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Hamlet, Prinz von Dännemark. (Übersetzer Wieland)

William Shakespeare: Hamlet, Prinz von Dännemark. (Übersetzer Wieland) - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
titleHamlet, Prinz von Dännemark. (Übersetzer Wieland)
authorWilliam Shakespeare
translatorChristoph Martin Wieland
year1995
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20157-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug.

Erste Scene.

(Das Königliche Zimmer.)

(Der König, die Königin, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)

Der König (zur Königin.)
Diese Seufzer sind von Inhalt schwer; es ist nöthig, daß wir ihre Bedeutung verstehen. Wo ist euer Sohn?

Königin. Laßt uns auf einen Augenblik allein. (zu Rosenkranz und Güldenstern welche sich entfernen.)

König. Was ist's, Gertrude? Was macht Hamlet?

Königin. Er ist rasender als die See und der Wind, wenn beyde kämpfen, welches das mächtigste sey; in einem solchen Anstoß von unbändiger Wuth hört er etwas hinter den Tapeten sich rühren, zieht den Degen, ruft, eine Maus! und ersticht in dieser Einbildung den ungesehenen guten alten Mann.

König. Himmel! welch ein Unfall – – So würde es uns gegangen seyn, wenn wir an des Alten Plaz gewesen wären: Seine Freyheit drohet allgemeine Gefahr, euch selbst und jederman. Wehe uns! Wie werden wir diese blutige That rechtfertigen können? Sie wird uns zur Last gelegt werden, weil wir die Vorsicht hätten haben sollen, diesen rasenden jungen Menschen eingesperrt zu halten. Aber so weit gieng unsre Liebe zu ihm; wir verblendeten uns selbst gegen das was die Klugheit erforderte, und glichen hierinn einem Menschen, der mit einem bösen Schaden behaftet ist, und ihn aus Furcht daß er bekannt werden möchte, so lange nährt, bis er das Mark seines Lebens weggefressen hat. Wo ist er hingegangen?

Königin. Den Leichnam des Ermordeten wegzuschaffen, bey dem er sich so gebehrdet, daß man deutlich siehet, wie sein Wille keinen Theil an dem Werk seiner Raserey habe. Er beweint, was er gethan hat.

König. O Gertrude, kommt mit mir; die Sonne soll nicht bälder die Gebirge berühren, als wir ihn von hier zu Schiffe senden wollen: Und was diese böse That betrift, so werden wir alles unsers Ansehens und unsrer Klugheit nöthig haben, um ihren Folgen vorzubauen – – He! Güldenstern!

(Rosenkranz und Güldenstern kommen zurük.)

Meine Freunde, geht, und nehmet noch einige Leute mit euch; Hamlet hat in einem Anfall von Raserey den Polonius erschlagen, und ihn aus seiner Mutter Cabinet weggeschleppt; geht, sucht ihn auf, redet freundlich mit ihm, und bringt den Leichnam in die Schloß-Capelle. Ich bitte euch, säumt euch keinen Augenblik.

(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)

Kommt, Gertrude, wir wollen die Klügste von unsern Freunden zusammenberuffen lassen, und ihnen anzeigen, sowol was wir zu thun vorhaben, als was Hamlet unglüklicher Weise gethan hat. Es ist nur allzu besorglich, daß das Gerücht diese That in kurzem durch die ganze Welt flüstern, und vielleicht unsern Namen durch heimliche Anschuldungen vergiften wird – Kommt, kommt; mein Gemüth ist voller Unruh und innerlichem Streit – –

(Sie gehen ab.)

Zweyte Scene.

(Hamlet tritt auf.)

Hamlet. Nun liegt er wo er hin gehört – –

((Hinter der Scene: Hamlet! Prinz Hamlet!)

Hamlet. Was für ein Lerm? Wer ruft Hamlet? Ha, da kommen sie angestochen – –

(Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)

Rosenkranz. Was habt ihr mit dem todten Körper angefangen, Gnädiger Herr?

Hamlet. Ihn dem Staub gegeben, zu dem er ein Anverwandter ist.

Rosenkranz. Sagt uns, wo er liegt, damit wir ihn abholen und in die Capelle tragen können.

Hamlet. Das bildet euch nicht ein – –

Rosenkranz. Was einbilden?

Hamlet. Daß ich euer Geheimniß verschweigen könnte und mein eignes nicht. Zudem, wenn der Fräger ein Erdschwamm ist, was für eine Antwort kan der Sohn eines Königs geben?

Rosenkranz. Seht ihr mich für einen Schwamm an, Gnädiger Herr?

Hamlet. Ja Herr, für einen Schwamm, der des Königs Blike, Winke und Minen aufsaugt; aber solche Diener thun einem König den besten Dienst erst am Ende; wenn er dessen bedarf, was ihr eingeschlukt habt, so drukt er euch aus, und ihr werdet wieder der trokne löchrichte Schwamm, der ihr vorher waret.

Rosenkranz. Ich weiß nicht was ihr damit sagen wollt, Gnädiger Herr?

Hamlet. Das ist mir lieb; eine spizige Rede schläft in einem närrischen Ohr.

Rosenkranz. Gnädiger Herr, ihr müßt uns sagen, wo der Leichnam ist, und mit uns zum Könige gehen.

Hamlet. Der Leichnam ist schon beym Könige, aber der König nicht bey dem Leichnam. Der König ist ein Ding – –

Güldenstern. Ein Ding, Gnädiger Herr?

Hamlet. Von – – Nichts: fährt mich zu ihm; Verstek dich, Fuchs, und alle hinten drein.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.

