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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Hitzige Gehirnhöhlenwassersucht. Hydrocephalus acutus. Meningitis basilaris tuberculosa

Diese Krankheit beruht auf einer sowohl an der Basis, wie auch an der Konvexität des Gehirns, und zwar in der weichen Hirnhaut (Pia mater) wurzelnden Hyperämie, mit serösem, sulzigem oder eitrigem Exsudat an der Hirnbasis. – Gewöhnlich befällt die Krankheit Kinder vor dem 10. Lebensjahre, besonders im Verlaufe schwer akuter Exantheme und in der Zahnperiode. Nicht selten sind Miliartuberkel, die meist auch in anderen Körperteilen verbreitet sind, Ursache der Krankheit. Der vorhandene tuberkulöse Keim hat sehr oft in den Lymphdrüsen seinen Sitz und verbreitet sich von da nach den Gehirngefäßen. Gar oft erscheint das von der akuten Miliartuberkulose der Gehirnhäute befallene Kind bis dahin völlig gesund. Bei Erwachsenen kommt das Leiden fast nur im Verlaufe der Lungentuberkulose vor, verläuft unter typhösen Erscheinungen (Betäubungen, Delirien, gastrischen Erscheinungen, Fieber), und diese verdecken die meningitischen. Bei Kindern beginnt die Krankheit meist schleichend und geht von einem Zustande der Gehirnreizung später oft in Gehirnlähmung über.

Im sog. Stadium der Vorboten, die sehr unbestimmt sind und sich nicht selten auf mehrere Wochen erstrecken, gewahren wir eine eigentümliche Veränderung des Aussehens und Benehmens der Kinder: welkes Muskelfleisch, bleiche Hautfarbe, zeitweise sehr gerötetes Gesicht, tiefliegende Augen, mürrisches oder eigensinniges Wesen, unruhigen Schlaf mit öfterem Auffahren oder Zähneknirschen, Lichtscheu, Abneigung gegen Bewegung, wankenden oder hochbeinigen Gang (Hahnengang) mit öfterem Straucheln, Trockenheit der Nase und des Gehörganges und Bohren mit dem Finger in diesen Höhlen usw. – Aber es können auch alle diese Vorboten fehlen oder durch ein vorhandenes Fieber verdeckt sein; daher wird sehr oft diese Krankheit verkannt und für Zahn- oder Wurmbeschwerden oder gastrische Zustände gehalten.

Mit dem Ausbruche des entzündlichen Stadiums nähert sich die Krankheit der Gehirnhautentzündung. Die Hitze des Kopfes nimmt zu, die Patienten klagen nun über heftige Kopfschmerzen, und kleinere Kinder greifen nach dem Kopfe, werfen ihn hin und her, oder suchen ihn zu stützen und betasten das Gesicht und die Stirn mit den Fingern, oder bohren in der Nase (Stadium erethicum). Nun gesellen sich Erbrechen, namentlich beim Aufrichten des Kindes, und hartnäckige Stuhlverstopfung hinzu; der Urin wird sparsam gelassen, die Augen sind glänzend mit verengter Pupille und Lichtscheu, der Leib ist eingefallen (während er bei anderen verwandten Kinderkrankheiten aufgetrieben zu sein pflegt); der Schlaf ist unruhig und traumvoll, mit Aufschrecken und Aufschreien; die Kinder sind höchst empfindlich bei jeder Berührung. – Nun finden sich verschiedene Nervenzufälle: Muskelzucken, Gesichtsverzerrungen, Kau- und Saugbewegungen des Mundes, Atembeschwerden, Lächeln im Schlafe, Harnverhaltung usw., ein.

Endlich treten im Lähmungsstadium (Stadium soporosum) alle Zeichen des Gehirndruckes ein: Lähmung einzelner Muskelpartien, Betäubung, Stumpfsinn, Schlafsucht; die Pupille ist jetzt erweitert und gegen Lichtreiz unempfindlich, die Augen halb offen, das Gesicht blaß. Der Puls ist äußerst frequent, die Temperatur sinkt, die Haut ist mit klebrigem, kaltem Schweiße bedeckt, und unter allgemeinen Lähmungserscheinungen erfolgt nach durchschnittlich 2 bis 3 Krankheitswochen der Tod.

