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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 121
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Zahnschmerz. Odontalgia

Den Schmerz, den ein Zahn verursachen kann, hat wohl schon jeder empfunden, aber ebenso auch die Hilflosigkeit der Ärzte und ihrer Mittel bei dieser so häufig vorkommenden Krankheit, – alle von Ärzten und Wundermittelfabrikanten angezeigten Essenzen, Mixturen, Pillen, Balsame usw. nützen entweder gar nichts oder nur für kurze Zeit, schaden aber sehr oft durch ihre auch die gesunden Zähne angreifende, ätzende Eigenschaft, z. B. Kreosotum, Nelkenöl. Der höchst lästige, oft zur Verzweiflung bringende Schmerz wird in der Mehrzahl der Fälle hervorgerufen durch Erkältung, Mißbrauch scharfer, saurer oder süßer Speisen, schnelle Abwechslung von kalten und heißen Speisen oder Getränken; oft ist Entzündung der Zahnwurzeln, Verlust des Zahnschmelzes, Erkrankung des Zahnfleisches vorhanden.

Äußerst nachteilig für die Zähne ist der sich mitunter in großen Massen ansetzende Zahnstein. Er löst allmählich das Zahnfleisch von den Zähnen ab, macht sie zunächst locker und verursacht dann ihr Ausfallen; auch ist er nicht selten Ursache sehr üblen Mundgeruches. Seine Entfernung ist daher so schnell wie möglich zu veranlassen.

Beachtenswert sind aber auch noch die in der Neuzeit durch das Mikroskop entdeckten Zahntierchen (Denticolae). Es sind dies zur Klasse der Vibrionen gehörige, parasitische Infusorien, die sich im Munde erzeugen und von sehr lebhafter Bewegung sind. Sie erscheinen als kleine Körper, die durch mehrere aneinandergereihte Kügelchen entstanden.

Ist der Zahn hohl, dann ist zu vermuten, daß Speisereste darin vorhanden sind, die sofort beseitigt werden müssen, da sonst der Zahnnerv gereizt und der Schmerz unterhalten wird. Sind die Zähne schon sehr schlecht und cariös, dann empfehlen wir, sie von einem Zahnarzt behandeln zu lassen.

Bei der Wahl des Mittels ist zunächst zu beachten die Art der Schmerzen, das Verhalten des Zahnes und Zahnfleisches und die Einflüsse, die den Schmerz hervorrufen oder vermindern, z. B. Wärme, Kälte, Essen und Trinken, Berührung des Zahnes, Zimmer- oder Stubenluft, Tageszeit; endlich die begleitenden Symptome von Unruhe, Fieber, Kopfweh usw.

Sehr wichtig für die Behandlung der Zahnschmerzen ist die Unterscheidung nach den ihnen zugrunde liegenden Ursachen. Es gibt nämlich:

Rein nervöse Zahnschmerzen, nach Gemütsbewegungen, bei Hysterischen, in der Entwicklungszeit usf. Sie erfordern: Coffea, Ignatia, Nux vomica, Platinum, Pulsatilla, Spigella; oder Opium, Rhus Toxicodendron, Staphisagria.

Kongestive oder entzündliche Zahnschmerzen, letztere meist bedingt durch Affektionen der Knochenhaut des Zahnes. Die kongestiven, infolge von Blutandrang und zurückgetretenem Hämorrhoidalflusse, bei Unterleibskranken usw. – Hauptmittel sind: Aconitum, Belladonna, China, Nux vomica, Pulsatilla, Sepia oder Bryonia; Mercurius besonders bei entzündlichen Zahnschmerzen.

Rheumatische oder gichtische Zahnschmerzen; die ersteren sitzen mehr in den Muskel- und Nervenpartien, im Zahnfleisch; – der gichtische ist sehr hartnäckig und hat seinen Sitz im Kieferknochen und in der Beinhaut der Wurzel. Hauptmittel bei den rheumatischen Zahnschmerzen sind: Aconitum, Bryonia, Mercurius, Rhus Toxicodendron, Spigelia, Silicea, Sulfur – oder Chamomilla, Nux vomica, Pulsatilla. Bei den gichtischen Zahnschmerzen: Aurum, Bryonia, Colocynthis, Mezereum.