(Der König tritt auf.)

König. Ich habe Befehl gegeben, ihn zu mir führen, und den Leichnam aufsuchen zu lassen; wie gefährlich es ist, diesen Menschen so frey herumgehen zu lassen! Und doch dürfen wir ihn nicht nach der Strenge des Gesezes behandeln; der Pöbel, der seine Neigungen nicht nach seiner Vernunft, sondern nach seinen Augen abmißt; der Pöbel, der ihn liebt, würde in seiner Bestraffung, nicht ihr Verhältniß gegen sein Verbrechen, sondern nur die Härte der Straffe sehen. Glüklicher Weise fügt es sich, daß dieser Vorfall zu seiner plözlichen Verschikung einen Vorwand giebt. Gegen verzweifelt gewordene Schäden muß man verzweifelte Mittel gebrauchen oder gar keine.

(Rosenkranz tritt auf.)

Was giebts? Was ist vorgefallen?

Rosenkranz. Gnädigster Herr, wir können nicht von ihm heraus bringen, wo der Leichnam hingekommen ist.

König. Wo ist dann er?

Rosenkranz. Draussen, Gnädigster Herr, mit einer Wache, euern Befehl erwartend.

König. Führt ihn herein.

Rosenkranz. He! Güldenstern, fährt den Prinzen herein.

(Hamlet und Güldenstern treten auf.)

König. Nun, Hamlet, wo ist Polonius?

Hamlet. Beym Essen.

König. Beym Essen? wo dann?

Hamlet. Nicht wo er ißt, sondern wo er gegessen wird; eine gewisse Versammlung von politischen Würmern ist wirklich an ihm. Wo es aufs Schmausen ankommt, ist in der Welt nichts über einen Wurm. Wir mästen alle Creaturen damit sie uns mästen sollen, und für wen mästen wir uns als für Maden? Euer fetter König, und euer magrer Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwey Schüsseln auf eine Tafel; das ist das Ende vom Liede.

König. O weh! o weh!

Hamlet. Ein Mensch, kan mit dem Wurm der einen König gegessen hat, einen Fisch angeln, und den Fisch essen, der diesen Wurm gegessen hat.

König. Was willst du damit sagen?

Hamlet. Nichts, als daß ich euch zeigen will, wie es mit einem König so weit kommen kan, daß er eine Reise durch die Gedärme eines Bettlers machen muß.

König. Wo ist Polonius?

Hamlet. Im Himmel, schikt nur hin, und laßt nach ihm fragen. Wenn ihn euer Abgesandter dort nicht findt, so sucht ihn an dem andern Orte selbst. Aber, im Ernst zu reden, wenn ihr ihn binnen diesem Monat nicht findet, so werdet ihr ihn riechen, wenn ihr die Treppe in die Galerie hinauf geht.

König. Geht, sucht ihn dort.

Hamlet. Er wird euch gewiß nicht davon lauffen.

König. Hamlet, diese deine That macht zu deiner eignen Sicherheit (für welche wir eben so sehr besorgt sind, als höchlich wir das was du gethan hast, mißbilligen) nothwendig, daß du in feuriger Eile nach England abgehest. Schike dich also dazu an; das Schiff liegt fertig, der Wind ist günstig, deine Gefährten warten, und alles kehrt sich schon nach England hin.

Hamlet. Nach England?

König. Ja, Hamlet.

Hamlet. Gut.

König. So ist es, wenn du unsre Absichten kennnest.

Hamlet. Ich sehe einen Cherub, der sie sieht; aber kommt, nach England! Lebet wohl, liebe Mutter.

König. Dein liebender Vater, Hamlet.

Hamlet. Meine Mutter; Vater und Mutter ist Mann und Weib; Mann und Weib ist Ein Fleisch, und also seyd ihr meine Mutter – – Kommt nach England!

(Er geht ab.)

König. Folgt ihm auf dem Fusse; lokt ihn mit guten Worten an Bord; keinen Aufschub! Ich will ihn noch in dieser Nacht fort haben. Hinweg, es ist alles schon fertig und gesegelt, was sonst zur Sache gehört; ich bitte euch, macht hurtig – –

(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)

Und, England, wenn du meine Freundschaft werth hältst, wie du in Ansehung meiner Macht thun solltest, da die Narben noch so rauh und roth aussehen, die das dänische Schwerdt dir gegraben hat: So magst du dich hüten, unsern Auftrag, der nichts geringere als den unfehlbaren Tod Hamlets zum Gegenstand hat, kaltsinnig auszuführen. Thu es England; Denn er raßt in meinem Blut wie ein zehrendes Fieber, und du must mich curieren. Bis ich weiß daß es geschehen ist, werde ich, so groß mein Glüks-Stand ist, keines frohen Augenbliks geniessen.

(Er geht ab.)

Vierte Scene.

(Ein Lager an den Grenzen von Dännemark.)

(Fortinbras zieht mit einem Kriegs-Heer auf.)

Fortinbras. Geh Hauptmann, vermelde dem dänischen Könige meinen Gruß; sag ihm, daß seiner Bewilligung gemäß, Fortinbras um den freyen Durchzug durch sein Reich ansuche; und sag ihm, wofern seine Majestät uns zu sehen verlange, so würden wir ihm persönlich unsre Aufwartung machen.

Hauptmann. Ich werde es ausrichten, Gnädiger Herr.

Fortinbras. Marschiert weiter – –

(Fortinbras geht mit der Armee wieder ab.)

