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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel.

Zwei Tage später unternahm Byrd seinen dritten Ausflug nach dem Walde. Er hoffte dort irgend eine, wenn auch noch so unbedeutende Spur zu finden, welche ihm als Beweis dienen konnte, daß Mansells Weg ihn wirklich durch die Lichtung hinter dem Hause seiner Tante geführt hatte.

Der Himmel war klar und blau, als Byrd den Gasthof verließ, aber kaum war er aus der Pferdebahn gestiegen, um den Waldpfad einzuschlagen, als dunkle Wolken am Horizont heraufzogen, und ein rauher Wind durch das bunte Herbstlaub fuhr. Der junge Detektiv achtete jedoch weder auf das ferne Rollen des Donners noch auf die bleierne Färbung, welche die große schwarze Wolkenmasse am nördlichen Himmel allmählich annahm; er dachte nur an das Mädchen, das soeben aus dem Torweg von Professor Darlings Villa herausgekommen war, als er dort vorbeiging. Imogen Dares Anblick gerade in diesem Moment konnte nur höchst schmerzliche Gefühle in ihm wachrufen.

Plötzlich begann sich dichte Finsternis rings umher zu verbreiten; Byrd beschleunigte seine Schritte, und als nun die ersten Tropfen fielen, und eine einzige schwarze Wolkenmasse über ihm schwebte, sah er wohl, daß ein heftiges Gewitter loszubrechen drohte. Schon fiel der Regen klatschend hernieder, wie Schrotkörner prasselten die schweren Tropfen durch das Laubdach der Bäume, die Zweige bogen sich vor dem einhersausenden Sturm, und mancher starke Ast fiel krachend zu Boden.

War es klüger umzukehren oder vorwärts zu eilen? – Byrd überlegte nicht lange. Die Entfernung zur Pferdebahn war größer, er wollte daher lieber versuchen, die Hütte im Walde zu erreichen, bevor das Gewitter mit voller Wut hereinbrach. Vom ersten grellen Blitzstrahl erhellt sah er sie vor sich liegen und war im Begriff nach der Türe zu stürzen, als er bei dem nun folgenden furchtbaren Krachen des Donners zurückschrak, wie wenn eine unsichtbare Hand ihn ergriffen hätte. Er empfand eine ihm selbst unerklärliche Scheu, die Hütte zu betreten, und schlich erst vorsichtig um die Ecke nach der kleinen Fensteröffnung hin, um ins Innere zu blicken.

Sein Vorgefühl hatte ihn nicht getäuscht. In der Hütte saß ein Mann, dessen Gestalt und Haltung auffallend an Craik Mansell erinnerten. Natürlich konnte er es nicht wirklich sein, nur Byrds Einbildungskraft ließ ihn denjenigen sehen, welcher alle seine Gedanken erfüllte, aber die Aehnlichkeit war doch erstaunlich.

Byrd beugte sich vor, den Fremden genau zu betrachten. Abermals zuckte ein Blitzstrahl herab. Ja, es war Mansell; wer anders konnte so regungslos dasitzen bei diesem entsetzlichen Toben der Elemente. Den Kopf in die Hände gestützt, blieb er unbeweglich wie zu Stein erstarrt; wäre das Dach über ihm zusammengebrochen, er hätte sicher kein Glied gerührt. Auch Byrd vergaß den Sturm, der ihn umtobte, und fragte sich ratlos, was er tun solle bei dieser völlig unerwarteten Begegnung.

Ehe er jedoch einen Entschluß zu fassen vermochte, folgte eine zweite, noch weit erschütternde Ueberraschung. Es raschelte im Gebüsch, aber das war nicht Regen und Wind; und im nächsten Augenblick sah er eine hohe Gestalt, das Haupt stolz erhoben, wie um der Wut des Sturmes zu trotzen, durch den Wald auf die Hütte zukommen. Byrd bebte zurück vor Bestürzung, er glaubte kaum seinen Augen trauen zu dürfen: es war niemand anders als Imogen Dare.

Wie in den Boden gewurzelt stand er da, unfähig sich von der Stelle zu rühren. Er wußte, wen sie hier zu suchen kam; der Gedanke, wider seinen Willen Zeuge dieses Stelldicheins zu werden, nahm ihm fast die Besinnung; was würde er hören müssen?

Jetzt fuhr ein Blitzstrahl herab, der den ganzen Umkreis erhellte und die Nahende wie mit einem feurigen Mantel umgab; deutlich und scharf hoben sich die Umrisse der Gestalt, jede Linie ihres schöngeschnittenen Gesichts von dem dunkeln Hintergrund des Waldes ab, eine blendende Erscheinung, die Byrd sein Leben lang nicht vergaß.

