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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtunddreißigstes Kapitel.

Mansell saß in seiner Zelle, von düstern, unruhvollen Gedanken bestürmt. Er wußte, daß Orkutt tot war. Am frühen Morgen hatte es ihm der Gefängniswärter mitgeteilt und hinzugefügt, daß ein herabfallender Baumast den Rechtsanwalt in seinem eigenen Garten erschlagen habe. Die näheren Umstände blieben dem Angeklagten unbekannt.

Auch als sich der Gerichtshof versammelte, um sich nach wenigen Minuten zu vertagen, erhielt Mansell keinen weiteren Aufschluß. Zwar sagte ihm ein unbestimmtes Gefühl, daß seine Sache durch den Tod des Verteidigers eher gefördert, als geschädigt worden sei, aber niemand fühlte sich veranlaßt, ihm dies Rätsel zu erklären.

In dem einsamen Gefängnis empfand er die Ungewißheit doppelt qualvoll, und die Minuten wurden ihm zur Ewigkeit. So atmete er denn erleichtert auf, als etwa eine Stunde später der Wärter die Tür der Zelle öffnete, um einen fremden Herrn einzulassen. Mansell erhob sich rasch, in der Meinung, daß dies der neue Verteidiger sei, dessen Namen er aus einer ihm vorgelegten Liste aufs Geratewohl ausgesucht hatte. Aber der Fremde war kein Anwalt, wie der Gefangene sofort erkannte.

Mein Name ist Gryce, sagte er, sich ihm freimütig nähernd; ich bin Detektiv. Der Bezirksanwalt, welcher durch die Ereignisse der letzten Tage einigermaßen in Verlegenheit geraten ist, hat sich an mich gewandt, weil er glaubt, meine Erfahrung werde ihm nützen. Es handelt sich darum, zu ermitteln, welche Person unter allen denen, die des Mordes der Frau Klemmens verdächtig sind, die Tat wirklich begangen hat. Zu diesem Zwecke sehen Sie mich hier; ich habe Erlaubnis erhalten, ungehindert mit Ihnen verkehren zu dürfen. Nach Prüfung der Beweise, die gegen Sie vorliegen und infolge meiner sonstigen Erkundigungen, bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß Sie unschuldig angeklagt sind. Wenn Sie sich nicht länger weigern wollten, gewisse Punkte aufzuklären, die noch im Dunkeln schweben, so könnte ich leicht –

Verzeihen Sie, unterbrach ihn Mansell ernst, einem Detektiv habe ich keinerlei Mitteilung zu machen.

Sie tun unrecht daran, wie ich Ihnen sogleich beweisen werde. Ohne Zweifel wissen Sie, daß Herr Orkutt von dem Baumast erschlagen wurde, als er gerade Fräulein Dare zum Gartentor begleitete.

Der Gefangene war totenbleich. Ist das Fräulein verletzt? stammelte er.

Gryce schüttelte den Kopf.

Warum haben Sie es dann erwähnt?

Weil es hierhergehört, war die Antwort. Wie Sie wissen, war außer Ihnen noch ein anderer Mann des Mordes verdächtig; warum hat man nicht lieber ihmden Prozeß gemacht? Einzig und allein deshalb, weil Sie sich weigerten, über Dinge Auskunft zu geben, die Sie naturgemäß imstande sein mußten, zu erklären. Woher stammte Ihre Zurückhaltung? Es gab nur einen denkbaren Grund dafür. Sie fürchteten, eine Person in die Untersuchung zu verwickeln, deren Ehre, deren Leben Ihnen teuerer ist, als Ihr eigenes. Wer kann das sein? Niemand anderes als die junge Dame, die gestern vor Gericht ausgesagt hat, sie selbst habe das Verbrechen begangen. Aus alledem ziehen wir den Schluß, daß Sie Fräulein Dare von Anfang an für Frau Klemmens' Mörderin gehalten haben.

Je länger der Detektiv sprach, um so gewaltiger ward Mansells Erregung; bei den letzten Worten sprang er heftig empor.

