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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Byrd verbrachte eine ruhelose Nacht. Bald quälte er sich mit Vermutungen, was wohl das unverschämte Benehmen jenes Brown zu bedeuten haben möchte, bald sah er wieder im Geist Mansell in trostlosem Jammer dasitzen, und in seinen unruhigen Träumen verfolgte ihn das verunstaltete Bildnis der schönen Imogen Dare. Das Mitleid mit dem unglücklichen jungen Mann, den nur blinde Leidenschaft zum Verbrecher gemacht haben konnte, regte sich so mächtig in ihm, daß er fast in dem Entschluß wankend wurde, der Fährte weiter nachzuspüren. Erst der neue Tag gab ihm die alte Tatkraft zurück.

Mansell hatte sich bereits in die Fabrik begeben, als Byrd am andern Morgen zum Frühstück kam; doch fand er Gelegenheit, seinem Vorsatz gemäß den unbequemen Brown scharf zu beobachten. In dem Benehmen dieses Menschen ihm gegenüber lag nichts, was sein Mißtrauen rechtfertigte; er war höflich, zuvorkommend und bereit, ihn ins Gespräch zu ziehen. Noch konnte Byrd nicht umhin, zu glauben, daß von jenem ein feindlicher Einfluß ausgehe, um ihm und seinem Vorhaben zu schaden. – Womit hätte er sich sonst die kühle Zurückhaltung sämtlicher Gäste erklären sollen, die sich ihm noch am Abend zuvor so freundlich erwiesen hatten? Sogar Fräulein Hart gönnte ihm nur wenige kurze Worte.

Wie groß war aber erst seine Ueberraschung, als die Wirtin, welche bisher die Liebenswürdigkeit selbst gegen ihn gewesen war, ihn zu sich entbieten ließ, um ihm mitzuteilen, sie sehe sich genötigt, anderweitig über sein Zimmer zu verfügen. Zwar suchte sie die Schroffheit ihres Verfahrens zu mildern, indem sie hinzusetzte, ein Herr wünsche das Zimmer auf längere Zeit zu mieten, aber Byrd erkannte deutlich, daß dies nur ein Vorwand sei, um ihn aus dem Hause zu entfernen. Da nun sein Zweck ohnehin vereitelt war, wenn man ihm mit Mißtrauen begegnete, erwiderte er höflich, er wünsche durchaus nicht, die Dame auf irgendeine Weise zu schädigen und werde sich nach einer andern Wohnung umsehen.

Bereits eine halbe Stunde später war er wieder in dem Hotel einquartiert, in dem er zuerst abgestiegen, und fand nun Zeit, seine weiteren Schritte zu überlegen. Trotz aller vorgefundenen Hindernisse, war er doch in den Besitz einiger wichtiger Tatsachen gelangt, welche Mansell betrafen. Er wußte erstens, daß dieser sich eines Vorwands bedient hatte, um sowohl von der Leichenschau als dem Begräbnis seiner ermordeten Tante fernzubleiben. Zweitens, daß er ein leidenschaftlicher Erfinder war und gerade jetzt das fertige Modell einer Maschine bei sich stehen hatte. Und drittens, daß er sich an dem Morgen, als die Mordtat in Sibley verübt ward, nicht daheim befand, sondern an irgendeinem andern Ort.

Die Kenntnis dieser Umstände genügte jedoch noch lange nicht, um die schwerwiegenden Verdachtsgründe zu beseitigen, welche gegen Valerian Hildreth vorlagen. Byrd beschloß daher, seine Nachfragen auf vorsichtige Weise in der Fabrik selbst fortzusetzen, um zu erkunden, wo sich Craik Mansell zurzeit der Mordtat aufgehalten habe. Er verwandte den ganzen Tag dazu und wählte eine sorgfältige Verkleidung, aber überall stieß er auf völlig unerwartete Schwierigkeiten. Die Unterbeamten, die er aufsuchte, waren zu beschäftigt oder gaben auf seine Erkundigungen nur ausweichende Antworten; bei den Fabrikherren ward er unter diesem oder jenem Vorwand gar nicht vorgelassen. Es war, als hefte sich das Mißgeschick, das ihn schon im Kosthaus verfolgt hatte, auch an jeden seiner ferneren Schritte.

Nur eineHoffnung, sich Auskunft zu verschaffen, war ihm noch geblieben: Herr Goodman, einer der Chefs der Firma, befand sich an jenem Tage nicht im Geschäft; vielleicht war der Argwohn, welcher Byrd zu verfolgen schien, noch nicht bis zu ihm gedrungen.

Der Empfang, der den jungen Mann in der Privatwohnung des Fabrikherrn erwartete, ließ jedoch viel zu wünschen übrig. Herr Goodman war durch eine Unpäßlichkeit ans Zimmer gefesselt und wenig gestimmt für fremden Besuch.

Mansell? wiederholte er frostig auf die Frage, ob er einen Angestellten des Namens in seinem Geschäft habe. Ja, so heißt unser Buchhalter. Darf ich wissen, weshalb Sie zu mir kommen, um Erkundigungen über ihn einzuziehen? – Der Fabrikherr musterte seinen Besucher mit scharfen Blicken.

