechselkongreß wurde festgestellt, daß zwar der Vitamingehalt und Mineralsalzgehalt gerade roher Früchte besonders hoch sei, man aber aus anderen Gründen das Rohessen nicht verallgemeinern dürfe. Das Richtige ist wieder die goldene Mitte: eine vernünftige gemischte Kost unter Bevorzugung von frischem Obst und Gemüse. Nebenbei wirkt die Zufuhr von Vitaminen durch geschabte rohe Möhren mit Zitronen- oder Apfelsinensaft gleichfalls vorteilhaft auf den Organismus ein. Wer sich für die moderne Ernährung besonders interessiert, sei auf das Buch von Ragnar Berg und Dr. Martin Vogel »Die Grundlagen einer richtigen Ernährung« hingewiesen (Verlag f. Volkswohlfahrt, Dresden, Zirkusstr. 38/40).

Der Grundstein eines langen und glücklichen Lebens ist Mäßigkeit und Selbstbeherrschung. Wer diese Tugenden besitzt, bewahrt seine Freiheit und Unabhängigkeit und steht ruhig den Wechselfällen des Lebens gegenüber. Die meisten Menschen aber verbringen ihr Leben, wie schon Seneca sehr treffend bemerkt, mit einem bösen Gewissen und einem verdorbenen Magen. Ein ganzes Heer von Krankheiten, besonders Magen-, Leber-, Nieren- und Herzkrankheiten, Blutanschoppungen, Gicht, ist die Folge der Unmäßigkeit im Essen und Trinken. Das haben die Weisen aller Zeiten erkannt, und schon der alte Sirach (Kap. 37, Vs. 32 bis 34) sagt derb, aber treffend: »Überfülle dich nicht mit allerlei niedlicher Speise und friß nicht zu gierig. Denn viel Fressen macht krank, und ein unsättiger Fraß kriegt das Grimmen. Viele haben sich zu Tode gefressen; wer aber mäßig isset, der lebet desto länger

Epikur lebte, wie auch Sokrates, Pythagoras und die Weisen des Altertums, hauptsächlich von Feldfrüchten, Brot und Wasser. An seiner Haustür stand folgende Inschrift:

»Willkommen, Wanderer! Hoch gelten hier alle Lebensfreuden! – Aber der Hunger wird hier nicht gereizt, nur gestillt; und der Durst nicht erregt, nur gelöscht. – Nur Flachbrot und Wasser warten auf dich!« – Bei einer derartigen Lebensweise vermögen wir leicht, auch ohne Arznei- und Badekuren, den fettesten Schmerbauch zu beseitigen und die böseste Gicht zu vertreiben.

Sehr gesund und daher als durststillendes Getränk zu empfehlen ist frisches Quellwasser, auch mit etwas Himbeer-, Erdbeer- oder Kirschsaft; auch Abkochungen von süßen Äpfeln, Backpflaumen u. dgl. Erscheinen derartige Getränke zu weichlich, dann empfiehlt sich »Brotwasser« ganz vorzüglich. Eine Scheibe Brot wird geröstet (durch das Rösten wird die Säure entzogen) und mit siedendem Wasser überbrüht. Das erkaltete und dann durchgeseihte Wasser läßt man trinken. Auch Lindenblüten- und Erdbeerblättertee, kalt getrunken, sind sehr angenehm und durststillend. – Bei Magen- und Darmkatarrhen sind Fruchtwässer unzulässig; hier eignen sich besser lauwarme, schleimige Getränke von Reis, Graupen, Buchweizengrieß (dieser ist für Kinder und Kranke unschätzbar, wenngleich wenig bekannt), desgleichen ist Hafergrützschleim gut, wenn er nicht Säure macht. Auch der Kakaoschalentee, abgekühlt, ist zu empfehlen. Die Schalen müssen jedoch zuerst tüchtig abgebrüht werden, damit das Wilde und Erdige fortgeht, dann einige Zeit gekocht. – Endlich ist noch der homöopathische Gesundheitskaffee-Ersatz (Dr. Willmar Schwabes) zu erwähnen; er ist ein billiges und wohlschmeckendes Getränk und ein guter Ersatz für den nervenaufregenden und schädlichen Bohnenkaffee.