Wie können Sie das behaupten? rief er. Was wissen Sie von meinen Gedanken und Ueberzeugungen? Ich trage sie nicht öffentlich zur Schau und posaune meine Gefühle nicht vor aller Welt aus. Sie haben kein Recht zu Ihren Vermutungen und können sie nicht beweisen.

Vielleicht doch, entgegnete Gryce. Weshalb schwiegen Sie so lange über den Ring? – Sie wollten Fräulein Dare nicht Lügen strafen, indem Sie aussagten, daß Sie ihn nicht von ihr zurückerhalten hätten. Warum versuchten Sie sie gestern an ihrer Zeugenaussage zu hindern? Weil Sie voraussahen, daß sie in einem Geständnis enden würde. Warum machten Sie Ihre eigene Verteidigung zu nichte und verrieten, auf welche Weise Sie in 90 Minuten die Station erreicht hatten? Weshalb erklärten Sie sich nicht lieber einfach für schuldig? Weil Sie fürchteten, daß eine nähere Untersuchung die Schuld des Fräuleins bestätigen würde. Sie waren für ihre Rettung zu jedem Opfer bereit, nur zu einer Lüge konnten Sie sich nicht entschließen.

Sie trauen mir viel Großmut zu, entgegnete der Gefangene kalt. Ich glaubte, man würde annehmen, daß meine Schuld erwiesen sei, nachdem sich herausgestellt, daß ich um die Zeit, als die Mordtat geschehen sein soll, das Haus meiner Tante noch nicht verlassen hatte.

Das wäre auch der Fall gewesen, entgegnete Gryce, hätten wir nicht neuerdings Grund zu glauben, daß wir uns in der Zeit geirrt haben und der Mord nicht fünf Minuten vor zwölf stattfand, sondern erst nachdem es zwölf geschlagen hatte.

Wirklich? fragte Mansell mit großer Selbstbeherrschung.

Gryce nickte ernsthaft. Sie könnten uns leicht über diesen Punkt Gewißheit verschaffen, sagte er nachdrücklich, wenn Sie angeben wollten, was Sie damals im Hause der Frau Klemmens gesehen und gehört haben, als Sie so eilig die Flucht ergriffen.

Woher wissen Sie, daß ich von dort entfloh?

Von einem Augenzeugen, den ich nennen konnte. Der Umstand kam vor Gericht nicht zur Sprache, aber man hat Sie von der Tür Ihrer Tante mit einer Hast entfliehen sehen, als hinge Ihr Leben davon ab.

Außer allen Beweisen, die gegen mich sprechen, ist Ihnen auch diesbekannt, rief Mansell betroffen, und doch sagen Sie, daß Sie mich für unschuldig halten?

Ja, denn ich glaube, wie gesagt, daß Frau Klemmens erst nach zwölf Uhr ermordet wurde, gerade fünf Minuten nachdem Sie sich so eilig entfernt hatten. Die Aufregung des Gefangenen wuchs zusehends.

Wie kommen Sie zu dieser neuen Annahme? fragte er.

Der Detektiv beugte sich vertraulich näher zu ihm hin. Sie wissen zwar, daß Ihr Anwalt tot ist, sagte er, aber nicht, warum Fräulein Dare ihn gestern abend aufgesucht hat. Sie wollte nämlich Herrn Orkutt mitteilen, daß sie bei ihrer ganzen Zeugenaussage von der Voraussetzung ausgegangen sei, daß Sie wirklich das Verbrechen begangen haben, dessen man Sie beschuldigt. Durch eine übel angebrachte List meiner Gehilfen Hickory und Byrd war sie zu der Ansicht gelangt, Sie hätten ihr gegenüber Ihre Schuld zugegeben. Erst nachdem sie gestern vor Gericht sozusagen meineidig geworden war, um Sie zu retten, klärte man sie über ihren Irrtum auf.

Meineidig? wiederholte Mansell zweifelnd.

Wie ich sage. Fräulein Dare ist an jenem Morgen weder in dem Hause der Witwe gewesen, noch hat sie die Hand gegen Frau Klemmens erhoben. – Was sie aussagte, war eine Lüge. Auch geht aus den Angaben meiner Gehilfen deutlich hervor, wie fest sie früher überzeugt war, daß Sie, Herr Mansell, der Schuldige waren.

