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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

War es das klare Frostwetter draußen, was allen Gesichtern im Gerichtssaal einen so heiteren Ausdruck verlieh, oder war frohe Hoffnung in die Gemüter eingezogen? Selbst der Angeklagte schaute weniger düster und verächtlich drein, nun die Möglichkeit einer Freisprechung auf Grund von Orkutts Verteidigung für ihn in Aussicht stand.

Die beiden Detektivs saßen auf ihrem gewöhnlichen Platz.

Wo sind Sie nur seit gestern abend gewesen, Hickory? fragte Byrd, ich habe Sie nirgends aufspüren können.

Auf Posten, lautete die Antwort. Ich sollte einen Vogel im Käfig bewachen, von dem man fürchtete, er werde wild werden, die Stäbe mit den Flügeln zerschlagen und auf und davon fliegen.

Was reden Sie für Torheiten, ich verstehe Sie nicht.

Die ganze Nacht bin ich vor Fräulein Dares Fenster auf und ab gewandert; es war kein angenehmes Geschäft. Erst bei Tagesanbruch erlosch ihre Lampe.

Byrd sah seinen Kollegen mit besorgten Blicken an. Wissen Sie, was Ferris zu tun beabsichtigt? fragte er; haben Sie eine Ahnung, warum das Fräulein den schwarzen Schleier trägt, der sie so dicht verhüllt?

Nein, aber ich bin begierig, was wir zu hören bekommen.

Kopfschüttelnd sah Byrd nach Imogen hinüber. Was für ein neues Rätsel lag hier verborgen? Würde sich der undurchdringliche Schleier heben, um es der Welt zu offenbaren?

Nach Eröffnung der Sitzung war die erste Frage des Richters, ob die Anklage eine Duplik in Bereitschaft habe und Willens sei, die Verteidigung durch Gegenbeweise anzugreifen.

Ferris stand schon gerüstet da.

Fräulein Dare, treten Sie gefälligst vor! sagte er.

Orkutt, der bis zu diesem Augenblick seine Sache schon für so gut wie gewonnen gehalten hatte, sprang heftig erregt auf. Ich erhebe Einspruch, rief er. Die Zeugin hat bereits zu den ausführlichsten Aussagen vor dem Gerichtshof reichlich Gelegenheit gehabt. Der Ankläger hätte das Verhör nicht schließen sollen, bevor er sich überzeugt hatte, daß alle Beweise beigebracht waren.

Haben Sie etwas Tatsächliches anzuführen, was die Wiedereröffnung des Verhörs verlangt? wandte sich der Vorsitzende an Ferris.

Ja, erwiederte dieser; nach Schluß der letzten Sitzung habe ich einen Umstand erfahren, den ich verpflichtet bin, zur Kenntnis der Geschworenen zu bringen. Niemand als die von mir aufgerufene Zeugin vermag Aufschluß über diesen Punkt zu geben, deshalb bitte ich, sie nachträglich darüber vernehmen zu dürfen.

Ist diese neue Tatsache geeignet, die Stellung zu erschüttern, welche die Verteidigung eingenommen hat?

Sie hat direkt Bezug auf die Frage, ob der Angeklagte imstande gewesen ist, den Zug auf der Station beim Steinbruch zu erreichen, wenn er das Haus der Witwe verließ, nachdem die Mordtat begangen war. Die Frage würde bejaht werden müssen, wenn das zu leistende Zeugnis auf Wahrheit beruht.

Die rätselhafte Drohung, welche in diesen Worten lag, war ganz dazu angetan, Orkutt mit Unruhe und Besorgnis zu erfüllen. Barg sich vielleicht hinter Imogens dichtem Schleier eine Erklärung für die Bedeutung derselben? Des Verteidigers Lippen bebten, als er sich jetzt mit spöttischem Lächeln zu Ferris wandte:

Sie wollen beweisen, daß der Angeklagte erst um zehn Minuten vor zwölf Uhr das Haus der Frau Klemmens verlassen und doch um 1 Uhr 20 Minuten auf der Station beim Steinbruch anlangen konnte. Wollen es durch dieseZeugin beweisen?

