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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel.

Seitdem man die Witwe auf ihr Lager gebettet, waren anderthalb Stunden verflossen, ohne daß eine merkliche Veränderung in ihrem Zustand eingetreten wäre. Außer dem Arzt saßen noch mehrere Nachbarinnen an ihrem Bette, auf jeden ihrer Atemzüge lauschend und des Augenblicks harrend, wo Leben in die unbeweglichen Züge kommen würde, auf welchen schon die Schatten des Todes lagerten.

Im Wohnzimmer besprach sich Ferris mit dem Rechtsanwalt Orkutt darüber, was er etwa im Laufe der Jahre von den Verhältnissen der Frau in Erfahrung gebracht habe, mit welcher er in fast täglichem Verkehr gestanden. Draußen am Hoftor bildeten sich noch immer neue Gruppen Teilnehmender oder Neugieriger. Man stritt eifrig hin und her, ob der Hausierer oder der Bucklige der Mörder sei, sprach von Charakter und Lebensweise der Witwe, von der Möglichkeit ihres Wiederaufkommens, wiederholte die Aussprüche des Doktors und stellte eigene Vermutungen auf.

Byrd, der junge Detektiv, lehnte am Gitter, scheinbar mit eigenen Gedanken beschäftigt, und ließ sich das bunte Stimmengewirr ruhig um den Kopf herumschwirren. Auf einmal erschallte ein kurzer Aufschrei – es entstand eine plötzliche Stille – dann ward eine klare, volltönende Frauenstimme vernehmbar, welche die herrische Frage tat:

Habe ich recht gehört – ist es wahr – Frau Klemmens ermordet – von einem Vagabunden in ihrem eigenen Hause? – Gebt mir Antwort!

Sofort hefteten sich aller Augen auf die Sprecherin, die von der Straße herkam. Byrd sah, wie sich die Menge teilte, und ein junges Mädchen in den Hof trat. Es war eine auffallende Erscheinung, majestätisch in Haltung und Gebärde, eine hohe, stolze Gestalt, die den Blick wohl unwillkürlich gefesselt hätte, selbst wenn ihre Gesichtszüge nicht so blendend schön gewesen wären. Hatte man aber erst einmal in dies Antlitz geschaut, so vermochte man sich schwer wieder loszureißen. Es lag ein rätselhaftes Etwas darin. Nicht nur die hohe weiße Stirn, die tiefklaren Augen, deren durchsichtiges Grau sich unaufhörlich zu verändern schien, die gerade, feingeschnittene Nase, der ausdrucksvolle Mund war es, was den Beschauer selbst gegen seinen Willen festhielt; mehr als durch ihre Schönheit, durch den Reiz ihrer blühenden Jugend, fesselte sie noch durch ihr ganzes eigentümliches Wesen. Man fühlte, dies war ein Weib, das man anbeten, dem man sich blind ergeben konnte, aber das gänzlich zu begreifen man nie hoffen durfte.

Ihr Kleid war von dunkelgrüner Farbe; die Handschuhe hielt sie in der Hand, ihr ganzes Auftreten drückte die äußerste Bestürzung aus.

Ist sie tot – sagt mir's, wenn ihr's wißt! wiederholte sie heftig, als alle noch immer schwiegen.

Schwer verletzt ist sie, ließ sich endlich ein derber Bursche vernehmen, der Arzt gibt keine Hoffnung.

Der Eindruck dieser Worte war unverkennbar. Eine fahle Blässe bedeckte urplötzlich das Gesicht des Mädchens; krampfhaft preßte sie die Hände zusammen und schien nur mühsam ihre Fassung zu bewahren, doch stand sie hoch aufgerichtet da, sich gewaltsam bezwingend.

Schrecklich, schrecklich, murmelten ihre Lippen, als spräche sie zu sich selbst, es kann nur Unheil daraus entstehen. Dann, als besinne sie sich plötzlich, wo sie sei, wandte sie sich kopfschüttelnd an die ihr zunächst Stehenden: Und ein Hausierer soll der Täter sein?

