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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Epilepsie. Fallsucht. Morbus sacer

Die Epilepsie, fallende Sucht, böses Wesen, ist eine konvulsivische Krampfkrankheit, die meistens die willkürlichen Muskeln, mit Verlust des Bewußtseins, ergreift und plötzlich und ohne Vorboten auftritt. Man unterscheidet eine gemeine Epilepsie und eine Reflexepilepsie. – Sind Vorboten dazu vorhanden, so sind sie stets von kurzer Dauer; der Kranke fühlt einen feinen Lufthauch von den unteren Körperteilen nach dem Kopf hinaufziehen, es ist dies die odische Krampfwelle (Aura), die sich beim Nachlassen des Anfalles, nach einer Zeit von unbestimmter Dauer, wieder nach den Füßen zurückzieht. Den Anfall kann man daher ganz beseitigen oder doch verkürzen, wenn man die Krampfwelle zurückführt, was meist durch kunstgerechtes Magnetisieren gelingt. – Beim Anfalle stürzt der Kranke, meist einen grellen Schrei ausstoßend, bewußtlos hin; die Halsvenen schwellen an, das Gesicht ist aufgetrieben, bläulich-rot oder blaß und verzerrt. Die klonischen Krämpfe erstrecken sich entweder über den ganzen Körper oder über einzelne Körperteile und gehen oft in Starrkrampf oder in Sopor über. Die Lippen sind bläulich (cyanotisch) oder bleich und mit Schaum bedeckt, die Pupille erweitert und unbeweglich, die Zähne knirschen, der Mund ist fest geschlossen, die Zunge nicht selten zerbissen. Die Gliedmaßen werden häufig auf die schrecklichste Weise verdreht, die Daumen sind eingeschlagen, und besonders zu Ende des Anfalles tritt öfters unwillkürlicher Abgang des Urins, Kotes usw. ein; bisweilen kommen auch Blutungen zustande. Nach dem Anfalle kommt die Besinnung plötzlich wieder, und der Kranke weiß nichts von dem Geschehenen (Retroamnesie), oder er bleibt noch einige Zeit in einer tiefen Betäubung, unter fortwährendem Schnarchen, liegen. Bei manchen Personen tritt der Anfall nur als sog. epileptischer Schwindel auf, wobei Aufschreien, Niederfallen oder Schaum vor dem Munde fehlen. Die Kranken verlieren nur auf kurze Zeit das Bewußtsein, zucken etwas mit dem Munde oder mit den Fingern und kommen dann bald, wie aus einem Schlaf erwachend, wieder zu sich.

Die Krankheit kehrt zu bestimmten oder unbestimmten Zeiten wieder, bei Tag oder bei Nacht, in kürzeren oder längeren Zwischenräumen, oft nach Monaten und Jahren; aber es gibt leider auch Fälle genug, wo sich der Anfall wöchentlich mehrmals wiederholt, was zuletzt Verstandes- und Gedächtnisschwäche zur Folge hat.

Die wahre Ursache der Epilepsie ist wissenschaftlich noch in tiefes Dunkel gehüllt. Unter den Umständen, die das Auftreten des Leidens begünstigen, spielt die erbliche Veranlagung die größte Rolle. Ungefähr ein Drittel aller Epilepsiefälle tritt bei erblich zu Nervenkrankheiten disponierten Personen auf. Ferner ist die Blutsverwandtschaft der Eltern untereinander und die Trunksucht der Eltern von Einfluß. Vom Vater in der Trunkenheit gezeugte Kinder sind später häufig epileptisch geworden. Die Wissenschaft hat sich bisher nur mit den der Materie angehörenden Gesetzen beschäftigt, die psychischen Phänomene jedoch unerklärt gelassen. So hat die ganz bedeutende Erweiterung des Begriffes der Epilepsie von klinischer Seite auch die geringen pathologischen und pathologisch -anatomischen Daten und Erklärungsversuche erschüttert. Widerstreben doch vorläufig noch sämtliche psychische Krankheitsbilder oder -formen jeder pathologischen Begründung, und alle bisher vorgebrachten Erklärungsversuche, welchem Wissensgebiete sie auch ihre Diktion entlehnen mögen, verdienen kaum die Bezeichnung von Hypothesen. Gibt es keine physiologisch erweisbare Epilepsie, so glauben wir nicht fehlzugreifen, wenn wir eine psychische anzunehmen uns gedrungen fühlen. Diese ist aber, ganz ebenso wie der ausgeprägte Veitstanz und einige Arten von Wahnsinn, jeder Medikation unzugänglich. Belladonna, Hyoscyamus, Calcium, Silicea u. a. m. mildern zwar gewisse, die Anfälle komplizierende Symptome, beseitigen aber keineswegs die wahre Ursache der Erscheinung. Vor den Mitteln der Allopathie, Bromkalium und Silbernitrat, ist deshalb zu warnen, da diese, abgesehen von ihrer Nutzlosigkeit, großen Schaden anzurichten vermögen.

