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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 106
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Schlagfluß. Apoplexia cerebri

Diese gefährliche, oft schnell tödliche Erscheinung äußert sich durch plötzlichen Verlust des Bewußtseins, aller Empfindungen und willkürlichen Bewegungen, mit fortdauerndem Blutumlaufe bei oft erschwertem, schnarchendem Atmen. Ist noch ein schwaches Bewußtsein vorhanden und finden noch willkürliche Bewegungen statt, so ist dies ein unvollständiger Schlagfluß (Parapoplexia). – Die häufigste Ursache ist Bluterguß in die Hirnhöhle durch Zerreißung von Blutgefäßen oder Erguß seröser, schleimiger, eiteriger Flüssigkeit (Apoplexia serosa); oft sind auch organische Fehler des Gehirns, des Herzens, Rückenmarkslähmung und Anomalien anderer Organe die Ursache.

Die gewöhnlich dem höheren Lebensalter, sowie der Fettleibigkeit (wegen der Verfettung der Hirngefäßwände) zukommende Gehirnblutung entsteht entweder durch Erkrankungen der Gefäßwände, wodurch diese morscher und zerreißbarer werden, besonders wenn in ihnen Blutüberfüllung durch gehemmten Rück- oder Zufluß des Blutes zum Gehirn zustande kommt, oder durch mechanische Hindernisse, die den Rückfluß des Blutes vom Gehirn stören (Gerinnselbildungen in den Venen, Herz- und Lungenleiden oder sonstige Umstände, die eine hochgradige Hyperämie veranlassen können), endlich durch Erkrankungen der Hirnsubstanz (wie Entzündung, Erweichung, Geschwülste), die in ihrer nächsten Umgebung sehr häufig Extravasate (Blutergüsse) zeigen. – Der Sitz der Apoplexie ist gewöhnlich das Großhirn; selten findet sich die Blutung im Kleinhirn, noch seltener in anderen Partien.

Der Schlagfluß kann plötzlich erscheinen, aber auch Vorboten haben, die ihn jedoch nicht verläßlich ankündigen, besonders Schwindel, Vergeßlichkeit, Müdigkeit, Funkensehen, Ohrensausen. Diese Vorboten dauern oft nur wenige Tage, in manchen Fällen allerdings auch Jahre, mit abwechselnder Heftigkeit, werden aber am stärksten kurz vor dem Anfalle, der immer mit einer pathologischen Anomalie der Zunge anfängt. – Der Anfall selbst beginnt in einigen Fällen mit Kopfschmerzen, Angst, Kribbeln in der Stirn, Ziehen im Nacken und Stottern. Plötzlich hören dann Bewußtsein, Empfindlichkeit, die Verrichtungen des Verstandes und die willkürlichen Bewegungen der Glieder auf, die Augen sind starr oder geschlossen, manchmal Zuckungen der einen und Lähmung der anderen Seite des Körpers; der Puls ist schwach, klein, langsam, manchmal auch aussetzend, wie auch der Atem. Der Anfall kann zuweilen in wenigen Minuten oder Stunden, manchmal Tagen, tödlich enden, teils durch umfängliche Zertrümmerung der Hirnsubstanz, teils durch Gehirndruck. Tritt der Tod einige Zeit nach der Blutung ein, dann hat sich entweder die Apoplexie wiederholt oder die im Umkreise des Blutungsherdes eintretenden Erkrankungen tragen die Schuld. Bei capillären Apoplexien kann vollständige Heilung durch Aufsaugung des ausgetretenen Blutes eintreten; apoplektische Herde können mit Hinterlassung der apoplektischen Cyste oder Narbe heilen, wo sich beim Patienten dann die halbseitige Lähmung mehr oder weniger verliert.

Die nach Schlagfluß zurückbleibenden Lähmungen bessern sich gewöhnlich nur langsam, oft gar nicht. Am schnellsten bessern sich die Lähmungen der Augen-, Gehör- und Gesichtsnerven, des Facialis und des N. vagus, langsamer die Lähmungen der Zunge und der unteren Extremitäten, am langsamsten die Lähmungen der oberen Gliedmaßen. Oft bleibt Verstandes- und Gedächtnisschwäche zurück. Wiederholungen des Anfalles oft nach Jahren, sogar nach Monaten und Wochen, sind stets zu befürchten.

Körperliche Anlage zum Schlagfluß haben Personen mit großem Kopfe und aufgetriebenen Schläfeadern, dickem, untersetztem Körper, breitem Brustkorbe und kurzem Halse (sog. apoplektischer Habitus). Sie leiden oft an Blutwallungen, Schwindel, Ohrenklingen und Flimmern vor den Augen bei hohem Blutdruck. – Solchen Personen ist Mäßigkeit im Essen und Trinken (Bier und alkoholische Getränke sind ganz zu meiden), in der Bewegung und Ruhe, im Wachen und Schlafen, überhaupt eine regelmäßige Lebensweise anzuraten. Ebenso sind alle Gemütsbewegungen sorgfältig zu vermeiden und fest anliegende, den Blutumlauf hemmende Kleidungsstücke abzulegen. Die Lage des Kopfes im Schlafe sei etwas erhöht. Endlich wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß eine streng vegetarische Kost für zu Schlagflüssen geneigte Personen die zuträglichste und empfehlenswerteste ist. Fleischkost erzeugt brüchige und leicht zerreißbare Blutgefäßwandungen und begünstigt daher neue Anfälle.