Ja, um festzustellen, daß die Behauptung der Verteidigung unhaltbar ist, war des Bezirksanwalts ruhige Erwiderung.

Ich wäre doch begierig zu hören, was Fräulein Dare über diesen Punkt auszusagen hat, den eine Dame unmöglich beurteilen kann, rief Orkutt in ironischem Ton, seine starke Erregung gewaltsam bezwingend. Meine Herren, ich ziehe den Einspruch zurück; lassen Sie die Zeugin vernehmen!

Er nahm, scheinbar völlig unbekümmert, seinen Sitz wieder ein, aber seine Blicke, die ruhelos von Imogen zu seinem Klienten hinüberschweiften, führten eine beredte Sprache.

Betrachten Sie einmal den Angeklagten! flüsterte Byrd seinem Kollegen zu. Die Selbstbeherrschung, die er besitzt, grenzt ans Fabelhafte; er scheint nicht halb so erschüttert wie Orkutt.

Aber seine Augen – sehen Sie nur diese Blicke! – man meint, sie könnten durch ihren schwarzen Schleier dringen.

Er will endlich seinen Einfluß auf sie geltend machen.

Ja, aber die Zeit dazu ist vorüber.

Als Ferris jetzt seine Aufforderung wiederholte, erhob sich Imogen langsam, wie im Traum; mechanisch löste sie den Schleier, zog ihn herab und trat vor die Geschworenen hin. Was lag denn in den nun enthüllten Zügen, daß sich plötzlich eine so lautlose Stille über die ganze Versammlung breitete? Die Leichenblässe ihres Antlitzes wurde durch das eng anschließende, tiefschwarze Kleid, welches das Mädchen trug, noch schärfer hervorgehoben. Jede Spur fieberhafter Erregung war von ihr gewichen, unbeweglich stand sie da, mit gesenkten Lidern. Eben noch waren die Augen der Menge voll herzloser Neugier auf sie gerichtet gewesen; jetzt fühlte sich jeder bei ihrem Anblick von Mitleid und Furcht bewegt.

Fräulein Dare, begann der Bezirksanwalt, sobald er seine Gefühle genügend bemeistert hatte, wollen Sie uns angeben, wo Sie sich um die Mittagsstunde des Tages aufhielten, an dem Frau Klemmens ermordet wurde?

Noch ehe die Zeugin die Lippen öffnete, war Orkutt ungestüm aufgesprungen, entschlossen, vor der unbekannten Gefahr, die drohend nahte, auch keinen Fuß breit zurückzuweichen. Die Frage ist völlig unzulässig bei dem jetzigen Stand der Verhandlung, rief er in höchster Aufwallung; sie steht in keinerlei Beziehung dazu; jedes Kind muß das einsehen. Ich bitte den hohen Gerichtshof, mir hierin beizupflichten.

Für Orkutt stand alles auf dem Spiel, Leben und Liebe, Imogens Herz und Hand. Dieser so heiß begehrte Lohn sollte ihm jetzt durch einunbedachtes Wort vielleicht auf immer entrissen werden. Nicht minder erregt als sein Verteidiger zeigte sich der Angeklagte, der jetzt zum erstenmal, seit er vor Gericht erschienen war, seine Gefühle nicht zu beherrschen vermochte.

Meine Herren, redete der Bezirksanwalt die Geschworenen an, ich setze meine Ehre zum Pfande, daß die Zeugin Kenntnis von einer Tatsache besitzt, durch welche die ganze Verteidigung zunichte gemacht wird. Wenn meine Fragestellung dem Herrn Rechtsanwalt mißfällt, so bin ich bereit, mich deutlicher auszudrücken, wir kommen dann vielleicht noch schneller ans Ziel. Er wandte sich an die Zeugin: Sagen Sie uns, haben Sie den Angeklagten am Morgen der Mordtat später gesehen als zehn Minuten vor zwölf? Ja oder nein? –

Es war heraus. Was Ferris beabsichtigte, konnte niemand mehr verborgen sein, und ein Murmeln der Ueberraschung lief durch die Menge. Orkutt, der trotz seiner unbestimmten Befürchtungen auf einen so vernichtenden Angriff nicht vorbereitet war, sah mit starrem Blick bald Mansell, bald Imogen an. Waren die beiden wirklich töricht und vermessen genug gewesen, ihn hinsichtlich eines so wesentlichen Punktes im Dunkeln zu lassen? Der bleiche Schrecken, der aus den Zügen des Angeklagten sprach, zeigte dem Verteidiger nur zu deutlich, daß von der Antwort der Zeugin alles zu fürchten sei. Eben wollte er noch einen letzten Versuch wagen, um die dringende Gefahr abzuwenden, als Imogen mit klarer, volltönender Stimme zu reden begann.