Als nun Gryce den Auftritt in der Hütte mit allen Einzelheiten beschrieb, hörte ihm der Gefangene zu wie ein Träumender; er schien nicht imstande, den Worten des Detektivs Glauben zu schenken.

Natürlich mußte Fräulein Dare hiernach einsehen, fuhr der Detektiv fort, daß es Torheit war, bei ihrer Selbstanklage zu beharren. Sie ging zu Orkutt, erklärte ihm ihre ganze Handlungsweise und bat um seinen Rat. Im Laufe der Unterredung enthüllte der Rechtsanwalt dem Fräulein zufällig, daß sein Klient aus unbekannten Gründen von vornherein sie selbstfür die Verbrecherin gehalten habe. Nun konnte Fräulein Dare unmöglich länger an Ihrer Unschuld zweifeln. Daraus, daß Sie sich gegenseitig in Verdacht gehabt hatten, geht sonnenklar hervor, daß Sie beide schuldlos sein müssen. – Sind Sie nicht auch dieser Ansicht?

Ob ich es bin oder nicht, tut wenig zur Sache.

Von größerem Nutzen würde es freilich sein, wenn sie sagen wollten, weshalb Sie an jenem Morgen so plötzlich die Flucht ergriffen?

Das sehe ich nicht ein.

So sind Sie auch wohl nicht begierig, Näheres über den Unfall zu erfahren, der Sie so plötzlich Ihres Verteidigers beraubt hat? fragte Gryce in völlig verändertem Ton.

Mansell sah ihn gespannt an.

Herr Orkutt war nicht auf der Stelle tot, fuhr jener fort. Er lebte noch mehrere Stunden, und die Worte, die er sprach, haben dem Verdacht eine ganz neue Richtung gegeben. Fräulein Dare, die seit dem Unfall nicht von seinem Lager gewichen war, fragte ihn, sobald er aus der Bewußtlosigkeit erwachte, zu aller Erstaunen geradezu, wer der Mörder der Frau Klemmens sei.

Und wußte es Herr Orkutt? stieß Mansell ungläubig hervor.

Nach seiner Antwort zu urteilen – ja. Sagen Sie mir doch, sind Ihnen nie Zweifel an ihm gekommen – an seiner Rechtschaffenheit, Gutherzigkeit und Bereitschaft, Ihnen zu dienen?

Nein, niemals.

Dann wird es Sie höchlich überraschen, zu erfahren, sagte Gryce mit tiefem Ernst, daß Orkutts Antwort auf Fräulein Dares Frage den Verdacht erregt hat, daß er selbst der Mörder ist. Der Bezirksanwalt fragt sich jetzt nicht mehr, ob Craik Mansell das Verbrechen begangen hat, sondern ob sein Verteidiger, Tremont Orkutt, schuldig ist.

In des Gefangenen Zügen malten sich Unwillen und Abscheu. Das geht zu weit, rief er. Ich müßte ein Narr sein, wollte ich mir so etwas vorspiegeln lassen. Orkutt ein Mörder? – Warum beschuldigt man nicht lieber gleich den Richter selbst, daß er Frau Klemmens umgebracht hat?

Dieser Ausbruch natürlicher Entrüstung schien Gryce recht wohlgefällig zu sein; vielleicht war ihm Mansells Unschuld doch noch nicht über alle Zweifel erhaben gewesen.

Weil, erwiderte er in ruhigem Ton, Orkutt bekanntlich zuerst die Todesbotschaft aus dem Hause der Witwe gebracht hat.

Und Sie wollen mir einreden, daß Ihnen dies als Verdachtsgrund genügt? sagte Mansell verächtlich. Ich hätte Ihnen größeren Scharfsinn zugetraut.

Durch seine eigenen Worte auf dem Sterbebette hat Orkutt den Argwohn auf sich gelenkt.

Die irren Reden eines Fieberkranken, dessen Geist seit längerer Zeit ganz von dieser Sache eingenommen war, beweisen nichts.

