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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

In des Bezirksanwalts Bureau fanden sich die beiden Detektivs wieder zusammen.

Ich habe Sie rufen lassen, sagte Ferris, um in der schwierigen Frage Ihre Meinung zu hören: sollen wir Fräulein Dares Zeugnis fallen lassen und Mansells Anklage weiter verfolgen?

Hickory war schnell mit der Antwort bei der Hand: Ich dächte, wir wären doch dieser neuesten Bewerberin um die Ehre, die Witwe Klemmens erschlagen zu haben, wenigstens Gehör schuldig, sagte er.

Aber Sie können doch ihrer Geschichte unmöglich Glauben schenken, rief Byrd ungeduldig, Sie wissen so gut wie ich, daß sie das Verbrechen nicht begangen hat. Auch Sie, Herr Bezirksanwalt, zweifeln doch gewiß nicht an Fräulein Dares Unschuld?

Statt der Antwort wandte sich Ferris an Hickory: Die Dienerin hat Ihnen damals mitgeteilt, sie habe das Fräulein am Morgen der Mordtat nicht im Turmzimmer gefunden. Glauben Sie, daß sich Fräulein Dare auf Sie berief, damit Sie dies bestätigen sollten?

Vermutlich, meinte der Detektiv.

Aber ist sie auch wirklich nicht dagewesen? fuhr Ferris kopfschüttelnd fort. Mir hat sie bei unserer gestrigen Unterredung ganz andere Angaben gemacht. Sie sagte, das Mädchen habe sie nur nicht gesehen, weil sie hinter einem hohen Mappenständer, der sie ganz verbarg, durch ein Fernrohr schaute –

Hickory sah betroffen auf: Dies ist nicht unwahrscheinlich, fiel er ein. Als ich den Besuch im Turmzimmer machte, merkte ich zuerst auch nichts von ihrer Anwesenheit. Zufällig blickte ich hinter das Gestell, auf dem die Himmelskarten standen, da sah ich sie.

Nun hielt Ferris es für geboten, den Detektivs die weiteren Aussagen Imogens vom vergangenen Abend mitzuteilen, die ihnen erstaunlich genug klangen. Durch das Fernrohr, das sie zuerst auf die Stadtuhr, sodann auf Frau Klemmens' Haus gerichtet haben wollte, hatte sie Mansell um fünf Minuten vor zwölf nach dem Sumpfe zu fliehen sehen.

Aber soll ich nun ihren gestrigen Angaben glauben, oder ihrem heutigen Zeugnis vor Gericht? fuhr Ferris zweifelnd fort und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen.

Die Detektivs sahen einander fragend an; dann ergriff Byrd das Wort:

Herr Bezirksanwalt, wir beide, Hickory und ich, wissen genau, daß Fräulein Dare an dem Morde unschuldig ist; ein Umstand, den wir bis jetzt verschwiegen haben, hat uns den wahren Verbrecher verraten. – Erzählen Sie, Hickory, wie Sie das Fräulein durch Ihre Verkleidung in der Hütte getäuscht haben, wandte er sich an seinen Kollegen, mir scheint, die Sache ist schon allzulang geheim gehalten worden.

So berichtete denn der Detektiv, was er getan hatte: wie er Imogen durch Mansells Brief nach der Hütte gelockt und sie bei der Unterredung mit ihrem vermeintlichen Geliebten ihre Ueberzeugung von dessen Schuld ausgesprochen und ihn aufgefordert habe, sie zu bekennen.

Ferris hörte überrascht und gespannt zu.

Damit scheint mir die Frage ein- für allemal erledigt, sagte er.

