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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Schon nach wenigen Minuten kehrte Byrd in Begleitung von Fräulein Dare zurück. Sie sah bleich und erschöpft aus, aber der entschlossene Ausdruck ihres Gesichts sagte deutlich, daß ihr Vorsatz nicht erschüttert sei.

Den Bezirksanwalt, der sie höflich begrüßte, sah sie mit unsichern Blicken an und sie blieb gesenkten Hauptes von ferne stehen, als erwarte sie willenlos seine Befehle. Ferris bot ihr einen Stuhl, worauf sie näher trat.

Sie haben mich rufen lassen, sagte sie nach einer verlegenen Pause, vielleicht um eine Erklärung meines Benehmens zu hören, eine Versicherung, daß meine heutige Aussage vor Gericht der Wahrheit entsprach?

Nein, Fräulein Dare, versetzte Ferris mit Nachdruck. Ich habe Sie auf zu vielen Widersprüchen betroffen, um ferner Ihrer eigenen Bürgschaft für die Wahrhaftigkeit oder Falschheit Ihrer Angaben zu trauen. Auch handelt es sich jetzt nicht um Bekenntnisse Ihrerseits; mir selbst liegt die Pflicht ob, Ihnen eine Eröffnung zu machen. Die Männer, die Sie hier sehen, haben sich leider beim Forschen nach dem Mörder der Frau Klemmens in ihrem übergroßen Eifer Täuschungen erlaubt, welche ihre Auftraggeber, wären sie davon unterrichtet gewesen, nie und nimmermehr gestattet hätten.

Sie blickte betroffen bald den Bezirksanwalt, bald die verlegenen Gesichter der beiden Detektivs an. Ich verstehe nicht, wovon Sie reden, murmelte sie.

In den verflossenen Wochen war ich genötigt, Ihnen bei meiner unablässigen Verfolgung des Verbrechers viel Seelenschmerz zu bereiten, Fräulein Dare, fuhr Ferris fort. Meine Amtspflicht zwang mich dazu. Aber wie sehr mir auch daran lag, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, nie hätte ich zugegeben, daß dies auf unrechtmäßige Weise geschah. Hätte ich ahnen können, daß man Sie zum Opfer eines Betruges gemacht habe, daß Ihr Urteil nicht frei sei, ich würde Sie davon unterrichtet haben, bevor ich Sie zur Zeugin aufrief. Der Irrtum hat schlimme Früchte getragen. Sie haben heute vor Gericht vorsätzlich ein falsches Zeugnis abgelegt, haben sich als die alleinige Mörderin der Frau Klemmens bezeichnet, während Sie an dem Verbrechen völlig unbeteiligt sind. Diese Unwahrheit aufrechtzuerhalten, wäre Ihnen jedenfalls unmöglich geworden; auch glaube ich, die Beweggründe dazu werden zum Teil fortfallen, wenn Sie erfahren, was ich Ihnen zu sagen habe. Als Sie diesen Mann hier, er deutete auf Hickory, heute zum Zeugen aufriefen, wußten Sie schwerlich, daß gerade eram besten beweisen kann, daß Ihre Selbstanklage unbegründet ist.

Wie, stammelte sie, dieser Mann, den ich gar nicht kenne, mit dem ich nur einmal gesprochen habe?

Sie haben ihm Ihr ganzes Herz entdeckt, bei Gelegenheit einer Zusammenkunft in der Hütte im Walde, kurz nachdem der Mord verübt worden war.

Imogen schrak zusammen und griff nach der Lehne des Stuhles, um sich aufrechtzuerhalten.

Hat er mich damals belauscht, meine Worte vernommen? fragte sie angsterfüllt.

Sie haben die Unterredung mit ihm selber geführt. Er hatte sich als Craik Mansell verkleidet, um Ihre geheimen Gedanken zu ergründen. Es ist ihm gelungen, Fräulein Dare, das läßt sich nicht leugnen, wenn es gleich ein großes Unrecht gegen Sie und Ihren Geliebten war, daß man Sie bei dem Glauben ließ, als hätte Herr Mansell Ihnen gegenüber selbst seine Schuld eingestanden.

Imogen rang die Hände. Es ist unmöglich, rief sie, so konnte ich mich nicht täuschen lassen; Sie spielen mit meinem Elend.