(Hamlet, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)

Hamlet. Mein guter Herr, wessen Völker sind das?

Hauptmann. Sie sind aus Norwegen, mein Herr.

Hamlet. Was ist ihr Vorhaben, mein Herr, wenn ich bitten darf?

Hauptmann. Gegen einen Theil von Pohlen.

Hamlet. Wer commandiert sie, mein Herr?

Hauptmann. Fortinbras, des alten Norwegen Neffe.

Hamlet. Gilt es dem ganzen Pohlen, oder ist die Frage nur von einem District an den Grenzen?

Hauptmann. Wenn ich euch die runde Wahrheit sagen soll, so gehen wir um einen kleinen Flek Landes einzunehmen, wovon der Name das einträglichste ist – – wenn er fünf Ducaten einträgt – – Fünf? Ich möcht' es nicht darum in Pacht nehmen, auch würde es weder den Norwegen noch den Pohlen mehr abwerfen, wenn es versteigert werden sollte.

Hamlet. Wenn das ist, so wird sich der Polak wenig bekümmern, es euch streitig zu machen.

Hauptmann. Allerdings; er hat es schon mit einer starken Mannschaft besezt.

Hamlet. Zweytausend Seelen und zwanzigtausend Ducaten werden nicht zureichend seyn, diesen Streit um einen Stroh-Halm auszumachen. Das ist das Apostem von übermässiger Grösse und Ruhe, das inwendig aufbricht, ohne von aussen eine Ursache zu zeigen, warum der Mann sterben muß. Ich danke euch, mein Herr, für eure Nachrichten.

Hauptmann. Gott behüte euch, mein Herr.

Rosenkranz. Gefällt's euch weiter zu gehen, Gnädiger Herr?

Hamlet. Ich will gleich wieder bey euch seyn; geht nur ein wenig voraus.

(Sie gehen ab.)

Hamlet (allein.)
Müssen nicht alle Gelegenheiten gegen mich auftreten, und meine edle Saumseligkeit beschämen? Was ist ein Mann, wenn alles was er mit seiner Zeit gewinnt, Essen und Schlaffen ist? Ein Thier, nichts bessers. O gewiß, Er, der uns mit einer Denkungs-Kraft erschuf, die in einem so weiten Umkreis zurük und vor sich sieht, gab uns dieses Vermögen, diese Gott-ähnliche Vernunft nicht, sie ungebraucht rosten zu lassen. Wie dann? Ist es thierische Unachtsamkeit, oder sind es Bedenklichkeiten; ist es eine zu genaue Erwegung des Ausgangs, (ein Gedanke, der, wenn er geviertheilet wird, nur einen Theil Weisheit und drey Viertel von einer feigen Memme in sich hat:) was die Ursache ist daß ich noch lebe, um von diesen Dingen als von solchen zu reden, die erst noch geschehen sollen? Da ich doch Ursache, Willen, Vermögen und Mittel habe, sie auszuführen – – Was für ein Beyspiel! Ein so zahlreiches Heer, von einem zarten jungen Prinzen angeführt, dessen Geist, von göttlicher Ruhm-Begierde geschwellt, einem unsichtbaren Ausgang Troz bietet, und alles was sterblich und ungewiß ist, allem was Zufall, Gefahr und Tod vermögen, aussezt, und das um eine Eyer-Schaale – – Das ist nicht ein grosses Herz, das nur durch grosse Gegenstände in Bewegung gesezt werden kan; auf eine edle Art die Gelegenheit zu Händeln in einem Stroh-Halm finden, wenn es die Ehre fodert – – Das nenn' ich groß. Was steh' ich dann, ich, der einen ermordeten Vater, eine entehrte Mutter habe, (Betrachtungen, meine Vernunft und mein Blut zugleich aufzureizen!) was steh ich, und laß alles schlaffen? Indeß ich, zu meiner Schande, zusehe, wie der Tod über zwanzigtausend Männern herabhängt, die um einer Grille, um eines vermeynten Ehren-Punkts willen, so ruhig in ihr Grab wie in ihr Bette gehen; für ein Stükchen Boden fechten, das nicht weit genug zu einem Grab für die Erschlagnen wäre. O meine Seele! So seyen dann, von diesem Augenblik an, deine Gedanken blutig, oder höre auf zu denken!

(Geht ab.)

Fünfte Scene.

(Verwandelt sich in den Palast.)

(Die Königin, Horatio, und ein Hof-Bedienter.)

Königin. Ich will sie nicht sprechen.

Hofbedienter Sie ist ausser sich, in der That, nicht recht bey sich selbst; ihr Zustand verdient Mitleiden.

Königin. Was will sie dann?

Hofbedienter Sie spricht immer von ihrem Vater; sagt, sie höre, es gehe alles bunt über Ek in der Welt; ruft ach und oh, schlägt sich auf die Brust; stößt einen Stroh-Halm unwillig vor sich her; sagt Dinge, die nur einen halben Sinn haben – – die an sich nichts sind, aber dem Hörer Anlaß zu Schlüssen geben, und mit den Winken, dem Kopf-Schütteln und andern Gebehrden, die sie dazu macht, zwar ihre wahre Meynung nicht deutlich machen, aber gerade so viel zu verstehen geben, daß man sie mißverstehen kan.

Horatio. Es wäre gut, wenn man mit ihr redete, denn sie könnte in übelgesinnten Gemüthern seltsame Muthmassungen erweken. Laßt sie herein kommen – –

Königin (vor sich.)
Meiner kranken Seele scheint jeder Kinder-Tand das Vorspiel irgend einer tragischen Begebenheit – – So ist die Natur der Sünde; so verräth sie sich selbst durch ihre immerwährende Furcht verrathen zu werden.

