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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.

Im Gastzimmer befanden sich vielleicht ein halbes Dutzend Gäste. An einem Tischchen abseits von den übrigen saß, in eine Zeitung vertieft, ein fremder Herr, welcher sofort Byrds Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein vornehmes, wenn auch etwas verlebtes Aussehen, die schöne, männlich kräftige Gestalt, das krause, lichtblonde Haar, die feinen regelmäßigen Gesichtszüge machten ihn zu einer auffallenden Erscheinung. Auf das Gespräch, das gerade im Gange war, schien er nicht im mindesten zu achten, seine Stirn trug eine tiefe Sorgenfalte, und er verwandte kein Auge von dem Blatt in seiner Hand.

Die übrigen Gäste waren Byrd meist bekannt und ließen sich durch sein Eintreten nicht in der Unterhaltung stören. Er gesellte sich zu der Gruppe, die am andern Ende des Zimmers einen jungen Mann umstand, der die Erzählung, in welcher er eben begriffen war, mit den lebhaftesten Gebärden begleitete.

Ich versichere Sie, hörte Byrd ihn sagen, es war so gut wie ein Auftritt in einem Trauerspiel. Ich habe auf der Bühne kaum je etwas Wirkungsvolleres gesehen. Sie war so schön, sohoheitsvoll, erso düster und entschlossen; beide so voll Angst, voll Schmerz. Sie traten zu verschiedenen Türen ein, er an einem, sie am andern Ende des Wartesaals, und in der Mitte trafen sie zusammen. »Du hier!« rief sie entsetzt und schlug die Hände vors Gesicht, als habe sie ein Gespenst gesehen. »Du hier!« stieß er im gleichen Augenblick heraus und stand da, wie zu Stein erstarrt. »Bist du gekommen, mich aufzusuchen?« flüsterte sie mit einem Ausdruck inneren Grausens. – »Wolltest du zu mir?« fragte er seinerseits voll leidenschaftlicher Qual. – Es erfolgte keine Antwort auf die angstvollen Fragen, beide schauderten zurück, wandten sich und flohen schreckensbleich nach der Seite hin, von der sie gekommen. Die Türen fielen krachend zu, daß das kleine Wartezimmer laut davon widerhallte. Die Szene hat Aufsehen erregt, alle Reisenden blickten einander betroffen an – so etwas war ihnen noch nicht vorgekommen. Mir auch nicht, das muß ich gestehen. Wer weiß, was für eine Unglücksgeschichte solchem Wiedersehen und solchem Abschied zu Grunde liegen mag.

Aber was wurde denn aus den beiden? Sind sie Ihnen nicht wieder zu Gesicht gekommen vor der Abfahrt? fragte einer der Zuhörer gespannt.

Die junge Dame fuhr mit mir im selben Zuge, berichtete der Erzähler, der Herr nach einer andern Richtung.

Wo ist sie denn ausgestiegen?

Das habe ich nicht bemerkt. Sie schien in der trostlosesten Stimmung und wollte offenbar möglichst unbeobachtet bleiben; ich sah noch, wie sie ihren Schleier herunterzog. Um ihr nicht durch meine Gegenwart lästig zu fallen, bin ich im Rauchkupee gefahren.

Nach einigen weiteren Fragen und Ausrufen über das seltsame Abenteuer und seine mögliche Bedeutung zerstreute sich die Zuhörergruppe. Byrd blieb mit dem Erzähler allein.

Wäre ich doch an Ihrer Stelle gewesen und hätte die beiden gesehen, wandte er sich an den Erzähler. Ich hätte die Szene gleich zu einer Skizze für meine Zeitschrift benutzen können.

Zeichnen Sie für Journale? fragte der andere.

Zuweilen, war die gelassene Antwort.

Das muß eine angenehme Beschäftigung sein, wenn man Talent dazu hat.

Byrd sprach die Wahrheit; er hatte sein Geschick im Skizzieren häufig zu einem kleinen Nebenverdienst verwendet. Jetzt nahm er ein Blatt Papier vom Schreibpult.

Sie haben den Auftritt so lebhaft geschildert, ich glaube wahrhaftig, ich könnte ihn wiedergeben, sagte er, den Bleistift aus der Tasche ziehend. Auf welcher Station war es denn?

In Syrakus, entgegnete jener, den Strichen des Stifts mit Interesse folgend.

