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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 116
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Verletzungen. Luxationen. Kontusionen

Wunden werden nach der Art, wie sie entstanden sind, eingeteilt in: 1.  Schnittwunden, die von scharfen, schneidenden Instrumenten, Messern u. dgl., herrühren; 2.  Stichwunden, die durch spitze Instrumente, Nadeln, Dolche usw., verursacht werden, und Stich- und Schnittwunden, veranlaßt durch ein spitzes und zugleich schneidendes Instrument, z. B. ein Dolchmesser; 3.  lacerierte Wunden oder aufgerissene Wunden, die durch unebene und stumpfe Gegenstände entstehen, z. B. durch eine Säge oder einen Stein, oder durch wirkliches Reißen, etwa an einem Haken; 4.  Quetschwunden, bei denen die Haut nicht durchbrochen ist, doch die darunter liegenden Teile durch heftiges Zusammendrücken verletzt worden sind und blau oder schwarz (»blutunterlaufen«) werden; 5.  Schußwunden, durch Kugeln, die in den Körper dringen, veranlaßt. – Außerdem spricht man von vergifteten Wunden, die durch den Biß von Schlangen und anderen giftigen Tieren entstehen.

Bei der Behandlung von Wunden muß die erste Aufgabe sein, namentlich wenn größere Blutgefäße zerrissen wurden, die Blutung zu stillen. Dies geschieht bei leichteren Verletzungen durch Vereinigung der Wundränder mittelst einer festen einfachen Binde, die mit Arnicawasser (12 Tropfen Arnica-Tinktur auf ½ Tassenkopf voll Wasser) befeuchtet wird. – Wenn eine Arterie (Schlagader) getrennt (= verletzt) wurde, was man an dem hellroten und stoßweise, mit jedem Herzschlage hervorspringenden Blute erkennt, so gibt es nur ein Mittel, die Blutung zu stillen: die Arterie zu unterbinden. Übrigens ist hier chirurgische Hilfe unumgänglich nötig. Bis diese kommt, dient zum Stillen des Blutes das Aufdrücken des Fingers auf die blutende Stelle oder Abbinden des Gliedes.

Alle Schnitt- und Stichwunden heilen am schnellsten, wenn man nach guter Vereinigung der Wundränder die Bandage mit Arnicawasser täglich mehrmals befeuchtet. Bei Stichwunden tut man oft sehr gut, die Wunde durch einen Schnitt zu verlängern. Von selbst versteht es sich, daß alle fremden Körper, z. B. Holzsplitter, Glas, Staub und Sand, aus der Wunde zu entfernen sind.

Sobald die Wunde gereinigt und die Ränder möglichst vereinigt worden sind, muß sogleich ihr völliger Verschluß durch sterilen Mull bewerkstelligt werden. Vor dem Auflegen des Mulls wird dieser in reinem Wasser eingeweicht, dem man etwas Arnica-Tinktur zugesetzt hat (auf 4 Eßlöffel voll Wasser etwa 1 Teelöffel von der Tinktur). Die Anwendung der Arnica-Tinktur verhütet den Wundstarrkrampf. Bei Knochenbrüchen wird der gewöhnliche Schienenverband über den Mullverband angelegt. Hauptsache bleibt nur, die Mullgaze nicht zu sparen!

Der Verband darf nur so selten wie möglich geöffnet werden! Bei einfachen Wunden der Weichteile bleibt er so lange liegen, bis die Wunde völlig heil ist. Bei größeren, stark eiternden Wunden wird, im Falle des Durchschlagens des Eiters durch den Verband, immer wieder eine neue dicke Lage Mull aufgelegt und befestigt. Die Gegenwart des Eiters ist zur Heilung größerer Wunden notwendig. Kälte und Eisumschläge müssen unter allen Umständen wegfallen, denn feuchte Wärme ist es, die Wunden und Verletzungen am schnellsten heilt.

Quetschungen und Brauschen vergehen sehr bald, wenn man mit Arnicawasser befeuchtete Gaze darauf legt. Lacerierte Wunden mit bedeutendem Substanzverlust behandelt man mit Calendulawasser (10 Tropfen Calendula-Tinktur auf 1 Eßlöffel voll Wasser), das oft zur Verhütung übler Narbenbildungen sehr schützt; außerdem ist es das beste Mittel nach chirurgischen Eingriffen. Zur Vereinigung tiefer Wunden bedient man sich der Wundklammern, die durch den Arzt angelegt und später entfernt werden. Wundfieber beseitigt Aconitum innerlich, auch im Wechsel mit Arnica.

Bei Stichwunden ist nach Hering das Hauptmittel Hypericum perforatum; auch bei Verletzungen des Rückenmarks und des Nervensystems überhaupt (wie Arnica bei Verletzungen des Muskelgewebes). Besonders ist Hypericum bei Zerreißung, Arnica bei Contusion (Prellung) oder Quetschung der Gewebe in Anwendung zu bringen.

Jede Schnittwunde, wie groß sie auch sei, und jede lacerierte Wunde kann mit Hilfe der Arnicaumschläge fast ohne Eiterung zur Heilung gebracht werden. Auch kann man innerlich Arnica anwenden.

