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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundvierzigstes Kapitel.

Helene!

Ja, Imogen.

Was für ein Lärm ist denn das? Warum schreien die Leute auf der Straße so?

Die junge Frau Richmond, die noch vor kurzem Helene Darling hieß, blickte in das abgezehrte, vom Fieber gerötete Antlitz ihrer Freundin und schwieg eine Weile, dann flüsterte sie:

Du warst so krank, ich durfte dir's nicht sagen; aber jetzt sollst du alles wissen, die Freude wird dich gesund machen: das Volk jubelt draußen, weil ein unschuldig Angeklagter endlich freigesprochen ist. Craik Mansell ist heute früh aus der Haft entlassen worden.

Er ist frei – o Helene!

Ja, liebes Herz; seltsame Dinge sind ans Licht gekommen, während du hier krank lagst. Der Rechtsanwalt Orkutt – –

O, rief Imogen und versuchte aus dem Lehnstuhl aufzustehen, in dem sie geruht hatte, du brauchst es mir nicht zu sagen. Ich war ja bei ihm, als er starb, und hörte sein Geständnis. Er und kein anderer hat Frau Klemmens umgebracht.

Daran ist kein Zweifel mehr, aber weißt du auch, was ihn zu dem Verbrechen trieb?

Das ist mir ein unergründliches Rätsel. Er sagte, um meinetwillen habe er es getan – aber, wie kann das sein, Helene?

So weißt du es nicht? Die Ermordete war seine Frau, seit vielen Jahren mit ihm verheiratet.

Seine Frau! Und er wagte es, mir von Liebe zu sprechen, mir die Hand anzutragen, die noch von dem Blut seiner Gattin befleckt war. O, der schändliche Bösewicht!

Er ist tot! flüsterte Helene besänftigend.

Imogen sank mit einem tiefen Seufzer in den Stuhl zurück. Ich darf nicht an ihn denken, rief sie; ich bin nicht stark genug. Aber Craik – Craik ist freigesprochen. – Welch ein Glück! –

Nie ganze Stadt ist voll Freude darüber.

Aus Imogens Augen leuchtete seliges Entzücken.

Was habe ich kaum zu hoffen gewagt, sagte sie endlich. Herr Gryce versprach mir nur, der Bezirksanwalt würde die Anklage fallen lassen, und Craik in Freiheit gesetzt werden.

Ich weiß, erwiderte Helene, allein der Angeklagte wollte sich dabei nicht beruhigen, er verlangte sein Urteil von den Geschworenen. Herr Ferris war großmütig genug, den Antrag auf Freisprechung zu stellen; als der Richter jedoch zögerte, darauf einzugehen, erhob sich der Obmann der Geschworenen und erklärte, sie seien bereit, ihr Urteil abzugeben. Der Richter war hiermit einverstanden, und es erfolgte einstimmig ein glänzendes »Nichtschuldig«.

O Helene, Helene!

Das geschah vor einer Stunde, berichtete die Freundin weiter, und noch immer schreien und jubeln sie draußen. Die Stadt ist schon seit mehreren Tagen in der größten Aufregung.

Aber woher weißt du, was heute vor Gericht stattgefunden? fragte Imogen mit forschendem Blick.

Herr Byrd hat es mir erzählt. Er kam, um dir Lebewohl zu sagen, weil er heute nachmittag nach Hause reist.

Ich hätte ihn gern noch einmal gesehen, erwiderte Imogen.

Meinst du? sagte die junge Frau kopfschüttelnd; mir scheint, es wäre besser so; es hätte dich aufgeregt.

Als aber nach einer Weile Gryce angemeldet wurde, hegte die junge Frau kein Bedenken, den wohlwollenden freundlichen Herrn ohne weiteres vorzulassen. Gryce war offenbar nicht zum erstenmal hier im Hause, und auch er hielt eine frohe Botschaft für die beste Arznei.

Nun, sagte ich's nicht, Sie sollten sich mir anvertrauen, ich würde schon alles ins reine bringen? rief er mit strahlendem Lächeln. Jetzt sehen Sie, daß ich recht hatte.

Wie soll ich Worte finden, Ihnen zu danken? erwiderte Imogen gerührt. Sie haben zwei Menschen das Leben gerettet, Herr Gryce, ihm und mir.

Bitte, bitte, rief der Detektiv abwehrend, was ich dabei getan habe, ist nicht der Rede wert. Wäre der große Baumast nicht herabgefallen, Orkutts Gewissen hätte sich schwerlich geregt. Was dann aus uns geworden wäre, weiß ich freilich nicht, denn mit Mansells Angelegenheit sah es schlimm genug aus.

Imogen schauderte. –

Ich bin aber nicht hergekommen, um unerfreuliche Erinnerungen wachzurufen, fuhr Gryce fort, sondern um Ihnen Glück zu wünschen und frohe Genesung. – Wissen Sie denn, sagte er vertraulich näherrückend, wie Mansell überhaupt dazukam, Sie für schuldig zu halten?

Nein, erwiderte sie trübe, wahrscheinlich weil sich der Ring an der Mordstätte fand, und er nicht glaubte, daß ich ihm denselben zurückgegeben habe.

Bewahre, sagte Gryce eifrig, er hatte einen weit triftigeren Grund.

Von dem Wunsche beseelt, auch das letzte Mißverständnis aufzuklären, teilte er ihr nun mit, welche Worte ihr Geliebter Frau Klemmens hatte sagen hören, als er an der Eßzimmertür stand.