Meine Herren, sagte sie, wenn Sie mir erlauben, meinen Bericht ungehindert zu erstatten, so wird es mir vielleicht gelingen, alle Teile zu befriedigen.

Der Blick, den sie Orkutt zuwarf, schien diesen zu beruhigen, Hatte er sich vielleicht unnötige Sorge gemacht? Er nahm seinen Platz wieder ein, und Imogen sprach weiter, jedes Wort scharf betonend:

Herr Ferris hat zwei Fragen an mich gestellt. Ich ziehe vor, die erste zu beantworten: wo ich mich zu der Zeit aufhielt, als Frau Klemmens ermordet wurde. Sie hielt inne und rang nach Atem. – Ich will Ihnen die Wahrheit nicht länger verbergen: ich war bei Frau Klemmens selbst, in ihrem Hause.

Wäre ein Blitzstrahl aus blauer Luft vor dem Bezirksanwalt niedergefahren, er hätte ihn nicht unerwarteter treffen können als dies seltsame Bekenntnis, während er auf eine ganz andere Aussage gefaßt war.

In Frau Klemmens' Haus? wiederholte er unter dem aufgeregten Gemurmel vieler hundert Stimmen. Habe ich recht gehört? –

Sie lächelte kühl und überlegen; sie wußte, Ferris war machtlos ihr gegenüber. Ja, sagte sie fest, ich versichere bei meinem Eide, daß ich mich an dem Tage und zu der Stunde, als Frau Klemmens ermordet wurde, bei ihr im Hause, in ihrem Eßzimmer befand. Ich hatte mich heimlich dorthin begeben, fuhr sie, um jeden Einwurf abzuschneiden, mit fieberhafter Eile fort. Als ich an jenem Morgen allein im Turmzimmer von Professor Darlings Villa saß, die unweit des Waldes am Ende der Sommerstraße liegt, war mir plötzlich der Gedanke gekommen, sofort Frau Klemmens aufzusuchen, um den versprochenen Versuch zu machen, sie zu Gunsten ihres – ihres – des Angeklagten umzustimmen. Ich schlich mich die Treppe hinab, erreichte den Wald, ohne bemerkt zu werden und konnte mich so dem Hause der Witwe von der Rückseite nähern. Gegen Mittag langte ich dort an; ich fand Frau Klemmens allein im Hause – wenn noch jemand bei ihr gewesen war, so hatte er sich bereits entfernt – sie war gerade damit beschäftigt, ihre Uhr zu stellen – – – –

Warum hielt denn die Zeugin plötzlich inne?

Ferris hatte keinen Laut von sich gegeben; die Ueberraschung fesselte ihm die Zunge. Orkutt saß da wie gelähmt; sein Denken, Fühlen, das Leben selbst schien in ihm stillzustehen; er starrte Imogen versteinert an und las das Schreckliche, das da kommen sollte, in ihren verzerrten Mienen. Aber nicht auf ihn war ihr Blick gerichtet, sondern auf den Angeklagten, den plötzlich die bisher so streng bewahrte Fassung und Zurückhaltung verließ. Mansell war aufgesprungen, mit erhobener Hand stand er da, Imogen einen herrischen Befehl zuwinkend.

Schon war er wieder auf seinen Platz zurückgesunken; das Auge des Richters hatte ihn getroffen. Aber das Zeichen war gegeben, man erwartete Imogen schwanken, ihren Mut gebrochen zu sehen. Sie aber ließ sich in ihrem Vorsatz nicht beirren; mochte die plötzliche Gefühlsäußerung Mansells sie auch tief erschüttert haben, sie schwieg nicht, wie er verlangte. Mit seltsamem, der Erde entrücktem Ausdruck wandte sie sich von ihm ab und den Geschworenen zu.

