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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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a) Augenentzündungen. Ophthalmien

Mit der Benennung Ophthalmia bezeichnete man früher alle Entzündungen des Augapfels, sowohl die oberflächlich als auch tief sitzenden. Doch hat man in der Neuzeit verschiedene Arten dieser Entzündungen kennen und unterscheiden gelernt. Viele sind nur verschiedene Grade ein und derselben Krankheitsform. Hier sprechen wir hauptsächlich nur von den die Bindehaut, d. h. die Conjunctiva betreffenden Entzündungen und unterscheiden eine einfach katarrhalische, diphtherische, trachomatöse oder ägyptische und skrofulöse Bindehautentzündung. Diese Einteilung ist nun freilich eine ziemlich willkürliche und auch sehr mangelhafte.

Ehe man zur Behandlung schreitet, muß das Auge genau untersucht werden, ob nicht vielleicht Augenwimpern, Sandsteinchen oder andere fremde Körper im Auge die Entzündung veranlassen. Dergleichen Körper sitzen oft ganz tief an der Basis des Augapfels in einer kleinen Falte der durch chronische Entzündung aufgelockerten Bindehaut. – In solchem Falle kann man nie auf eine Besserung rechnen, ehe nicht der fremde Gegenstand entfernt worden ist.

Bezüglich der erwähnten verschiedenen pathologischen Arten der die Bindehaut des Auges betreffenden Entzündungen besprechen wir hier zunächst:

Die katarrhalische Augenentzündung, Conjunctivitis catarrhalis. Rötliche Färbung der inneren Lidfläche mit dem Gefühl, als wäre Sand in den Augen. Bei fortschreitender Krankheit teilt sich die Entzündung auch der Conjunctiva bulbi, der Bindehaut des Augapfels, mit; daher rotaderiges Aussehen des Augenweißen. Dem oft anfänglich vorhandenen Trockenheitsgefühl folgen häufiger Tränenfluß und vermehrte Sekretion der Bindehaut, Schwere der Lider und Lichtempfindlichkeit. Verschlimmerung meist abends und in der Kälte. – Bei der chronischen Bindehautentzündung sehen die Lidränder rot und geschwollen aus, sind zuweilen wund, rissig und mit Krusten bedeckt. Die subjektiven Symptome sind nur gradweise von der akuten Form verschieden. Die Behandlung richtet sich nach den Ursachen der Entzündung. Man besichtige genau das Auge und entferne etwa eingedrungene Fremdkörper aus ihm. Feuchtwarme Umschläge werden oft gut vertragen, mitunter bessern aber auch kalte Auflagen. – Aconitum bewährt sich, wenn Zugluft und Erkältung die Ursachen der Entzündung waren oder wenn Fremdkörper ins Auge gekommen sind. Auch bei sehr heftigen Schmerzen im Auge, Trockenheitsgefühl, Brennen und Hitze mit bedeutendem Blutandrange und Entzündung der stark geröteten Bindehaut. Wir verabfolgen von diesem Mittel 1- bis 2stündlich 1 Gabe. – Belladonna in gleicher Weise bei Entzündungen höheren Grades, bedeutender Hyperämie der Conjunctiva mit Ödem, großer Trockenheit, heftigem Kopfweh mit großer Lichtscheu und stark geschwollenen, roten Lidern. – Bei noch bedeutenderem Ödem, besonders des oberen Lides, und durchschießenden, stechend-brennenden Schmerzen des Augapfels und heißem Tränenflusse geben wir Apis oder Apisinum. – In ähnlichen Fällen, bei sehr starker Anschwellung der Lider, namentlich der unteren Lider, wundmachendem Tränenfluß und brennenden, besonders nächtlichen Schmerzen: Arsenicum. – Hingegen paßt Euphrasia, wenn sich Knötchen oder Pusteln am Hornhautrande bilden, bei heftigem, brennendem Tränenfluß oder bei sezernierenden, stark geschwollenen, juckend-brennenden Augenlidrändern. Oft haben wir auch mit gutem Erfolge dieses Mittel als Umschlag auf das Auge appliziert. – Mercurius solubilis (Verreibung), in 1- bis 2stündlicher Wiederholung der Gabe, ist sehr wichtig, wenn die Conjunctiva stark gerötet ist, mit ziemlicher Lichtscheu und profusem, wundmachendem Tränenfluß. Die Schmerzen verschlimmern sich nachts. – Ferner verdient auch Hepar sulfuris Berücksichtigung; denn das Mittel ist nicht nur bei skrofulöser, sondern auch bei katarrhalischer Conjunctivitis äußerst wichtig und hat bezüglich der Symptome mit Euphrasia viel Ähnlichkeit. – Pulsatilla paßt besonders bei Augenentzündung von Erkältung und nach Masern. Viel Tränenfluß und Sekretion; Lichtscheu und Schmerzen abends.– Rhus Toxicodendron: Bei Augenentzündung durch Baden oder Erkältung im Nassen. – Arnica ist von sehr großem Nutzen bei Entzündung der Augen durch Verletzung. – Calcium carbonicum: Augenentzündung infolge Arbeiten im Wasser, heiße Augen mit der Empfindung von Sand darin.