(Ophelia tritt auf.)

Ophelia. Wo ist die schöne Majestät von Dännemark?

Königin. Was macht ihr, Ophelia?

Ophelia (singend.)
Woran erkenn ich deinen Freund, wenn ich ihn finden thu?
An seinem Muschel-Hut und Stab und seinem hölzern Schuh.

Königin. Ach! das arme Mädchen! was willt du mit diesem Liede?

Ophelia. Sagt ihr das? Nein, ich bitte euch, hört zu.

((singend.)

Er ist todt, Fräulein, er ist todt und dahin,
Ein grüner Wasen dekt sein Haupt, und seinen Leib ein Stein.

(Der König tritt auf.)

Königin. Aber meine liebe Ophelia – –

Ophelia. Ich bitte euch, horcht auf – –

Weiß ist dein Hemd, wie frischer Schnee.)

Königin. O weh! Seht hieher, mein Herr.

Ophelia.

Mit Blumen rings umstekt;
Sie gehn mit ihm ins Grab, benezt
Mit treuer Liebe Thau.

König. Wie steht's um euch, junges Fräulein?

Ophelia. Wohl, Gott sey bey euch! Die Leute sagen, die Eule sey vorher eine Bekers-Tochter gewesen. Herr Gott! wir wissen was wir sind, aber wir wissen nicht, was wir werden können. Gott segne euch das Mittag-Essen!

König. Traurigkeit über ihren Vater – –

Ophelia. Ich bitte euch, nichts mehr von dieser Materie; wenn sie euch fragen, was es bedeuten sollte, so sagt ihnen das:

Auf Morgen ist Sant Valentins Tag, und früh vor Sonnenschein
Ich, Mädchen, komm ans Fenster zu dir, und will dein Valentin seyn.
Da stuhnd er auf, und zog sich an, und ließ sie in sein Haus;
Sie gieng als Mädchen ein zu ihm, doch nicht als Mädchen aus.

König. Holdselige Ophelia!

Ophelia. In der That, und ohne einen Eid, das soll das lezte seyn:

Bey Kilian und Sanct Charitas,
Das garstige Geschlecht!
Sie thun's sobald der Anlaß kommt;
Beym Hahn, es ist nicht recht.
Sie sprach: Bevor ihr mich ertappt,
Verspracht ihr mir die Eh;
Bey jener Sonn', ich hätt's gethan,
Was gabst du dich umsonst?

König. Wie lang ist sie schon in diesem Zustande?

Ophelia. Ich hoffe, alles soll gut gehen. Wir müssen Geduld haben; und doch kan ich nicht anders als weinen, wenn ich denke, daß sie ihn in den kalten Boden hineinlegen sollen; mein Bruder soll es erfahren, und hiemit dank' ich euch für euern guten Rath. Kommt, wo ist meine Kutsche? – – Gute Nacht, meine Damen; gute Nacht, schöne Damen; gute Nacht, gute Nacht.

(Sie geht ab.)

König (zu Horatio.)
Folgt ihr, und laßt genau auf sie Acht geben, ich bitte euch – – (Horatio geht ab.) Das ist der Gift eines tiefen Grams, eine Folge von ihres Vaters Tod. O Gertrude, Gertrude, wenn Unglük kommt, so kommt es nicht einzeln, wie Kundschafter, sondern Schaaren-weis. Erst der gewaltsame Tod ihres Vaters – – Dann die Entfernung euers Sohns, die er sich durch jene Mordthat gerechtest zugezogen – – Das Volk von ungesunden Muthmassungen über den Tod des guten Polonius, die von einem Ohr ins andre geflüstert werden, aufgebracht und zur Empörung bereit – – Es war unvorsichtig von uns gehandelt, daß wir ihn heimlich bestatten liessen – – Die arme Ophelia ihres schönen Verstandes beraubt – – und was noch das schlimmste ist, so ist ihr Bruder in geheim aus Frankreich zurükgekommen, hält sich verborgen, zieht Erkundigung ein, und wird Ohrenbläser genug finden, die ihn mit giftigen Reden über die Ursache von seines Vaters Tod ansteken werden – – O meine liebste Gertrude, das ist mehr als nöthig ist, mich das Schlimmste besorgen zu machen. (Man hört ein Getöse hinter der Scene.)

Königin. Himmel, was für ein Getöse ist das?

Sechste Scene.

(Ein Hof-Bedienter zu den Vorigen.)

König. Wo sind meine Schweizer? Laßt sie die Thüre bewachen – – Was willst du?

Hofbedienter Rettet euch, Gnädigster Herr. Der über seine Ufer schwellende Ocean frißt nicht mit reissenderm Ungestüm die Furten und Sandbänke weg, als der junge Laertes, an der Spize eines aufrührischen Hauffens eure Wachen zu Boden wirft; das Lumpenvolk nennt ihn Lord, und nicht anders als ob die Welt erst izt anfienge, und Geseze, Gebrauch und alles was die Bande der Gesellschaft befestiget, auf einmal vergessen wären, ruffen sie: Machen wir den Laertes zu unserm König! Kappen, Hände und Zungen geben ihren Beyfall bis in die Wolken; alles schreyt: »Laertes soll unser König seyn, Laertes König.«

Königin. (Man hört das Getümmel näher)
Wie sie schreyen! Mit welcher Wuth von Freude! O, das sind nur Rechen-Pfenninge, ihr falschen Dänischen Hunde – –

(Laertes tritt auf, mit einer Partey vor der Thüre.)