Wie ich schon sagte, fuhr sie entschlossen fort, Frau Klemmens war dabei, ihre Uhr aufzuziehen. Als sie mich bemerkte, trat sie auf mich zu, und es entspann sich zwischen uns ein kurzes, aber zorniges Zwiegespräch. Sie war entrüstet darüber, daß ich sie aufgesucht hatte. Mein Interesse für ihren Neffen mißbilligte sie im höchsten Grade. Aufs äußerste gereizt und empört über ihre Worte, wollte ich mich entfernen – doch kehrte ich wieder zurück. Sie stand mit dem Gesicht nach der Uhr und schien meine Gegenwart nicht mehr zu beobachten. Da kam es über mich, ich weiß nicht, war es Liebe oder Haß, was mich von Sinnen brachte – aber – –

Sie brauchte nicht weiter zu sprechen; ihre Haltung und Gebärde waren beredter als Worte. Ferris, Orkutt, sämtliche Zuhörer, die gespannt an ihrem Munde gehangen hatten, wurden plötzlich inne, daß sie keine Anklage gegen den Gefangenen aussprach, sondern sich selbst anschuldigte. Bis zum Wahnsinn getrieben, vor die furchtbare Wahl gestellt, ihren Geliebten dem Untergang zu weihen, oder sich selbst zu opfern, hatte sie zu dem verzweifelten Mittel gegriffen, sich hier, vor Richter und Geschworenen als die Mörderin der Frau Klemmens zu bekennen.

Eine unbeschreibliche Bewegung entstand. Der Angeklagte, vielleicht der einzige unter allen Anwesenden, der ihre Absicht geahnt hatte, als sie zu reden begann, hatte erschüttert das Gesicht mit den Händen bedeckt; Orkutt stand vernichtet da, von widersprechenden Gefühlen überwältigt, unfähig, das Entsetzliche zu fassen. Auch Ferris war keines Wortes mächtig, der Gedanke, daß er, ohne es zu wollen, dies grausame Bekenntnis veranlaßt habe, raubte ihm fast die Besinnung. Schrecken und Aufregung verbreitete sich durch den ganzen Gerichtssaal, bis der Vorsitzende endlich das Wort ergriff.

Sie haben wohl die Tragweite des Zeugnisses, das Sie vor uns abgelegt haben, nicht bedacht und sind nicht in der Verfassung, um den Inhalt Ihrer Aussage abzuwägen, Fräulein Dare, redete er die Zeugin an. Das Mitgefühl für den Angeklagten und Ihre eigene Erregung über die Wiedereröffnung des Verhörs hat Sie verwirrt und unzurechnungsfähig gemacht. Wir lassen Ihnen Zeit, sich zu fassen; der Gerichtshof wird warten, bis Sie ruhiger geworden sind und uns den wahren Sachverhalt mitteilen können.

Mit bleichen Lippen und gesenkten Hauptes stand Imogen da, ein Bild starrer Verzweiflung; aber sie blieb bei ihrem Vorsatz.

Ich habe nichts mehr zu erwägen, sagte sie. Sie wissen nun, wie Frau Klemmens den Tod gefunden hat: ich habe sie erschlagen; Craik Mansell ist unschuldig.

Während des erregten Stimmengewirrs, das auf diese Worte folgte, sahen Byrd und Hickory einander mit zweifelnden Blicken an.

Sie spricht nicht die Wahrheit, flüsterte ersterer, denken Sie daran, was sie damals in der Hütte sagte –

Still, gab Hickory zurück, geben Sie acht, Orkutt will reden.

Dem Rechtsanwalt war es endlich gelungen, seiner furchtbaren Gemütsbewegung Herr zu werden und sich zu erinnern, was sein Amt, seine Stellung von ihm fordere. Angesichts der bestürzten Geschworenen, der erregten Menge, schleuderte er zündende Worte hervor, welche die schwüle Atmosphäre mit einem Schlage verscheuchten.