Von den homöopathischen Arzneien verdienen, bei gewissen der Epilepsie ähnelnden Krampfanfällen, die folgenden die meiste Beachtung:

Argenium nitricum: Ist angezeigt, wenn für Stunden oder Tage vor dem Anfall die Pupillen erweitert sind, sowie wenn den Konvulsionen für kurze Zeit große Unruhe vorangeht.

Belladonna: Ein vorzügliches Mittel bei allen Krampfanfällen mit bedeutenden Kongestionen nach dem Kopfe, Benommenheit oder völlige Bewußtlosigkeit; Verdrehen der Augen oder Starrsehen bei erweiterter Pupille. Die Konvulsionen beginnen an den oberen Extremitäten. Plötzliches Auffahren aus dem Schlafe mit Geschrei. – Eigensinn, Bosheit, Lust, alles zu zerreißen oder zu beißen; große Angst und Furcht und erschreckende Visionen.

Calcium carbonicum: Dies Mittel ist, besonders zur Verbesserung der Konstitutionsverhältnisse, bei skrofulösen oder anämischen Personen zu empfehlen und soll sich bewähren bei Krampfanfällen, die besonders des Nachts eintreten.

Cimicifuga racemosa: Hat viel Ähnlichkeit mit den Belladonna-Symptomen und ist bei Krampfanfällen des weiblichen Geschlechts zu empfehlen; auch bei Hysteroepilepsie.

Cuprum: Die Krampfanfälle bei Kupfervergiftungen haben teilweise einige Ähnlichkeit mit epileptischen Anfällen. Dieselben beginnen mit Zuckungen an den Fingern und Zehen. Häufig auch nachts eintretende konvulsivische Bewegungen einzelner Körperteile.

Digitalis: Wird empfohlen von Dr.  Bähr, wenn übermäßige Pollutionen oder Onanie Ursache der Krankheit sind. Er verordnet das Alkaloid Digitalin in 4. Verreibung, einen Tag um den andern 1 Gran (0,06). Wir können nun aber versichern, daß wir bei sehr vielen Epileptikern dieses Mittel versucht, aber ganz und gar erfolglos gefunden haben. Um jedoch die Konstitutionsverhältnisse derartiger Patienten zu verbessern, empfehlen wir Acidum phosphoricum, China oder Nux vomica; mitunter bewährt sich auch Selenium.

Hyoscyamus: Krampfanfälle mit Kongestionen nach dem Kopfe, Angst, Unruhe, Geschrei und Zähneknirschen. Wird auch empfohlen bei Krämpfen, die mit tiefem Schlafe endigen.

Ignatia: Eignet sich besonders bei akuten Krampfanfällen, weniger bei solchen, die selbständig und in gewissen längeren oder kürzeren Zeitabschnitten auftreten. Auch fehlt bei diesem Mittel das der Epilepsie eigene Symptom: Bewußtlosigkeit im Anfalle. Sonst ist dieses Mittel aber zu empfehlen bei Krämpfen kleiner Kinder, jugendlicher Personen und hysterischer Frauen, besonders wenn Gram oder Kränkung die Ursache der Krampfanfälle sind.