König. Die Thüren sind erbrochen.

Laertes. Wo ist dieser König? – – Ihr Herren! Bleibt ihr alle draussen stehen.

Alle. Nein, wir wollen auch hinein.

Laertes. Ich bitte euch, laßt mich gewähren.

Alle. Wir wollen, wir wollen.

(Sie gehen ab.)

Laertes. Ich danke euch; bewachet die Thüre. O du schändlicher König, schaffe mir meinen Vater her.

Königin. Ruhiger, guter Laertes.

Laertes. Der Tropfe Bluts, der ruhig in mir ist, ruft mich zum Bastart aus; nennt meinen Vater einen Hahnreyh; und brennt die Hure hier, hier mitten zwischen die keusche und unbeflekte Augbraunen meiner ehrlichen Mutter.

König. Was ist die Ursache, Laertes, daß deine Empörung sich dieses Riesenmässige Ansehen giebt? Laßt ihn gehen, Gertrude; besorget nichts für eure Person; es ist etwas so Göttliches um einen König hergezäunt, daß Verrätherey zu dem was sie gerne wollte, durch die Vergitterung nur hineinguken kan; ohne die Kraft zu haben ihren Willen ins Werk zu sezen. Sagt mir, Laertes, warum seyd ihr so aufgebracht? Laßt ihn gehen, Gertrude – – Redet, Mann!

Laertes. Wo ist mein Vater?

König. Todt ist er.

Königin. Aber nicht durch seine Schuld.

König. Laßt ihn fragen, bis er genug hat.

Laertes. Warum ist er todt? Wie gieng es zu, daß er todt ist? Ich werde mich nicht durch Ausflüchte abweisen lassen! Zur Hölle, Lehens-Pflicht! Zum schwärzesten Teufel, du Eyd, den ich schwur! Gewissen und Religion selbst in den tiefsten Brunnen! Ich troze der Verdammniß; auf dem Punkt wo ich stehe, sind beyde Welten nichts in meinen Augen; laß kommen was kommt; ich will Rache haben, Rache für meinen Vater, volle überfliessende Rache!

König. Wer soll euch denn aufhalten?

Laertes. Nicht die ganze Welt; und was mein Vermögen betrift, so will ich so damit haushalten, daß ich mit wenigem weit kommen will.

König. Mein lieber Laertes, wenn ihr von dem Schiksal euers Vaters gewisse Nachricht einziehen wollt, ist es bey euch beschlossen, daß ihr beydes Freund und Feind, ohne Unterschied, eurer Rache aufopfern wollt?

Laertes. Niemand als seine Feinde.

König. Wollt ihr wissen wer sie sind?

Laertes. Seinen Freunden will ich mit ofnen Armen entgegen eilen, und sie gleich dem Pelican mit meinem eignen Blut erhalten.

König. Nun, das heißt wie ein gutes Kind und wie ein Edelmann gesprochen. Daß ich an euers Vaters Tod unschuldig bin, und daß ich aufs empfindlichste dadurch betrübt worden, das soll euerm Verstand so klar werden, als der Tag euerm Auge ist. (Man hört hinter der Scene ein Geschrey: Laßt sie hinein.)

Laertes. Nun, was giebt's, was für ein Lerm ist das?

Siebende Scene.

(Ophelia, auf eine phantastische Art mit Stroh und Blumen geschmükt, tritt auf.)

Laertes. O Hize, trokne mein Gehirn auf! Thränen, siebenmal gesalzen, brennet die Empfindung und Sehens-Kraft meiner Augen aus! Beym Himmel, diese Verfinsterung deiner Vernunft soll mir so vollwichtig bezahlt werden, bis die Wagschale an den Balken stößt – – O Rose des Mayen! Holdes Mädchen, liebe Schwester, angenehmste Ophelia! – – Himmel! ists möglich daß der Verstand eines jungen Mädchens so sterblich seyn soll, als das Leben eines alten Mannes? Die Natur ist in Liebe verfallen, und sendet dem geliebten Gegenstand das Kostbarste was sie hat zum Andenken nach.

Ophelia (singend.)

Sie senkten ihn in kalten Grund hinab,
Und manche Thräne blieb auf seinem Grab.
Fahr wohl, mein Täubchen!

Laertes. Hättest du deinen Verstand, und strengtest ihn an, mich zur Rache zu bereden, er könnte nicht halb so viel rühren  – –

Ophelia. Ihr müßt singen – – Hinab, hinab – – Ihr wißt ja das Lied? – – Es war der ungetreue Hausmeister, der seines Herrn Tochter entführte – – Hier ist Rosmarin, es ist zum Angedenken; ich bitte dich, Liebe, denk' an mich; und hier sind Vergiß nicht mein – – Hier ist Fenchel für euch, und Agley – – Hier ist Raute für euch, (sie theilt im Reden ihre Blumen aus.) und hier ist welche für mich. Wir könnten sie Gnaden-Kraut oder Sonntags-Kraut nennen; ihr dürft eure Raute wol mit einigem Unterschied tragen. Hier ist eine Maaß-Liebe; ich wollte euch gern einige Veylchen geben, aber sie verwelkten alle, da mein Vater starb: Sie sagen, er hab' ein schönes Ende genommen:

((singend:)

Denn der Hanserl ist doch mein einziges Leben.)

Laertes. Wer könnte bey einem solchen Anblik geduldig bleiben!

Ophelia.