Skrofulöse oder an Englischer Krankheit leidende Kinder müssen viel frische Milch, Gemüse und Obst, auch roh, mit etwas altbackenem Brote, Honig, doch nicht zu viel Mehlspeisen und Kartoffeln genießen. – »Eine jede Nahrung soll den Stoffwechsel weder beschleunigen, noch verlangsamen.« Dies leistet nur die natürliche Nahrung, und wir haben ein untrügliches Mittel, sie in diesem Sinne auf ihre Zulässigkeit zu prüfen. Man prüfe nur den Puls! Nach dem Genusse von Obst, von Milch, von Brot und anderen Speisen aus Zerealien wird der Puls unverändert seinen normalen Gang haben – diese sind gesunde, wahrhafte Nahrungsmittel. Nach dem Genüsse von Fleisch, von Gewürzen, Spirituosen, Kaffee und Tee usw. wird der Puls beschleunigt gehen, ein gelindes Fieber eintreten, das uns anzeigt, daß diese Stoffe schädliche Reizmittel sind. Kurz, die von Wein- und Fleischgenuß freie Nahrung ist die der Entwicklung geistiger und physischer Kräfte günstigste.

Im allgemeinen sei hier über die zur Erhaltung unseres Körpers nötigen Nahrungsmittel noch folgendes bemerkt:

Zweck der Nahrung ist, durch Zufuhr gewisser Stoffe unseren Körper auf eine bestimmte normale Zusammensetzung zu bringen, um alle seine verschiedenen Funktionen in Wirksamkeit zu setzen und darin zu erhalten.

Im wesentlichen ist unser Körper stofflich zusammengesetzt aus eiweißartigen Substanzen und deren Abkömmlingen, aus Fetten, aus Aschenbestandteilen, Wasser und Sauerstoff. Diese Bestandteile werden durch die Funktionen des Organismus beständig verändert, zersetzt und ausgeschieden und müssen, wenn die Lebensfunktion fortdauern soll, wieder ersetzt werden.

Den Sauerstoff entnehmen wir aus der Luft Die Luft enthält etwa 20,7 % Sauerstoff, 78,3 % Stickstoff, 1 % Argon, Spuren von Krypton, Neon und Metargon, 1 % Wasserdampf, 0,03 % Kohlensäure, Spuren von Ozon, H 2 O 2 , NH 3 , HNO 3 , HNO 2 , zuweilen Kohlenoxyd, Kohlenwasserstoff, schweflige Säure usw.; auch auf das Wasser und die Aschenbestandteile oder Salze achten wir wenig, obgleich sie zur Erhaltung unseres Lebens ebenso notwendig sind als Eiweiß und Fette. Man kann ebenso aus Mangel an Salz, wie aus Mangel an Eiweiß, oder aus Mangel an Wasser verhungern.

Im gewöhnlichen Leben versteht man unter Nahrungsmittel vorzugsweise nur jene Stoffe, die wir genießen, um den Eiweiß- und Fettverlust unseres Körpers zu decken. Nach dem Vorgange von Liebigs heißt man eine ganze Klasse von Stoffen, die in der Nahrung von Menschen und Tieren neben Eiweiß oft in großer Menge genossen werden, geradezu Fettbildner. Es sind das z. B. Stärkemehl, Dextrin und Zucker, die von den Chemikern unter dem Ausdruck » Kohlehydrate« zusammengefaßt werden.

Wir unterscheiden nach Voit zwischen Nahrung, Nahrungsmittel, Nahrungsstoff und Genußmittel.

Nahrungsstoff heißt jede chemische Verbindung, die irgendeinen der wesentlichen stofflichen Bestandteile unseres Körpers (Eiweiß, Fett, Salze usw.) zu ersetzen vermag. Reines Eiweiß, reines Fibrin, Fett, reine Stärke, Zucker, Kochsalz, phosphorsaures Kali, phosphorsaure Kalke usw. sind Nahrungsstoffe. Wasser ist ebenfalls ein Nahrungsstoff.