Natrium muriaticum: Ist hier das beste Gegenmittel gegen Mißbrauch von Argentum nitricum.

Oenanthe crocata: Epilepsieartige Anfälle mit Aufschreien und Niederfallen ohne vorhergehende Aura; Einschlagen der Daumen und blutiger Schaum vor Mund und Nase. In mittleren Potenzen und öfterer Wiederholung hat sich dieses Mittel mitunter sehr gut bewährt.

Opium: Wird empfohlen, wenn die Anfälle durch Schreck verursacht worden sind, noch nicht lange bestanden haben und keine besonderen charakteristischen Erscheinungen darbieten. Schreck ist nun freilich ein Seelenakt, der die Widerstandsfähigkeit des Organismus entschieden herabmindert und dadurch feindlichen Agentien leichteren Zutritt gewährt; jedoch haben wir mit Opium bisher noch keinen Erfolg, weder bei epileptischen noch bei epileptoiden Zuständen, erzielt.

Plumbum: Konvulsionen mit deutlich ausgesprochener Aura; lähmungsartige Erscheinungen einzelner Körperteile, große Angegriffenheit nach den Anfällen und sich langsam wiederfindendes Bewußtsein.

Silicea: Bei sehr veralteten Krampfanfällen, die vor allem nachts und bei Neumond eintreten, besonders aber wenn die Kranken in der freien Zeit häufig das Gefühl haben, als wäre ein Haar auf der Zunge. Es ist dies ein sehr beachtenswertes Symptom für die Wahl des Mittels.

Sulfur: Hauptmittel bei skrofulösen Personen und solchen, bei denen Flechten und Ausschläge dagewesen und verschmiert worden sind.

Stramonium: Krämpfe mit heftigen Bewegungen der oberen Gliedmaßen, Zurückbiegen des Kopfes, blassem und aufgedunsenem Gesichte. Die Anfälle beginnen gewöhnlich mit einem lauten Aufschrei. In den meisten Fällen hat sich auch Dr. Willmar Schwabes Epilepsie-Mittel bewährt.

Zincum metallicum und Zincum valerianicum: Zwei bedeutende Nervenmittel, die sich oft bei Krampfanfällen und Reizzuständen, die vom kleinen Hirn und Rückenmark auszugehen scheinen, bewährt haben. Plötzliches Niederfallen bei vorhergehender, meist kaum merklicher Aura und lautem Aufschreien. Bewußtlosigkeit, Zähneknirschen und Herumschlagen mit den Armen. Darnach große Kopfangegriffenheit, Unbesinnlichkeit, Hinfälligkeit.

Der Gebrauch der Arzneien findet nach der in der Einleitung § 19 bis 20 angegebenen Weise statt. Man verabfolge übrigens die Mittel in gut zubereiteten höheren Potenzen und warte einige Wochen die Nachwirkung ab.

Die Kranken müssen größere körperliche oder geistige Anstrengungen meiden. Eine kochsalzarme, reizlose, mehr vegetarische Kost und Milchdiät ist zu bevorzugen. Kaffee und Tee sind nur mäßig gestattet. Alkoholische Getränke sind gänzlich zu verbieten.

Während des Anfalles lege man den Kranken auf weiche Polster und schütze besonders den Kopf vor Verletzungen, entferne alle fest anliegenden Kleidungsstücke, Halsbinden, Gürtel, festgebundenen Röcke usw. Oft ist es von Nutzen, wenn man sofort ein schwarzseidenes Tuch über Kopf und Gesicht des Befallenen ausbreitet; man hat dadurch nicht selten den Anfall gemildert und abgekürzt. Nachts sorge man für zuverlässige Wärter und lasse den Kranken nie allein ausgehen. Das Binden und Festhalten der Glieder, sowie das gewaltsame Öffnen der eingeschlagenen Finger und Daumen muß strengstens untersagt werden. – Da die Epilepsie erblich ist, so hüte man sich vor Verheiratung mit epileptischen Personen; auch sollen epileptische Mütter nie ihre Kinder selbst stillen.

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