Dies ist keine Zeugenaussage, rief er, es ist Wahnsinn und Raserei. Das Fräulein ist durch das Verhör so lange gemartert worden, bis sie nicht mehr zurechnungsfähig und verantwortlich ist für ihre Aussage. Der Herr Bezirksanwalt wird sicher keinen Augenblick zögern, die Zeugin abtreten zu lassen, die so sichtlich unter einem Anfall von Geistesverwirrung leidet.

Ich muß vor allem feststellen, sagte Ferris, sich gleichfalls ermannend, daß mir das Bekenntnis der Zeugin nicht weniger überraschend kommt, als den übrigen Anwesenden. Es hat durchaus nichts mit der Tatsache gemein, welche ich dem Gerichtshof zu unterbreiten wünschte; nach der Unterredung, welche ich gestern abend mit dem Fräulein hatte –

Ich protestiere gegen jede Wiedergabe dieser Unterredung, fiel Orkutt leidenschaftlich ein; welcher Art sie gewesen ist, lassen die Folgen, die hier zu Tage treten, nur zu deutlich erkennen. Die Stimme erhebend, so daß sie bis ans äußerste Ende des Saales drang, fuhr er fort:

Meine Herren, wir haben soeben einen Auftritt erlebt, der zu dem erschütterndsten gehört, was es auf Erden gibt. Durch ein übermächtiges Gefühl fortgerissen, sich selbst zu opfern, hat ein junges, schönes und bisher hochgeachtetes Weib in einem Augenblick falschen Eifers oder wahnsinniger Angst Worte ausgestoßen, die wie ein Schuldbekenntnis klingen. Ein solches Begebnis muß in jeder Brust das tiefste Mitgefühl wecken. Auch ich, meine Herren, teile diese Empfindung. Wie auch Ihr Urteil für meinen Klienten ausfallen mag, ob Sie ihn schuldig sprechen, statt ihn ehrenvoll zu entlassen – er wäre nicht der Mann, für den ich ihn halte, wenn er seine Rettung einem so wahnsinnigen Bekenntnis verdanken möchte, das jeden Schein der Wahrheit entbehrt. Ich wiederhole daher meinen früheren Einspruch und bitte den Herrn Bezirksanwalt, ein Verhör zu beenden, das für seine Sache ebenso unersprießlich ist, wie für die meinige.

Ich teile ganz Ihre Ansicht, war Ferris' Erwiderung, daß der Augenblick für unsere Verhandlung durchaus ungeeignet ist. Mit Erlaubnis eines hohen Gerichtshofs will ich daher die Zeugin zurückziehen, obwohl ich dann zugleich darauf verzichten muß, die wichtige Tatsache zu enthüllen, welche ich gegen die Verteidigung vorzubringen dachte.

Noch ehe jedoch der Bezirksanwalt Imogen auffordern konnte, abzutreten, wandte sich diese selbst an den Vorsitzenden:

Euer Gnaden werden mir gestatten, zu bleiben, bis ich klar bewiesen habe, daß nicht die Hand des Angeklagten Frau Klemmens getötet hat, sondern die meinige. Habe ich die Qual erdulden müssen, Zeugnis gegen ihn abzulegen, so gebührt mir auch das Recht, öffentlich seine Unschuld und meine Schuld zu erklären.

Der Gerichtshof ist der Meinung, lautete die Antwort, daß Ihre heutige Gemütsverfassung nicht für das Verhör geeignet ist. Wenn Sie die Wahrheit sprechen, so wird Ihnen später hinreichende Gelegenheit geboten werden, Ihre Erklärung abzugeben und zu beweisen. Denn Sie müssen wissen, Fräulein Dare, daß ein Bekenntnis dieser Art völlig nichtig ist, wenn es nicht durch anderweitiges Zeugnis bestätigt wird.

Aber ich kann ein solches Zeugnis beibringen, Euer Gnaden, entgegnete sie mit entsetzlicher Ruhe. Rufen Sie jenen Mann wieder auf, sie deutete auf Hickory, und lassen Sie ihn die Unterredung wiederholen, die er vor etwa zehn Wochen in Professor Darlings Turmzimmer mit einer Dienerin geführt hat. Das wird meine Aussage bestätigen.

