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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel.

Um zu begreifen, was Imogen Dare bewogen hatte, den Brief zu schreiben, müssen wir uns in Orkutts Wohnung versetzen, wohin das Auge der Detektivs nicht zu dringen vermochte.

Der Rechtsanwalt konnte Imogens seltsames Benehmen zur Zeit der Ermordung der Witwe Klemmens nicht wieder vergessen. Daß sie über das Verbrechen nichts wisse, was nicht auch an die Öffentlichkeit gedrungen war, glaubte er zwar noch immer, aber der Auftritt mit dem Ringe verfolgte ihn förmlich und ließ ihm keine Ruhe. Immer wieder fragte er sich, was sie veranlaßt haben könne, das Juwel für ihr Eigentum zu erklären, während er doch fest überzeugt war, daß sie den Ring nie besessen habe, daß er ihr nicht gehöre. Oft schon hatte er sich vorgenommen, sie näher auszuforschen, aber die Worte wollten ihm nicht über die Lippen. Und doch mußteer reden, er mußte sich dazu zwingen, um das Vertrauen zwischen ihnen wieder herzustellen – sonst war alles verloren.

Ihre Zurückhaltung und Verschlossenheit nahm von Tag zu Tag zu, und mehr und mehr begann ihm die Hoffnung auf ihren Besitz zu schwinden, für den er doch mit Freuden sein halbes Leben hingegeben hätte. Wäre er nur wenigstens im stande gewesen, die Quelle des geheimen Kummers zu ergründen, der ihr am Herzen nagte! Entsprang der Jammer, den er in ihren starren Augen las, bitterem Seelenschmerz oder einer Reue, die keine Zeit zu lindern vermag – er wußte es nicht zu sagen. Je länger die Qual dauerte, desto unerträglicher ward sie; ihm bangte für seinen Verstand, wie für den ihrigen.

Endlich kam der Tag, der ihm die Zunge löste. In seiner Gegenwart war ihr ein Brief überreicht worden, dessen Inhalt sie völlig zu überwältigen schien. Es war, wie wir wissen, die Botschaft des Detektivs Hickory, welche sie, trotz der Adresse von fremder Hand, für eine wirkliche Zuschrift Craik Mansells halten mußte. Er bat darin um eine Zusammenkunft und setzte Zeit und Stunde fest. In ihrer Ueberraschung sah sie sich außer stande, den Aufruhr in ihrem Innern vor dem forschenden Auge zu verbergen, das auf sie gerichtet war.

Was ist es, Imogen? fragte Orkutt mit angstvoll bebender Stimme und streckte die Hand aus, als wolle er das Papier an sich reißen.

Statt der Antwort trat sie an den Kamin, in dem ein Feuer loderte, und warf den Brief in die Glut. Erst als er zu Asche verzehrt war, wandte sie sich nach Orkutt um. Verzeihung, murmelte sie, dies Schreiben durfte niemand zu Gesicht bekommen.

Er stand unbeweglich da, die Hand auf das Herz gepreßt: wie jenes elende Blatt Papier, so sollte für ihn Liebe und Hoffnung in nichts zerfallen.

Sie sah seinen Blick und senkte das Haupt vor Schmerz und Scham.

Orkutt bezwang sich nicht länger. Imogen, rief er, ihre Hand leidenschaftlich ergreifend, sagen Sie mir, was Ihnen solche Qual bereitet. Ich liebe Sie und kann Ihren Kummer nicht verstehen. Vertrauen Sie mir nur an, woher er stammt; alles übrige will ich ertragen.

Wie tief sie auch in ihr eigenes Leid versunken war, die flehende Bitte erschütterte sie doch. Sie blickte ihn teilnehmend an: Bin ich schuld an Ihrer Pein? rief sie aus. Zu lindern vermag ich sie nicht; könnte ich nur wenigstens weinen, damit Sie sehen, daß ich nicht von Stein bin, daß ich noch Mitgefühl habe für Anderer Schmerz, aber mein Tränenquell ist versiegt. Mein Pfad führt durch Jammer und Verzweiflung; ich muß ihn allein gehen und darf nicht schwach sein, damit ich nicht erliege. Fragen Sie mich nicht warum; halten Sie mich nicht zurück; dringen Sie nicht weiter in mich! Mir hilft nur Einsamkeit und Schweigen.