Man hat ihn als des Mordes verdächtig festgenommen.

Dann müssen ja wohl dringende Beweise gegen ihn vorliegen, sagte sie. Sich den Weg durch die Menge bahnend, welche ihr scheu und ehrerbietig Platz machte, betrat sie das Haus.

Byrd hatte sich vorgebeugt, um ihr nachzublicken; dann wandte er sich an ein altes Weib in der Menge.

Kennen Sie die Dame? fragte er. Sie ist wohl eine Verwandte der unglücklichen Frau?

Die Züge der Alten nahmen einen grimmigen Ausdruck an. Nein, krächzte sie heiser, nicht einmal eine Bekannte.

Die Antwort kam Byrd unerwartet; es schien ihm wohl der Mühe wert, der Sache auf den Grund zu gehen. Eben wollte er dem Fräulein ins Haus folgen, als er sich von dem Weibe zurückgehalten sah.

Ich meine nur, flüsterte sie geheimnisvoll, sie besuchten einander nicht; gekannt haben sie sich natürlich, wie wäre das anders möglich in unserer kleinen Stadt!

Byrd fand die junge Dame mitten im Wohnzimmer stehen, in stolzer, entschlossener Haltung, den Blick auf die Türe geheftet, die in Frau Klemmens' Schlafgemach führte; Rechtsanwalt Orkutt war zu ihr getreten.

Dies ist kein Platz für Sie, Imogen, sagte letzterer mit wahrhaft väterlicher Besorgnis; was suchen Sie hier an dem Ort des Schreckens? – Gehen Sie lieber heim; bei meiner Rückkehr sollen Sie alles erfahren, was Ihnen zu wissen frommt! Seine Stimme klang sanft, fast zärtlich.

Ihre Augen suchten den Boden: Ich weiß, ich habe kein Recht hier einzudringen, versetzte sie, aber ich kann nicht gehen, ohne den Ort gesehen zu haben, wo man die arme Frau in ihrem Blute gefunden hat und die Mordwaffe, mit welcher der Streich geführt wurde; bitte, zeigen Sie mir alles, Herr Ferris! Sie schien die Gewährung ihres seltsamen Verlangens mit Zuversicht zu erwarten, als sei sie sich der Macht ihrer Persönlichkeit bewußt.

Ich will den Coroner fragen, versetzte der Bezirksanwalt und ging nach dem Eßzimmer. Sie wartete jedoch die Erlaubnis nicht ab, sondern folgte ihm auf dem Fuße zu dem Schauplatz der Schreckenstat, wo sie sich alles genau zeigen und berichten ließ. Niemand widersetzte sich ihrem Willen; es schien, als habe sie nur zu befehlen, um ihre Wünsche erfüllt zu sehen; alle behandelten sie mit Rücksicht, fast mit ehrfurchtsvoller Scheu, nur Orkutt sah aus, als verursache ihm ihr Benehmen Unruhe und Besorgnis.

Und ein Hausierer hat die Tat verübt? rief sie aus, gedankenvoll vor sich niederblickend. Plötzlich stutzte sie. Byrd, der allen ihren Bewegungen folgte, sah, wie sie einen Schritt vorwärts tat und den Fuß sorgfältig auf eine Stelle des Teppichs niedersetzte.

Sie hat etwas erspäht, dachte der Detektiv und wartete, daß sie sich hinunterbeugen werde; aber sie stand aufrecht da und schien nur durch allerlei Fragen die Aufmerksamkeit der Anwesenden von ihrer Person ablenken zu wollen.

Klopft da nicht jemand an der Hintertür? rief sie plötzlich. Doktor Tredwell ging nachzusehen.

Haben Sie nichts gehört? wandte sie sich an Ferris. Auch dieser blickte nach der Richtung hin. Als sie aber bemerkte, daß noch jemand sie von der Tür des Wohnzimmers aus beobachtete, verzichtete sie auf jeden weiteren Versuch.