Fräulein Dare hält seine Worte für ein Geständnis, und auch Männer, auf deren ruhiges Urteil man sich verlassen kann, wissen sie nicht anders zu deuten.

Unmöglich, rief Mansell mit Ueberzeugung, ein Mann von Orkutts Stellung und Fähigkeiten sollte ein so schändliches Verbrechen begangen haben, und dann noch als Verteidiger seines Klienten auftreten, der eben dieser Untat angeklagt ist? Der Gedanke ist widersinnig und völlig unglaublich.

Sehr richtig, entgegnete Gryce trocken, aber nach meiner Erfahrung geschehen in Wirklichkeit gerade die widersinnigsten Dinge.

Mansell starrte ihn wie versteinert an. –

Wenn Sie wirklich im Ernst reden, wie es den Anschein hat, sagte er, so müssen Sie mir noch andere und gewichtigere Gründe für Ihren Verdacht mitzuteilen haben, sonst wären Sie mir gegenüber schwerlich so offen gewesen.

Gewiß, bestätigte Gryce, wir wünschen Sie in unser Vertrauen zu ziehen, in der Erwartung, daß Sie uns in dieser schwierigen Lage beistehen werden.

Ich Ihnen beistehen – vom Gefängnis aus?

Sie sind frei, sobald wir uns überzeugen, daß Orkutts Worte ein Geständnis waren. Dazu könnten Sie uns leicht verhelfen, wenn Sie angeben wollten, aus welcher Ursache Sie damals entflohen.

Mansell senkte den Blick; sein altes Mißtrauen schien zurückzukehren.

Das würde Ihnen wenig nützen, verlassen Sie sich darauf!

Gryce kannte derartige Verhandlungen zu genau, um sich durch diese Hartnäckigkeit entmutigen zu lassen. Er verbeugte sich ruhig, als sei die Weigerung des Gefangenen eine unwiderrufliche Tatsache und begann seinerseits ausführlich von Orkutts letzten Stunden zu berichten. Dann schilderte er die Unterredung, die er selbst mit Fräulein Dare gehabt, und führte die Gründe an, welche ihn in seinem Argwohn gegen den Rechtsanwalt bestärkten. Zwar gab er zu, daß bis jetzt noch kein ersichtlicher Beweggrund für sie Tat vorliege, aber ein solcher würde sich sicher aus dem geheimen Zusammenhang ergeben, welcher zwischen Orkutt und der Ermordeten bestanden haben müsse. Er sprach so überzeugend und mit solcher Beredsamkeit, daß ein Hoffnungsstrahl in Mansells Augen zu leuchten begann, und Gryce den Sieg schon für errungen ansah. Zuversichtlich fuhr er fort:

Es wäre für uns eine große Hilfe, zu wissen, was in Frau Klemmens' Haus vorgegangen war, ehe Orkutt es betrat. Hiervon ausgehend, würden wir alles übrige leicht ermitteln. Noch einmal: überlegen Sie es sich, ob Sie nicht gut täten, uns über diesen Punkt aufzuklären! Sie würden es sicherlich nicht bereuen.

Da Ihr Zweck ist, zu beweisen, daß Orkutt das Verbrechen begangen hat, versetzte Mansell unbeirrt, so kann ich Ihnen mein Wort darauf geben, daß ich nichts weiß, was ihn im geringsten betrifft.

So betrifft es also Fräulein Dare? erwiderte der Detektiv rasch.

Mansell fuhr zusammen. –

Mag es sein, was es wolle, fuhr Gryce fort, einsist sicher, das Fräulein kann nicht schuldig sein.

Ihre Ansicht hierüber hat wenig Gewicht, rief jener erregt, so lange Sie die Beweise nicht kennen, die gegen sie vorliegen.

Es liegen nur Indizienbeweise vor, die niemals zu einer unumstößlichen Gewißheit über die Schuldfrage führen können. Ich weiß, daß Fräulein Dare bis vor kurzem fest überzeugt war, Sieseien der Schuldige, folglich muß sie selbst schuldlos sein. Dagegen läßt sich nichts einwenden.

Sie haben diese Bemerkung schon einmal gemacht.

