Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Marcel Prevost >

Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/prevostm/halbeuns/halbeuns.xml
typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111205
projectid365d0e84
Schließen

Navigation:

V.

Nachdem Maxime de Chantel seinen Stock in die Ecke des Eisenbahncoupés gestellt hatte, um sich den Platz zu sichern, stieg er wieder aus. Der Zug nach Chamblais, mit dem er fahren wollte, ging erst um drei Uhr; er hatte noch fünf Minuten Zeit. So schritt er mit strammer, militärischer Haltung den Perron des »gare de Nord« entlang, indem er die Waggons erster Klasse einer Musterung unterwarf. Er hatte gehofft, mit den Damen de Rouvres zu fahren, die ebenfalls bei Le Tessiers zu Mittag eingeladen waren.

Indessen fand er sie nicht; sie waren schon am Vormittag hinausgefahren. Übrigens war der Zug beinahe leer, obgleich der strahlende Himmel und die frühlingsmäßige Wärme der Luft, welche plötzlich auf das Schneewetter gefolgt war, die Pariser wohl hätte ins Freie hinauslocken können.

Maxime hatte Maud zwei Tage nicht gesehen, nicht seit sie am Dienstag zusammen im Théatre Français gewesen. Heute war Freitag. Die Zwischenzeit war ihm unter solchen Herzensqualen verstrichen, daß er sich nicht mehr verhehlen konnte, wie unentbehrlich ihm diese Frau geworden war. Er litt unter der Unruhe seines Herzens, er wollte sich aber niemandem anvertrauen. Die Gegenwart der Mutter, die er liebte, der Schwester, die er so eifersüchtig erzogen hatte – wurde ihm fast lästig; er fühlte, wie ihre Augen sich auf ihn richteten mit ängstlich fragender Zärtlichkeit. Der Gedanke an Maud nahm Besitz von seinen: ganzen Wesen, er folterte ihn und schnürte ihm die Kehle zu, verschloß gleichsam alle Ausgänge seiner Seele. Diese Liebe war keine zufällige Laune seiner Sinne, keine flüchtige Begierde, die der Wind hinwegweht. Seit dem ersten Tage ihrer Begegnung in Saint-Amand war es ihm, als seien Kopf und Herz unter einem Zauberbann, und er empfand im höchsten Grade die völlige, die entsetzliche Gleichgültigkeit gegen die ganze übrige Welt, welche die Folge jeder großen Leidenschaft ist.

*

Die Schaffner waren im Begriff die Thüren zu schließen, und forderten die Reisenden auf, einzusteigen. Als Maxime an sein Coups trat, fand er es zum Teil besetzt von einer korpulenten, blonden Dame in übertrieben eleganter Toilette, und zwei jungen, ebenfalls auffallend gekleideten Damen, die sich in einem sonderbaren, französisch-italienischen Kauderwelsch unterhielten. Maxime erkannte die beiden Damen sofort wieder. Es waren M me. Avrezac und ihre Tochter Juliette, die er bei seinem ersten Besuch bei de Rouvres getroffen hatte. Aber er sah auch, daß sie ihrerseits ihn nicht wiedererkannten. »Übrigens nicht zu verwundern,« dachte er. »Ich wurde ihnen ja nicht einmal vorgestellt, und sie waren noch dazu an dem Abend, jede auf ihre Weise, sehr stark in Anspruch genommen. Um so angenehmer für mich; ich brauche mich nicht mit ihnen zu unterhalten.«

Juliette, die sich aus der Wagenthür hinauslehnte, rief:

»Herr Aaron!«

Schweißbedeckt und pustend kam der Bankier angestürzt. Er kletterte in das Coups hinein, gerade in dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzte.

»Er kennt mich auch nicht wieder,« dachte Maxime. Der dicke Herr hatte wirklich seine kurzsichtigen Augen auf ihn gerichtet, ohne ihn zu grüßen.

»Sind Sie auch auf dem Wege zu unseren lieben Le Tessiers?« fragte die Italienerin.

»Ja. Paul hat mich eingeladen,« antwortete Aaron, immer noch pustend und stöhnend, mit seiner feuchten Stimme hinter den dicken Lippen. »Wir stehen in Geschäftsverbindung ... Ihr Landsitz ist herrlich. Aber Sie kennen ihn ja, nicht wahr, M me. Ucelli?«

» Ma ché! Ich habe manche Fahrt da hinaus gemacht in mail coach, während die Herzogin de la Spezzia in Paris war. Aber M .me Avrezac und Juliette gehen heute zum erstenmal hin, glaube ich?«

Maxime horchte auf ihr Gespräch gegen seinen Willen. Eine schmerzliche Ahnung sagte ihm, daß diese Menschen von der Frau sprechen würden, die er liebte. Er empfand den Wunsch ihnen verbieten zu können, ihren Namen auszusprechen. Und wirklich wurde gleich darauf der Name genannt.

»Wissen Sie,« sagte M .me Avrezac, »daß M .me de Rouvre heute auf Chamblais die Wirtin machen wird?«

»Ausgestreckt auf ihrer Chaiselongue vielleicht?« bemerkte Juliette.

