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Hand und Ring

Anna Katherine Green: Hand und Ring - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorAnne Kathrine Green
titleHand und Ring
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesDetektiv-Gryce-Seríe
printrunFünfzehnte Auflage
year1921
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

Als Byrd am nächsten Morgen die Schreibstube des Bezirksanwalts betrat, fiel es Ferris auf, wie elend und angegriffen er aussah.

Ich komme, sagte der junge Detektiv, um mich bei Ihnen zu erkundigen, was Sie von Herrn Hildreths Aussichten halten. Sind Sie entschlossen, ihn verhaften zu lassen?

Das ist unzweifelhaft meine Pflicht, war die Antwort. Der Verdacht gegen ihn verschärft sich mehr und mehr, wenn auch bis jetzt nur Indizienbeweise vorliegen. Als er gestern durchsucht wurde, hat man einen Ring bei ihm gefunden, den er nach seinem eigenen Zugeständnis am Tage der Mordtat getragen hat.

Ich sah, wie er ihn während der Verhandlung vom Finger zog, murmelte Byrd.

Er hat seine Angst und Unruhe bei dem Verhör kaum verbergen können. Hickory – so heißt Ihr Kollege aus Neuyork – sagt, der junge Mann habe sich so auffällig benommen, daß erst dadurch seine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden sei. Einmal habe er seinen Platz verlassen, als wolle er sich entfernen; hätte er ungehindert durch die Menge kommen können, er würde gewiß einen Fluchtversuch gemacht haben.

Ist dieser Hickory ein Mensch, auf dessen Urteil man sich verlassen kann? fragte Byrd gespannt.

Ich glaube wohl. Er scheint sein Geschäft zu verstehen. Die Art, wie er uns Herrn Hildreths Zeugnis verschaffte, verdient alle Anerkennung.

Könnte ich ihn nur seine Ansicht über den Fall aussprechen hören, ohne daß er es weiß, äußerte Byrd nachdenklich.

Das ließe sich wohl machen, erwiderte der andere, ihm einen verständnisvollen Blick zuwerfend. Ich erwarte ihn jeden Augenblick hier; wenn Sie sich hinter jenen Schirm zurückziehen wollen, könnten Sie ganz nach Belieben anhören, was er mir mitzuteilen hat.

Auf des jungen Detektivs Stirn lagerten sich düstere Falten. Das will ich tun, sagte er entschlossen. Er begab sich nach der andern Seite des Zimmers und verschwand hinter dem bezeichneten Schirm.

Bald darauf nahte ein rascher Schritt, und von außen rief eine helle Stimme: Sind Sie allein, Herr Anwalt?

Kommen Sie, kommen Sie! versetzte Ferris, ich habe schon auf Sie gewartet; was bringen Sie Neues?

Der Mann trat ein, warf schnell einen Blick im Zimmer umher und sagte dann selbstgefällig: Was soll es viel Neues geben? Wir haben den Vogel gefangen, und er sitzt im Käfig. Jetzt fahre ich zuerst nach Albany, vielleicht läßt sich da noch dies oder jenes über ihn auffischen, und nächste Woche kann ich mich nach Toledo begeben, sobald Sie es für ratsam halten.

So sind Sie also überzeugt, daß Valerian Hildreth der Täter ist und kein anderer? rief Ferris, den Rauch seiner Zigarre vor sich hinblasend. Es steht für Sie unzweifelhaft fest?

