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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Buch.

Zwölftes Kapitel.

Byrd war sich wohl bewußt, daß er bei seinem Gespräch mit Imogen Dare etwas unterlassen hatte, was keiner seiner Kollegen an seiner Stelle versäumt haben würde, nämlich, den Namen dessen auszusprechen, welchen er im Verdacht hatte, der Mörder der Frau Klemmens zu sein. Hätte er dies getan, hätte er Craik Mansell erwähnt oder auch nur eine leise Anspielung auf ihn, den Neffen der Witwe, einfließen lassen, vielleicht würde dann das heftig erregte Mädchen durch ein Zeichen, einen Ausruf ihrerseits seine Vermutung zur Gewißheit gemacht und ihm die Grundlage geliefert haben, auf welcher er seine weiteren Pläne bauen konnte.

Aber dies Mittel, seinen Zweck zu erreichen, widerstand seiner ritterlichen Natur. Er war nicht nur Detektiv, er war auch Mensch. Zudem zweifelte er nach der angestellten Probe kaum mehr, daß sein Argwohn richtig sei.

Er brauchte nur noch zu untersuchen, ob die Tatsachen damit in Einklang ständen, eine Aufgabe, der er sich sofort zu unterziehen beschloß, mochte die Erfüllung der unwillkommenen Pflicht ihm auch noch so schwer fallen.

Zwei Fragen galt es vor allem zu beantworten. Erstens: war der Herr, mit dem Imogen Dare die Zusammenkunft im Bahnhof zu Syrakus gehabt, und der von Fräulein Firman erwähnte Neffe wirklich eine und dieselbe Person? Zweitens: ließen sich Beweise beibringen, daß dieser Neffe zurzeit, als die Mordtat verübt wurde, sich im Hause der Frau Klemmens, oder in der Nähe desselben befunden hatte?

Um sich auf die Feststellung dieser zwei Punkte gründlich vorzubereiten, begab sich Byrd nochmals in das Haus der Witwe, dessen innere Einrichtung und äußere Umgebung er einer genauen Untersuchung unterzog. Dabei kam er zu der Ueberzeugung, daß, wenn ein anderer als Valerian Hildreth die Tat begangen hatte, der Mörder sich schon im Hause befunden haben müsse, als jener es betrat.

Das Haus besaß drei Eingänge: die Vordertür war von Hildreth, ohne daß Frau Klemmens es wußte, bewacht; auf dem Weg zur Küchentür befand sich der Hausierer in dem kritischen Augenblick, und die Tür zum Eßzimmer, obwohl allem Anschein nach unbeobachtet, war so gelegen, daß die Witwe, welche an der Uhr stand, als der Angriff erfolgte, den Eintretenden jedenfalls hätte sehen oder hören müssen.

Die Annahme, der Mörder könne durch die Küchentür hereingekommen sein, nachdem der Hausierer sich entfernt hatte, war so unwahrscheinlich, daß sie kaum in Betracht kam. Es lag daher auf der Hand, daß er sich schon früher eingeschlichen und entweder auf Frau Klemmens im Eßzimmer gelauert hatte, als sie dieses nach der Unterredung mit Hildreth betrat, oder vom oberen Stock auf der Treppe herabgekommen war, die gerade in eben dies Zimmer mündete.

Und noch einsstand für ihn unumstößlich fest:

Der Täter – vorausgesetzt, daß es nicht Hildreth war – konnte nur durch eine der Hintertüren in der Richtung des Waldes entflohen sein. Zwar lag die unebene mit Brombeergestrüpp bewachsene Strecke Sumpfland dazwischen, bis man den Schutz der Bäume erreichte, aber wen Angst oder Not trieb, der konnte sicher in fünf Minuten hinübergelangen. So viel Zeit war aber reichlich nach der Mordtat verstrichen, als Ferris die Eßzimmertür öffnete, um die Gegend hinter dem Hause zu überblicken. Durch diese Tür also war aller Wahrscheinlichkeit nach die Flucht erfolgt; sie war der Beobachtung nicht ausgesetzt, und der Zaun, welcher den Garten der Witwe von dem Sumpfe trennte, ließ sich leicht übersteigen. Byrd beschloß, rasch die Probe selbst zu machen, jenseits des Sumpfes in den Wald vorzudringen und zu sehen, ob man sich daselbst gut verbergen und die Flucht fortsetzen könne.

Freilich gab es dabei einige Schwierigkeiten zu überwinden; der hügelige Boden war halb vom Wasser bedeckt, und wer auf dem schlüpfrigen Grunde ausglitt, mußte sich mühsam aus dem Dorngestrüpp wieder herausarbeiten. Byrd fand jedoch im übrigen seine Annahme bestätigt; mit Schlamm bespritzt erreichte er nach kaum fünf Minuten den festen Waldboden, welchen Buchen und Ahornbäume nicht allzudicht bestanden. Noch war er nicht weit in den Wald vorgedrungen, als er an eine Lichtung kam, durch welche ein betretener Pfad zu einer kleinen, anscheinend verlassenen Hütte führte, die an einer Felswand lehnte. Sich vorsichtig näher wagend, blickte er in die offene Tür; als er jedoch den Raum leer fand, ging er, ohne sich aufzuhalten, auf dem Pfad weiter und erreichte nach kurzer Zeit den Saum des Waldes.

Er trat ins Freie und erkannte zu seiner Ueberraschung, daß er nicht, wie er geglaubt, den Wald in gerader Linie durchschritten, sondern eine Art Halbkreis beschrieben hatte, welcher in die Landstraße einmündete, die geradeswegs zur Stadt zurückführte. Zugleich sah er wenige Schritte davon die Endstation der Pferdebahn, welche diesen abgelegeneren Stadtteil von Sibley mit dem eigentlichen Geschäftsviertel verband. Leicht hatte der Flüchtling von hier aus die Eisenbahn erreichen können, die etwa eine Meile entfernt war. Wie kam es nun, daß die Behörden diese Möglichkeit des Entkommens so völlig übersehen hatten? – Byrd war zwar in dieser Gegend von Sibley noch nie gewesen, doch hatte er die schöne freie Aussicht sehr rühmen hören, die man in dem auf der Anhöhe erbauten vornehmeren Westende genoß. Er blickte umher: rechts von der Landstraße lag die prächtige Villa des Professors Darling, und über das grünschimmernde Becken des Sumpflandes hinweg, um das sich die Straße in Hufeisenform bog, sah er die Stadt wie auf einer Landkarte vor sich ausgebreitet liegen; er erkannte die einzelnen Straßen und Gebäude und glaubte sogar zwischen den höhern Häusern das neue Ziegeldach hervorblicken zu sehen, welches das Wohnhaus der Witwe deckte. Hierin konnte er sich jedoch leicht täuschen; auf weitere Entfernung sah sein Auge nicht sehr scharf.

Die Pferdebahn brachte ihn zur Stadt zurück, bis dicht an den Bahnhof. Gedankenvoll suchte er sein Hotel wieder auf.

Irre ich mich nicht, sagte er zu sich selbst, und hat wirklich ein anderer als Valerian Hildreth den Mord begangen, dann habe ich jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach genau den Weg zurückgelegt, auf dem der Mörder seine Flucht bewerkstelligt hat.

Es war nun seine Aufgabe, zu beweisen, daß diese Vermutung nicht aus der Luft gegriffen sei, sondern sich bestätigen lasse.

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