Sie wollte das Zimmer verlassen, aber er hielt ihre Hand fest. Seine Bestürzung, seine Angst hatten den Gipfel erreicht.

Sie sollenreden! rief er; schon allzu lange martert mich diese Heimlichkeit. Ich muß die Ursache Ihres Kummers kennen, die auch mein Glück vernichtet.

Stumm blickte sie ihn an; in ihren Augen stand der unerschütterliche Entschluß zu lesen, eher zu sterben, als ihr Schweigen zu brechen. Er gab den nutzlosen Kampf auf und wandte sich ab. Schon im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

Von nagenden Zweifeln umhergetrieben, fand Orkutt nirgends Ruhe; er war außer stande, die Pflichten seines Berufs mit gewohnter Genauigkeit zu erfüllen; hunderterlei Vermutungen über den Inhalt des vor seinen Augen zerstörten Briefes peinigten ihn ohne Unterlaß, und die Worte, welche Imogen gesprochen, blieben ihm ein dunkles Rätsel. Daß sie nach dem heftigen Gewitter, welches am Nachmittag hereinbrach, erst spät heimkehrte und wie es schien, in fieberhafter Erregung, erhöhte noch seine Besorgnis. Seitdem fürchtete er an jedem neuen Morgen, daß das entsetzliche Schicksal hereinbrechen, die unheilschwere Wolke sich entladen werde, welche, über ihren Häuptern schwebend, eine unbekannte, aber unaufhaltsam nahende Gefahr barg. Er sah, daß Imogen ein Ereignis, eine Nachricht erwarte, nach der sie eifrig in den Zeitungen forschte, aber lange strengte er seinen ganzen Scharfsinn vergebens an, um zu erraten, was es sei, bis er endlich glaubte, es gefunden zu haben.

Eines Tages, als er vom Gericht kam, ließ er sie zu sich rufen.

Es hat sich etwas ereignet, woran Sie möglicherweise Anteil nehmen werden, sagte er ohne alle Vorbereitung, mit grausamer Ruhe. Der Mörder der Frau Klemmens hat sich soeben den Hals abgeschnitten.

Während er sprach, sah er, daß er das Rechte getroffen. Dies war es, was sie gefürchtet und erwartet hatte, dies die Ursache all ihres Kummers und Entsetzens. Aber kein Wort entfuhr ihren Lippen, keine Bewegung tat kund, daß der kalte Stahl sie mitten ins Herz getroffen.

Zum erstenmal überwältigte ihn rasende Eifersucht.

Ha, das war es, wonach Sie gesucht haben! rief er mit erstickter Stimme. Sie kennen den Menschen – haben ihn vielleicht schon gekannt, ehe Frau Klemmens ermordet wurde – ihn gekannt und geliebt?

Sie gab keine Antwort.

Er rang nach Fassung und schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Reden Sie! rief er, kennen Sie Valerian Hildreth oder nicht?

Valerian Hildreth? Wie ein Schrei der Ueberraschung entfuhr es ihrem Munde, wie ein angstvoller Klagelaut. Orkutt war starr vor Bestürzung. Ist eres, der Hand an sich gelegt, sich das Leben genommen hat? rief sie in wildem Grauen.

Wer sollte es sonst sein? – Orkutts Lachen klang entsetzlich. – Welcher andere Mensch ist jenes Mordes angeklagt? Sie sind von Sinnen, Imogen, und wissen nicht, was Sie reden.

Den Kopf gegen die hohe Lehne des Stuhls gepreßt, an dem sie gestanden, verbarg sie das Gesicht in den gefalteten Händen. Auch der Mann neben ihr focht einen furchtbaren Seelenkampf durch.