Auf organischer Veränderung (Knochenleiden, Caries) beruhende Zahnschmerzen bei hohlen, cariösen Zähnen. Hierbei versuche man: Antimonium, Kreosotum, Mercurius, Mezereum, Staphisagria, Sulfur, Silicea.

Danach wähle man nun den obwaltenden Symptomen entsprechend:

Antimonium: Außerordentlich heftige, meist zuckende und nagende Schmerzen in cariösen Zähnen; abends im Bett und nach dem Essen, wie auch nach Kaltwassertrinken. Besser in freier Luft. Leicht blutendes Zahnfleisch.

Belladonna: Zahnschmerzen verschiedener Art, besonders in der rechten Seite; Ziehen, Reißen, Schneiden, Stechen mit heißem Gesicht, Backengeschwulst, Trockenheit im Munde mit Durst. Verschlimmerung in freier Luft und durch Berührung, besonders beim Kauen. Kopfschmerzen und Blutandrang nach dem Kopfe, besonders bei jungen, vollblütigen Personen.

Chamomilla: Heftige stechende, ziehende und zuckende Schmerzen bis in die Ohren, meistens von Erkältung; besonders heftig nachts und in der Bettwärme. Verschlimmerung durch kalte oder warme Genüsse, vor allem durch Kaffee. Hitze und Röte der Backe, große Unruhe.

Coffea: Zahnschmerzen zum Rasendwerden, mit Weinen und unruhigem Hin- und Herwerfen. Sehr schwer zu beschreibender Schmerz. – Danach paßt oft Aconitum oder Hyoscyamus.

Kreosotum: Wütend reißende Schmerzen, besonders in hohlen Backenzähnen, bis in die Schläfe ziehend und auch die inneren Teile mit einnehmend. Zahnfleisch wie entzündet.

Mercurius solubilis: Wühlende und reißende, nachts und in der Bettwärme unerträglich werdende Schmerzen, die die ganze Gesichts- und Kopfseite einnehmen, mit Geschwulst der Backe und der Unterkieferdrüsen; Speichelfluß. Stumpfheit der Zähne oder Gefühl von Längersein oder Wackeln. Wurzelhautentzündung und Zahnfleischgeschwüre.

Mezereum: Bohrende, brennende, ziehende Schmerzen, hauptsächlich in angefressenen Zähnen; Stechen und Ziehen bis in die Gesichtsknochen und in die Schläfe; Frösteln und Blutandrang nach dem Kopfe. Gefühl von Stumpfheit oder Längersein der Zähne. Verschlimmerung abends und durch Berührung.

Nux vomica: Zuckendes Ziehen und Stechen in den Zähnen und in den Kinnladen, besonders beim Einziehen kalter Luft, früh im Bett oder abends. Geschwulst am Zahnfleisch. – Bei Personen von heftigem Temperament und bei Liebhabern von Kaffee und geistigen Getränken. Zahnschmerz von Nachtwachen.

Pulsatilla: Ziehendes Nagen, Reißen oder Stechen in den Zähnen, bis in die Augen, Ohren und Schläfe gehend, mit Frostempfindung und Gesichtsblässe; besonders gegen Abend sich einfindende Schmerzen, die durch Stuben- und Bettwärme zunehmen, durch Anwehen kühler Luft sich mindern, durch Kauen nicht verstärkt, wohl aber durch Zahnstochern erregt werden. Ferner bei stechend-wühlenden, anfallsweise kommenden, abends und nachts heftiger werdenden Zahnschmerzen, die die Wärme nicht vertragen.

Spigelia: Ziehen, Reißen oder Klopfen in allen Zähnen des Oberkiefers, besonders in den Vorderzähnen. – Stiche und Reißen in Augen und Ohren.