Aber schon hatte Hickory, den Kopf auf die Arme stützend, dieselbe Stellung eingenommen, wie damals in der Hütte. Selbst ohne Hilfe der Verkleidung und sonstiger Täuschungsmittel war die Aehnlichkeit mit der gebeugten Gestalt, die sie für ihren unglücklichen, reuigen Geliebten gehalten, groß genug, um sie von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Imogen stand starr vor Entsetzen da. Plötzlich ermannte sie sich jedoch, von einem Gedanken erfaßt, der sie neu zu beleben schien.

Sagen Sie mir, rief sie auf Hickory zutretend, der sich sofort erhob, war es alles erlogen? nichts als Betrug von Anfang bis zu Ende? Ich habe einen Brief erhalten; war der auch von Ihrer Hand? Verstehen Sie bei all Ihrer Hinterlist auch die Schrift zu fälschen?

Der Detektiv, der sich nicht anders zu helfen wußte, ließ ein verlegenes Lachen hören.

Nur der Umschlag und die Aufschrift waren von mir, den Brief fand ich in Herrn Mansells Papierkorb in Buffalo, er war nicht abgeschickt worden.

So hat er mich also nicht nach der Hütte bestellt, wie ich glaubte; er ist nicht nach Sibley gekommen, hat meine Beschuldigungen nicht schweigend angehört, die Tat nicht zugegeben? – Weh mir, daß ich das jetzt erst erfahren muß, rief sie verzweifelt zu Ferris gewandt.

Ich bedaure es aufrichtig, entgegnete dieser. Der Umstand, daß Sie von der Schuld des Gefangenen überzeugt waren, ist natürlich nicht ohne Wirkung auf die Geschworenen geblieben, und diese Ueberzeugung selbst muß durch die Unterredung in der Hütte, wenn auch nicht erzeugt, so doch wesentlich verstärkt worden sein.

Aber, wäre es denn möglich –? Sie stockte.

Ich würde Ihnen gern ein Trostwort sagen, sprach Ferris mit ruhiger Würde, allein wie die Sachen stehen, kann ich Sie nur ermahnen, auf die Gerechtigkeit und Weisheit derer zu vertrauen, welche die Angelegenheit in Händen haben. Ihre wahnsinnige Handlung von heute wird hoffentlich bald als ein Akt der Verzweiflung erkannt werden, zu dem Sie nur übermenschlicher Jammer treiben konnte.

Sie murmelte ihren Dank mit bleichen Lippen; ein Hoffnungsstrahl schien ihr zu leuchten bei dem flüchtigen Zweifel, ob Craik Mansell auch wirklich das Verbrechen begangen habe. Was hätte sie nicht darum gegeben, die Gedanken der Männer, welche vor ihr standen, ergründen zu können! Aber sie sah ein, daß an die Erfüllung dieses Wunsches nicht zu denken sei und sie noch immer mehr als genügend Ursache habe, an seine Schuld zu glauben. Sie wollte fort, fort aus den Augen dieser Menschen, welche, wie sie wohl wußte, ihre Worte und Blicke zu deuten suchten.

Ferris verstand ihre Bewegung.

Möchten Sie nach Hause zurückkehren? fragte er.

Ja, wenn ich einen Wagen haben kann.

Auf einen Wink des Bezirksanwalts entfernten sich die Detektivs, um ihren Wunsch zu erfüllen.

Bevor Sie gehen, Fräulein Dare, sagte Ferris, als sie allein waren, möchte ich Sie noch einmal dringend ermahnen, zu warten und Geduld zu haben. Eine plötzliche oder gewaltsame Handlung Ihrerseits kann zu nichts Gutem führen und großen Schaden anrichten. Folgen Sie meinem Rat, bleiben Sie ruhig in Ihrer Wohnung und verlassen Sie sich darauf, daß Orkutt und ich alles tun werden, was in unserer Macht steht, um dem Recht und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen!

Sie neigte sich schweigend und blickte in fieberhafter Erregung nach der Tür.

Wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren, überlegte Ferris stillschweigend, während er nicht weniger ungeduldig die Ankunft der Detektivs herbeisehnte.

Als diese endlich erschienen, warf er Byrd einen vielsagenden Blick zu, welchen dieser verstand. Imogen verließ das Zimmer, um in den unten wartenden Wagen zu steigen, und die Detektivs folgten ihr.

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