Ueberzeugt? – Was hat ein Detektiv mit Ueberzeugung zu tun? Das ist Sache des Richters und der Geschworenen. Ich weiß nur, nach welcher Richtung alle Beweise zielen, und daß auch nicht der leiseste Schein eines anderweitigen Verdachts zum Vorschein gekommen ist. Freilich mag es nicht angenehm sein, einen so feinen Herrn in Haft zu nehmen, fügte Hickory mit der Behaglichkeit eines Mannes hinzu, der ein Recht zu haben meint, auf seinen Lorbeeren auszuruhen, aber vor dem Gesetz gilt nicht Vornehm noch Gering, das ist nun einmal eine ausgemachte Sache. – Er scheint sich's übrigens sehr zu Herzen zu nehmen, fuhr er redselig fort, als der Bezirksanwalt schwieg. Die ganze Nacht hat er kein Auge geschlossen, sondern ist im Zimmer auf und ab gegangen, wie ein wildes Tier im Käfig, oder hat dumpf vor sich hingestarrt, als sei er dem Wahnsinn nahe. »Hätte mein Großvater das ahnen können!«, hat er wieder und wieder gesagt und die Hände vors Gesicht geschlagen, wenn jemand ihm in die Nähe kam. Sobald der Morgen graute, ließ er sich Papier und Bleistift geben; der Polizeidiener sah, was er schrieb, es war ein Brief an seine Schwestern, worin er sie beschwor, an seine Unschuld zu glauben; der Schluß klang ganz wie eine Art letzter Wille. Man wird gut tun, ihn unausgesetzt zu bewachen, möglicherweise beabsichtigt er einen Selbstmordversuch. – Kann ich etwas für Sie ausrichten?

Nein, entgegnete Ferris, die nötigen Befehle sind schon erteilt worden. Für Sie wird es am besten sein, den Ausflug nach Albany zu machen. Wenn Sie zurückkommen, wollen wir sehen, was weiter zu tun ist.

Schön; in höchstens zwei Tagen bin ich wieder hier; ich lasse Ihnen meine Adresse, im Fall sich etwas Wichtiges zuträgt. – Hickory empfahl sich und verließ das Zimmer.

Nun, Byrd, was halten Sie von ihm? fragte Ferris, als die beiden wieder allein waren.

Hat Ihnen Coroner Tredwell mitgeteilt, entgegnete der junge Mann statt der Antwort, daß der Inspektor es meinem Urteil anheimstellt, dem Fall weiter nachzuforschen, wenn ich glaube, der Gerechtigkeit dadurch zu dienen?

Ferris nickte bejahend.

So darf ich Sie wohl bitten, Herrn Hildreth eine Botschaft zu übermitteln, fuhr jener fort, des Inhalts, daß er die Folgen seiner Verhaftung nicht zu fürchten braucht, wenn er an dem Verbrechen schuldlos ist. Sagen Sie ihm, daß sich jemand seiner Sache annehmen will, der sein Wort zum Pfande setzt, er werde nicht ruhen und rasten, bis er den Schuldigen entdeckt und den Unschuldigen von jedem Verdacht befreit habe.

Was? rief Ferris, verwundert über die ernste, entschlossene Haltung des jungen Mannes, dessen Wesen ihm bisher so gelassen und gleichmütig erschienen war. Sie teilen also Hickorys Meinung nicht, Sie sind zu andern Schlüssen gelangt als er?

Das bin ich, Hickory ist stolz darauf, den Verbrecher entdeckt zu haben. Deshalb zweifelt er nicht an Hildreths Schuld.

Und Sie?

Ich betrachte die Schuld noch als offene Frage. Doch räume ich das nur Ihnen gegenüber ein. Mein Anteil an der Sache muß überhaupt geheim bleiben, wenn ich die Fährte weiter verfolgen soll, auf welche ich geraten zu sein glaube. Es darf in hiesiger Stadt niemand etwas davon erfahren, dazu bin ich dem Inspektor gegenüber verpflichtet, auch verlangt es das Interesse des Falles selbst. Die Aufgabe, welche ich freiwillig übernehme, ist nichts weniger als angenehm; erleichtern Sie mir dieselbe dadurch, daß Sie mir Ihr Vertrauen schenken. Lassen Sie mich meine Nachforschungen allein anstellen, bis ich die unerschütterliche Ueberzeugung erlange, daß nicht Valerian Hildreth der Mörder von Frau Klemmens ist, sondern jemand, der mit ihm und seinen Interessen auch nicht das geringste zu schaffen hat.

Sie wollen also den Fall übernehmen?

Ja, Herr Anwalt, entgegnete Byrd kurz.

Durch diesen Entschluß zerstörte er den seligen Liebestraum, der ihn umgaukelt hatte.

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