Und ich wiederhole sie, weil sie unwiderlegbar ist. Sind Sie nur erst einmal von des Fräuleins Unschuld überzeugt, so werden Sie von selbst nicht länger mit dem zurückhalten, was Sie wissen. Oder haben Sie etwa gesehen , daß sie den Todesstreich führte?

Mansell fuhr unwillig auf. Natürlich nicht, rief er.

Sie haben sie nicht mit Ihrer Tante zusammen gesehen, ehe Sie die Flucht ergriffen?

Nein, gesehenhabe ich sie nicht.

Der Nachdruck, den er auf das Wort legte, verriet ihn. Wie ein Stoßvogel fuhr Gryce zu.

Also gehört ? rief er. Sie glaubten vielleicht ihre Stimme, ihr Lachen, ihren Schritt im Zimmer zu vernehmen?

Nein, entgegnete Mansell, ich habe sie auch nicht gehört.

Wie sollten Sie auch? war Gryces Erwiderung, aber vielleicht hat jemand etwas gesagt oder getan – was durchaus kein Beweis ist – aber woraus Sie entnehmen, daß sie sich dort im Hause befand. Und nun schweigen Sie darüber, um sie nicht zu gefährden.

Woher wissen Sie, daß es kein Beweis ist?

Weil sie nicht dort war, sondern in Professor Darlings Turmzimmer – über eine Meile entfernt.

Behauptet sie das?

Ja, und wir wollen es beweisen.

In Mansells Augen blitzte es hell auf.

Wenn Sie das könnten!

Ich werde es tun, aber erst müssen Sie mir sagen, in welchem Zimmer Sie waren, als Sie jene Andeutung von Fräulein Dares Anwesenheit erhielten.

Ich war in keinem Zimmer, sondern stand auf den Steinstufen vor der Eßzimmertür. Soviel ich weiß, habe ich Herrn Ferris bereits mitgeteilt, daß ich an jenem Morgen das Haus meiner Tante überhaupt nicht betreten habe.

Das ist ja viel einfacher, als ich dachte. Sie sind also nur an die Tür gegangen und dann ohne einzutreten nach der Richtung des Sumpfes entflohen?

Mansell nickte bejahend.

Erinnern Sie sich, daß Sie über den Zaun sprangen und dabei fast zu Falle gekommen wären?

Von wem wissen Sie das – von Fräulein Dare? – Wie kann sie mich gesehen haben, wenn sie eine Meile entfernt war, wie sie angibt?

Das will ich Ihnen sagen. Sie schaute gerade durch das Fernrohr in Professor Darlings Sternwarte nach jener Richtung hin und sah Sie vom Hause aus nach dem Sumpf zu entfliehen.

Wollte Gott, ich könnte die Geschichte glauben, rief der Gefangene mit mühsam unterdrückter Bewegung. Es würde einen neuen Menschen aus mir machen.

Stellen Sie sich doch einmal die Lage des Hauses Ihrer Tante vor. Sie glauben, Fräulein Dare war bei ihr im Eßzimmer? Das hat nur einFenster, nach derselben Seite hinaus, wie die Tür. Konnte sie von dort die Stelle sehen, wo Sie über den Zaun sprangen?

Wenn sie aus dem Zimmer vor die Tür trat, war dies leicht möglich.

Ich muß gestehen, meinte Gryce ihn erstaunt betrachtend, Sie wissen sich zu helfen und haben eine Antwort auf jede Frage bereit. Aber, fügte er mit Nachdruck hinzu, hätte sie dort gestanden, so würden Sie es bemerkt haben, als Sie sich umwandten.

Tat ich das?

Fräulein Dare behauptet es wenigstens. –

Mansell schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

Sie hat recht, rief er, jetzt erinnere ich mich; ich sah nach der Turmuhr, um zu wissen, welche Zeit es sei. Weiter, weiter! Sagen Sie mir alles, was das Fräulein gesehen hat.

Er war völlig verändert, seine Wangen glühten; der Detektiv rieb sich die Hände vor Vergnügen. –

Sie sah, wie Sie die sumpfige Strecke überschritten, am Eingang des Waldes stillstanden, Ihre Taschenuhr herauszogen und dann mit rasender Eile in den Wald hineinliefen.