Imogen war tief erschüttert und wandte das Gesicht ab, um ihre Gemütsbewegung zu verbergen. Es lag etwas von ihrer alten Kraft in diesem innern Kampf.

Wie seltsam, bemerkte sie nach einer Weile. Ich hatte einen so guten Grund, ihn für schuldig zu halten, und er ebensoviel Ursache zu seinem Verdacht gegen mich. Kein Wunder, daß wir aneinander irre wurden. Noch kann ich mir meine Zweifel nie verzeihen; die seinen sind weit eher zu entschuldigen. Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, wie sehr Imogen Dare ihm dankt, daß er sich ihr gegenüber so edelmütig erwies, obgleich er glauben mußte, sie sei durch ein schimpfliches Verbrechen befleckt. Sagen Sie ihm, daß sein Argwohn weit gerechtfertigter war, als der meine, denn er kannte die Schwächen meines Charakters, während ich von ihm nichts wußte, was ihm nicht zur Ehre gereichte.

Mir scheint, Sie täten weit besser daran, ihm das alles selbst zu sagen, Fräulein Dare.

Dazu werde ich keine Gelegenheit haben. Mansell und ich werden uns nicht wiedersehen. Meine letzten Aussagen vor Gericht haben mir einen unauslöschlichen Makel aufgedrückt; die Kluft zwischen uns läßt sich nicht überbrücken, sie trennt mich auf immer von Liebe und Freundschaft. Niemand, selbst derjenige nicht, um dessentwillen ich meineidig geworden bin, kann die Schmach von mir nehmen.

Das ist hart, meinte Gryce.

Ja, mein Geschick ist hart, war ihre Antwort.

Der kluge erfahrene Mann, der die Welt und das menschliche Herz so genau kannte, lächelte vor sich hin, doch erwiderte er nichts. Es schien ihm nun an der Zeit, Abschied zu nehmen.

Der große Rechtsfall von Sibley ist zu Ende, begann er, die Stadt hat von sich reden gemacht und kann nun ausruhen von all der Aufregung. Wir Detektivs haben es nicht so gut, für uns gibt es weder Ruhe noch Rast.

Sie wollen fort? fragte Imogen; auf ihrer Stirn lagerte eine düstere Wolke.

Ja, entgegnete er, aber ich verlasse den Ort nur ungern und nicht ohne Reue. Wir haben uns alle mehr oder weniger Vorwürfe zu machen. Trotz meiner redlichen Absicht kann ich mir nicht verhehlen, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach der Anstifter des Verbrechens gewesen bin. Hätte ich Orkutt nicht gezeigt, auf welche Weise ein Mann wie er den Mord ausführen könne, ohne Verdacht zu erregen, wer weiß, ob er den Mut zu der Missetat gehabt hätte. Glauben Sie mir, Fräulein Dare, der Gedanke liegt mir schwer auf der Seele.

Aber Sie konnten doch nicht wissen, daß einer der Zuhörer verbrecherische Absichten hegte, warf Imogen ein.

Ein Detektiv muß alles wissen. Er hat Gelegenheit genug, die Menschen kennen zu lernen. Aber mir soll so etwas nicht zum zweitenmal passieren. Selbst in der auserlesensten Gesellschaft werde ich mich nie wieder des längeren darüber verbreiten, wie man ungestraft ein Verbrechen begehen kann. Man läuft stets Gefahr, einem Orkutt zu begegnen.

Imogen ward bleich. Sprechen Sie nicht von ihm! rief sie, ich will vergessen, daß ein Mann, wie er, je gelebt hat.

Gryce lächelte zustimmend. Das ist das beste, was Sie tun können, sagte er. Fangen Sie ein neues Leben an, liebes Kind; fangen Sie ein neues Leben an!

Mit diesem väterlichen Rat nahm er Abschied, und sie sah sein kluges, freundliches Gesicht nie wieder.

Als Imogen allein war, fiel es ihr schwer aufs Herz, daß zwar Craik Mansell gerettet sei, aber ihr eigenes Lebensglück auf immer zerstört. Sie empfand das jetzt schmerzlicher, als je zuvor. Im Geist sah sie Mansell umdrängt von Freunden und Bewunderern und meinte, im Gefühl ihrer eigenen Verlassenheit, es wäre fast besser gewesen, wenn die Krankheit ihrem traurigen, entehrten Leben ein Ende gemacht hätte.

Helene Richmond, die sie in Schwermut versunken sah, versuchte nicht, sie zu trösten. Doch horchte sie auf jedes Geräusch, und als sie draußen einen Schritt vernahm, stand sie auf und ging aus dem Zimmer; die Tür ließ sie offen stehen.

Imogen überließ sich nun ganz ihrer schmerzlichen Stimmung, bis ihre Augen, die so lange keine Tränen vergossen hatten, feucht wurden, und schwere Tropfen ihr an den Wimpern hingen. Da raffte sie sich auf und schaute sich schnell um, ob jemand sie beobachtete. Aber das Zimmer war leer und eben wollte sie wieder in den Stuhl zurücksinken, als ihr Blick auf die geöffnete Tür fiel und wie gebannt darauf haften blieb. Dort stand eine hohe, männliche Gestalt mit strahlenden Augen und zärtlichem Lächeln.

Nicht das dunkle Geschick, das sich ihr Trübsinn ausgemalt hatte, lag vor ihr: eine andere Zukunft erwartete sie, ein neues Leben im Sonnenschein der Liebe und des Glücks.

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