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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 112
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Seekrankheit. Nausea marina

Es ist dies eine höchst unangenehme, wiewohl in den meisten Fällen ohne Gefahr vorübergehende Krankheit. Wenn die Seekrankheit aber lange anhält, so kann sie böse Folgen haben, sie kann zur Entwicklung organischer Krankheiten führen; so sah man Anschwellungen der Milz, der Leber und des Pförtners zunehmen, die Gastritis kann unter ihrem Einflüsse eine beunruhigende Gestalt annehmen; dagegen sah man Anorexie (Appetitlosigkeit) und Hypochondrie durch die Seekrankheit sich bessern und selbst ganz heilen. Es gibt Leute, die gar nicht davon befallen werden, andere, die, wenn sie auch 20mal aufs Meer kommen, ebensooft davon ergriffen werden.

Die Krankheit besteht in unaussprechlichem Wehgefühl, Brechreiz und Kopfweh, mit einer sonderbaren Scheu, auf den Wasserspiegel zu blicken, und wird erzeugt durch die gleichförmige, schaukelnde Bewegung des Schiffes; und das um so mehr, wenn zu der natürlichen Bewegung noch, wie auf Dampfschiffen, eine künstliche, stoßende Bewegung hinzutritt. Die Krankheit benimmt den Appetit, lähmt die Glieder, erzeugt eine völlige Gleichgültigkeit gegen alles, ja sie kann einen Grad erreichen, daß man nichts sehnlicher wünscht, als zu sterben, und dennoch – gewiß nicht stirbt! Nur bei Personen, die sehr schwächlich oder außerdem mit einer Krankheit behaftet sind, kann das Hinzutreten dieser Krankheit bedenklich werden. Bei den einen dauert die Krankheit ein paar Stunden, bei anderen beinahe während der ganzen Seereise, bis sie den Fuß wieder auf das feste Land setzen. Ebenso verschieden sind die Ratschläge, die man zur Verhütung der Krankheit erteilt; die einen raten, nichts zu essen, bis man an den Aufenthalt auf dem schwankenden Boden gewöhnt sei, andere, man solle tüchtig essen; wieder andere, man solle den Unterleib fest umbinden u. dgl. Das Richtige ist, auf jede Weise dem Magen sein Recht zu lassen: nicht zu wenig zu essen, damit er nicht leer wird, nicht zu viel, damit er nicht beschwert ist; ein wenig Wein zu trinken, schleimige Getränke, besonders Hafergrützschleim zu genießen, aber Branntwein, Bier und Rauchen zu meiden.

Als Vorbeugemittel empfiehlt Andrieux denen, die zum ersten Male zur See gehen, daß sie ihren Aufenthalt in der freien Luft und auf der Mitte des Schiffes nehmen, und wenn sie gegen das Übel kämpfen wollen, so sollen sie sich nicht legen, sondern vielmehr längs der Mittellinie des Schiffes langsam von einem Schiffsende zum andern spazieren und das Hinsehen auf die Wasserfläche vermeiden. Ferner empfiehlt er, vor der Einschiffung zu essen, schon deswegen, weil das noch unverdaute Essen das Erbrechen sehr erleichtert. Solchen, die nur vorübergehend auf dem Meere reisen, denen rät er, die wagerechte Lage so wenig als möglich zu verlassen. – Zu bemerken ist noch, daß man auf Dampfschiffen der Seekrankheit, trotz der kürzeren Fahrt, mehr ausgesetzt ist, als auf Segelschiffen, weil die Bewegung der Räder und der Schraube das Schwanken des Schiffes bedeutend vermehrt.

Bei Leuten, die das Fahren und Schaukeln überhaupt nicht vertragen können, besonders bei Frauen, scheinen Cocculus und Apomorphinum in vielen Fällen bewährte Mittel zu sein; auch bei großer Empfindlichkeit der Geruchsnerven. – Bei unerträglicher Angst mit Herzklopfen und kalten Schweißen auf der Stirn, verfallenem Gesicht, durchfälligen Stühlen usw. empfiehlt sich Arsenicum. – Bei Blutandrang nach dem Kopfe, Herzklopfen, Brechwürgen und Apathie hat sich in vielen Fällen Hyoscyamus bewährt. – Bei bedeutenden Kopfkongestionen mit Pulsieren in den Schläfenarterien und Weichlichkeitsgefühl in der Herzgrube empfiehlt Dr.  Hering Glonoinum. – Nach unseren Erfahrungen hat sich sehr oft Tabacum, in stündlichen Gaben, bewährt, besonders bei Brechwürgen mit großer Angst, Zittern der Gliedmaßen, kalten Stirnschweißen, verfallenen Gesichtszügen und gänzlicher Teilnahmlosigkeit. Das Anlegen einer heißen Stirnbinde wirkt oft sehr wohltätig. Meyer empfiehlt eine Mischung von gleichen Teilen Cocculus D4, Ipecacuanha D4 und Petroleum D3, von der etwa 2 Tage vor der Reise 2stündlich, am Tage vorher 1½stündlich und am Reisetag stündlich 5 Tropfen nehmen läßt. (Allgemeine Homöopathische Zeitung, Band 158, 1910, Seite 377.)

Nichts erleichtert das Erbrechen mehr, als Oliven- und Mandelöl, etwa 1 Eßlöffel auf die Gabe. Landerer hat gegen die Seekrankheit als Spezifikum das Chloroform kennengelernt; 10 bis 12 Tropfen, in Wasser genommen, stillen den Brechreiz.

Der beste Rat bei dieser Krankheit ist: 1. fleißiger Aufenthalt in der freien Luft auf dem Verdecke; 2. möglichst wenig sich nachzugeben; 3. fortwährend nach der Diät zu leben, endlich 4. Geduld.

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