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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Nun, Byrd, was sagen Sie zu der Verteidigung? fragte Hickory seinen Kollegen, als sie sich durch die Menge Bahn gebrochen hatten, Sie sehen ja ordentlich verblüfft aus.

Wer weiß, ob Orkutt nicht ganz recht hat, lautete die Antwort, zuerst kam mir seine Behauptung einfach lächerlich vor, aber ich kenne den Weg, und je mehr ich daran denke, welche Hindernisse Mansell bei seiner Flucht zu überwinden gehabt hat, um so unwahrscheinlicher wird es mir, daß er die Strecke in neunzig Minuten zurückgelegt haben kann.

Die Ansicht teile ich einstweilen noch nicht, meinte Hickory mit schlauem Lächeln; wissen Sie, während der ganzen Zeit, daß Orkutt sprach, habe ich Fräulein Dare genau beobachtet. Sie verwandte kein Auge von ihm, und daraus schloß ich zweierlei: erstens, daß sie ebensowenig eine Ahnung hatte wie wir, worauf er seine Verteidigung gründen wolle, und zweitens, daß sie dieselbe für einen klugen Kunstgriff hielt und für weiter nichts, gerade so wie ich. Hätte sie gewußt, was kommen würde, so wäre ihr Hauptinteresse gewesen, welchen Eindruck die Rede auf die Geschworenen machte, aber sie sah nicht einmal nach ihnen hin. Als ihr dann klar wurde, was Orkutts Absicht war, leuchtete nicht etwa ein Freudenschimmer in ihrem Gesicht auf, als hoffe sie nun, die Unschuld des Geliebten verkünden zu hören. Nein, sie saß wieder starr und teilnahmslos da, als wären es doch nur leere Worte, was Orkutt zu Mansells Verteidigung vorbringen könne, und alle Mühe vergebens.

Sie glauben also, sie habe auf irgend eine geheime Weise völlige Gewißheit erlangt, daß Mansell wirklich das Verbrechen begangen hat, und halte daher die Verteidigung für bloße Spiegelfechterei?

Ich glaube, sie weiß mehr, als sie heute vor Gericht ausgesagt hat, sonst wären ihr Orkutts Gründe einleuchtend gewesen. Selbst die Tatsache, daß der Ring sich in dem Zimmer der Ermordeten fand, schwindet ja zu nichts zusammen, sobald feststeht, daß Mansell sich zur Zeit der Mordtat unmöglich in der Nähe von Frau Klemmens' Haus befunden haben kann. Fräulein Dare muß noch andere Beweise seiner Schuld in Händen haben. Hätte nur Ferris wenigstens nicht vergessen, sie zu fragen, wo sie selbst sich an jenem verhängnisvollen Morgen aufgehalten hat. Darüber Auskunft zu bekommen, wäre eine wahre Beruhigung.

Denken Sie etwa, daß sie nicht in Professor Darlings Turmzimmer, sondern in der Lichtung im Walde war? fragte Byrd gespannt.

Und wenn dem so wäre?

Hickory, rief jener mit Heftigkeit, wenn Sie recht haben, soll es Orkutt nicht gelingen, seine Behauptung zu beweisen. Ich selbst werde die Strecke durchlaufen und den Gerichtshof überzeugen, daß es möglich war, die Flucht in der angegebenen Zeit zu bewerkstelligen.

Hickory machte ein nachdenkliches Gesicht und betrachtete seinen Gefährten prüfend von Kopf bis zu Fuß. Das ist nichts für Sie, fügte er, Ihre Kräfte würden nicht ausreichen. Aber es schlägt in mein Fach; Turnen und Wettlaufen waren von jeher mein Hauptvergnügen. Wenn irgend jemand zu beweisen vermag, daß Mansell den Mord begehen und doch noch rechtzeitig auf der Station vor Monteith anlangen konnte, so bin ich der Mann dazu.

Wirklich? rief Byrd erfreut, ist das Ihr Ernst? Sind Sie im Laufen und Klettern so geübt und erfahren, daß Sie den Versuch unternehmen könnten?

Hickory sah ihn verwundert an. Was man nicht alles erlebt! sagte er. Vor kurzem noch hatten Sie das größte Mitgefühl für Mansell, und nun kennen Sie keinen dringenderen Wunsch, als daß ich mir womöglich Hals und Beine breche, um seine Schuld zu beweisen. Bloß damit Fräulein Dare nicht noch einmal ins Verhör genommen wird.

Byrd tat, als hätte er die Bemerkung überhört. Orkutt muß seiner Sache doch sehr sicher sein, meinte er, da er sich einzig und allein auf diese Zeitberechnung verläßt und darauf die ganze Verteidigung gründet. Wahrscheinlich hat er in den verflossenen Wochen den Versuch wer weiß wie oft wiederholen lassen. Es wird wohl mehr als einSchnellläufer von Fach die Strecke verschiedenemal zurückgelegt haben.

Daran ist nicht zu zweifeln, bestätigte Hickory.

Soll es Ihnen also gelingen, weniger Zeit zu brauchen als jene, so müssen Sie mit dem Wege völlig vertraut sein und alle Schwierigkeiten kennen, auf die Sie stoßen werden. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: kommen Sie mit auf mein Zimmer und beschreiben Sie mir den Weg so genau, daß ich eine Karte danach zeichnen kann.

Bald saßen die beiden Kollegen zusammen im Gasthaus. Vor Byrd lag ein großer Bogen Papier, auf dem er die Zeichnung entwerfen wollte.