Ja, ja – und ohne ein Fernrohr kann sie das nicht gesehen haben.

Sodann beschrieb sie Ihren Anzug und sagte, daß Sie die Beinkleider aufgekrempelt hatten und den Ueberrock auf dem linken Ann trugen.

Hatte ich ihn nicht auf dem rechtenArm?

Sie sagt, auf dem Arm nach ihr zu. Da sie auf der Sternwarte stand, war es Ihr linker .

Ich weiß aber doch, daß ich mich mit der linken Hand festhielt, um über den Zaun zu springen, als ich auf das Haus zuging, und den Rock hatte ich auf dem andern Arm.

Das ist von großer Wichtigkeit, versetzte Gryce enttäuscht. Wenn Sie den Rock auf dem anderen Arm trugen, so ändert das die Sache wesentlich.

Halt, rief Mansell plötzlich erleichtert, ich besinne mich jetzt, daß ich den Rock auf den andern Arm nahm, als ich nach der Seitentür zurückging; es ist ganz richtig – Fräulein Dare sah mich ja erst, als ich das Haus verließ.

Gut, daß Sie es erklären können. Aber sind Sie denn nicht gleich nach der Seitentür gegangen?

Nein; ich wollte wie gewöhnlich durch die Vordertür in das Haus gehen. Als ich jedoch an die Ecke kam, sah ich den Hausierer das Hoftor öffnen. Um ihm nicht zu begegnen, kehrte ich zurück zur Eßzimmertür.

Richtig, und da hörten Sie – –

Was ich hörte? entgegnete Mansell verstockt.

Sie wollensich also nicht aussprechen und glauben noch immer, daß Fräulein Dare in Frau Klemmens' Haus war und nicht in Professor Darlings Turmzimmer?

Beantworten Sie mir eineFrage, und ich tue Ihnen den Willen: kann man von dort aus den Eingang in den Wald beobachten?

Gewiß. Erst vor zwei Stunden habe ich den Versuch gemacht. Ich kniete an derselben Stelle wie damals das Fräulein, habe durch das nämliche Fernrohr deutlich den Platz erkannt, wo Sie stillstanden, um nach der Uhr zu sehen, und jede Bewegung meines Gehilfen Hickory beobachten können, der sich dort aufgestellt hatte. Von Frau Klemmens' Stubentür aus jene Stelle zu erblicken, ist unmöglich, verlassen Sie sich darauf! Wäre ich meiner Sache nicht sicher, ich würde Sie nicht hier aufgesucht haben.

Genug, sagte Mansell; wie schwer es mich auch ankommt, ich mußglauben, daß Fräulein Dare nicht war, wo ich sie vermutete. Ich will Ihnen sagen, was ich gehört habe. Vielleicht liegt darin, auf mir unbegreifliche Weise, der Schlüssel des ganzen Geheimnisses; doch zweifle ich, ob Sie es enträtseln können. – Ihre Vermutung von vorhin war richtig: ich hatte guten Grund anzunehmen, das Fräulein habe sich damals bei meiner Tante befunden, denn obgleich ich sie nicht selber gesehen noch ihre Stimme gehört habe, vernahm ich doch deutlich, wie Frau Klemmens sie bei ihrem Namen nannte.

Ist das möglich?

Ich öffnete gerade die Tür, da hörte ich meine Tante sagen: » Sie haben sich in den Kopf gesetzt, ihn zu heiraten, Imogen Dare, aber ich schwöre Ihnen, das wird nun und nimmermehr geschehen, so lange ich lebe

Wie merkwürdig! rief Gryce unwillkürlich aus und stemmte den Arm in die Seite. Mansells angstvollen Blick gewahrend, lächelte er jedoch mit großer Zuversicht. Nur weiter, sagte er, was haben Sie noch gehört?