Bei manchen Personen veranlassen die kleinsten Verwundungen Eiterungen und wollen nicht heilen; hier gebe man innerlich Chamomilla oder, reicht diese nicht aus, Hepar sulfuris; wird trotzdem die Stelle geschwürig, Silicea.

Bei Gehirnerschütterung, die durch Schlag oder Fallen auf den Kopf verursacht worden ist und sich durch Betäubung, Bewußtlosigkeit und häufiges Erbrechen, Nasenbluten usw. zu erkennen gibt, wende man äußerlich Arnicaumschläge an und verabfolge auch innerlich das Mittel Arnica. Bei Gefahr einer Gehirnentzündung gebe man Arnica mit Belladonna im Wechsel.

Knochenbrüche und Verletzungen der Knochenhaut heilen durch Symphytumumschläge in sehr kurzer Zeit, nur muß die Bruchstelle zuvor gut geschient worden sein. Zu den Symphytumumschlägen nimmt man 2/3 Wasser und 1/3  Symphytum-Tinktur. Verletzungen der Gelenke, besonders der Füße und Hände, heilen durch Ruta (äußerlich und innerlich zu brauchen).

Conium innerlich (auch äußerlich 4 bis 5 Tropfen auf 2 Eßlöffel voll Wasser) entspricht den Folgen von Druck und Stoß, mit Verdichtung des Zellgewebes; Drüsenverhärtungen infolge von Druck.

Verletzungen durch den Biß giftiger oder wütender Tiere sind lebensgefährlich. Man schnüre sogleich einige Finger breit über der Wunde mit einem Bande o. dgl. fest ab, damit das Gift nicht so leicht von der Wunde zum Herzen gelangt, wasche dann die Wunde gut aus und wende, was die Hauptsache ist, Hitze im Abstande an. Hierzu bedient man sich eines glühenden Eisens, das, sobald es abkühlt, immer durch ein neues ersetzt werden muß, womit ununterbrochen, evtl. stundenlang, fortgefahren wird. Innerlich gebe man Arsenicum oder Belladonna. – Bei Schlangenbiß (d. h. von giftigen Schlangen, die stets in der oberen Kinnlade 2 Zähne haben, die länger und größer sind als die anderen) lasse man den Gebissenen soviel Branntwein wie nur möglich trinken; es ist dies oft das einzige hilfreiche Mittel. Doch muß es sofort angewandt werden, damit der Branntweinrausch früher eintritt, als die durch den Biß verursachten Lähmungserscheinungen. – Dr.  Lacerda empfiehlt als Mittel gegen Schlangenbiß die Einspritzung einer ½ %igen, frisch zubereiteten Lösung von übermangansaurem Kali, die gleich nach der Verletzung erfolgen muß. Auch müssen mehrere solcher Einspritzungen in kurzen Zwischenräumen und an verschiedenen Stellen des verletzten Körperteiles wiederholt werden. Die Manipulation nützt jedoch nichts, wenn das Gift in eine Ader gedrungen ist. Nach Prof.  Kaufmann soll sich die Chromsäure in einer Lösung von 1:100, unmittelbar auf die Wunde angewandt, bewährt haben.

Ein einfaches und sicheres Mittel gegen Schlangenbiß ist in neuester Zeit zufällig entdeckt worden. Dieses Mittel ist Petroleum, sogleich und anhaltend auf die Wunde gebracht. Ist jemand am Finger oder an der Zehe gebissen, so ist es das beste, das gebissene Glied direkt in Petroleum einzutauchen; kann dieses nicht geschehen, so taucht man einen kleinen Lappen in Petroleum und legt ihn auf die Wunde, gießt aber zuweilen etwas nach, damit der Lappen immer voll damit getränkt bleibt.

Ist Rotzgift oder Milzbrandgift in eine Wunde gekommen, so wasche man sie sofort mit Salzwasser aus und gebe innerlich Arsenicum.

Verletzungen durch Verbrennung werden, wenn sie nicht bedeutend sind, mit Umschlägen von warmem Weingeist oder Brennessel-Tinktur behandelt. Haben sich indessen schon Blasen gebildet, so werden diese geöffnet, die Hautlappen mittelst einer Schere beseitigt und ein luftdichter Verband angelegt. Arsenicum oder Causticum, innerlich, beseitigt die Brennschmerzen. In neuerer Zeit sind noch bei Brandwunden empfohlen worden: Collodium, Oleum Ricini und Wismutbrandbinden.

Brandwunden durch Phosphor schmerzen sehr und heilen schwierig, da der in die Wunde gedrungene Phosphor fortfährt, zu oxydieren und durch die entstehende phosphorige Säure die umgebenden Teile reizt. – Das beste Verfahren bei solchen Verbrennungen ist daher, den Phosphor möglichst rasch durch oxydierende Mittel zu entfernen und gleichzeitig die entstehende phosphorige Säure zu beseitigen. Zu diesem Zwecke braucht man die verbrannte Stelle nur in eine schwache Chlorkalklösung, der man noch etwas Kreide und auch wohl etwas Soda zugesetzt hat, zu tauchen. Die Schmerzen lassen sofort nach, und die Wunde heilt ohne starke Eiterung und ohne eine beträchtliche Narbe zu hinterlassen.

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