Also, Hub Hickory an und beugte sich vorwärts, um den Linien, die jener mit dem Bleistift zeichnete, besser folgen zu können, ich verlasse das Haus der Witwe von der Eßzimmertür aus – ganz recht, das Viereck bedeutet das Haus und die punktierte Linie den Pfad, welchen ich einschlage – dann laufe ich durch den Hof bis nach dem Zaun, springe hinüber und arbeite mich quer durch den Sumpf nach dem Walde zu. Wo die Bäume etwas weiter auseinander stehen, fängt der Pfad an, der mich in gerader Linie nach der Lichtung führt – zeichnen Sie einen Kreis für die Lichtung und ein kleines Quadrat an die Stelle, wo die Hütte steht. – Ich stürze in die Hütte hinein und wieder hinaus – –

Halt, unterbrach ihn Byrd, dessen Stift bisher rasch über das Papier geflogen war, wozu wollen Sie die Hütte überhaupt betreten?

Um den Sack zu holen, den ich heute abend dorthin bringen will. Sie erinnern sich, der Bahnwärter sprach von einem sonderbaren Sack, den der Reisende in der Hand trug: wahrscheinlich war sein Modell darin. Mit solchem Gepäck beladen, kann man nicht so schnell laufen, als wenn man die Hände frei hat. Ich will keinen Vorteil vor ihm voraushaben, weiß ich doch, daß es ihm das Leben kosten kann.

Ganz recht, sagte Byrd, mit seiner Zeichnung beschäftigt. Warten Sie einen Augenblick, mir scheint von Wichtigkeit, daß wir uns überhaupt ein klares Bild von der ganzen Gegend machen, ich will sie erst flüchtig skizzieren. Sehen Sie, hier von der Lichtung aus in der entgegengesetzten Richtung Ihres Weges geht der Pfad nach dem Westend, den ich bei meinem ersten Ausflug in den Wald entdeckte, derselbe, auf welchem Fräulein Dare bei dem schrecklichen Gewitter nach der Hütte kam. Hier links ist Professor Darlings Villa und der Hügelrücken mit der schönen Aussicht, von wo aus man auch Frau Klemmens' Haus in der Ferne sehen kann. So – nun wieder zu Ihnen – Sie kommen also mit dem Sack aus der Hütte heraus –

Ja, und dicht hinter der Hütte fängt der schmale Waldpfad an, den verfolge ich in gerader Richtung, bis ich zu den Blaubeerbüschen komme, die am Abhang zwischen dem Steingeröll wachsen, dann – ja dann werde ich wohl stillstehen müssen.

Weshalb?

Weil mich der Henker holen soll, wenn ich weiß, wie ich die Fortsetzung des Pfades finde.

Das kann ich Ihnen sagen. – Wo sich der Wald wieder öffnet, steht ein einzelner, hoher Tannenbaum, gehen Sie auf den zu, und Sie können nicht fehlen.

Schön; aber über das Steingeröll zu kommen, ist keine leichte Aufgabe, man muß wie auf Eiern gehen – ein Fall den Abhang hinab, und mein Lauf wäre ein- für allemal zu Ende.

Ich zeichne die Strecke im Zickzack. – Dann erreichen Sie den Holzweg.

Ja, den verfolge ich nach rechts, bis ich ins Freie komme und den Fluß unten sehe. Nun muß ich den Hügel hinunter und ans andere Ufer hinüber; wie ich das aber bewerkstelligen soll, weiß ich nicht.

Das ist gerade der schwierige Punkt. An jener Stelle kann man nicht übersetzen, es fahren dort keine Boote wegen des starken Gefälles; man muß eine ziemliche Strecke am Ufer zurückgehen, bis man zur Brücke gelangt. Nach einem andern Uebergang zu suchen, wäre bei den vielen und plötzlichen Windungen, die der Fluß macht, nur verlorene Zeit. Ich will Ihnen den Lauf auf dem Papier angeben. Sehen Sie, ungefähr so – da können Sie sich einen Begriff davon machen. Sind Sie aber erst einmal auf der Brücke – –

So liegt die Landstraße vor mir und der kleine Bahnhof am Steinbruch, sagte Hickory, die vollendete Skizze zur Hand nehmend und sie nachdenklich betrachtend.

Wissen Sie, Byrd, fuhr er nach einer Weile kopfschüttelnd fort, es kommt mir höchst unwahrscheinlich vor, daß Mansell den weiten Bogen gemacht haben soll: er kennt gewiß einen Richtweg durch den Wald, auf dem sich ein Stück abschneiden läßt.

Das glaube ich kaum. Sie erinnern sich, daß Orkutt den Bahnwärter fragte, wie Mansell aussah, als er am Bahnhof anlangte. Er war erhitzt und von Kräften gewesen, aber seine Kleider weder zerrissen noch mit Schlamm bespritzt. Sobald man aber nach rechts oder links von dem Waldpfad abweicht, muß man bis an die Knie im Sumpf waten, oder die Kleider bleiben einem in Fetzen am Dorngestrüpp hängen. Folglich muß Mansell auf dem Wege geblieben sein.

Möglich, daß Sie recht haben. Nun, ich werde ja morgen sehen, was sich durch Schnelligkeit ausrichten läßt.

Schnelligkeit allein wird's nicht tun, behauptete Byrd. Glück und Verstand müssen auch mithelfen. Es könnte zum Beispiel ein Fuhrwerk des Weges kommen – –

Mir soll kein Vorteil entgehen, verlassen Sie sich darauf. Ich bin doch begierig, ob ich's nicht mit Orkutts Schnellläufern von Fach aufnehmen kann.

Nach diesen Worten trennten sich die beiden Kollegen.

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