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Handbuch der Homöopathie

Adolph von Gerhardt: Handbuch der Homöopathie - Kapitel 103
Quellenangabe
typetractate
authorAdolph von Gerhardt
titleHandbuch der Homöopathie
publisherVerlag Dr. Willmar Schwabe
printrunZwölfte, vollständig neu bearbeitete Auflage
year1929
firstpub1869
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141110
projectid9f902f02
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Säuferbeschwerden

Die Erscheinungen, die der übermäßige Genuß alkoholischer Getränke, Bier, Wein, Rum, Branntwein usw., hervorruft, sind in ihrem niederen Grade unter dem Namen »Rausch« bekannt. Sie äußern sich, je nach der genossenen Quantität und relativen Empfänglichkeit, bald als Gefühl allgemeinen körperlichen und geistigen Wohlbehagens, als heitere, fröhliche Stimmung, bald als vollständige Berauschung. Diese besteht im wesentlichen in einer eigentümlich gestörten Funktion der Zentralorgane des Nervensystems, besonders aber des Gehirns, und stellt gleichsam einen höheren Grad der oben geschilderten Wirkungserscheinungen dar. Je nach der Individualität des Betrunkenen äußert sich der Rausch auf ziemlich verschiedene Weise. Bei höheren Graden der Wirkung kommt es zu wirklichen Delirien, Wutanfällen, Unfähigkeit, die willkürlichen Muskeln in gehöriger Weise zu behandeln. Häufig entleert der Magen das Genossene, entweder weil er überfüllt ist, oder weil er vom Gehirn aus dazu angeregt wird. In den höchsten Graden können Betäubung und Schlagfluß eintreten.

Ist nach vorübergegangener Aufregung ein Zustand der Depression eingetreten und der Trunkene in Schlaf gesunken, so erwacht er meist in dem famosen Zustande, der unter dem Namen »Katzenjammer« bekannt ist: Kopfschmerz, besonders in der Stirn- und Hinterhauptsgegend, Mattigkeit, Unlust zu geistiger Arbeit, übler Geschmack im Munde, Übelkeit, zuweilen Erbrechen.

Die Unsitte, nach Ärger Wein usw. zu trinken, führt oft zu Geistesstörungen. Das schon durch den Ärger vergiftete und zur Ernährung des Nervensystems ungeeignete Blut wird durch die Aufregung mittelst des Genusses spirituöser Getränke noch rascher dem Gehirn zugeführt, und indem die Erregung der Nerven zur Wiederholung des schädlichen Genusses einladet, erneut sich die verderbliche Wirkung.

Wird der Genuß alkoholischer Getränke, namentlich des Branntweins, zur Leidenschaft und Gewohnheit, so folgen die Erscheinungen chronischer Alkoholvergiftung, die sog. Säuferdyskrasie: chronische Katarrhe der gesamten Schleimhaut, Rachen-, Magen- und Darmkatarrhe, Fettleber und Lebercirrhose, hämorrhagische Erosionen (Blutergüsse), Herzverfettung. Auch zu den Nieren hat der Alkohol spezifische Beziehung; er bringt hier häufig die Brightsche Krankheit zustande. Besonders treten in den Gebieten der Nervenzentren, die die Bewegung leiten, Störungen ein; es zeigen sich Muskelzittern und Muskelschwäche. Endlich hat man bei Säufern atheromatöse Ablagerungen in den Arterien gefunden.

Der eigentümliche Habitus, den man den der Säufer nennt, spricht sich aus durch ein gedunsenes, bleiches oder von erweiterten Gefäßästen durchzogenes bläulichrotes Gesicht; namentlich ist die Nase kupferig (Akne rosacea). Die psychischen Funktionen leiden; das Auge verliert sein geistiges Licht, wird matt; Gedächtnis und Urteilsvermögen werden schwach. – Wird ein Säufer von einer Krankheit befallen, die nicht unmittelbar dem Säuferleben zuzuschreiben ist, dann entwickelt sich eine Anzahl von nervösen und psychischen Störungen, die man als Delirium tremens bezeichnet.

Die Kranken sind außerordentlich aufgeregt, toben und wüten; der Ausdruck des Gesichtes zeigt große Unruhe und Angst. Der Schlaf ist unruhig, mit vielen schreckhaften Träumen verbunden, die die Patienten für Wirklichkeit halten. Die Delirien drehen sich meistens um die gewohnten häuslichen Beschäftigungen, mit Furcht vor Einbruch, Dieben und Gespenstern. Die Kranken glauben sich von kleinen Tieren umgeben und meinen Spinnen, Mäuse, Katzen u. dgl. Tiere zu sehen. Dabei große Redseligkeit, Lachen, Pfeifen, Singen und Schreien. Die Stimme ist lallend; Unempfindlichkeit gegen Kälte und äußere Einflüsse; fieberhafter Zustand, sehr reichliche Schweiße. – Bei zu beobachtender nötiger Vorsicht sind alle direkten Zwangsmittel zu vermeiden.