Mehr bedurfte es nicht. Es war mir ein deutlicher Beweis, daß Fräulein Dare meine Tante aufgesucht hatte, und ihre Bemühung, sie zu meinen Gunsten umzustimmen, vergeblich gewesen war. In wildem Zorn stürmte ich ohne Ueberlegung davon. Mein einziges Verlangen war, den Ort zu verlassen, um wieder bei meiner Arbeit zu sein. Als ich sah, daß ich mit Anstrengung aller Kräfte den Zug in Monteith noch erreichen könne, fing ich an zu laufen. Das hat den Verdacht auf mich gelenkt.

Richtig, richtig, murmelte Gryce.

Nur meinen eigenen Gedanken wollte ich entfliehen, fuhr Mansell eifrig fort, ich dachte an nichts Böses, sondern allein an meine schwere Enttäuschung. Erst am nächsten Tag erfuhr ich – –

Ja – ja –, unterbrach ihn Gryce zerstreut. Aber die Worte Ihrer Tante: »Sie haben sich in den Kopf gesetzt, ihn zu heiraten, Imogen Dare, aber das wird nun und nimmermehr geschehen, so lange ich lebe« – was sollen sie bedeuten? Imogen Dare war ja nicht da. Wir müssen dieses Rätsel lösen.

Aber wie?

Es ist ohne Zweifel der Schlüssel des Geheimnisses, murmelte der Detektiv und versank in tiefes Nachdenken.

Auch Mansell starrte eine Weile ratlos vor sich hin. Ich weiß nur eineErklärung, sagte er endlich, meine Tante muß ein Selbstgespräch geführt haben. Sie war schwerhörig und lebte allein: solche Menschen nehmen häufig die Gewohnheit an, laut zu denken.

Gryce schlug mit der Faust auf den Tisch. Wahrhaftig, rief er, Sie haben es getroffen. Natürlich sprach sie mit sich selbst; sie war gerade die Frau dazu. Imogen Dare lag ihr im Sinn, und sie redete mit ihr, als sei sie zugegen. Hätten Sie die Tür vollends aufgemacht, Sie würden Ihre Tante allein im Zimmer gefunden haben, wo sie ihren Gedanken freien Lauf ließ.

Hätte ich sie doch geöffnet! seufzte Mansell.

Des Detektivs Lebensgeister schienen neu zu erwachen. Gut, rief er, das also steht fest: Imogen Dare war nur in Frau Klemmens' Einbildung anwesend, und die Witwe wollte Ihre Verbindung mit dem Fräulein nicht zugeben.

Dann muß Fräulein Dare schon früh am Morgen bei meiner Tante gewesen sein. Noch als ich diese am vorhergehenden Tage aufsuchte, hatte sie keine Ahnung von meiner Neigung und wußte daher auch nichts von den Hoffnungen, die ich hegte.

Was sagen Sie da? rief Gryce, habe ich recht gehört?

Dadurch wäre auch erklärt, wie sich der Ring dort auf dem Fußboden finden konnte, fuhr Mansell fort, ohne den Ausruf zu beachten.

Wußte denn Frau Klemmens nicht aus Ihrem Munde, daß Sie Imogen Dare heiraten wollten? forschte Gryce.

Ich habe es meiner Tante nicht mitgeteilt; das Fräulein muß dies selbst getan haben, als sie bei ihr war.

Vielleicht hat Frau Klemmens es durch die Nachbarn erfahren?

Kein Mensch ahnte etwas von unserem Verhältnis. –

Der Detektiv dachte eine Weile schweigend nach.

Jetzt geht mir ein Licht auf, rief er plötzlich sich schnell erhebend, nun wird bald alles klar werden.

Auch der Gefangene war aufgesprungen.

Was haben Sie im Sinn? Was wird klar werden? fragte er erregt.

Sie sollen es bald erfahren, lautete die Antwort; genug, daß Sie mich auf die Spur gebracht haben, die zur Lösung des Rätsels führen kann, vielleicht auch zu Ihrer eigenen Freisprechung von der falschen Anklage des Mordes.

Und Fräulein Dare?

Gegen sie ist keine Beschuldigung erhoben worden, noch wird dies je geschehen.

Aber – Orkutt?

Geduld, sagte Gryce, nur Geduld! –

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