Wie man an ihrer Unschuld auch nur einen Augenblick zweifeln kann, ist mir unfaßlich; ihre Selbstanklage scheint mir dagegen weit eher begreiflich, rief Byrd. Ich denke mir den Verlauf der Sache von ihrem Standpunkt aus etwa so: sie hält ihren Geliebten für den Mörder, ein Unschuldiger gerät statt seiner in Verdacht; nach der Unterredung im Walde hofft sie, der Verbrecher werde freiwillig seine Schuld bekennen, aber die Zeit verrinnt, Hildreth macht den Selbstmordversuch, nun läßt sie ihr Gewissen, ihr Gerechtigkeitsgefühl nicht länger schweigen, sie selbst tut den ersten Schritt, um uns auf die Spur der Wahrheit zu lenken. Mansell wird angeklagt, das Gerichtsverfahren beginnt. Bei der Erfüllung der schweren Pflicht, wider ihn zu zeugen, hält die Hoffnung sie aufrecht, daß es nicht gelingen werde, ihn des Verbrechens zu überführen, daß ihn die Verteidigung retten könne. Die Tatsache, die ihn vernichten müßte – seine Flucht vom Hause der Frau Klemmens zur Zeit des Mordes – denkt sie fest in ihrem Busen zu verschließen. Lieber, als diese vor Gericht zu bekennen, würde sie zu dem letzten Ausweg greifen, der ihr dann noch bleibt – sich selbst zu opfern. Was geschieht? – Der Scharfsinn des Verteidigers hat ein Mittel gefunden, selbst die überzeugendsten Beweise zu entkräften, die Freisprechung scheint kaum mehr zweifelhaft. Da treten Sie vor sie hin und sprechen den Argwohn aus, daß sie von dem Verbrechen mehr wisse, als sie enthüllt habe. Entsetzt erkennt sie, daß sie ihr Geheimnis nicht zu bewahren vermag; sie steht vor der Wahl, den Geliebten zu vernichten oder sich selbst. – Aber, vielleicht irrt sie sich, vielleicht ist er trotz ihres Zeugnisses noch zu retten? – Um hierüber Gewißheit zu erlangen, gesteht sie Ihnen die Tatsache, an der, wie sie glaubt, Mansells Leben hängt. Nein, sie hat sich nicht getäuscht: Ihre ernste Miene, vielleicht ein Wort Ihres Mundes bestätigt ihre Furcht. In der angstvoll durchwachten Nacht reift ihr Entschluß, sich selbst zu opfern. Hat sie den Geliebten anklagen können, um einen Schuldlosen zu befreien, so besitzt sie auch Seelenstärke genug, sich selbst zu beschuldigen, damit das teuere Leben gerettet werde, das durch ihr Zutun am Rande des Verderbens schwebt. Aber, schloß der Detektiv seine Auseinandersetzung, daß Mansell ihr Opfer nicht annehmen und lieber auf seine Rettung verzichten würde, als auf seine Mannesehre, daran scheint sie freilich nicht gedacht zu haben.

Sie nehmen Mansells Schuld für völlig erwiesen an, sagte Hickory kopfschüttelnd; bei mir ist das durchaus nicht der Fall. Zwar gestehe ich offen, daß ich manches unerklärlich finde, z.B. seine Flucht vom Hause der Witwe, die übrigens nicht einmal vor Gericht beschworen ist; aber meine sonstige Ansicht habe ich völlig geändert. Ich bin jetzt fest überzeugt, daß er unschuldig ist, während ich ihn früher für den Mörder hielt.

Byrd und Ferris wechselten erstaunte Blicke.

Sie können sich darauf verlassen, wiederholte Hickory bestimmt, Craik Mansell ist kein Verbrecher. Ich wußte das von dem Moment an, als er seine Verteidigung zurückzog. Das Kurze und Lange ist, daß er Fräulein Dare für die Schuldige hält und sich den Prozeß machen läßt, um sie zu retten.

Und wegen ihres Verbrechens an den Galgen zu kommen? fragte Ferris.

Das nicht; er glaubt, man wird ihm nicht beweisen können, was er nicht begangen hat, und ihn freisprechen. Wäre dies anders, so hätte er sich heute zu dem Verbrechen bekannt, aber das geschah nicht. Er will alles für Fräulein Dare tun, nur nicht lügen. Ich sage Ihnen, der Mann ist unschuldig.

Also ist Imogen Dare die Mörderin?