Charakteristisch ist ein die Krone und Wurzel einzelner Zähne blitzähnlich durchzuckender, bis in den Oberkiefer dringender, heftiger Schmerz, worüber man schreiend zusammenfährt, meist am Tage.

Laue Wärme lindert, Heißes und Kaltes verschlimmert. Zähne gegen kalte Luft empfindlich. Schmerzhafter Druck im Magen.

Staphisagria: Reißen und Ziehen in hohlen Zähnen und in den Wurzeln der gesunden. Nach Essen und Kauen, in freier Luft und durch kaltes Trinken erregt oder vermehrt, durch Wärme gemildert. Vorzugsweise nachts eintretende Zahnschmerzen. Fortwährende Empfindlichkeit der Zähne.

Sulfur: Klopfende, ziehende oder stichähnlich ruckende Schmerzen in hohlen Zähnen. Angeschwollenheit des Zahnfleisches. Große Empfindlichkeit in den Zahnspitzen. Langwierige Zahnschmerzen bei Personen mit skrofulöser Anlage.

Sollte von diesen, bei Zahnschmerzen am häufigsten in Gebrauch kommenden 12 Mitteln keins passend sein, so wähle man unter den folgenden:

Aconitum: Bei von Erkältung verursachtem, klopfendem Zahnweh, meist einseitig, die ganze Kinnlade einnehmend, mit Röte der Backe, Andrang des Blutes nach dem Kopfe, Gesichtshitze, Unruhe.

Arsenicum: Bei periodischem Zahnweh, das meistens Symptom eines verkappten Wechselfiebers ist (wo auch China oft passend ist).

Meist nachts eintretender, zur Verzweiflung bringender Schmerz, der sich durch Liegen auf der kranken Seite: verschlimmert, durch Wärme mindert. Beginnende Lockerheit der Zähne.

Bryonia: Wenn sich der Schmerz bei Bewegung verschlimmert, in der Ruhe bessert und durch Wärme erhöht wird (entgegengesetzt wie Rhus Toxicodendron). – Rheumatisches Zahnweh mit Bedürfnis, sich niederzulegen; Wackeln der Zähne und Gefühl, als wären sie zu lang, besonders beim Essen.

Causticum: Rasendes Zahnweh, besonders von hohlen Backenzähnen ausgehend, besonders rechtsseitig, Gesichtsmuskeln, Augen und Ohren einnehmend.

Hyoscyamus: Unerträglich heftiger, reißender und pulsierender Zahnschmerz, durch kalte Luft erregt, mit sichtbarem und fühlbarem Klopfen an der leidenden Seite des Unterkiefers; Blutandrang nach dem Kopfe mit Röte und Hitze des Gesichtes.

Rhododendron: Durch rauhe und naßkalte Luft und bei Gewitter eintretende oder erhöhte Zahnschmerzen, die in der Ruhe am schlimmsten sind.

Rhus Toxicodendron: Rheumatisches und gichtisches Zahnweh; nächtliches Reißen in den Zähnen, in der Ruhe erhöht, durch Bewegung oder auch durch Wärme gemildert. – Rhus Toxicodendron bildet einen Gegensatz zu Pulsatilla. Auch beseitigt Rhus Toxicodendron oft den Mundgestank von hohlen Zähnen.

Außerdem sind noch zu empfehlen: Arnica, innerlich und äußerlich, nach Zahnoperationen und bei danach entstehenden Blutungen; auch bei drückendem, klopfendem Zahnweh mit harter Geschwulst der Wange.

Hepar sulfuris: Bei Zahngeschwüren, auch mit Mercurius im Wechsel. – Euphorbia: Klopfende, pochende Schmerzen, sehr empfindlicher Abszeß unter dem Augenzahn mit dicker Geschwulst der Backe und roseartiger Entzündung. Soll sich, wie Staphisagria, sehr hilfreich gegen das Abbröckeln der Zähne erweisen. – Ignatia: Bei Zahnweh hysterischer Frauen. –

Wer über die Anzeichen zur Wahl noch Näheres wissen will, sehe im Repertorium nach.

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