Die Conjunctivitis diphtherica. Eine der gefährlichsten Erkrankungen der Augen; daher nur durch sorgfältige Behandlung des Spezialisten der Heilung entgegenzuführen. Sie wird durch den Diphtheriebazillus herbeigeführt und verursacht am Auge Veränderungen sehr verschiedenen Grades. Das eine Mal sehen wir das Bild der eigentlichen Diphtherie mit starken Entzündungserscheinungen, Schwellung der Lider, tiefgehender Infiltration der Schleimhaut, die oft teilweise nekrotisch zugrunde geht. Das andere Mal tritt der Prozeß unter dem Bilde der kruppösen Entzündung auf, wobei die Exsudation auf die Fläche der Schleimhaut stattfindet. Die sich bildende Membran läßt sich mehr oder weniger leicht abheben, bildet sich aber oft tagelang wieder. – Sowohl bei der kruppösen wie bei der diphtherischen Form der Entzündung wechselt das Bild wieder nach Intensität und Ausbreitung. Oft geht die Infiltration der Schleimhaut auf den Bulbus über, wobei auch leicht die Hornhaut ergriffen wird, die durch geschwürigen Zerfall Erblindung herbeiführt.

Die ägyptische, granulöse oder trachomatöse Augenentzündung (Trachom, Conjunctivitis trachomatosa) trägt ihren Namen von jenem Lande, in dem sie am häufigsten vorkommt. Sie wird durch bestimmte Mikrokokken hervorgerufen und ist mit Bildung kleinzelliger Infiltrationen (granula, Körnchen) verbunden, die weiterhin narbig schrumpfen. Die Krankheit ist äußerst ansteckend und durch Handtücher, Waschwasser u. dgl. auf andere Personen übertragbar, namentlich wenn Sekret vorhanden ist. Dieses hat oft eitrigen Charakter, besonders wenn der Prozeß akut auftritt. Oft hat aber die meist jahrelang sich hinziehende Erkrankung, die wegen ihrer ansteckenden Natur meist beide Augen ergreift, chronischen Verlauf und liefert dann wenig oder gar kein Sekret. Immer wird, wenn sich die Krankheit deutlich entwickelt hat, die Bindehaut der Lider uneben, rauh (daher Trachom), verdickt. Die Behandlung durch einen Spezialisten ist auch hier unbedingt erforderlich.

Die skrofulöse Augenentzündung, die bei skrofulösen Individuen vorkommt und sowohl die Augapfelbindehaut als auch die Augenlider ergreifen kann, verbunden mit Lidanschwellungen, Lichtscheu, Brennen und Stechen in den Augen, Tränen oder Zuschwären, erfordert Sulfur als Heilmittel, das auch da gute Dienste tut, wo sich Hornhautflecke und pannöse Trübung der Hornhaut vorfinden. – Wir verabfolgen dieses Mittel im Wechsel mit Belladonna mehrere Wochen hindurch. Bessert sich nach etwa 3 bis 4 Wochen die Entzündung nicht bedeutend, dann geben wir Apis oder Ipecacuanha und verabfolgen diese Mittel ununterbrochen so lange, bis sich die Röte der Bindehaut vollständig verloren hat. Ist die Röte nicht bedeutend, dann geben wir statt Belladonna besser Aconitum. Außer Sulfur verdienen noch bei der skrofulösen Augenentzündung Aethiops antimonialis, Arsenicum, Calcium carbonicum, Hepar sulfuris, Jodum, Natrium muriaticum und andere unten näher charakterisierte Mittel Beachtung. Mit Ausnahme von Calcium carbonicum kann man diese Mittel, besonders Hepar sulfuris, Jodum, in tieferen Potenzen verabfolgen. Mercurius corrosivus haben wir oft in der erethischen Form höchst wirksam gefunden.

Die mit der skrofulösen Augenentzündung oft vergesellschaftete, höchst lästige Lichtscheu beseitigt am besten Aconitum, nach dem Vorgebrauch von Sulfur; und tritt diese als wirklicher Augenlidkrampf auf: Belladonna oder Gelsemium. Ferner sind noch Acidum nitricum, Conium, Ipecacuanha und Pulsatilla zu beachten. Man vergleiche die auf den folgenden Seiten aufgeführten Symptome dieser Mittel.

Nicht selten bilden sich bei der skrofulösen Augenentzündung Bläschen oder Phlyktänen, d. h. kleine rundliche Infiltrationen der Augapfelbindehaut, nahe dem Hornhautrande, die in milden Fällen, nach oberflächlicher Geschwürbildung, mit Hinterlassung einer Trübung heilen und meist von einer Hornhautentzündung (Keratitis phlyktaenulosa) begleitet sind, während in schweren Fällen die Hornhaut perforiert werden kann. Die DDr.  Norton und Jousset empfehlen Ipecacuanha als vorzügliches Mittel gegen pustulöse Conjunctivitis, bei Röte, Tränenfluß und Schmerzen, sowie auch bei Lichtscheu, die in verschiedenen Graden, aber oft sehr bedeutend variiert; es bewährt sich neben Kalium bichromicum hierbei als wahres Spezifikum. Es paßt sowohl bei Phlyktänen als auch bei Geschwürbildung auf der Conjunctiva und auf der Cornea, wie beide Ärzte erprobt haben. – Außerdem verdienen Beachtung: Acidum nitricum, Apis, Calcium carbonicum, Hepar sulfuris, Mercurius corrosivus, Sulfur. Ist jedoch das Auge mit Höllenstein mißhandelt worden, dann verabfolgen wir zuerst Natrium muriaticum; desgleichen auch bei Hornhautgeschwüren, sehr starker Lichtscheu und Tränenfluß. Bei sehr vorwärtsgeschrittener perniziöser Hornhautentzündung, selbst in den hartnäckigsten Fällen und bösartigsten Formen, hilft oft noch Aurum. – Immer aber denke man bei Augenleiden daran, möglichst bald die Hilfe eines Spezialisten in Anspruch zu nehmen.

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