Und kommt er dann nicht wieder zurük?
Und kommt er dann nicht wieder zurük?
Nein, nein, er ist todt, geh in dein Tod-Bett!
Er kommt nicht wieder zurük.
Sein Bart war so weiß als Schnee
Ganz Silber-farb sein Haupt;
Er ist weg, er ist weg, und wir seufzen umsonst;
Friede sey mit seiner Seele!
Und mit allen Christen-Seelen – – Gott behüte euch.

(Sie geht ab.)

Laertes. Seht ihr das, ihr Götter?

König. Laertes, laßt mich euern Schmerz theilen, oder ihr versagt mir mein Recht: Geht wenn ihr zweifelt, leset eure verständigsten Freunde aus, sie sollen Richter zwischen mir und euch seyn: Finden sie daß wir auf irgend eine Art, geradezu oder verdekter Weise, in diese Sache eingeflochten sind – – so soll unser Königreich, unsre Krone, unser Leben, und alles was wir unser nennen, euch zur Genugthüung verfallen seyn. Ist es aber nicht, so leihet uns eure Geduld, und wir wollen gemeinschaftlich mit einander arbeiten, eure Rache zu befriedigen.

Laertes. Laßt es so seyn. Die Art seines Todes, seine heimliche Bestattung, ohne Ehren-Zeichen, ohne einiges Gepränge, das seinem Stand gebührt hatte, alle Umstände ruffen so laut, als ob sie von der Erde bis in Himmel gehört werden wollten, daß ich sie in Untersuchung ziehen solle.

König. Das thut: und wo ihr die Beleidigung findet, dahin lasset die Straffe fallen. Ich bitte euch, folget mir.

(Sie gehen ab.)

Achte Scene.

(Horatio mit einem Bedienten tritt auf.)

Horatio. Wer sind diese Leute, die mit mir sprechen wollen?

Bedienter. Matrosen, mein Herr; sie sagen, sie haben Briefe für euch.

Horatio. Laß sie hereinkommen – – Ich kan nicht begreiffen, aus welchem Theil der Welt ich Briefe bekommen sollte, wenn sie nicht vom Prinzen Hamlet sind.

(Einige Matrosen treten auf.)

Matrosen. Gott helfe euch, Herr.

Horatio. Dir auch.

Matrosen. Das wird er auch, wenn er will, Herr – – Hier ist ein Brief an euch, Herr – – wenn ihr euch Horatio nennt, wie man mir gesagt hat; er kommt von dem Abgesandten, der nach England geschikt wurde.

Horatio überließt den Brief.
Horatio, wenn du dieses überlesen haben wirst, so verschaffe diesen Leuten Gelegenheit vor den König zu kommen; sie haben Briefe an ihn. Eh wir noch zween Tage auf dem Meere waren, verfolgte uns ein See-Räuber von sehr stattlichem Ansehen. Da wir uns von ihm übersegelt sahen, entschlossen wir uns zur Gegenwehr, und währendem Handgemeng sprang ich zu ihnen an Bord – – Augenbliklich liessen sie unser Schiff fahren, und so blieb ich ihr Gefangner. Sie haben mir begegnet, wie Diebe die zu leben wissen; das macht, sie wußten warum, und sie sollen mir's nicht umsonst gethan haben. Mache, daß der König seinen Brief überkommt, und suche mich dann so eilfertig auf, als ob du vor dem Tode lieffest. Ich habe dir Worte ins Ohr zu sagen, die dich taub machen werden; und doch sind sie viel zu leicht für ihren Inhalt. Diese guten Bursche werden dich zu mir bringen. Rosenkranz und Güldenstern sezen ihren Lauf nach England fort. Ich habe dir viel von ihnen zu erzählen. Lebe wohl. »Dein Hamlet.«

Kommt, ich will für die Bestellung eurer Briefe sorgen; und desto eilfertiger, damit ihr mich ohne Verzug zu demjenigen führen könnet, der euch geschikt hat.

(Sie gehen ab.)

Neunte Scene.

(Der König und Laertes treten auf.)

König. Nunmehr muß dann euer Gewissen selbst meine Freysprechung sigeln, und ihr müsset überzeugt seyn, daß ich euer Freund bin, da ihr gesehen habt, daß eben derjenige, von dessen Hand euer edler Vater fiel, mir selbst nach dem Leben getrachtet hat.

Laertes. Die Beweise reden. Aber erlaubet mir zu fragen, warum ihr gegen Uebelthaten von so ungeheurer Beschaffenheit nicht gerichtlich procedirt habet; da doch eure eigne Sicherheit, Klugheit, und alles in der Welt euch rathen mußte, den Thäter zur Rechenschaft zu ziehen?

König. Zwoo besondre Ursachen haben mich davon abgehalten, die in euren Augen vielleicht weniger Stärke haben als in den meinigen. Die Königin seine Mutter lebt, so zu sagen, fast von seinen Bliken, und ich selbst (es mag nun eine Tugend oder eine Schwachheit seyn:) liebe sie so zärtlich, daß ich ihren Wünschen nichts versagen kan. Der andre Grund ist die allgemeine Zuneigung, welche das Volk zu ihm trägt, und die so weit geht, daß sie seine Fehler selbst übergülden und seine Verbrechen zu Tugenden machen würden: so daß meine Pfeile, zu schwach befiedert für einen so starken Wind, auf mich selbst zurük gefallen, und nicht dahin gekommen wären, wohin ich gezielt hätte.