Von der Tür her vernahm man ein leises Gespräch, konnte jedoch im Zimmer die Worte nicht verstehen. Es war eine Botschaft aus dem Gasthaus, wo der Hausierer einstweilen in Haft gehalten wurde. Der Mensch hatte in schrecklicher Angst eingestanden, er habe aus einem Hause, wo man ihm zu essen gegeben, mehrere Löffel mitgenommen. Er glaubte, man wolle ihn um dieses Diebstahls willen ins Gefängnis führen und gab freiwillig seinen Raub heraus. Von dem furchtbaren Verdacht, der über ihm schwebte, hatte er offenbar keine Ahnung.

Dem Bezirksanwalt war diese Nachricht augenscheinlich nicht unwillkommen. Nun, wir werden ja sehen, sagte er, wieder ins Zimmer tretend, und fügte hinzu, als er die Blicke der jungen Dame ungeduldig fragend auf sich gerichtet sah: Es scheint sich doch als sehr zweifelhaft zu erweisen, ob der Hausierer der Täter ist.

Sie schrak zusammen und trat unwillkürlich auf Ferris zu. Sogleich näherte sich Byrd der Stelle, wo der kleine Gegenstand lag, den sie vorhin mit ihrem Fuß bedeckt hatte; es war ein Ring, den er gelassen aufhob.

Sie gab nicht acht darauf, sondern fragte, den erregten, fast angsterfüllten Blick auf den Bezirksanwalt richtend, mit erstickter Stimme:

Was sagen Sie? Nicht der Hausierer? Aber wer ist dann der Mörder?

Das ist bis jetzt noch eine offene Frage, entgegnete Ferris, das aufgeregte Mädchen verwundert betrachtend.

Beruhigen Sie sich doch, Imogen! nahm hier Orkutt wieder das Wort; wozu diese heftige Gemütsbewegung über eine Angelegenheit, die doch für Sie nicht von so entscheidender Wichtigkeit ist? Ich bitte Sie dringend, gehen Sie nach Hause.

Ein abweisender Blick war ihre ganze Antwort auf die wohlgemeinte Ermahnung; sie stand unbeweglich da, das Auge bald auf den einen, bald auf den andern der Herren gerichtet, als suche sie in deren Mienen eine Bestätigung der entsetzlichen Furcht zu lesen, die sich in ihrem Innern barg.

Da fühlte sie ihren Arm berührt.

Entschuldigen Sie, mein Fräulein, sagte hinter ihr eine Stimme in sorglos heiterem Tone, gehört dies vielleicht Ihnen?

Wie aus einem Traum erwachend, wandte sie sich um; aller Augen schauten auf Byrd, in dessen geöffneter Hand ein wertvoller Diamantring funkelte.

Ich fand ihn am Boden zu Ihren Füßen, erklärte der Detektiv der jungen Dame in ehrerbietigem Ton. In Orkutts Zügen malte sich heftige Bestürzung, auch die übrigen zeigten ihr Erstaunen beim Anblick des kostbaren Juwels.

Imogen dagegen hatte auf einmal ihre volle Ruhe wiedergewonnen, wie dies starke Naturen im Augenblick der Gefahr vermögen.

Ich danke Ihnen, erwiderte sie, sich anmutig verneigend und die Hand langsam nach dem Ringe ausstreckend. Ja, er ist mein, ich habe ihn wohl fallen lassen, ohne es zu bemerken. Sie sah Orkutts fragenden Blick auf sich gerichtet und errötete leicht, steckte aber, ohne zu zögern, den Ring an den Finger.

Der junge Detektiv war von dieser Wendung der Dinge höchlich überrascht. Daß sie sich so kaltblütig einen Gegenstand aneignen würde, von dem er alle Ursache hatte, zu glauben, daß er ihr nicht gehöre, hatte er nicht erwartet. Es beunruhigte ihn innerlich in hohem Grade, um so mehr, als die beiden andern Herren den Vorgang als ganz natürlich zu betrachten schienen; doch besaß er Selbstbeherrschung genug, nichts von seinem Argwohn merken zu lassen. Mißvergnügt, daß ihm der Versuch so schlecht gelungen war, trat er an ein Fenster des Wohnzimmers.

