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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Da nun Valerian Hildreth aus dem Gefängnis entlassen worden war, und Craik Mansell sich bis zur nächsten Schwurgerichtssitzung in Haft befand, hatte Byrds Anwesenheit in Sibley keinen Zweck mehr. Er war im Begriff, die Stadt zu verlassen, sein Koffer war gepackt, und er brauchte nur noch Abschied zu nehmen.

Noch eins geht mir im Kopf herum, Hickory, sagte er zu seinem wackeren Kollegen, den er aufgesucht hatte; vielleicht haben Sie es im Laufe Ihrer Forschungen erfahren. Wissen Sie, wo sich Fräulein Dare am Morgen der Mordtat aufgehalten hat?

Das will ich meinen. Sie war in Professor Darlings Haus in der Sommerstraße.

Bei diesen Worten schrak Byrd zusammen. Dort am Westende mündete ja der verschlungene Pfad durch den Wald, den er entdeckt hatte, als er zum erstenmal versuchte, der Spur des Mörders vom Hause der Witwe aus zu folgen. Er erinnerte sich noch zu deutlich, wie er ins Freie tretend Professor Darlings prächtige Villa vor sich liegen sah.

Wie lange sie dort war und mit wem, wird man aber wohl schwerlich erfahren können, äußerte er nachdenklich.

Das wäre doch keine Hexerei, war Hickorys Antwort, wenn es weiter nichts ist, das wollen wir bald ausfindig machen.

Schon hatte er das Zimmer verlassen.

Nach einer Stunde kehrte er ziemlich aufgeregt zurück.

Jetzt weiß ich doch, wie Fräulein Dare aussieht, sagte er. Neulich in der Hütte mußte ich die ganze Zeit zu Boden sehen und durfte den Blick nicht zu ihr erheben, aus Furcht mich zu verraten; das ist mir schwer genug geworden.

Sie haben Sie gesehen – wo? wie? sagen Sie es mir! rief Byrd ungeduldig.

Gleich, versetzte der andere. Ich muß zuvor aber etwas vorausschicken. Das Mädchen, welches bei Professor Darling im Dienst steht, hat mir schon öfter Auskunft gegeben. Sie erinnerte sich, daß Fräulein Dare an jenem Morgen etwa um zehn Uhr gekommen und in die kleine Sternwarte im Turm gegangen war, wo sie sich häufig aufhielt, um mit des Professors ältester Tochter Astronomie zu treiben. Da aber Fräulein Helene ausgegangen war, habe sie sich an jenem Tage allein hinaufbegeben. Ich war neugierig, den Turm zu besteigen, und da das Mädchen sagte, von der Herrschaft sei niemand zu Hause, ließ ich mich von ihr hinaufführen. Man kann unmittelbar vom Garten aus auf einer Wendeltreppe in den Turm gelangen. Das Zimmer, in dem der Professor sein Fernrohr und seine Himmelskarten bewahrt, war unverschlossen, ich konnte mich mit Muße darin umsehen und die Aussicht bewundern.

Auf meine Frage an das Mädchen, wann Fräulein Dare an jenem Morgen den Turm wieder verlassen habe, erhielt ich bereitwillig Antwort. Sie hatte das Fräulein nicht fortgehen sehen, aber als gegen zwölf Uhr Fräulein Tremaine zum Besuch kam und Imogen Dare rufen ließ, sei der Turm leer gewesen. Das Mädchen meinte, das Fräulein werde wohl einen Spaziergang im Garten oder Wald gemacht haben, wie sie häufig tue; etwa um ein Uhr habe sie sie dann in der Pferdebahn vorbeifahren sehen, nach der Stadt zurück. – Das sagte sie mir alles in dem Turmzimmer, und wie ich mich noch einmal darin umsah, gewahrte ich eine große Mappe auf einem Gestell am andern Ende des Raumes. Ich ging hinüber, blickte dahinter, und was sah ich, Byrd – – ein bleiches Weib kauerte dort und blitzte mich mit funkelnden Augen an. Einer Vorstellung bedurfte es nicht – es war Fräulein Dare. Im nächsten Augenblick schon stand sie neben mir: »Sie sind ein Detektiv?« sagte sie mit stolzer Miene. »Nun, Sie wissen jetzt, was Sie erfahren wollten und können gehen.« Ich glaube, ich murmelte einige Entschuldigungen, verbeugte mich und verließ den Turm so schnell ich konnte. Aber mein Lebtag vergesse ich den Schreck nicht, wie ich sie hinter der großen Mappe versteckt fand; da hätte man lange nach ihr suchen können. –

Um Mitternacht desselben Tages, an dem Hickory so kühn in Professor Darlings Sternwarte eingedrungen war, stand Imogen Dare dort im Hause in ihrem Schlafzimmer am Tisch. Sie hielt einen Brief von Orkutt in der Hand und las in heftigster Gemütsbewegung die Worte:

»Ich habe Herrn Mansell gesprochen und seine Verteidigung übernommen. Wenn ich Ihnen sage, daß ich von den vielen hundert Fällen, die mir übergeben worden sind, in meiner ganzen Praxis nur wenige verloren habe, so wissen Sie, was das zu bedeuten hat.

Um Ihrem Wunsche nachzukommen, nannte ich Ihren Namen und gab dem Gefangenen zu verstehen, daß ich einen Auftrag von Ihnen auszurichten habe. Er unterbrach mich jedoch mit den Worten: ›Von Fräulein Dare nehme ich keine Botschaft an!‹

So sehr ich auch wünschte, Ihren Willen zu tun, ich mußte davon abstehen, denn sein Ton klang verächtlich, und aus seinen Blicken sprachen Haß und Abscheu.«

*

Dies war der ganze Inhalt der Zuschrift. Imogen hatte die Worte schon dreimal gelesen.

Wahrlich, er muß von Sinnen sein, murmelte sie vor sich hin, mir scheint das auch kein Wunder. Aber, so wahr Gott lebt, er soll mich hören, und wäre es auch vor versammeltem Gerichtshof, im Beisein des Richters und der Geschworenen.

Dann hielt sie den Brief in die Flamme des Lichts, daß er zu Asche verbrannte.

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