Laertes. Und so muß ich einen edlen Vater verlohren haben, und eine Schwester zu Grund gerichtet sehen, deren Vortreflichkeit unser ganzes Zeitalter herausfoderte, ihres gleichen zu zeigen – – Aber meine Rache soll nicht ausbleiben.

König. Laßt euch das nichts von euerm Schlafe nehmen. Ihr müßt mich nicht für einen so phlegmatischen milchlebrichten Mann halten, der sich den Bart mit Gewalt ausrauffen läßt, und es für Kurzweil aufnimmt. Ihr sollt bald mehr hören. Ich liebte euern Vater, und liebe mich selbst, und dieses, hoff ich, wird euch nicht zweifeln lassen – – Was giebts? Was Neues?

(Ein Bote.)

Bote. Briefe, Gnädigster Herr, vom Prinzen Hamlet. Diesen an Eu. Majestät, und diesen, an die Königin.

König. Von Hamlet? Wer brachte sie?

Bote. Matrosen, sagt man; ich sah sie nicht; die Briefe wurden mir von Claudio gegeben, der sie von ihnen empfieng.

König. Laertes, ihr sollt sie hören – – Verlaßt uns, ihr – –

(Der Bote geht ab.)

»Durchlauchtiger und Großmächtiger! Dieses soll euch benachrichtigen, daß ich nakend in euer Königreich ausgesezt worden bin. Auf Morgen werd' ich mir die Erlaubniß ausbitten, eure Königliche Augen zu sehen; wo ich dann (in Hoffnung Verzeihung deßwegen zu erhalten) erzählen werde, was die Gelegenheit zu dieser schleunigen Wiederkunft gegeben hat.« Was soll dieses bedeuten? Sind die andern auch zurükgekommen? Ist es ein Kunstgriff – – oder ist gar nichts an der Sache?

Laertes. Kennt ihr die Hand?

König. Es ist Hamlets Handschrift – – Nakend, und hier sagt er in einem Postscript, allein – – Könnt ihr mir sagen, was ich davon denken soll?

Laertes. Ich begreiffe nichts davon, Gnädigster Herr; aber laßt ihn kommen; mein Herz lebt wieder auf von dem Gedanken, daß ich es erleben werde, ihm in seine Zähne zu sagen, das thatest du – –

König. Wenn es so ist, Laertes – – ob ich gleich eben so wenig begreiffe daß es ist, als wie es anders seyn kan – – wollt ihr euch von mir weisen lassen?

Laertes. Ja, nur nicht daß ich ruhig bleiben soll.

König. Was ich vorhabe, wird dir zu deiner eignen Gemüths-Ruhe verhelfen; Wenn er nun wieder gekommen ist, weil ihm die Reise nicht anständig war, und er nicht gesinnt ist, sie von neuem zu unternehmen; so habe ich so eben etwas ausgedacht, das ihn unfehlbar zu seinem Fall befördern soll, ohne daß sein Tod den mindesten Vorwurf nach sich ziehen, noch seine Mutter selbst den Kunstgriff merken, sondern ihn dem blossen Zufall beymessen soll.

Laertes. Ich will mich weisen lassen, und desto lieber, wenn ihr es so einrichten könnet, daß ich das Werkzeug bin.

König. Das ist auch meine Meynung: Es ist seitdem ihr auf Reisen seyd, und zwar in Hamlets Gegenwart, oft von einer gewissen Geschiklichkeit gesprochen worden, worinn ihr ausserordentlich groß seyn sollt: Alle eure übrigen Gaben zusammengenommen, erwekten nicht so viel Eifersucht in ihm als diese einzige, die in meinen Augen die geringste unter allen ist.

Laertes. Was kan das seyn, Gnädigster Herr?

König. Eine blosse Feder auf dem Hute der Jugend, aber doch nöthig; denn die Jugend hat in der leichten und nachlässigen Liverey die sie trägt, nicht weniger Anstand als das gesezte Alter in seinen Pelzen und langen Ceremonien-Kleidern – – Es sind ungefehr zween Monate, daß ein junger Cavalier aus der Normandie hier war; die Normänner werden für gute Reiter gehalten; wie ich selbst gesehen habe, da ich ehmals gegen die Franzosen diente; aber bey diesem jungen Menschen dachte man, daß es nicht natürlich zugehe; er schien mit seinem Pferd zusammengewachsen, und wie ein Centaur, halb Mensch und halb Pferd zu seyn, so bewundernswürdig hatte er sich zum Meister desselben gemacht. Er übertraf alles, was man sich davon einbilden kan.

Laertes. Es war ein Normann?

König. Ein Normann.

Laertes. So soll's mein Leben gelten, wenn es nicht Lamond war.

König. Der war's.

Laertes. Ich kenne ihn wohl; er ist in der That der Ausbund und die Zierde der ganzen Nation.

König. Dieser erzehlte uns von euch, und legte euch eine so bewunderns-würdige Geschiklichkeit in der Vertheidigungs-Kunst, besonders mit dem Rappier, bey, daß er behauptete, es würde ein Wunder seyn, wenn sich jemand finden sollte, der es mit euch aufnehmen dürfte. Er schwur die besten Fechter seiner Nation hätten weder Behendigkeit, Auge noch Kunst, so bald sie es mit euch zu thun hätten – – Mein Herr, diese Erzählung vergiftete den Hamlet mit solchem Neid, daß er den ganzen Tag nichts anders that als wünschen und beten, daß ihr bald zurük kommen möchtet, um mit ihm zu fechten. Nun aus diesem – –

Laertes. Was wollt ihr aus diesem machen, Gnädigster Herr?