Leichenöffnungen der am Schlagflusse Verschiedenen weisen die Veränderungen meist in der den gelähmten Teilen gegenüberstehenden Gehirnhälfte auf.

Die Homöopathie bedient sich bei Behandlung des Schlagflusses in der Hauptsache innerlicher Mittel.

Unter den homöopathischen Mitteln haben sich vor allem bewährt:

Arnica: Neben Belladonna ist dieses Mittel besonders bei Leuten zu empfehlen, die schon leichte apoplektische Anfälle gehabt haben, in deren Folge Erweiterungen und Dünnerwerden der Gefäßwandungen zu vermuten sind, was zu neuen Anfällen geneigt macht. Bei solchen Personen tritt nach jeder Aufregung, Körper- oder Geistesanstrengung Blutandrang nach dem Gehirn ein, begleitet von Ohrensausen, Schwindel und Gedächtnisschwäche. Leistet oft gute Dienste zur Aufsaugung kleiner Blutaustritte im Hirn nach Schlagfluß. – Im Anfalle selbst geben wir von diesem oder einem sonst passenden Mittel eine Gabe und machen auf den Kopf kalte Umschläge.

Baryum: Vorzüglich im höheren Alter, bei außerordentlicher Mattigkeit und Schwäche in allen Körperteilen; Blutwallungen nach Kopf und Brust. Gefühl von Ameisenlaufen in den Extremitäten. Lähmung der Oberglieder, besonders des rechten Armes.

Belladonna: Gehirnkongestionen bei vollblütigen Personen mit aufgetriebenen Schläfeadern und rotem Gesicht. Den Anfällen gehen gewöhnlich Vorboten voraus, z. B. Schwindel, Gesichtsverdunkelung und Kopfschmerz. – Dieses Mittel verdient, wie auch Hyoscyamus, die größte Berücksichtigung, wenn nach Schlagflüssen Lähmung der Zunge zurückbleibt.

China: Bei schwachen, sehr herabgekommenen, anämischen Personen, mit Neigung zu Gehirnkongestionen. Wo infolge allgemeiner Schwächeverhältnisse ein Dünnerwerden der Gefäßwandungen vorhanden ist und ein Zerreißen dieser Wandungen befürchtet werden kann. In ähnlichen Fällen: Arsenicum, besonders bei alten Leuten, bei großer Schwäche aller organischen Funktionen.

Glonoinum: Äußert eine ganz bedeutende Wirkung bei Blutwallungen nach dem Gehirn; bei Personen, die schon leichte apoplektische Anfälle gehabt haben, mit Pulsieren in den Schläfearterien, Schwindel und anderen Zeichen der Gehirnhyperämie. Auch bei Insuffizienz der Aortenklappen. Es ist in allen den Fällen der Belladonna vorzuziehen, wo die Patienten über ein Glucksen oder Schwappen im Gehirn klagen, das besonders durch starke Kopfbewegungen gesteigert wird. Haben Personen mit apoplektischem Habitus neben den genannten Symptomen einen sehr festen nächtlichen Schlaf, aus dem sie, auch selbst durch laute Geräusche, nur schwer erwachen, und schnarchen sie sehr laut, dann verdient Opium in oft zu wiederholenden Gaben den Vorzug vor sämtlichen hier genannten Mitteln. Es verhütet neben Glonoinum sehr häufig die Rückfälle.

Nux vomica: Besonders bei Trinkern, Hämorrhoidariern, nach Diätfehlern. Den Anfällen geht oft Schwindel mit Kopfweh und Ohrensausen voraus. Bei Lähmung der Schlingorgane und der unteren Extremitäten mit Kälte und Gefühllosigkeit.

Opium: Gehirnhypertrophie, besonders bei bejahrten Leuten oder bei Trinkern; vor dem Anfalle: Schwindel, Schlaflosigkeit, Blutwallungen und allgemeine Hitze. Im Anfalle: Starrkrampf oder Konvulsionen der Glieder mit Schaum vor dem Munde; Pulsieren der Schläfearterien, Kopfkongestionen, Lichtscheu, erweiterte Pupille; schnarchender, langsamer Atem, Kälte der Extremitäten, voller Puls.

Phosphorus: Er beseitigt am schnellsten bei Emphysematikern oder bei drohendem Lungenödem den Blutandrang nach dem Gehirn und verhütet somit die mögliche Gefahr einer Gehirnblutung.

Tartarus emeticus: Wenn Bewußtlosigkeit, rasselnder Atem, Erstickungsgefahr vorhanden sind. Befördert, wie Arnica, die Aufsaugung kleiner Blutaustritte im Gehirn.

Gegen die Lähmungen, die oft nach einem Schlagflusse zurückbleiben: Arnica, Belladonna, Causticum, Cocculus, Kalium phosphoricum, Nux vomica, Plumbum, Rhus Toxicodendron, Sulfur, Zincum. Vgl. Lähmungen.

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