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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 114
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Stottern, Stammeln. Vocis haesitatio. Vox tremula

Einige Silben und Buchstaben werden unter Zuckungen und Wiederholungen nur schwer ausgesprochen. Wenn dieses Übel, sowie Stummheit, nicht nach mechanischen Störungen oder apoplektischer Zungenlähmung eintritt, beruht es auf psychischer Beeinflussung. Denn das Sprachvermögen ist nicht an Zungen- und andere mechanische Bewegungen allein gebunden, sondern auch noch, und zwar für die Zusammenstellung der einzelnen Laute, einem psychischen Kommando unterstellt, das durch Nervenleitung vom Sensorium ausgeht. Zaghaftigkeit und Ängstlichkeit im Momente des Sprechens erzeugen Stammeln, können aber auch Krampf und dadurch Stottern verursachen.

Es deutet zunächst immer auf mangelhafte, oberflächliche und unregelmäßige Atmung oder auf Zurückhalten der Luft in den Lungen, wodurch beim Sprechen die Laute nicht ausgestoßen werden können. Daher entsteht ein Mißverhältnis zwischen der vom Gehirn aus erfolgenden Erregung und der Tätigkeit der Atmungs- und Sprachorgane, was sich bis zum Krampfe der letzteren steigern kann. Nur in seltenen Fällen ist Krampf der Zunge allein vorhanden (wo dann im Gesange nicht gestottert wird); oder das Stottern entsteht (vorübergehend) durch Gemütsbewegung, Schreck, Zorn, Wut; sehr selten durch Entartung des Gehirns und der Sprachorgane, wo es auch während des Singens bestehen bleibt.

Von Medikamenten werden wir nur in jenen selten vorkommenden Fällen Gebrauch machen, in denen das Stottern auf bloßem Krampfe der Sprachwerkzeuge beruht. So hat z. B. Stramonium in zwei Fällen Vorzügliches geleistet, wo große Verlegenheit beim Sprechen Stottern hervorrief, mit dem Gefühl, als wollte sich die Zunge zwischen die Zähne schieben. Opium: Stottern nach Schreck, mit vergeblichem Haschen nach Worten, die man nicht sofort finden kann. Nux vomica: Man verliert den Faden des Gespräches und weiß nicht mehr, was man sagen wollte. Dieses Mittel hat bekanntlich auch großen Einfluß auf das Kleinhirn und die Rückenmarksnerven. Bei Erschütterung des Hinterkopfes und Rückenmarks durch Schlag und Fall, wo auch, wenn sofort angewandt, Arnica gute Dienste leistet. Überhaupt ist vor dem Schlagen ins Kreuz, wie manche Eltern Kinder zu bestrafen pflegen, sehr zu warnen, da es Stottern zur Folge haben kann. – Kalte Rückenwaschungen, die morgens vorzunehmen sind, wobei außerdem die Kranken tief ein- und ausatmen müssen, sind sehr zu empfehlen. – Hauptsache ist, daß sich der Stotternde daran gewöhnt, vor dem Sprechen tief einzuatmen, beim Sprechen den Atem regelmäßig zu verteilen und weder zu langsam noch zu schnell zu sprechen. Kurz, der Stotternde darf weder mit luftleerer Lunge sprechen, noch darf er beim Sprechen die Luft in der Lunge zurückhalten. Wie nämlich ein Orgelspieler keinen Ton dem Instrument zu entlocken vermag, wenn nicht Luft durch die Pfeifen getrieben wird, so kann auch der Sprechende keinen Laut ausstoßen, wenn nicht Luft der Lunge entströmt.

In einer Sitzung der Bostoner naturwissenschaftlichen Gesellschaft schlug Dr.  Warren eine einfache Kurmethode gegen das Stottern vor. Sie besteht darin, daß bei dem Aussprechen jeder Silbe ein Schlag mit dem Finger gemacht werde. Diese Methode gewährt jedoch, abgesehen von dem nicht in allen Fällen durchführbaren und auch abgeschmackt aussehenden Taktschlagen, keine gründliche Heilung des Übels, und dem Stotternden ist dadurch nur wenig geholfen. Herr D.  Tenweges aus Burgsteinfurt (Westfalen), der den Stotternden Unterricht im Sprechen erteilt und selbst an diesem Übel litt, befolgt eine allen Stotternden sehr zu empfehlende Heilmethode, deren Hauptsätze wir hier kurz zusammenfassen wollen.

1. Langsam ein- und ausatmen, und zwar durch den geöffneten Mund. 2. Man setze die erste Silbe gedehnt an und spreche die nachfolgenden Worte nach und nach schneller aus. 3. Beim Sprechen vermeide man jegliche Körperbewegung. 4. Bei den Lippenlauten b, p, m spreche man ohne Anstrengung der Lippen. 5. Sobald sich das Stottern bemerkbar macht, so halte man mit dem Sprechen sofort ein und lasse die Luft, mit der man gestottert hat, ausströmen, hole wieder ruhig Atem und fange dann mit dem gestotterten Worte wieder an.

Wir fanden Gelegenheit, mehreren Unterrichtsstunden beizuwohnen und uns von der Realität und dem Werte dieses höchst praktischen Verfahrens zu überzeugen.

Endlich müssen wir noch auf die hypnotische Suggestion aufmerksam machen, die sich oft vorzüglich bewährt hat.

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