Ein Nahrungsmittel ist ein natürliches Gemenge aus mehreren Nahrungsstoffen. So ist z. B. Brot ein aus Eiweißkörpern, Stärke, Salzen und Wasser bestehendes Nahrungsmittel, aber noch keine Nahrung für uns. Von Brot allein kann der Mensch nicht leben.

Milch ist auch ein Gemenge von mehreren Nahrungsstoffen, für Neugeborene sogar eine Nahrung, aber für Erwachsene nur mehr ein Nahrungsmittel.

Genußmittel sind Stoffe, die nicht notwendig Material zum Aufbau unseres Körpers abgeben, aber doch sowohl für die Prozesse der Ernährung, als auch für andere organische Funktionen wesentliche Dienste leisten, indem sie zur Nahrungsaufnahme anregen.

Nahrung endlich ist immer erst die Summe aller Nahrungsstoffe in den Nahrungsmitteln samt Genußmitteln, die alle zusammen notwendig sind, um den Körper auf einem gewissen normalen Stand zu erhalten.

Eins der wichtigsten Nahrungsmittel ist stets die Milch. Sie ist die erste Nahrung des jungen Säugetieres und des Menschen, ist Nahrungsmittel par excellence; denn sie steht hinsichtlich ihrer Beschaffenheit und chemischen Zusammensetzung dem Blute, in das jedes Nahrungsmittel verwandelt werden muß, wenn es seinen Zweck erfüllen soll, wie die Betrachtung ihrer Bestandteile lehrt, am nächsten.

Chemische Zusammensetzung der Kuhmilch: Wassergehalt 87,75 bis 89,5 %, Spez. Gew. 1029 bis 1033, Eiweißgehalt 3,5 %; davon: Kasein 2,9 %, Laktalbumin 0,5 %, Laktoglobulin in Spuren, Fett 2,7 bis 4,3 %, Milchzucker 3,5 bis 5,5 %, Salze 0,6 bis 1,0 %.

Mineralstoffe der Kuhmilch (nach König) in 1 l:

Kalium Natron Kalk Magnesia Eisenoxyd Phosphorsäure Schwefelsäure Chlor
24,65 % 8,15 % 22,42 % 2,59 % 0,29 % 26,28 % 2,52 % 13,95 %
1,775 g 0,589 g 1,614 g 0,186 g 0,021 g 1,892 g 0,181 g 1,001 g

und Spuren von Fluor, Kieselsäure.

Der Grund der oft geführten Klage, daß die Milch schlecht bekomme, verschleime und säure, liegt darin, daß sie für viele an stärkere Reize gewöhnte Magen zu reizlos ist. Besonders führen solche Personen über das schlechte Bekommen der Milch Klage, deren ganze Konstitution zur Säurebildung und Stuhlunregelmäßigkeiten disponiert, z. B. Gichtische, Skrofulöse, Phlegmatische, Leberkranke. Wollte man bei diesen geradezu behaupten, die Milch passe für sie nicht, so wäre das ein großer Fehler. Man gewöhne nur den Magen erst daran, bzw. entwöhne ihn von der zu reizenden Nahrung und gewöhne ihn allmählich an die Milch, die man zuerst stark mit Gesundheitskaffee-Ersatz oder Kakao-Tee verdünnt, und setze nach und nach mehr Milch hinzu. Die Milch ist am verdaulichsten und gesundesten nichtaufgekocht: warm, wie sie von der Kuh kommt. Besonders ist sie für durch Blut- oder anderen Säfteverlust geschwächte Personen, Lungenkranke u. a. sehr zu empfehlen. Diesen Kranken, wie überhaupt allen schwächlichen Individuen, ist die erwärmte Milch höchst zuträglich. Gibt es irgendwo und -wie eine mögliche und nützliche Transfusion (Blutübertragung), so ist es die bei Gelegenheit des Genusses der unmittelbar aus dem Euter entnommenen Milch. – Auch die schmackhafte Sahne ist gut verdaulich und ist bei allen Krankheiten, die mit Abmagerung und Schwäche einhergehen, von sehr günstigem Einfluß. Kranke, die in der glücklichen Lage sind, weniger Rücksicht auf das Geld zu nehmen, sollten statt der gewöhnlichen Milch Sahne benutzen.

