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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Voll Ungeduld sah man der Eröffnung der Gerichtssitzung am nächsten Morgen entgegen. Nicht nur die neugierige Menge, selbst Richter und Geschworene warteten mit Spannung darauf, wie Orkutt seine kühne Behauptung begründen werde. Byrd, der sich rechtzeitig einen Platz verschafft hatte, fand Zeit und Muße, die Gesichter der zumeist Beteiligten zu beobachten, deren Ausdruck sich infolge der letzten Ereignisse merklich verändert hatte. Gern würde er allerlei Bemerkungen darüber mit seinem Kollegen Hickory ausgetauscht haben; allein der fehlte an seiner Seite.

Die Verhandlung begann. Nachdem feststand, daß Frau Klemmens um drei Minuten nach zwölf Uhr bewußtlos und blutend auf ihrem Eßzimmer am Boden liegend gefunden worden sei, galt es, den Zeitpunkt genau zu ermitteln, wann die Mordtat geschehen sein könnte.

Ein Murmeln der Ueberraschung lief durch die ganze Versammlung, als Orkutt mit lauter Stimme Valerian Hildreth als Zeugen aufrief.

Schnell war Ferris aufgesprungen. Sie können doch unmöglich einen Mann als Zeugen vernehmen wollen, der selbst, wie Sie wissen, dieses Verbrechens verdächtig gewesen ist und deshalb bereits längere Zeit in Untersuchungshaft gesessen hat. Denken Sie etwa Ihren Klienten dadurch vom Galgen zu retten, daß Sie jenem den Strick um den Hals legen?

Ich lege niemand den Strick um den Hals, war Orkutts kaltblütige Erwiderung. Dies Vorrecht gebührt nicht dem Verteidiger, sondern dem Ankläger, Herr Bezirksanwalt.

Mit unmutiger Gebärde nahm Ferris seinen Sitz wieder ein, während Hildreth zögernden Schrittes herbeikam. Seine verfallenen Züge, sein kränkliches Aussehen, der Verband, den er noch um den Hals trug, machten ihn zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Scheu wich er den Blicken der Menge aus; in seinem Antlitz, das sich mit plötzlicher Glut übergoß, wechselten Scham und ohnmächtige Wut, seine ganze Erscheinung war völlig dazu angetan, Mißtrauen und Verachtung einzuflößen.

Von dem Zeugen, der in unmännlicher Haltlosigkeit vor Richter und Geschworenen stand, schweifte Byrds Auge zu dem Angeklagten hinüber, der ruhig und gefaßt dasaß, ein Bild stolzer, unerschütterlicher Selbstbeherrschung. Warum Orkutt die beiden Männer hier zusammenbrachte, war dem Detektiv leicht verständlich. Der Vergleich zwischen ihnen, zu dem sich jeder unwillkürlich veranlaßt sah, mußte auch auf die Geschworenen eine entscheidende Wirkung üben. Selbst wenn Hildreths Zeugnis der Verteidigung keinerlei Nutzen brachte, so war doch seine bloße Gegenwart ein Meisterstück kluger Berechnung von seiten Orkutts gewesen.

Er hält Hildreth für den Mörder oder will wenigstens bei andern den Glauben erwecken, daß er es ist, war der Schluß, zu welchem Byrd gelangte.

Der Zeuge leistete den Eid, sein Verhör begann. Welches auch Orkutts Gesinnung gegen Hildreth sein mochte, er behandelte ihn mit Achtung und großer Rücksicht. Seine Fragen schienen einzig und allein die Feststellung der Tatsache zu bezwecken, daß Hildreth an dem Morgen, als die Mordtat verübt wurde, im Hause der Witwe anwesend gewesen war und sie nur wenige Minuten vor zwölf Uhr lebend gesehen und mit ihr gesprochen hatte.

Daß er das Haus nicht vor dreiviertel auf zwölf betreten haben könnte, ergab sich aus dem Zeugnis von Frau Denton, der Nachbarin, deren Kinder bis zu dieser Zeit vor der Tür gespielt hatten, sowie aus Hildreths eigenen Aussagen. Angenommen, die Dauer seiner Unterredung habe auch nur fünf Minuten betragen, so müßte die Witwe um zehn Minuten vor zwölf Uhr noch am Leben gewesen sein.

Das Kreuzverhör, welches Ferris hierauf anstellte, war scharf, aber kurz; der Bezirksanwalt hütete sich wohl, Hildreth zu Angaben zu veranlassen, bei denen man sich hätte fragen müssen, warum nicht der Zeuge statt des Angeklagten auf der Anklagebank säße.

Hildreth war abgetreten, und die Verteidigung beschäftigte sich nunmehr mit der Frage, ob der Nachmittagszug, mit welchem Mansell, wie bereits festgestellt, von der Station am Steinbruch nach Buffalo abgefahren war, an jenem Tage Verspätung gehabt habe. Das Zeugnis des Bahnwärters, daß der Zug zur fahrplanmäßigen Zeit, um 1 Uhr 20 Minuten abgegangen sei, wurde noch durch ein Telegramm bestätigt, das dem Bahninspektor in Monteith die Ankunft des betreffenden Zuges gemeldet hatte.