Nun kommen Sie, Imogen, ich begleite Sie nach Hause, sagte jetzt Orkutt, dem Fräulein den Arm reichend, länger können Sie doch unmöglich hier bleiben wollen.

Noch bevor sie eine Erwiderung fand, öffnete sich jedoch die Tür zum Schlafzimmer: auf der Schwelle erschien der Arzt, welcher bei der Sterbenden Wache gehalten, um ihre letzten Seufzer zu vernehmen. Seine feierliche Miene, seine erhobene Hand verkündeten deutlich, was vorging; ein Schauer der Erwartung durchrieselte die Herzen aller Anwesenden.

Sie regt sich, sie bewegt die Lippen, flüsterte der Arzt ins Zimmer hineinhorchend.

Aus dem Dunkel hinter ihm erklang ein Ton, zuerst leise und unbestimmt, dann laut und deutlich vernehmbar bis in den äußersten Winkel des fernsten Gemaches. Es war nur ein kurzer Ausruf, der sich wieder und wieder hören ließ: »Hand! Ring!«und abermals: »Ring! Hand!«bis ein keuchender Laut dazwischen kam, worauf wieder tiefe Stille eintrat.

Gerechter Himmel! rief Ferris und eilte auf die Tür zu.

Der Arzt hielt ihn zurück.

Ruhe! gebot er, vielleicht spricht sie noch einmal, warten wir!

Alle lauschten in angstvoller Spannung, aber das Schweigen ward nicht wieder unterbrochen. Nicht lange, so verkündete der Arzt, daß Frau Klemmens wieder in den früheren Zustand der Betäubung gesunken sei; ob sie noch einmal erwachen werde, ließ sich nicht vorhersagen.

Tredwell, der Bezirksanwalt und der Detektiv atmeten wie erleichtert auf; als sie sich umschauten, sahen sie, daß sich das Fräulein mit der weißen Hand krampfhaft am Fensterbrett festhielt; ihr Blick schweifte ins Weite, während Orkutt sie voll Zweifel und Bangigkeit zu betrachten schien. Sobald der Rechtsanwalt jedoch gewahrte, daß seine Freunde ihn beobachteten, verschwand der Ausdruck der Furcht aus seiner für gewöhnlich so ernsten, ruhigen Miene.

Als sie jetzt wieder ins Zimmer zurückblickte, glaubte Byrd noch die letzten Spuren einer furchtbaren Angst in ihren Zügen zu erspähen. Auf Orkutt zutretend, sagte sie in heiserem Ton: Ich möchte nach Hause. Es ist schrecklich hier.

Der Rechtsanwalt war nur zu gerne bereit, ihrem Wunsche zu willfahren; aber noch ehe sie das Haus verlassen konnten, wartete ihrer ein neues Grauen. An der Tür der Sterbenden erschien abermals der Arzt mit erhobener Hand.

Still, sagte er, sie bewegt sich wieder, als wollte sie sprechen.

Wieder lauschten sie in atemloser Spannung, bis das leise Murmeln allmählich deutlicher wurde und sie Worte vernahmen, bei denen ihnen das Blut in den Adern erstarrte. Orkutt und das Weib an seiner Seite prallten auseinander, als sei ein zweischneidiges Schwert zwischen sie gefahren.

»Fluch über ihn,«klang es von dem Bette her, »Fluch über den Bösewicht! Ihn soll die Rache des Himmels ereilen, wo er geht und steht!«

Bleich und entsetzt starrten die Anwesenden einander an, als sähen sie schon die rächende Hand das Haupt des Schuldigen berühren. Schon im nächsten Augenblick hatte Imogen die Tür aufgerissen und war wie ein gescheuchtes Wild auf die Straße gestürzt, ehe noch Orkutt sich aus seiner Betäubung aufraffen konnte, um ihr zu folgen.

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