Die Molke sollte weit häufiger benutzt werden, als es geschieht; sie enthält den Milchzucker und sämtliche Salze der Milch. Sie erfreut sich eines guten Rufes bei Krankheiten der Atmungsorgane, auch bei Leberleiden und Blutstockungen. Infolge ihrer Salze wirkt sie harntreibend und wird bei Wassersucht empfohlen.

Schließlich mögen hier noch einige Worte über ein paar Gegenstände des Luxus Platz finden, die sich trotz ihrer unleugbar gesundheitschädigenden Eigenschaften in allen Schichten der Gesellschaft einer großen Gunst erfreuen und unserer heutigen Zivilisation ein besonderes Gepräge aufdrücken. Zunächst steht hier das in allen Volksklassen beliebte und viel genossene Getränk, der Bohnenkaffee, in erster Reihe.

Der Bohnenkaffee ist keineswegs ein Nahrungsmittel, sondern ein Genußmittel, dessen in hohem Grade reizende Wirkung sich hauptsächlich auf die Nerven und Gefäße des Unterleibes entfaltet. Der besonders durch das Rösten erzeugte, flüchtig durchdringende Kraftbestandteil des Kaffees, das Koffein, bewirkt bei häufigem Genusse bald Unordnungen in den Verrichtungen des Körpers; erzeugt Blutwallungen, Kongestionen, Unruhe und Aufregung des Geistes, erhöht die Darmtätigkeit und Verdauung, woher viele noch nicht gehörig verarbeitete Stoffe in das Blut gelangen oder ausgeschieden werden, und bewirkt zuletzt Magenschwäche und Verdauungsbeschwerden. Er ist die Ursache der so häufigen Magenkrämpfe und Magenbeschwerden, Kopf- und Zahnschmerzen. – Personen, die an Blutwallungen und Hämorrhoidalbeschwerden leiden, sowie solche, die eine sitzende Lebensweise führen, ebenso Kinder, sollten nie Kaffee trinken. Zu empfehlen ist an Stelle des gewöhnlichen Bohnenkaffees der koffeinfreie Kaffee Hag oder eben Dr. Willmar Schwabes Gesundheitskaffee-Ersatz.

Tee enthält fast denselben eigentümlichen Stoff, wie der Kaffee, bewirkt ähnliche Zufälle wie dieser, regt sehr auf, bringt Blutwallungen, Schlaflosigkeit, Phantasien u. dgl. hervor und muß ebenfalls bei einer Kur vermieden werden. Ebenso ist der Kamillentee unter Umständen sehr schädlich; bei schwachen Frauen und Kindern erzeugt er Krämpfe und Zufälle aller Art, die sogar den Tod herbeiführen können. Liegt ein Kind nach Kamillentee-Mißbrauch in Krämpfen, dann gebe man ihm sofort einen Teelöffel voll reinen schwarzen Bohnenkaffee, da dieser am schnellsten die schädlichen Wirkungen der Kamille beseitigt.

Branntwein wird durch Gärung stärkemehl- und zuckerhaltiger Stoffe gewonnen, wie Getreide, Kartoffeln, Weintreber (Kognak), Zuckerrohr (Rum), Reis (Arrak). Er besitzt einen sehr großen Weingeistgehalt (30 bis 75 %), zuweilen auch einen starken Gehalt an giftigem Fuselöl, und ist deshalb ein gefährliches, völlig unnahrhaftes Getränk, das durch die dem Weingeiste eigentümliche erregende, flüchtig wärmende und betäubende Wirkung um so schädlicher ist, als diese beabsichtigte Wirkung durch ihn mit geringen Kosten leicht erzielt werden kann.