Weil Sie mir eine Mitteilung machen können, entgegnete der Detektiv, entschlossen, diesmal zum Ziele zu gelangen, an welcher dem Gericht viel gelegen ist. Ich komme im Auftrag des Bezirksanwalts von Sibley, welcher zu wissen wünscht, wo sich Herr Mansell am Morgen des 26. September befunden habe.

Herr Goodman schien zu überlegen; er griff nach einem Stuhl und nahm Platz.

Und weshalb fragen Sie den betreffenden Herrn nicht selbst danach? Er könnte Ihnen doch am besten Auskunft geben?

Das wohl, entgegnete Byrd freimütig, ich wollte Herrn Mansell nur das unangenehme Gefühl ersparen, welches die Frage ihm vielleicht verursacht hätte, da er ohnedies in letzter Zeit so viel Schmerzliches erlebt hat. Die Sache ist gar nicht von Belang: bei Gericht hat man den Umstand erwogen, daß Herr Mansell als Erbe des kleinen Vermögens der Frau Klemmens aus ihrem Tode Gewinn zieht und möglicherweise die Hand dabei im Spiele haben könne. Es liegt keinerlei Beweis gegen ihn vor, aber, da die Sache nun einmal zur Sprache gekommen ist, bin ich hierhergeschickt worden, um sie näher zu ergründen. Ich höre, daß Herr Mansell an jenem unheilvollen Tage nicht in Buffalo war, doch braucht er deshalb nicht in Sibley gewesen zu sein. Sind Ihnen vielleicht Umstände bekannt, welche genügen würden, seine Abwesenheit vom Tatort zu beweisen?

Der andere verharrte jedoch bei seiner Zurückhaltung. Ich bedauere, sagte er, Ihnen über Herrn Mansells Reisen keine näheren Nachrichten geben zu können; wenden Sie sich gefälligst an ihn selbst!

Er war also nicht in Geschäften für die Fabrik abwesend?

Nein.

Aber Sie wußten um seine Reise?

Ja.

Dürfte ich fragen, wann er zurückkam?

Am Mittwoch war er wieder auf dem Bureau.

Byrd sah ein, daß bei des Fabrikherrn absichtlicher Verschlossenheit wenig für ihn zu hoffen sei. Doch ließ er sich noch nicht abschrecken.

Sie sind vermutlich mit Herrn Mansell befreundet? sagte er ruhig.

Er verkehrt viel in meinem Hause, erwiderte jener schnell und kurz.

Byrd verbeugte sich: So werden Sie keinen Zweifel hegen, daß er sein Alibi beweisen kann?

Ich zweifle überhaupt nicht an Herrn Mansell, lautete die schroffe Antwort.

Jetzt hätte sich Byrd füglich zurückziehen können, aber er wollte noch einen Versuch machen. Gedankenvoll das Haupt wiegend, murmelte er halblaut vor sich hin:

Ich dachte, er wäre vielleicht wegen seines Patents nach Washington gereist, ... dann fuhr er zu Herrn Goodman gewendet fort: Hat er nicht eine Maschine erfunden, die er mit Hilfe eines Kapitalisten auszuführen gedenkt?

Ich glaube ja, entgegnete der andere.

Könnte er da nicht nach Neuyork gefahren sein, fragte Byrd in vertraulichem Ton, um über diese Lieblingsidee mit irgend jemand zu beratschlagen? – Wenn ich das nur wüßte, würde ich mit ruhigem Gewissen nach Sibley zurückkehren.

Sein harmloses Aussehen und der freundliche Anteil, der aus seinen Worten sprach, verfehlten ihre Wirkung nicht. Herrn Goodmans Miene wurde etwas gefälliger, er gab zu, daß sein Freund Mansell ihm allerdings mitgeteilt habe, er werde in Sachen seines Patents auf einige Tage verreisen. Das war jedoch alles, was Byrd von ihm erfahren konnte; so verbeugte er sich denn und wandte sich zur Tür.

Erst in diesem Augenblick gewahrte er, daß er während der Unterredung nicht mit dem Fabrikherrn allein im Zimmer gewesen war. In einer Nische hatte ein kleines Mädchen von neun oder zehn Jahren auf dem Fensterbrett gesessen; jetzt glitt die Kleine herab und lief ihm voraus auf den Vorplatz. An der Haustür fand er sie, wo sie ihn schüchtern errötend, doch voll kindlichen Ungestüms erwartete. Er stand still und blickte sie freundlich an. Ich weiß, wo Herr Mansell gewesen ist, rief sie eifrig, gar nicht an dem Ort, von dem Sie sprachen. Auf dem Brief, den er an Papa schrieb am Tage, ehe er zurückkam, stand Monteith als Poststempel. So heißt auch der Mann, der unsere große Wandkarte gemacht hat, daran habe ich mir's gemerkt. Bitte, leiden Sie nicht, daß die Leute etwas Böses von Herrn Mansell sagen; der ist immer so gut!

Mit glühenden Bäckchen und flatternden Locken sprang die Kleine davon, froh, dem lieben Hausfreund, wie sie glaubte, einen Dienst geleistet zu haben.

Byrd aber fühlte einen wahren Stich im Herzen, daß er die Auskunft, nach welcher er so lange und vergeblich geforscht, zuletzt von den unschuldigen Lippen eines Kindes erhalten hatte: Monteith war die nächste Eisenbahnstation nach Sibley.

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