War das nicht weit schlimmer als ihre erste Selbstanklage? – Was allen wie eine Ausgeburt des Wahnsinns, wie ein wirrer Traum erschienen war, erhielt auf einmal Gestalt und Wesen, dadurch, daß sie einen Gewährsmann aufrief, um ihr Bekenntnis zu erhärten. Sie stand und wartete mit starrem Blick auf die Antwort des Richters, wie jemand, der auf dieser Welt nichts mehr zu fürchten und nichts mehr zu hoffen hat.

Der Vorsitzende fand kein Wort der Erwiderung, auch Orkutt und Ferris waren verstummt. Eine bedrückende Stille lagerte über der Versammlung, als plötzlich eine unbekannte, männlich feste Stimme von der Seite des Gerichtszimmers her schallte, wo man zuvor Orkutts Redefluß vernommen hatte.

Es war der Angeklagte, welcher sprach. Stolz aufgerichtet, eine nicht weniger edle Erscheinung als das Weib, das er geliebt hatte, stand Craik Mansell vor seinen Richtern. Konnte der Mann, der mit so ruhiger Festigkeit auftrat, dessen würdig ernstes Wesen ihn den Ehrenmännern, die ihn umgaben, gleichzustellen schien, in Wahrheit ein Verbrecher sein? Es schien kaum glaublich, aber seine Worte waren nicht die eines fälschlich Angeklagten, und er beteuerte seine Unschuld nicht.

Ich bitte um Verzeihung, sagte er, daß ich mich unmittelbar an den hohen Gerichtshof wende; besonders möge es der Herr Verteidiger entschuldigen, der meine Sache mit so außerordentlicher Geschicklichkeit geführt hat. Wäre er weniger edel und hochherzig, ich würde fürchten, mir seinen Groll zuzuziehen.

Ohne den überraschten und finsteren Blick zu bemerken, den Orkutt ihm zuwarf, fuhr der Angeklagte, zu dem Vorsitzenden gewandt, fort:

Ich hätte geschwiegen, wenn ich nicht besorgen müßte, das Gericht könnte von seinem Beschluß in betreff der Zeugin zurückkommen. Es ist auch meineAnsicht, daß ihr Zeugnis nicht berücksichtigt werden darf, und ich will tun, was in meiner Macht liegt, damit dies nicht geschieht.

Der Richter erhob warnend die Hand, aber Mansell sprach ruhig und bestimmt weiter:

Ich bitte, mich anzuhören: ich habe nicht die Absicht, gleich der Zeugin ein voreiliges Bekenntnis abzulegen; ich will nur verhindern, daß ihre Selbstanklage an Gewicht gewinnt durch die Zweifel über meine Schuld, welche infolge meiner Verteidigung entstehen könnten.

Sobald der Angeklagte zu reden begann, hatte Orkutt in großer Unsicherheit geschwebt, ob er seinen Klienten fortfahren lassen oder ihm das Wort abschneiden solle. Jetzt erkannte er, daß der Ausgang des ganzen Rechtfalls ernstlich gefährdet sei und erhob sich schnell. Ein Blick auf Imogen brachte ihn jedoch auf andere Gedanken, und er nahm seinen Platz ebenso rasch wieder ein.