Als der Branntwein im 14. Jahrhundert in Europa aufkam, wurde er nur als Arzneimittel benutzt und erst nach und nach als Getränk gemißbraucht, dessen sich vorzüglich die ärmsten Volksklassen aus dem angeführten Grunde der Billigkeit bedienen. Er betäubt den Magen ebenso, wie die Haut und das Hirn, macht den Hunger nicht fühlbar, läßt Kälte und Nässe weniger empfinden, und hilft so über manche Lebensnöte hinweg. Diese Eigenschaften lassen den Branntwein für den armen Menschen allerdings als eine (traurige) Wohltat erscheinen; allein gar schlimm sind die Folgen und Nachteile des Branntweingenusses. In fast allen Organen des Körpers bewirkt der Branntwein Störungen und Veränderungen. Der Säufer ist sehr leicht erkennbar an seiner aufgedunsenen, bald rot, rötlich-blau, bald erdfahl, grau-gelblich, trocken aussehenden Gesichtshaut. Der Branntwein erzeugt Schwäche aller Art, Gliederzittern, Gedächtnisschwäche, Geistesstörungen, die oft zum Wahnsinn ausarten, Appetitmangel, Magenschwäche, Atmungsbeschwerden, Husten, Verschleimungen, Leber-, Lungen- und Nierenzerrüttung. Der Branntwein ruiniert Körper und Geist, Familienglück und Wohlstand, und erzeugt, selbst in der Nachkommenschaft, körperliche und geistige Gebrechlichkeiten.

Möge sich doch niemand das traurige, Wohlstand und Familienglück ruinierende Laster der Trunksucht angewöhnen! Denen aber, die es schon getan, sei dringend der ebenso wohlgemeinte wie ausführbare Rat erteilt, sich den Branntwein gänzlich abzugewöhnen. Durch den festen Willen vermag dies der Mensch sehr wohl, und solchen, die den Vorsatz gefaßt, sich des Branntweins zu entwöhnen, kann die Homöopathie mit ihren Mitteln sehr gut zu Hilfe kommen. Sehr oft hatten wir die Freude, zu sehen, daß Freunde des Branntweins seine entschiedenen Feinde wurden und durch erneute Anstrengungen den alten Wohlstand und das frühere Familienglück wieder begründen halfen.

Von den Wirkungen des Biers werden wir hier nicht umständlich zu sprechen brauchen, da die Wirkungen des Alkohols, des Hauptbestandteils des Biers, schon oben erörtert worden sind.

Das Bier, als Ganzes betrachtet, steht dem Weine, wie den sog. gebrannten Wassern, in Hinsicht des Vermögens, Rausch zu erzeugen, bei weitem nach, weil erstens sein Alkoholgehalt geringer ist als der anderer Spirituosen, und weil zweitens durch die Kohlensäure, den Malzextrakt usf. auch die berauschende Wirkung kleiner Alkoholmengen beschränkt und weiter modifiziert wird. – In größerem Maße als Wein und Schnaps wirkt das Bier auf die Absonderung des Darmsaftes hin, wie auch auf die Tätigkeit der Nieren und der Schleimhaut der Lungen; hierin liegt nun der Grund, warum Biertrinker von Profession meist leichten Stuhl haben und verhältnismäßig mehr urinieren. Auch weiß man aus Erfahrung, daß andauernder Biergenuß zur Entstehung von Vollblütigkeit führt, die Anbildung von Körpermasse befördert und auch Dickleibigkeit im Gefolge hat, ebenso Phlegma und Gleichgültigkeit in den ernstesten Angelegenheiten des Lebens erzeugt.

Das Bier schadet unter denselben Verhältnissen wie alle anderen sog. geistigen Getränke, wenn es im Übermaße getrunken wird, wenn es schlecht beschaffen ist, wenn es zur unrechten Zeit und am unrechten Orte getrunken wird. Nicht ausgegorenes Bier übt einen nachteiligen Einfluß auf die Harnorgane aus. Menschen, die zur Apoplexie geneigt sind, werden infolge übermäßigen Biertrinkens nicht selten vom Schlage getroffen. Saure und zu kalte Biere erzeugen Kolik und Diarrhöe; zur Zeit herrschender Ruhr- oder Choleraseuchen ist der Gebrauch solcher Biere am gefährlichsten.

Mäßigkeit ist die unerläßliche Voraussetzung einer wahrhaft hygienischen Benutzung des Biers. Anzuraten ist das Biertrinken der Mehrzahl der Rekonvaleszenten nach schweren Krankheiten, Ermüdeten, Erschöpften, schwer Arbeitenden; ferner solchen, die an habitueller Stuhlverstopfung leiden, und alten Leuten; zu widerraten dagegen allen denen, die sich gegenteilig verhalten, ferner denen mit apoplektischer Konstitution und stark ausgesprochenem sanguinisch-cholerischen Temperament, obgleich diese letzteren vom Biere weniger Schaden leiden als von den alkoholreicheren Getränken.