Bei mäßigem Rausche tun ein paar Gläser frischen Wassers oder 1 Tasse schwarzen Bohnenkaffees und Spaziergang im Freien, wenn es nicht sehr kalt ist (denn die Kälte befördert die Kongestionen nach inneren Organen, namentlich nach dem Gehirn, und vermehrt dadurch die Betäubung), vortreffliche Dienste. Gegen die Kopfeingenommenheit, Übelkeit und Brecherlichkeit leistet Nux vomica gute Dienste; auch beugt dieses Mittel dem sog. Katzenjammer vor. Es nützt gegen die meisten Beschwerden von Rausch, vorzüglich bei Übelkeit und Brecherlichkeit, drückendem Kopfweh und Eingenommenheit des Sensoriums, und ist neben Arsenicum eins der wirksamsten Mittel gegen die bei Gewohnheitssäufern stets vorkommenden Magenkatarrhe. – Bei heftigem Blutandrange gegen den Kopf, rotem Gesicht und bedeutender Aufgeregtheit: Belladonna. – Bei vorwaltenden Magenaffektionen, Brechdurchfällen, Schleimrasseln auf der Brust, Beängstigung und Unruhe mit Hirnkongestionen oder bei schlafsüchtigen Zuständen, nützt Tartarus emeticus. – Bei Aufgeregtheit und Schlaflosigkeit nach Weinrausch, besonders bei Kindern, reiche man einige Teelöffel schwarzen Bohnenkaffees.

Beim Delirium tremens sind zu empfehlen:

Arsenicum: Bei Verstandesverwirrungen mit großer Gemütsunruhe und Angst, die an keinem Orte bleiben läßt. Furcht vor Einsamkeit, Gespenstern und Dieben.

Belladonna: Bedeutende Gehirnkongestionen mit rotem, gedunsenem Gesicht, heftigen Delirien und Visionen der verschiedensten Art. Zeitweise heftige Fieberhitze und Durst.

Hyoscyamus: Ähnlich wie Belladonna; Delirien mit großer Geschwätzigkeit, Sucht zu entfliehen und stete Furcht. Zittern und Zucken der Gliedmaßen.

Opium: Schlaflosigkeit mit Visionen von Tieren, besonders von Spinnen, Mäusen, Hunden u. dgl. Ähnlich wie bei Calcium carbonicum oder Cimicifuga. Zittern an allen Gliedern und Zucken der Gesichtsmuskeln.

Tartarus emeticus: Blutwallungen nach dem Gehirn, Kopf- und Gesichtshitze. Delirien mit Unruhe und Muskelzuckungen, abwechselnd mit Betäubungszuständen. Die Haut ist mit kühlen, klebrigen Schweißen bedeckt. Neben Arsenicum eines der wichtigsten Mittel gegen Säuferbeschwerden, besonders bei Magenkatarrhen und gastrischen Beschwerden der Säufer.

Nux vomica hat sich neben Tartarus oder Arsenicum, besonders zur Verhütung von Rückfällen, ganz vorzüglich bewährt, wenn Belladonna oder Hyoscyamus die tobsüchtigen Anfälle beseitigt haben. Wir lassen 6 bis 8 Tropfen der Arznei in einer zur Hälfte mit Wasser gefüllten Obertasse verrühren und verabfolgen hiervon stündlich 1 Eßlöffel voll. Von den Verreibungen reichen wir 2 dg in 1 Eßlöffel voll Wasser und wiederholen die Gabe alle 2 Stunden. – Sobald sich die ersten Andeutungen von Delirium tremens zeigen, bringe man den erregten Patienten auf sein Verlangen sofort in eine andere Wohnung, zu Verwandten oder Freunden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es dann entweder gar nicht zum Ausbruche der Krankheit kommt, oder daß sie doch bedeutend abgekürzt wird und milder verläuft.

Eine Kur gegen Trunksucht ist nur dann von Erfolg, wenn der Trinker den festen Willen hat, die Sucht zu bekämpfen. Wir verabfolgen dann Nux vomica, Arsenicum oder Tartarus emeticus viele Wochen hindurch ununterbrochen. Diese Mittel eignen sich nämlich am besten, um den Entzündungszustand der Magenschleimhaut, der durch lange fortgesetzten Branntweingenuß erzeugt wurde und immer wieder zu erneutem Genüsse alkoholischer Getränke anreizt, zu beseitigen. Überraschende Erfolge erzielt man bei manchen Trinkern mit Passiflora Θ, wovon täglich 3mal 10 bis 20 Tropfen verabreicht werden. Es erzeugt einen Widerwillen gegen alkoholische Getränke. Ähnlich wirken zuweilen Arnica Θ und Acidum sulfuricum. Man sollte diese Mittel bei Trinkern, die noch genügende Energie besitzen, gegen den Hang anzukämpfen, nicht unversucht lassen. Außerdem ist der systematische Genuß frischer oder abgekochter Kuhmilch sehr zu empfehlen. Sie mildert, wie kein anderes diätetisches Mittel, den Reizzustand des Magens und trägt somit, neben dem beharrlichen Gebrauche der homöopathischen Mittel, viel zur Heilung der Trunksucht bei.

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