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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Blutwallungen. Kongestionen. Hyperämien

Die einfachen Blutwallungen oder Kongestionen sind meist vorübergehender Natur und werden oft durch Anstrengung des Körpers oder Geistes, durch erhitzende Getränke, Gemütsbewegungen u. dgl. erzeugt. – Die andauernden, krankhaften Kongestionen zeigen, teils nach dem betroffenen Organ, teils nach den veranlassenden Ursachen, verschiedene Symptome.

Die einfache Kopfkongestion oder Gehirnhyperämie ist Folge vermehrten Zuflusses des Blutes nach dem Gehirn und hat als Ursachen: gesteigerte Herztätigkeit, wie wir sie bei fieberhaften Krankheiten, bei Gemütsbewegungen, beim Genuß aufregender Getränke beobachten; ferner starke Abkühlung der Haut; endlich Lähmung der vasomotorischen Nerven durch Einwirkung zu starker Hitze- oder Kältegrade auf den Kopf oder durch Alkoholvergiftung.

Die häufigsten Symptome einer Gehirnhyperämie sind: Kopfschmerzen, Hitze des Kopfes, gerötetes Gesicht, Klopfen der Schläfearterien, Brechreiz, Schwindel, besonders beim Bücken, Ohrensausen, schreckhafte Träume. Der Puls zeigt gewöhnlich keine Aufregung. Sind die psychischen Reizerscheinungen vorherrschend, dann tritt Unruhe, Schlaflosigkeit und Denkunfähigkeit ein. Bei der meningitischen Hyperämie treten wütende Kopfschmerzen, Delirien, selbst Tobsucht, und bei Kindern, namentlich in der Zahnperiode, Krampfanfälle auf. Die apoplektische Hyperämie tritt unter dem Bilde eines Schlaganfalls auf.

Bei der Stauungshyperämie ist der Rückfluß des Blutes vom Gehirn gehemmt: durch Verengerung der Glottis beim Keuchhusten, durch Kompression der Jugularvenen bei Geschwülsten am Halse, besonders beim Kropf, durch gewisse Herzklappenfehler usw.

Bei Kongestionen mit Fieberregungen, die sich abends steigern, Schwindel und Schwanken des Gehirns beim Bücken oder Bewegen des Kopfes, besonders nach Erkältung, desgleichen bei Kongestionen mit Herzklopfen nach heftiger Gemütsbewegung, bei Hitze und bedeutender Pulsfrequenz in der Zahnperiode verabfolgen wir Aconitum in ½- bis 1stündlichen Gaben. Bald nach Darreichung dieses vortrefflichen Mittels werden wir Nachlaß der Allgemeinerscheinungen und der Gehirnsymptome eintreten sehen. – Bei stark gerötetem oder ungewöhnlich blassem Gesicht, Pulsieren der Arterien und unruhigem oder traumvollem Schlafe, besonders bei zahnenden Kindern, verabfolgen wir Gelsemium. – Sind, wie bei der meningitischen Hyperämie, die Symptome des Gehirnreizes vorwiegend, dann empfiehlt sich ganz besonders Belladonna und bei sehr lauten und rasenden Delirien mit Hang zum Entfliehen Stramonium. – Sind die Zeichen des Gehirndruckes vorherrschend, wie Schlummersucht, Murmeln, Zähneknirschen und Aufschrecken aus dem Schlafe, dann nützt Hyoscyamus. – Bei plötzlich und sehr stürmisch auftretenden, apoplexieartigen Anfällen mit dem Gefühle, als dehne sich das Gehirn aus, Pulsieren der Schläfearterien, Empfindung wie von Wellenschlag im Kopfe mit Hitze und argem Klopfen bis in den Nacken bei jedem Schritte, ist Glonoinum ein vortreffliches Mittel. – Kongestionen bei Stubensitzern und Gelehrten, durch vieles und anhaltendes Denken verschlimmert, oder bei heftigen, leicht zornigen Personen, Hämorrhoidariern, oder infolge Genusses spirituöser Getränke, beseitigt Nux vomica. – Bei skrofulösen, schlechternährten Kindern mit verdächtiger tuberkulöser Konstitution verabfolgen wir Kalium jodatum, womit wir auch der Entwicklung der Meningitis basilaris vorbeugen.