Wann ist es geschehen? stöhnte sie, ohne das Haupt zu erheben. Sagen Sie mir alles!

Der Rechtsanwalt lächelte voll Hohn und Bitterkeit, dann sprach er erbarmungslos:

Er hat schon seit einigen Tagen versucht, sich umzubringen. Seine Gefangennahme und die Aussicht, vor Gericht gestellt zu werden, haben ihn fast um den Verstand gebracht. Da er sich weder eine Schußwaffe, noch Gift, noch einen Strick verschaffen konnte, zerbrach er letzte Nacht eine Fensterscheibe und –

Er sprach nicht weiter. Die Todesangst in ihren Mienen war entsetzlich. Wie ein Medusenblick traf ihn ihr Auge. Schaudernd sah er, wie ihr starrer Mund sich öffnete: Ist er tot? hauchten ihre Lippen.

Noch bis vor einem Jahr war Orkutt frei gewesen von der Herrschaft leidenschaftlicher Gefühle. Erfolg in seinem Beruf, die Bewunderung der Menge, eine angesehene gesellschaftliche Stellung, das war das Ziel seines Strebens. Jetzt hatte ihn die Leidenschaft mit sinnbetörender Gewalt ergriffen; er fühlte sich machtlos und unfähig zu widerstehen. Bei der Angst in Imogens Blick, die einem andern Manne galt als ihm, bei der Frage auf ihren bebenden Lippen, welche die seinigen noch nie berührt hatten, ward sein Inneres von heißen Qualen durchwühlt. Er hätte die Fragen bejahen mögen vor grimmer Eifersucht, hätte das Mädchen mit einem einzigen Wort besinnungslos zu Boden strecken können, aber er bezwang die grausame Lust.

Er hat sich nur schwer verletzt, sagte er, ihrem Blick ausweichend, und der Arzt meint, daß er mit dem Leben davonkommt.

Ein tiefer Seufzer erleichterte ihre gequälte Brust. Gott sei Dank! stöhnte sie; dann blieb alles still.

Er sah nach ihr hin; aus ihren Mienen sprach verzweifelte Entschlossenheit. Imogen, rief er, was werden Sie tun? Was haben Sie vor?

Fragen Sie nicht! entgegnete sie, was ich tun will, dürfen Worte nicht aussprechen. Aber an Ihnen ist es, Sorge zu tragen, daß Valerian Hildreth aus dem Gefängnis entlassen wird. Er ist unschuldig – beherzigen Sie es wohl! Er hat das Verbrechen, dessen man ihn zeiht, nicht begangen; nur aus Scham und Zorn über den falschen Verdacht hat er Hand an sich gelegt. Stirbt er im Gefängnis, so ist ein Mord an ihm verübt worden – hören Sie, ein Mord! Und er wird sterben in Schmach und Verzweiflung, wenn man ihn nicht freigibt, das weiß ich gewiß.

Aber Imogen –

Wenden Sie mir nicht ein, daß erst die gerichtliche Untersuchung erfolgen muß, die seine Unschuld ans Licht bringt. Es handelt sich hier um Leben und Tod. Sie als Advokat können Mittel und Wege ausfindig machen, seine einstweilige Freilassung zu bewirken. Gebrauchen Sie Ihren Scharfsinn, wenden Sie Ihren ganzen Einfluß bei den Behörden auf – wenn Sie das tun, so will ich –; dabei warf sie ihm einen langen, bedeutungsvollen Blick zu.

Sie wollen – rief er, was?

Ihnen gewähren, was Sie verlangen, sagte sie mit matter Stimme.

Wollen Sie mein Weib werden? fragte er in freudiger Aufwallung.

Ja – wenn ich nicht zuvor tot bin, stieß sie mühsam heraus.

Er umfing sie mit den Armen und drückte sie voll Entzücken an seine Brust. Sie sollen nicht sterben, rief er. Sie sollen leben und glücklich sein. Werden Sie noch heute die Meine!