Nachdem auch dieser Beleg geprüft worden war, galt für erwiesen, daß erstens der Mordanfall nicht früher als 10 Minuten vor 12 Uhr erfolgt sein könne, und daß zweitens der Angeklagte sich um 1 Uhr 20 Minuten auf dem Bahnhof am Steinbruch befunden habe.

Zunächst ging man nun an die Beschreibung des Pfades, auf welchem sich vom Hause der Witwe aus die Station erreichen ließ. Eine Karte, ähnlich der von Byrd gezeichneten, die ein Feldmesser genau an Ort und Stelle aufgenommen hatte, wurde den Geschworenen vorgelegt. Dann sollte ein wohlbekannter Neuyorker Athlet und Schnelläufer über die auf dem Wege zu überwindenden Schwierigkeiten Bericht erstatten.

Bisher hatte Byrd der Verhandlung mit größter Aufmerksamkeit zugehört; jetzt ward er zerstreut und seine Augen wanderten häufig nach der Tür. Er hatte den Zug pfeifen hören, welchen Hickory zur Rückfahrt nach Sibley benutzen wollte und erwartete mit Ungeduld die Rückkehr seines Kollegen. Merkwürdigerweise begegnete er dabei öfters den Blicken Orkutts, der gleichfalls die Eingangstür zu beobachten schien.

Was der Neuyorker Sachverständige aussagte, war folgendes:

Das erstemal habe ich die Strecke in 120 Minuten zurückgelegt, das zweitemal in 115 Minuten; ich gewann fünf Minuten, weil mir der Weg bekannt war und ich meine Kräfte sparte, wo es anging. Zu dem dritten Lauf brauchte ich jedoch drei Minuten mehr als das erstemal. Der Holzweg war nämlich vom Regen aufgeweicht, und ich blieb bei jedem Schritt im Schlamm stecken. Es ist mir also nicht möglich gewesen, in weniger als 115 Minuten an das Ziel zu gelangen.

Ein Murmeln der Befriedigung ging durch den Saal. Die Zeit, welche dem Angeklagten bis zur Abfahrt des Zuges nach Buffalo zur Verfügung gestanden hatte, betrug nur 90 Minuten.

Ferris begann das Kreuzverhör:

Haben Sie den ganzen Weg dreimal zu Fuß zurückgelegt?

Ja, vom Hause der Witwe bis zur Station.

War das nötig?

Bis zur Landstraße jedenfalls. Der Pfad durch den Wald ist zu schmal für ein Pferd, und der Holzweg, der breit genug wäre, so uneben, daß ein Reiter unfehlbar Hals und Beine brechen müßte.

Auch auf der Straße jenseits der Brücke sind Sie gelaufen?

Ja, alle drei Male, so schnell mich meine Füße tragen wollten.

Hier trat Orkutt dazwischen.

Warum taten Sie das? Der Bahnwärter hat bestimmt ausgesagt, er habe den Angeklagten auf der Landstraße gehensehen?

Es kam mir darauf an, Zeit zu gewinnen, lautete die Antwort.

Und Sie brauchten so lange, obgleich Sie diesen Vorteil voraus hatten?

Ich war nicht imstande, schneller anzukommen.

Der zweite Schnelläufer, der nun an die Reihe kam, stimmte in seinem Bericht fast genau mit dem ersten überein. Durch Aufbietung aller Kräfte war es ihm gelungen, die Strecke einmal in fünf Minuten weniger, als sein Kollege, zu durchlaufen. – Während dieses Kreuzverhörs erschien endlich Hickory in der Tür. Als er Byrds Blick erwartungsvoll auf sich gerichtet sah, schüttelte er niedergeschlagen den Kopf. Offenbar war sein Versuch mißlungen. Daß Orkutt sie beobachtete, merkten die beiden Detektivs nicht, sonst hätte Hickory wohl seine Gefühle für sich behalten.

Sobald er in Byrds Nähe gelangen konnte, flüsterte er ihm zu: Es war nichts damit. Weniger als 105 Minuten bringe ich nicht heraus, und ich habe das Mögliche getan. Es sind noch fünfzehn Minuten zu viel: aber nur wenn ich Flügel hätte, die mich über den Fluß trügen, würde ich kürzere Zeit brauchen.

Immerhin haben Sie die beiden Schnelläufer übertroffen und ihnen fünf Minuten abgewonnen.

Das ist mir lieb, ändert jedoch an der Hauptsache nichts, fuhr Hickory im Flüsterton fort. Mir schien übrigens, als würde ich beobachtet. Ein Mensch war in Frau Klemmens' Haus versteckt, ein anderer lungerte an der Station herum; sie haben gewiß den Moment meines Abgangs und meiner Ankunft genau notiert. Der zweite Aufpasser schickte eine Depesche ab und kam auf demselben Zug mit mir zurück. Orkutt muß wirklich ein Hexenmeister sein, daß er erfahren hat – –

Hickory fuhr zusammen; eine laute, befehlende Stimme hatte seinen Namen genannt. Als er aufblickte, sah er das Auge des Verteidigers von der andern Seite des Gerichtssaals her auf sich gerichtet. Orkutt hatte ihn als Zeugen aufgerufen.

Donnerwetter, brummte Hickory mit einem bedeutsamen Blick auf Byrd. Dann folgte er der unerwarteten Ladung.

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