Ein Genußmittel, das im Laufe der Zeiten eine große Verbreitung gefunden, ist der Tabak, eine giftige Pflanze aus der Klasse der Nachtschatten (Solanaceen). Er enthält ein bedeutendes narkotisches Gift, das den Namen Nikotin führt, wovon etwa 5 % im Tabak enthalten sind. Jeder wird sich wohl noch der Wirkungen erinnern, die der Tabak beim ersten Rauchversuche ihm verursachte: hauptsächlich Übelkeit, Erbrechen, Kopfweh, Speichelfluß. Allmählich gewöhnt sich der Körper an das Tabaksgift, wie er sich an andere Gifte, Opium u. dgl., gewöhnt, und man kann dabei alt werden; doch sollte sich niemand ein so übles, schmutziges, die Bedürfnisse unnütz vermehrendes Genußmittel angewöhnen. Dr.  Hufeland sagt über den Tabaksgebrauch sehr treffend: »Das Tabakrauchen verdirbt die Zähne, trocknet den Körper aus, macht mager und blaß, schwächt Augen und Gedächtnis, zieht das Blut nach Kopf und Lunge, disponiert daher zu Kopfbeschwerden und Blutkrankheiten, und kann denen, die hektische Anlagen haben, Bluthusten und Lungenleiden zuziehen. Überdies gibt es ein Bedürfnis mehr, und je mehr ein Mensch Bedürfnisse hat, desto mehr wird seine Freiheit und Glückseligkeit eingeschränkt. Ich warne daher jedermann davor und würde mich sehr freuen, wenn ich hierdurch etwas zur Verminderung dieser üblen Sitte beitragen kann.

Das Schnupfen des Tabaks ist nicht viel besser und hinsichtlich der Unreinlichkeit noch schlimmer. Überdies reizt und schwächt es die Nerven und erzeugt Kopf- und Augenkrankheiten.«

Der Tabaksgebrauch ist eine der ekelhaftesten Unreinlichkeiten, die jemals über die Welt gekommen; nicht nur das den Atem des Menschen verpestende, Kleider und Wohnungen übel erfüllende Rauchen, sondern auch vorzüglich das höchst unliebenswürdige und schmutzige Kauen und Schnupfen machen den Tabak zu einem der widrigsten Modebedürfnisse, die je existiert haben.

Jungen Leuten ist es ebenso freundlich als ernstlich zu raten, sich ein so abscheuliches Bedürfnis, das nicht den geringsten Vorteil, kaum den, sich die Grillen zu vertreiben, gewährt, dagegen vielfach schaden kann und wirklich schadet, nie anzugewöhnen.

Bei einer Kur ist das Rauchen, besonders bei zu Kongestivzuständen disponierten Patienten, unbedingt zu untersagen.

*

Einen ganz bedeutenden Einfluß auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben unstreitig die Wohnung und Kleidung. Es ist Tatsache, daß eine große Anzahl von Krankheiten teils durch ungesunde, feuchte, dem Sonnenlicht nicht zugängliche Wohnungen, teils durch unzweckmäßige Bekleidung erzeugt und unterhalten werden. Nachteilig, ja geradezu schädlich, ist die Bekleidung der Haut mit Leinen- oder Baumwollgeweben. Die Holzfaser kühlt und hält die Ausdünstungsstoffe fest, so daß alte Leinenwäsche den peinlichsten Geruch erzeugt und selbst frische Wäsche eine ekelhafte, für Nervenschwache unerträgliche Atmosphäre verbreitet. Ganz anders verhält es sich dagegen mit der Wolle. Sie ist ein schlechter Wärmeleiter, erhält daher eine angenehme Temperatur, begünstigt die Ausdünstung und zieht nicht leicht Gerüche an. Freilich darf man nicht über ein Wollhemd ein Linnen- oder Baumwollhemd ziehen, wodurch der beabsichtigte Zweck verfehlt würde. Die Wolle schafft die ausgedünstete Materie in Dunstgestalt fort, verhindert somit, daß diese Dünste auf der Haut in Wasser verwandelt werden, während Leinen und Baumwolle diese Eigenschaft nicht besitzen, die Feuchtigkeit erhalten und somit leicht Erkältungen erzeugen.