Nicht bevor Valerian Hildreth frei ist, entgegnete sie leise, aber bestimmt.

Er fuhr zurück wie von einer Natter gestochen und sah sie mit eisigen Blicken an.

Lieben Sie ihn so glühend, daß Sie sich verkaufen wollen um seinetwillen? fragte er finster.

Ein Ausdruck der Entrüstung flog über ihre Züge, doch sie drängte das Wort zurück, das ihr auf den Lippen schwebte.

Antworten Sie! rief Orkutt, der jetzt fühlte, daß er die Macht habe, sie zu zwingen. Ich muß wissen, welche Gefühle Sie für diesen Mann hegen. Lieben Sie ihn, Imogen? Reden Sie, oder ich schwöre Ihnen, ich rühre keine Hand, um ihm beizustehen, und er wird meiner Hilfe vielleicht mehr bedürfen, als Sie glauben.

Die Drohung rief ihren Stolz wach. Und wenn ich ihn liebte, murmelte sie mit abgewandtem Blick, wäre es ein Unrecht? Er ist jung, schön und unglücklich. Fragen Sie nicht weiter!

Orkutt trat einen Schritt zurück. Ich habe genug gehört, sagte er mit erzwungener Ruhe; jetzt ist mir alles klar, Ihre Angst, Ihr Entsetzen, Ihre geheimen Zweifel, Ihr unbegreifliches Benehmen. Der Mann, den Sie liebten, war in Gefahr, und Sie wußten nicht, wie Sie ihn befreien sollten. Ich beklage Sie, Imogen, aber helfen kann ich Ihnen nicht. Ich würde Sie zu meinem Weibe machen, trotzdem Ihr Herz einem andern gehört, denn ich liebe Sie leidenschaftlich – aber ich kann Ihr Verlangen nicht erfüllen. Auf meine Berufsehre ist während meiner ganzen Laufbahn noch nie ein Flecken gefallen, sie muß unangetastet bleiben. Man kennt mich als ehrenwerten Mann, und ich werde meinen Ruf vor der Welt behaupten, so lange ich lebe. Selbst wenn ich wollte, könnte ich aber jetzt nichts für den Gefangenen tun; die Beweise sprechen zu stark gegen ihn. Nur wenn sich aufs überzeugendste herausstellte, daß ein anderer die Tat begangen hat, würde das Gericht an seine Unschuld glauben und ihn in Freiheit setzen.

So ist also keine Hoffnung vorhanden? fragte sie voller Verzweiflung.

Für jetzt keine, Imogen, lautete seine düstere Antwort.

Als Orkutt abends einsam am Kamin saß, brachte ihm ein Diener folgenden Brief:

»Werter Freund!

Es duldet mich nicht länger unter einem Dache, wo ich den Schutz und die Freundschaft eines Ehrenmannes genoß. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, welche mich für immer aus dem angesehenen Kreise verbannt, in dem ich gelebt habe. Von Schmach befleckt, wird Imogen Dare fortan ihr Haupt nur an einer Stätte bergen, wo sie durch ihrer Hände Arbeit leben kann. Was auch mein Geschick sein wird, ich muß es alleintragen. Ihr ehrenwerter Name darf nicht länger in Gemeinschaft mit dem meinigen genannt werden. Sollte dies Ihr großmütiges Herz kränken, so ersticken Sie das Gefühl. Wenn Sie diese Zeilen lesen, habe ich Ihr Haus bereits verlassen, und nichts, was Sie sagen oder tun könnten, würde mich zur Rückkehr bewegen.

Leben Sie wohl und vergessen Sie das Mädchen, das Sie zum Lohn für Ihre Wohltaten fast so unglücklich gemacht hat, als sie selber ist!«

*

Während Orkutt diesen Brief las, öffnete gerade der Bezirksanwalt Ferris die Zuschrift von unbekannter Hand, in der Imogen Dare verdächtigt wurde.

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