Diese Krankheit unterscheidet sich von der Gehirnhautentzündung (Meningitis simplex) durch den langsamen Verlauf und durch die unbestimmten Erscheinungen im Stadium der Vorboten, die bei der Meningitis gänzlich fehlen. Fast immer läßt sich bei der hitzigen Gehirnhöhlenwassersucht, oder noch bezeichnender: Gehirnhauttuberkulose, erbliche Tuberkulose in der Familie nachweisen.

Eine Genesung bei der tuberkulösen Meningitis gehört zu den größten Seltenheiten.

Im Stadium der Vorboten bewährt sich am meisten Kalium jodatum, bei Verdacht auf ererbte oder erworbene Tuberkulose, bei Skrofulösen und an Lymphgefäßanschwellungen Leidenden. Besonders wenn vorhanden: unruhiger Schlaf mit Zähneknirschen, weinerliche Gemütsstimmung, Schmerzen im Nacken, stierer Blick beim Aufrichten des Kopfes. Die Kinder sehen angegriffen und siech aus, ihr Muskelfleisch ist welk. – Wir verabfolgen von diesem Mittel 6 bis 8 Tropfen der 2. Decimalverdünnung in 6 Eßlöffel voll Wasser und geben davon täglich 3- bis 4mal 1 Eßlöffel. Dabei sorge man für trockene, gesunde Schlafzimmer und leicht verdauliche, nahrhafte Kost.

Belladonna: Bei heftigen Fieberregungen mit heißer Haut; in den Abendstunden gesteigerte Hitze mit vielem Durst. Heftige Kopfschmerzen, Pulsieren der Hals- und Schläfenarterien, Schlafsucht, Verzerrung der Gesichtsmuskeln, geschwächtes Denkvermögen; Pupillenerweiterung und Lichtscheu. Überempfindlichkeit der Sinnesorgane.

Helleborus: Wenn bei starkem Andrange des Blutes nach dem Kopfe das Gesicht blaß und aufgedunsen ist; wenn große Empfindlichkeit der Muskeln, Lähmigkeit und Gefühlsabstumpfung zugegen; auch bei konvulsiven Bewegungen; bei kaltem Stirnschweiße, verlangsamtem Pulse und verengerter Pupille. Der Schlaf ist ängstlich und unruhig, und der in geringer Menge gelassene Harn sieht stark gesättigt, dunkel und trübe aus.

Arsenicam: Wenn die Erscheinungen akuter Gehirnhöhlenwassersucht nach erschöpfenden Diarrhöen oder im Verlaufe der Brightschen Krankheit oder in anderen schweren Krankheiten auftreten. Die Erscheinungen, denen dieses Mittel entspricht, gehören nach Kafka dem Hydrocephalus acutus in seiner höheren und höchsten Entwicklung an; tiefer Sopor mit stieren, krampfhaft sich hin und her bewegenden Augen, Pupillenerweiterung, Schwerhörigkeit, erschwertes Sprechen und Schlingen, Trockenheit der Zunge. Die Kranken verlangen, weil sie soporös sind, kein Getränk; nähert man sich ihnen damit, so greifen sie hastig nach dem Glase oder Löffel und trinken mit sichtbarer Begier, ohne das Gefäß loslassen zu wollen. Der Bauch ist eingezogen, der Nacken steif, Urin und Stuhl gehen unwillkürlich ab, die Extremitäten befinden sich in einem lähmungsartigen Zustande.

Wenn bei dieser das Leben in hohem Grade gefährdenden Krankheit überhaupt Hilfe möglich ist, dann werden wir mit der oben angeführten geringen Mittelzahl vollkommen ausreichen. Hauptsache ist, daß man das einmal gewählte Mittel konsequent eine Zeitlang fortbrauchen läßt und nicht vereilig damit wechselt. Wo ein Erfolg möglich, werden wir ihn noch am sichersten durch Kalium jodatum erzielen. Bei heftigen Fieberregungen, Durst und Andrang des Blutes nach dem Kopfe verabfolgen wir Kalium jodatum 3stündlich, während wir Belladonna oder Helleborus stündlich wiederholen lassen. – Fachmännische Hilfe ist, wie überhaupt bei schweren Erkrankungen, unentbehrlich.

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