Und wie war die Dame gekleidet?

In Dunkelblau. Das Kleid paßte ihr wie angegossen. Eine prachtvolle Figur, groß und stark – ich sage Ihnen, eine herrliche Erscheinung. – Ja, das ist ganz ähnlich, so war der Ansatz des Kopfes – merkwürdig, wie gut Sie es getroffen haben. Ein breitkrempiger Hut mit zwei Federn, die nach der Seite überfielen, eine Reisetasche, zwei Falbeln am Rock. Und das Gesicht! – Ja, hübsch, sehr hübsche große Augen, eine gerade Nase, ein entschlossener Mund, die heftigste Aufregung im Ausdruck. – Aber Sie sind ja ein Tausendkünstler – nein, so etwas hätte ich nicht für möglich gehalten – die Aehnlichkeit ist ganz sprechend!

Byrd hatte die Zeichnung mit festen, sichern Strichen auf das Papier geworfen. Das Lob des andern machte ihn erröten, er beugte sich tiefer über sein Werk.

Und der Mann, sagte er, wie sah er aus, jung oder alt?

Etwa fünfundzwanzig sollte ich meinen; mittelgroß, von kräftigem gedrungenem Körperbau und wahrhaft herkulischen Gliedern; er trug einen Schnurrbart, hatte sehr ausdrucksvolle Züge und blitzende Augen. Lassen Sie sehen, ob Sie ihn ebensogut treffen können wie die Dame.

Aber das ging nicht so leicht; der Bleistift bewegte sich

mit weit weniger Sicherheit als vorher, und es dauerte lange, bis nur die Gestalt des Unbekannten zur Zufriedenheit gelang. Das Gesicht bot neue Schwierigkeiten, bald war das Kinn zu spitz, bald zu breit und erst die Haarlocke über der Stirn machte es einigermaßen ähnlich.

Byrd kam es übrigens weniger darauf an, die Züge genau zu treffen, als die Gestalt und Kleidung des Herrn so richtig wiederzugeben, als dies anging. Die Skizze mußte doch im ganzen sehr wohl gelungen sein, denn der junge Mensch, der die Anleitung dazu gegeben hatte, konnte sie nicht genug bewundern.

Nachdem Byrd das fertige Bild in die Tasche gesteckt hatte, plauderte er noch eine Weile bei einem Glase Bier gemütlich mit seinem Gefährten; dabei beobachtete er abermals den fremden Herrn, der noch immer unverwandt in seine Zeitung starrte. Als der Detektiv bald darauf das Gastzimmer verließ, belehrte ihn ein schneller Blick im Vorbeigehen, daß es der Anzeigenteil des »Herald« sei, dem jener so große Aufmerksamkeit schenkte.

Sonderbar, dachte er bei sich, er liest also nicht, sondern ist mit eigenen Gedanken beschäftigt. Die müssen auch nicht angenehmer Art sein, nach seiner Miene zu urteilen.

Auf seinem Zimmer angelangt, zog Byrd die Skizze aus der Tasche und betrachtete sie lange und nachdenklich. Sie stellte den Augenblick dar, als die beiden, einander zuerst erblickend, unwillkürlich zurückschrecken. Fräulein Dares Bild mußte sich ihm tief eingeprägt haben, sonst hätte er nicht vermocht, es aus dem Gedächtnis so sprechend ähnlich wiederzugeben. Sie war es, wie sie leibte und lebte, ihre Gestalt, ihr Gesicht, ihr Ausdruck. Der Auftritt im Bahnhof zu Syrakus hatte also offenbar ihre schleunige Rückkehr veranlaßt, die ihm so unerklärlich geschienen. Was aber hatte dieser Auftritt selbst zu bedeuten? Wer war der Mann, den sie suchte und doch floh? – Warum hatte Grauen und Todesschrecken die beiden ergriffen, als sie sich trafen und Auge in Auge gegenüberstanden? Sie schienen doch die Absicht gehegt zu haben, einander aufzusuchen?

Aber was ging ihn das alles im Grunde an? – Er hatte ja hier am Ort überhaupt bald nichts mehr zu schaffen. Das beste war, er schlug sich die ganze Sache aus dem Sinn. Die Skizze gedachte er als Andenken aufzubewahren und barg sie sorgfältig in seinem Notizbuch.

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