Noch gestern, fuhr der Angeklagte fort, war ich willens, meine Rettung der anscheinend so unanfechtbaren Verteidigung zu danken, aber heute ist es anders. Es wäre schmähliche Feigheit, wollte ich der Großmut dieses Weibes gegenüber zugeben, daß eine Unwahrheit irgendwelcher Art siein Gefahr bringt, oder michvor dem Verhängnis schützt, das meiner vielleicht wartet. – Herr Rechtsanwalt, wandte er sich mit größter Hochachtung an Orkutt, man hat Ihnen gesagt, daß der Weg von Frau Klemmens' Hause über die Brücke und nach der Station am Steinbruch nicht in 90 Minuten zurückgelegt werden könne, und Sie haben es geglaubt. Auch war es kein Irrtum. Nur wenn man ein Mittel findet, über den Strom zu kommen, ohne den Umweg nach der Brücke zu machen, läßt sich die Zeit erheblich kürzen. Ich weiß wohl, fuhr er fort, als mancherlei Ausrufe in der Menge laut wurden, besonders seitens des höchlich betroffenen Hickory, daß ein Wanderer, der zufällig des Weges kommt, ein solches Auskunftsmittel schwerlich entdecken würde. Wäre aber ein Holzhauer hier zugegen, so würde er mir ohne Zweifel bestätigen, daß die Baumstämme, welche häufig dort den Strom hinunter nach der Station geflößt werden, einen leichten Uebergang gewähren. Als ich an jenem verhängnisvollen Tage an das Flußufer kam, lag ein solches Floß dort angebunden. Mit der langen Ruderstange, die ich im Grase fand, stieß ich es ab und gelangte hinüber. – Der Detektiv, der sich schon einmal in dieser Sache eine große Anstrengung zugemutet hat, wird vielleicht den Versuch wagen und finden, daß man unter diesen Umständen die Strecke vom Hause der Frau Klemmens bis zu der Station in 90 Minuten zurücklegen kann, ja sogar in noch kürzerer Zeit. Ich habe es getan.

Mit männlichem Stolz, ohne einen Blick auf Imogen zu werfen, nahm der Angeklagte seinen Platz wieder ein und blieb ruhig und gefaßt sitzen, wie zuvor.

Daß er sich in eine höchst kritische Lage gebracht hatte, war unschwer zu erkennen. Nach den wechselnden Empfindungen der letzten halben Stunde befand sich die Menge in einer ungeheuren Aufregung. Die gereizte Stimmung der Geschworenen konnte leicht in ihrem Wahrspruch Ausdruck finden. Unmittelbar nach Imogens Selbstanklage hatte Mansell durch sein Geständnis seine eigene Verteidigung Lügen gestraft und stand nun schutzlos da, der Strenge des Gesetzes preisgegeben. Er war des Mordes angeklagt, die Gerechtigkeit verlangte Blut für Blut, die Menge wollte ein Opfer haben: es war ein gefährliches Spiel, das man mit ihr getrieben hatte. Was ging der Liebesmut dieser zwei Menschen, die füreinander sterben wollten, die Geschworenen an? Mußten sie nicht sagen, daß die Schuld des Gefangenen so gut wie erwiesen sei? Er hatte gestanden, daß er mit falschen Waffen gekämpft habe; wer unschuldig ist, braucht sich nicht durch eine Lüge zu schützen. Man war gerechtfertigt vor Gott und Menschen, wenn man annahm, daß ihn sein eigenes Zeugnis überführt habe.

Solche und ähnliche Reden vernahm man in der Menge, ein wildes Stimmengewirr brauste durch den ganzen Saal, und selbst den Gerichtsdienern würde es mit Aufbietung ihrer ganzen Amtsgewalt schwerlich gelungen sein, die Ordnung wieder herzustellen. Aber plötzlich verbreitete sich ganz von selbst eine erwartungsvolle Stille in der Versammlung; man sah, wie der Vorsitzende Ferris und Orkutt zu sich heranwinkte, und die Anwälte in eifrige Verhandlung mit dem Gerichtshof traten.

Bald nachher wandte sich der Richter zu den Geschworenen und kündigte ihnen an, es sei unbedingt nötig, die Enthüllungen, welche die Sitzung gebracht habe, einer sorgfältigen Erwägung zu unterwerfen und einstweilen die Verhandlung zu vertagen. Die Geschworenen würden am besten tun, sich inzwischen jeder Besprechung des Falls auch unter einander zu enthalten. Der Beschluß ward einstimmig angenommen, und die Sitzung bis zum andern Morgen um 10 Uhr vertagt.

Imogen sah von ihrem Platze auf der Zeugenbank aus, wie der Angeklagte abgeführt wurde. Mochte ihr Zeugnis wahr oder falsch erfunden werden, ihr Ruf war in den Augen der Welt auf immer vernichtet. Auch schien es, als habe das furchtbare Opfer, das sie gebracht hatte, nur dazu gedient, den Mann, welchen sie liebte, unrettbar in den Abgrund zu stürzen, aus dem sie versucht hatte ihn zu befreien.

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