Er hält sie wenigstens dafür. Ich kann Ihnen auch sagen, wie er zu dem Verdacht gekommen ist: ihr Zorn gegen Frau Klemmens gab dem seinigen nichts nach, ihre Worte: »bis morgen kann vieles anders werden«, ließen eine bestimmte Absicht erkennen, der Verlobungsring, den er ihr gegeben, fand sich im Eßzimmer der Ermordeten auf dem Boden – –

Halt, rief Ferris, der ist ihm aus der Tasche gefallen, die Zeugin hat eidlich versichert, daß sie ihn hineingesteckt hat.

Wohl möglich: ich will Ihnen ja nur zeigen, daß Mansell an ihre Schuld glaubt. Kaum hat er von der Ermordung seiner Tante gehört, so machte er einen dicken Strich quer über das Bild seiner Geliebten – weshalb tut er das? – es ist kein Wort, keine Zeile zwischen ihnen gewechselt worden, die vermuten läßt, daß sie sich entzweit haben. Er bindet ihre Briefe mit einem Trauerband zusammen, als sei sie gestorben und für ihn auf immer verloren. Was soll das anders bedeuten, als daß er sie für die Verbrecherin hält? – Hat aber Mansell zu irgendeiner Zeit, nachdem der Mord verübt war, diese Ueberzeugung gehegt, so geht daraus sonnenklar hervor, daß er unschuldig sein muß. Denn wer selbst das Verbrechen begangen hat, kann unmöglich glauben, daß ein anderer der Täter ist.

Das gebe ich zu, meinte Ferris, nur müßte man in seinem Innern lesen können, um zu wissen, was er wirklich glaubt.

Meiner Ansicht nach hat er es durch seine Taten bewiesen, warf Hickory ein.

Wären Sie also unter den Geschworenen, Sie würden ihn freisprechen?

Zuversichtlich und ohne mich zu besinnen.

Ferris saß eine Weile in Gedanken versunken, schweigend da, endlich wandte er sich an Byrd:

Warum nur jener Bucklige niemals aufgefunden worden ist, der am Tage der Mordtat ein so großes Interesse erregte, sagte er, wissen Sie denn gar nichts von ihm?

Byrd machte ein verwundertes Gesicht; doch als ihm klar wurde, was dies Zurückgreifen auf den früheren Verdacht zu bedeuten habe, lächelte er befriedigt vor sich hin. Um die Antwort schien er jedoch einigermaßen verlegen zu sein.

Wenn er nicht gefunden worden ist, so kommt das wohl daher, daß ich ihn nicht gesucht habe, gestand er endlich offenherzig.

Haben Sie klug daran getan? fragte Ferris streng.

Byrd lachte. Wenn Sie ihn brauchen, kann ich ihn auf der Stelle herbeischaffen, sagte er.

Wirklich? Sie kennen ihn also?

Sehr genau, Herr Ferris. Ich hätte es Ihnen damals vielleicht gleich sagen sollen, aber bei unserem Beruf gewöhnt man sich so an Heimlichkeiten, daß man manchmal schweigt, wo man reden sollte. Der Bucklige, der an jenem Tage auf den Stufen des Gerichtshauses mit uns sprach, war ein Detektiv, ein Mann, in dessen Angelegenheiten ich mich niemals unaufgefordert mischen würde, kein anderer als unser berühmter – Gryce .

Ist es möglich, rief Ferris voll Staunen, wirklich Gryce?

Er selbst; ich erkannte ihn an seinem Blick. Wer so viel mit ihm zu tun gehabt hat, wie ich, kann sich darin nicht täuschen. Weshalb er die Verkleidung trug, wird er selbst am besten wissen.

Und Sie verschwiegen mir, daß der ausgezeichnete Detektiv an Ort und Stelle war, als der Mord entdeckt wurde? Seine Hilfe wäre unbezahlbar für uns gewesen.

Wer hätte damals ahnen können, daß wir vor einem so schwierigen und verwickelten Rechtsfall ständen. Zudem verließ Gryce wenige Minuten nachher die Stadt mit der Bahn; er hatte einige wichtige Angelegenheiten vor, ich glaube nicht, daß er sich mit dieser Sache befassen wollte. Wäre ein ernstlicher Verdacht gegen ihn entstanden, dann freilich hätte ich ihn davon in Kenntnis gesetzt, und er würde sich selbst verantwortet haben. Da jedoch die Dinge bald eine bestimmte Wendung nahmen, hielt ich das nicht für nötig.