König. Laertes, war euch euer Vater lieb? Oder seyd ihr nur ein Gemählde von einem Traurenden, ein Gesicht ohne Herz?

Laertes. Warum diese Fragen?

König. Nicht als ob ich denke, ihr liebtet euern Vater nicht, sondern weil ich weiß, daß die Liebe, wie alles andre, der Gewalt der Zeit unterworfen ist, daß sie in ihrer Flamme selbst eine Art von Dacht oder Wike hat, wovon sie endlich geschwächt und verdunkelt wird, und kurz, daß sie, wenn sie zu ihrer Stärke angewachsen ist, an ihrer eignen Vollblütigkeit sterben muß. Was wir thun wollen, sollten wir sogleich thun, wann wir es wollen; denn dieses Wollen ist veränderlich, und hat so viele Abfälle und Hindernisse als es Zungen, Hände und Umstände giebt, welche uns, wenn die Gelegenheit einmal versäumt ist, die Ausführung vielleicht so schwer machen, daß wir auch den Willen verliehren, so vielen Schwierigkeiten troz zu bieten. Doch, um das Geschwür aufzustechen – – Hamlet kommt zurük; was wäret ihr fähig zu unternehmen, um mehr durch Thaten als Worte zu zeigen, daß ihr euers Vaters Sohn seyd?

Laertes. Ihm die Gurgel in der Kirche abzuschneiden.

König. In der That sollte kein Plaz einen Mörder schüzen, noch der Rache Grenzen sezen; aber mein guter Laertes, wollt ihr das thun? Schließt euch in euer Zimmer ein. Hamlet soll bey seiner Wiederkunft hören, daß ihr nach Hause gekommen seyd: Wir wollen ihm Leute zuschiken, welche ein so grosses Lob von eurer Geschiklichkeit im Fechten machen, und so viel und so lange davon reden sollen, biß er es auf eine Wette ankommen lassen wird. Da er selbst edelmüthig, zuversichtlich, und von allen Kunstgriffen fern ist, wird er nicht daran denken, die Rappiere genau zu besehen, so daß ihr leicht durch ein bißchen Taschenspielerey einen Degen ohne Knopf mit euerm Rappier verwechseln, und durch einen geschikten Stoß euern Vater rächen könnt.

Laertes. Ich will es thun, und zu diesem Gebrauch meinen Degen mit einem Saft beschmieren, den ich von einem Marktschreyer gekauft habe; der so tödtlich ist, daß wenn man ein Messer nur darein taucht, keine Salbe, und wenn sie aus den heilsamsten Kräutern die unter dem Mond sind, gezogen wäre, denjenigen vom Tod erretten kan, der nur damit gerizt wird; mit diesem Gift will ich die Spize meines Degens nezen, damit auch die leichteste Wunde, die ich ihm beybringe, Tod sey.

König. Wir wollen diese Sache besser überlegen; Zeit und Umstände müssen abgewogen werden; und auf den Fall, daß uns dieser Anschlag in der Ausführung mißlingen sollte, müssen wir einen andern zum Rükenhalter haben. Sachte – – Laßt sehen – – Es soll eine feyrliche Wette über eure Geschiklichkeit angestellt werden – – Nun hab' ichs – – wenn ihr euch unterm Kampf erhizt habt, und er zu trinken begehrt, will ich einen Becher für ihn bereit halten; wovon er nur schlürfen darf, um unsre Absicht zu erfüllen, wofern er euerm Rappier entgeht.

Zehnte Scene.

(Die Königin zu den Vorigen.)

König. Was giebt's, meine liebste Königin?

Königin. Ein Unglük tritt dem andern auf die Fersen, so schnell folgen sie auf einander: Eure Schwester ist ertrunken, Laertes.

Laertes. Ertrunken? Oh, wo?

Königin. Es ist eine gewisse Weide, am Abhang eines Wald-Stroms gewachsen, die ihr behaartes Laub in dem gläsernen Strom besieht. Hieher kam sie mit phantastischen Kränzen von Hahnen-Füssen, Nesseln, Gänse-Blümchen und diesen langen rothen Blumen, denen unsre ehrlichen Schäfer einen natürlichen Namen geben, unsre kalten Mädchens aber nennen sie Todten-Finger; wie sie nun an diesem Baum hinankletterte, um ihre Grasblumen-Kränze an die herabhängende Zweige zu hängen, glitschte der Boden mit ihr, und sie fiel mit ihren Kränzen in der Hand ins Wasser; ihre weitausgebreiteten Kleider hielten sie eine Zeit lang wie eine Wasser-Nymphe empor; und so lange das währte, sang sie abgebrochene Stüke aus alten Balladen, als eine die keine Empfindung ihres Unglüks hatte, oder als ob sie in diesem Element gebohren wäre; aber länger konnte es nicht seyn, als bis ihre Kleider so viel Wasser geschlukt hatten, daß sie durch ihre Schwere die arme Unglükliche von ihrem Schwanen-Gesang in einen nassen Tod hinabzogen.

Laertes. O Gott! So ist sie ertrunken!

Königin. Es ist allzuwahr.

Laertes. – – Lebet wohl, mein Gebieter – – meine weibische Thränen erstiken eine Rede von Feuer, welche eben auflodern wollte – –

(Er geht ab.)

König. Kommt mit mir, Gertrude – – Wie viel hatte ich zu thun, seine Wuth zu besänftigen! Nun besorg ich, dieser Umstand wird sie von neuem anflammen – – Wir wollen ihm folgen.

(Sie gehen ab.)

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