Die Ausdünstung unseres Körpers ist das große Mittel, das die Natur in ihn selbst gelegt hat, sich abzukühlen. Je freier wir also ausdünsten, desto gleichmäßiger wird unser Wärmegrad sein, desto leichter werden wir jedes von innen oder außen uns gegebene Übermaß an Wärme verflüchtigen können; daher kommt es, daß Wolle, wenngleich sie die Haut mehr wärmt, dennoch durch die freiere allgemeine Ausdünstung die Überfüllung der Blutmasse mit Wärmestoff, die innere Erhitzung besser vermindert als Linnen. Mithin ist man in wollener Bekleidung im Sommer weniger heiß und schwitzt weniger als in leinener; daher auch in heißen Klimaten wollene Bekleidung besser behagt. Besonders zu empfehlen ist die Wolle allen, die zu Katarrhen, Rheumatismen und Gichtbeschwerden neigen.

Die Behauptung, daß Wollkleidung den Körper verweichliche, beruht auf Irrtum. Während nämlich das Wollhemd die regelrechte Blutverteilung auf der Oberfläche des Körpers bewirkt, drängt das leinene oder baumwollene Hemd durch seine kältenden Eigenschaften das Blut nach innen, bringt somit das harmonische Gleichgewicht in Verwirrung und veranlaßt Kälteschauer, Müdigkeit, Kopfweh, Heiserkeit und Katarrhe. Besonders zweckmäßig ist die wollene Bekleidung in solchen Klimaten, wo die Temperaturverhältnisse der Luft schnell und plötzlich wechseln; so auch in Lebensarten, die mit plötzlichen Abwechslungen verbunden sind, vor allem auf Reisen.

Wer sich an Wollkleidung gewöhnt hat, lege diese zu keiner Jahreszeit ab, da andernfalls die Folge oft böse Erkältungskrankheiten sind. – Ebenso schädlich ist es, wenn sich nach langem Krankenlager der Patient die länger gewordenen Kopf- oder Barthaare verschneiden läßt. Es treten dann meist sehr bedenkliche Rückfälle ein, die vielen das Leben gekostet haben.

Sehr zu empfehlen sind kalte Rückenwaschungen, weil sie belebend auf das ganze Nervensystem wirken. Man bediene sich dazu eines Badeschwammes, den man in sommerwarmes Wasser taucht, gut ausdrückt und damit einen Strich vom Genick längs der Wirbelsäule führt. Solche Striche macht man etwa 10 bis 20, indem man bei jedem neuen Striche den Schwamm in das Wasser taucht und gut ausdrückt. Nach vollzogener Prozedur reibe man den Rücken mit einem wollenen Tuche von oben nach unten ab. Dieses Verfahren ist besonders für nervenschwache Personen und Kinder empfehlenswert.

Hieran wollen wir noch einige wohlgemeinte Worte über Bäder und Waschungen im allgemeinen knüpfen. – Das Wasser nützt nur dann, wenn es vernünftig und naturgemäß gehandhabt wird, und wenn man nach den Waschungen und Bädern angenehmes Behagen wahrnimmt. Viele baden zu kalt oder zu heiß und überreizen dadurch ihr Nervensystem. – Der scharfsinnige Wasserarzt Mucha sagt: »Wer täglich mit Wasser operiert, den verläßt die Heilkraft des Wassers, wenn er sie braucht.« Es genügen, auch bei Kranken, pro Woche 2- bis 3malige Abwaschungen des Körpers mit Wasser von 18 bis 19 °R vollkommen. Die »rohen Wasserkuren«, die bei Wasserfanatikern gang und gäbe sind und täglich mit Wasser von 9 bis 15° oder von 29 °R durchgeführt werden, halten wir für zerstörend und aufreibend auch für den gesundesten und robustesten Körper. Einen Beleg hierfür liefern die Hunderte von Kranken und Siechen, die alle Jahre aus den Wasserheilanstalten und den heißen Bädern herauskommen oder auch nicht herauskommen, und deren Nervensystem oft gänzlich ruiniert ist. Was hatte diese Kranken nun vollends heruntergebracht? Das zu viele, das zu kalte oder zu warme, das übermäßige, das unrichtig angewendete Wasser. Daher hüte sich jeder vor »rohen Wasserkuren« und täglichen unvernünftigen Wasseroperationen; auch mit dem Wasser kann Schaden angestiftet werden.