Ferris war offenbar unzufrieden, er runzelte die Stirn. Haben Sie Gryce inzwischen gesprochen? fragte er.

Ja, mehrmals.

Und er gibt zu, daß er der Bucklige war?

Gewiß.

So werden Sie ihm auch von dem Mord erzählt haben, für den er sich schon deshalb interessieren muß, weil er in so seltsamer Beziehung dazu stand. Hat er Ihnen gegenüber keine Meinung über den Fall geäußert?

Gryce interessiert sich für jeden Kriminalfall, doch spricht er seine Meinung nicht aus, bevor er ihn gründlich studiert hat. Dazu hat er nur Zeit, wenn der Fall ihm übergeben wird. Will man wissen, was Gryce über ein Verbrechen denkt, so muß man ihn mit der Ermittlung des Täters beauftragen.

Während Ferris nachdenklich im Zimmer auf und ab ging, wechselten Byrd und Hickory verständnisvolle Blicke miteinander.

Herr Bezirksanwalt, begann ersterer, wenn Sie Gryces Rat in dieser Sache zu haben wünschen, so lassen Sie sich durch keine Rücksicht auf uns davon abhalten. Wir bekennen beide, daß unsere Weisheit an diesem Fall zuschanden geworden ist, und Gryce hat mit seinem Urteil schon manchem aus der Verlegenheit geholfen.

Ja, ja, bestätigte Hickory, lassen Sie den Alten nur kommen; je mehr Klarheit in die Geschichte gebracht wird, um so besser.

Gut, meinte Ferris, sagen Sie mir also, wo ich ihn finden kann.

Heute abend ist seine Adresse in Utica; bis morgen früh könnte er hier sein.

Solche Eile hat es nicht, versetzte der Bezirksanwalt und versank wieder in Nachdenken.

Dies benutzend, wandte sich Byrd an seinen Kollegen. Bevor wir abgedankt werden, sagte er mit gedämpfter Stimme, wüßte ich gern Ihre wahre Meinung. Heraus mit der Sprache! Sie halten Mansell nicht für den Täter – an Fräulein Dares Schuld können Sie unmöglich glauben – wer soll denn also den Mord begangen haben?

Er nicht, denn er hält siefür schuldig. Sienicht, denn sie glaubt, daß erder Verbrecher ist. Also ein dritter, der außer allem Zusammenhang mit den beiden steht.

Etwa Valerian Hildreth? flüsterte Byrd.

Möglicherweise ja, gab Hickory zurück.

Die beiden Detektivs sahen einander erleichtert an.

Ferris war aufgestanden. Eines ist ganz unzweifelhaft unsere Pflicht, sagte er, wir müssen unverzüglich Fräulein Dare davon in Kenntnis setzen, daß sie das Opfer einer Täuschung ist, wenn sie annimmt, sie sei damals mit ihrem Geliebten in der Hütte zusammengetroffen. Ihre Ueberzeugung von Mansells Schuld beruht gewiß hauptsächlich darauf, daß sie glaubt, er habe sie ihr gegenüber zugegeben. Daß sie in diesem Irrtum gelassen wurde, geschah ohne Zweifel in guter Absicht, aber den beiden ist damit ein schweres Unrecht geschehen, und die Folgen waren verhängnisvoll. Die Sache muß sofort ins reine gebracht werden. Holen Sie das Fräulein hierher, Byrd, Sie werden sie noch in dem Gerichtshause finden, denn sie bat mich, im untern Zimmer bleiben zu dürfen, bis die Menge sich verlaufen habe.

Byrd zögerte nicht, der Aufforderung Folge zu leisten; auch er sah ein, wie wichtig es sei, das Mißverständnis schleunig aufzuklären, welches durch die Verheimlichung von Hickorys unbedachter Tat entstanden war.

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