Ein heftiger Windstoß raubte ihr fast das Gleichgewicht, aber weder Donner noch Sturm noch Todesfurcht konnte dies Mädchen in dem einmal gefaßten Entschluß wankend machen. Jetzt hatte sie die Schwelle der Hütte betreten.

Zurückschauernd vor dem, was die nächste Minute bringen konnte, und trotz inneren Widerstrebens dennoch mit klopfendem Herzen auf seinem Posten verharrend, lauschte Byrd, an die Hüttenwand gelehnt, auf den Ton ihrer Stimme. Deutlich vernehmbar klangen ihre Worte durch das Grollen des Donners und das Pfeifen des Windes.

Craik Mansell, sagte sie mit ernstem, fast strengem Ausdruck, du hast mich sprechen wollen, hier bin ich.

Das war also ihr Gruß. – Byrd atmete erleichtert auf; gespannt horchte er nun auf die Antwort, doch alles blieb still. Der Donner rollte, der Wind heulte unheimlich durch den finstern Wald, aber der Mann in der Hütte schwieg.

Craik, hörst du nicht?

Ein unterdrücktes Stöhnen, kein anderer Laut. Sie stand noch immer auf der Schwelle. – In deiner Angst und Verzweiflung hast du nach dieser Unterredung verlangt, fuhr sie fort; auch mich trieb es, dich zu sehen, und wäre es nur, um dir zu sagen, daß ich wollte, der Blitz vom Himmel wäre an jenem Tage auf uns niedergefahren, als wir beisammensaßen, unsere Zukunft besprachen und – –

Grell leuchtete es auf bei ihren Worten, ein furchtbares Getöse ging durch die Luft und krachend stürzten große Aeste auf das Dach der Hütte nieder. Das Mädchen stieß einen wilden Schrei aus.

Ich glaubte, die Rache des Himmels wolle den Mörder vernichten, stöhnte sie. Es entstand eine Grabesstille. Zwischen uns gibt es keine Gemeinschaft mehr, sagte sie endlich mit der Ruhe der Verzweiflung; die blutige Tat trennt uns auf ewig – auf ewig. Aber doch wünsche ich aufrichtig, dir beizustehen, und frage dich daher: Was kann ich für dich tun? Weshalb hast du mich gerufen?

Diesmal kam eine Antwort.

Sage mir, wie ich den Folgen meiner Tat entfliehen kann, murmelte eine leise, erstickte Stimme.

Sie schwieg eine Weile.

Droht dir Gefahr? fragte sie.

Byrd hatte sich dem Fenster genähert; er sah, wie sie auf die gebückte Gestalt, die noch immer das Gesicht in den Händen verbarg, zuging.

Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe, tönte es dumpf.

Es quält dich, daß ein anderer des Verbrechens verdächtig geworden ist, das er nicht begangen hat, flüsterte sie.

Ein tiefes Stöhnen, dann lange, bedrückende Stille, nur von dem ferne verhallenden Donner unterbrochen.

Craik, nahm sie wieder das Wort, und die unvertilgbare Sehnsucht eines liebenden Herzens zitterte zum erstenmal in ihrer Stimme, es gibt kein Entrinnen. Büße deine Tat, indem du sie bekennst! Rette den Unschuldigen vom unverdienten Verdacht und baue auf die Gnade Gottes!

Ich weiß keinen andern Rat, keinen andern Weg zu Ruhe und Frieden. Wüßte ich einen – – sie hielt inne, von Entsetzen überwältigt. Wenn du ein offenes Geständnis ablegst, fuhr sie dann fort, so schwöre ich dir, Craik, ich werde nie heiraten, niemals einem andern angehören – das ist der einzige Lohn, den ich bieten kann, für den Jammer und die Schuld, in die dich unsere beiderseitige wahnsinnige Ehrsucht gestürzt hat.

Sie streckte die Hand aus, als wolle sie zum Abschied das gebeugte Haupt berühren, zog sie aber schaudernd zurück; noch einen letzten Blick, dann eilte sie flüchtig davon und verschwand in dem Dunkel des unheimlich rauschenden Waldes.

Als ihre Schritte verhallt waren, kam Byrd aus seinem Versteck hervor und betrat leise die Hütte. Der einsame Mann saß noch immer in derselben Stellung da, das Gesicht in den Händen verbergend. Beim ersten Geräusch, das der Eintretende machte, stand er jedoch auf und wandte sich um.

Byrd taumelte zurück vor Schrecken über die Entdeckung, die nun folgte: der Mann, welcher ihm mit so ruhiger Sicherheit gegenübertrat, war nichtCraik Mansell.

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