Kopfkongestionen nach großer freudiger Aufregung und bei Schlaflosigkeit: Coffea; nach Ärger: Chamomilla; nach Schreck: Opium; sollte der Blutandrang nach mechanischer Verletzung, durch einen Fall oder heftigen Schlag entstanden sein, so paßt Arnica. Kommt der Blutandrang nach Anstrengung und jeder schweren Arbeit wieder, so hilft Rhus Toxicodendron, und wenn der Kranke dabei leicht in Schweiß kommt, Mercurius. Kommt der Blutandrang von großer Schwäche her, so hilft China. Bei heftigem Herzklopfen und ängstlicher Brustbeklemmung: Spigelia, Veratrum viride. – Stauungshyperämie beim Keuchhusten: Belladonna, Ipecacuanha oder Opium, Veratrum album. Beim Emphysem: Ipecacuanha oder Phosphorus, Tartarus emeticus, Veratrum album. Bei Halsgeschwülsten: Calcium carbonicum oder Jodum.

Die Kongestionen nach der Lunge haben am häufigsten ihre Ursache in gesteigerter Lungen- und Herztätigkeit bei geistigen und körperlichen Erregungen (Tanzen, Laufen, Genuß von Spirituosen), in leichter Erregbarkeit oder in kollateraler Fluxion bei Embolie, bei Verdichtung des Lungengewebes, stockender Hämorrhoidalblutung, oder sie bilden das erste Stadium entzündlicher Zustände der Lungen.

Die Lungenhyperämie infolge einer Stase, bedingt durch gehemmten Abfluß des Blutes aus der rechten Herzkammer und durch gleichzeitige Überfüllung der Venen, die in das rechte Herz führen, z. B. bei Stenosen oder Insuffizienz der Mitralklappe, stellt sich als venöse Blutstauung dar.

Die Lungenhyperämie kann in Genesung übergehen oder aber in Apoplexie und in Ödem. Das Lungenödem besteht in Transsudation von Serum in die Lungenzellen und in das interstitielle Bindegewebe, so daß dadurch der Luftgehalt der Lungenzellen vermindert, ja fast ganz aufgehoben wird.

Die einfache Hyperämie ohne seröse Transsudation bietet meist keine weiteren Erscheinungen dar als meist allmählich, selten plötzlich eintretende Brustbeklemmung, Druck in der Brust, erschwerte Inspiration, oft von Herzklopfen begleitet. Alle übrigen Erscheinungen erhalten erst ihre richtige Deutung durch den Nachweis eines der Kausalmomente der Lungenhyperämie.

Bei Behandlung dieser Krankheitsform müssen zunächst die veranlassenden Ursachen erforscht werden, dann sind die obwaltenden Symptome und die etwaigen Modifikationen, Aus- und Übergänge der Krankheit zu berücksichtigen.

Aconitum: Lungenhyperämie von erhöhter Herztätigkeit, besonders nach anstrengender Körperbewegung. Schon nach den ersten Gaben wird der Herzschlag ruhiger, Hitze und Röte des Gesichtes nehmen ab. Wir verabfolgen, nach der Heftigkeit des Anfalles, die Gaben in ½- bis 1 stündlicher Wiederholung. – Arnica: Ähnlich wirkend wie Aconitum, besonders wenn die Kongestivzustände von Bewegung in zu großer Kälte oder Hitze veranlaßt worden sind; Stechen in der Brust beim Atmen und Bewegen. – Bryonia: Bei Fluxionen mit beschleunigtem Atem und Stechen in der Brust, besonders nach schnellem Gehen und beim Eintritt in ein warmes Zimmer. Husten mit blutigem Auswurf und Kopfschmerzen von Blutandrang. – Belladonna: Ein sehr verläßliches Mittel, wenn neben der bedeutend vermehrten Herztätigkeit Kopfkongestionen, starkes Pulsieren der Hals- und Schläfearterien und Überempfindlichkeit der Gesichts- und Gehörnerven zugegen sind; bei großer Atemnot mit Druckgefühl auf der Brust, als sollte diese zerspringen. – Veratrum viride: Plötzliche, sehr stürmische Kongestionen nach der Brust mit hochgradiger arterieller Erregung; Herzklopfen, Schwindel, höchste Atemnot mit kaltem Schweiße; vor allem für biliöse Naturen und nach heftigen Gemütsbewegungen. – Arsenicum: Brustbeklemmung mit heftigem Herzklopfen und großer Angst, besonders bei herabgekommenen, blutarmen und schwächlichen Personen. Die Atemnot steigert sich oft bis zum Asthma. Ähnlich Veratrum album. – Fluxionserscheinungen bei Liebhabern geistiger Getränke erfordern Nux vomica oder Opium. – Sehr stürmische Hyperämie erfordert Cactus, Phosphorus, Tartarus emeticus, Ipecacuanha. – Die Lungenhyperämie infolge von Stenosen oder Insuffizienz der Mitralklappe erfordert solche Arzneien, die die Blutzirkulation zu verbessern und die Herztätigkeit zu regeln vermögen, und wir verweisen deshalb auf die im Kapitel »Brustwassersucht« charakterisierten Mittel.

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