Das Schlafen im Kalten wird häufig für schädlich gehalten. Für stark anämische Personen ist ein leicht angewärmtes Schlafzimmer, dessen Temperatur 12 °R beträgt, zu empfehlen; dagegen sollte für Gesunde das Schlafen bei offenem Fenster sich immer mehr einbürgern, da wir im Schlafe mehr Sauerstoff in unsere Lungen aufnehmen als im Wachen. Im Schlafzimmer sollen nicht zu viel Personen schlafen, auf eine Person müssen mindestens 7 cbm Luftraum kommen.

Der Wert der Luft-, Licht- und Sonnenbäder ist erst in neuerer Zeit sowohl zur Heilung von Krankheiten, als auch zur Anregung der Hauttätigkeit Gesunder mehr und mehr geschätzt worden. Die Haut ist als Ausscheidungsorgan fast so wichtig wie Lungen und Nieren zusammen. Ein gesunder Mensch von mittlerem Gewicht (67 kg) dünstet innerhalb 24 Stunden ungefähr 1 kg durch die Haut aus. Nur so ist es erklärlich, daß ein Mensch mit einer halben Lunge oder einer einzigen Niere noch leben kann, nicht aber, wenn die Hälfte oder auch nur ein Drittel seiner Haut (z. B. durch Verbrennung) zerstört, außer Tätigkeit gesetzt ist. Es werden offenbar durch die Haut giftige Stoffwechselprodukte ausgeschieden, die durch kein anderes Organ: Lungen, Nieren und Darm, ausgeschieden werden können. Wo die Luft heilend wirken soll, muß sie von Licht oder Sonne begleitet sein, die Luft dient nur als Träger der Sonnen- und Lichtstrahlen, und man sollte vom Lichtluftbad sprechen. Wer ein Lichtluftbad nehmen will, hat nichts anderes nötig als unbekleidet im Zimmer bei geöffnetem Fenster oder, noch besser, im Freien an geschützten Orten umherzuwandeln und Freiübungen dabei zu machen. Wer empfindlich ist, kann auch ein leichtes Hemd tragen. Die Dauer der Lichtluftbäder kann systematisch von 5 Minuten bis zu Stunden gesteigert werden. Sie wirken günstig bei allgemeiner Schwäche, bei Nervosität, Blutarmut, Fettleibigkeit, Neigung zu Erkältung und Rheumatismus und sind eins der einfachsten und wirksamsten Abhärtungsmittel. Auch bei beginnender Lungenschwindsucht sind Lichtluftbäder hilfreich. Die Sonnenbäder können nur bei Sonnenschein genommen werden und waren schon zu alten Zeiten und von alten Kulturvölkern geschätzt. Die Sonnenbäder üben einen starken Reiz auf die Haut aus und sind nach der Konstitution zu bemessen. Dabei ist der Kopf vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Verbrennungen sind zu meiden; nach häufig wiederholten Sonnenbädern wird die ganze Haut durch stärkere Pigmentbildung gebräunt, doch Schleier mildern die Reizwirkung auf die Haut.

Einen Ersatz für Sonnenbäder bilden die elektrischen Bogenlicht- und Glühlichtbäder, da sie reich an chemischen Stoffen sind. Ultraviolette Strahlen, wie sie im Sonnenlicht enthalten sind, spenden auch die Quarzlampen und die neuerfundenen Ultravitlampen, die für solche Strahlen durchlässiges Glas besitzen. Diese Strahlen wirken stark pigmentierend auf die Haut, vermehren die Bildung der roten Blutkörperchen und begünstigen den Heilungsverlauf bei Tuberkulose und zahlreichen anderen Erkrankungen.

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