»Oh cara mia! Sie wissen ja recht gut, daß in dieser kleinen Clique Maud alles bestimmt. Die Mutter spielt gar keine Rolle, sie ist eine reine Null. Uno zerro

Sie sprach das letzte Wort mit krachendem Donnergeroll auf den »r'en« so majestätisch aus, daß die arme M .me de Rouvre dadurch ganz vernichtet und ausgelöscht schien.

»Paul Le Tessier,« fuhr sie dann fort, »war ein Freund des verstorbenen Herrn de Rouvre, sein Jugendfreund, wie es scheint. Er hat Maud gekannt, als sie ganz klein war; er soll sie sehr lieb haben.«

Aaron näherte sich mit seinem demütigen, erhitzten Gesichte den drei Damen und sagte mit leiser Stimme, aber doch so laut, daß Maxime es hören konnte: »Und sein Bruder, Hector Le Tessier, der von den Brüdern, der nichts thut, ist das nicht auch ein sehr guter Freund von Fräulein de Rouvre? ... Ja, ich meine natürlich ein Freund mit den allerehrenhaftesten Heirats-Absichten!« fügte er schnell hinzu, wie erschrocken über das, was er zu sagen gewagt hatte.

» Altro!« rief die Italienerin ... »Der liebe Hector? Er sollte daran denken, Maud zu heiraten? Dazu ist er viel zu sehr Pariser ... viel zu sehr, na, wie nennt man das doch gleich, zu sehr gewitzigt, um zu heiraten ... Und noch dazu die!«

»Herr Hector mag die jungen Mädchen nicht, die mit anderen als mit ihm flirten,« setzte Juliette hinzu.

»Aber ich finde gar nicht, daß Maud so arg flirtet,« sagte M .me Avrezac. »Sie benimmt sich doch sehr fein, wie mir scheint.«

Zum Dank für diese wenigen banalen Worte der Verteidigung hätte Maxime die Hände der Frau küssen mögen.

M .me Ucelli antwortete:

»Sie ist sehr gewandt ... na, wie sagen Sie noch, sehr »gerieben« ... ! Wie war es denn mit dem jungen Lestrange? ... Und der rumänische Graf, der ums Leben kam, ohne das man wußte wie und weshalb? Und jetzt der schöne Julien de Suberceaux ... Dio mio! Daß sie mit ihm flirtet, wollen Sie doch wohl nicht in Abrede stellen?«

»Ach was,« sagte M .me Avrezac entschuldigend, »alle jungen Mädchen flirten heutzutage. Das ist einfach eine neue Mode; Juliette meint, die jungen Mädchen, die keinen Flirt haben, verheiraten sich nicht. Ich muß aber sagen, es kommt mir vor, als ob die, welche flirten, sich ebensowenig verheiraten.«

»Du hast ganz recht, Mama,« sagte Juliette. »Man will nichts mehr von uns wissen. Aber wenn wir uns nicht verheiraten, so amüsieren wir uns wenigstens ein bißchen. Man nimmt, was man kriegen kann.«

» Flirt und Flirt ist zweierlei,« bemerkte M .me Ucelli. »Von den anderen will ich nichts sagen, ma per Suberceaux ... enfin ... L'ho visto; so di che parlo ...«

Sie vollendete den Satz auf Italienisch für sich, gerade wie der Zug an einer Station anhielt ... Maxime verstand nur halbwegs, aber er hatte Mauds Namen gehört, wie er mit Lestranges, Suberceaux's und Hectors Namen in Verbindung gebracht wurde, und mit dem Duell eines rumänischen Grafen, der ums Leben kam, »man wußte nicht wie und weshalb.« Wie gern hätte er nicht diese Worte, die seinen Abgott in den Staub zogen, in den Kehlen dieser Menschen erstickt! ... Aber der unwiderstehliche Wunsch, alles zu hören, alles zu wissen, zwang ihn still zu sitzen und zu lauschen ... auf die Worte zu lauschen, die er haßte.

*

Als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, fragte Aaron, immer mit halber Stimme weiter:

»Und Sie glauben wirklich, daß Suberceaux ... Sie meinen, daß ...«

»Aha,« rief die Italienerin, indem sie dem Bankier mit dem Finger drohte, »Sie sind wohl eifersüchtig! ... Birbante! Nur hübsch geduldig... Ich halte noch immer auf Sie, mein Herr, ich wette, Sie holen die anderen alle noch ein.«

Bei diesen Worten, die Maxime verstand, zuckte er so heftig zusammen, daß M me. Avrezac und ihre Tochter, Aaron und M me. Ucelli sich alle nach ihm umwandten... Einen Augenblick flammte es rot vor seinen Augen, seine Muskeln spannten sich, und er empfand eine wahnsinnige Lust auf dieses Schlangengeziefer loszustürzen, mit seiner Faust dreinzuschlagen, sie zu zertreten, zu vernichten... Mit Anspannung all seiner Willenskräfte beherrschte er sich, denn er verstand, daß Maud durch einen Skandal wenig gedient sei. Mittlerweile waren die anderen schweigsam geworden. Nachdem Aaron Maxime eine Weile verstohlen betrachtet hatte, beugte er sich hinüber zu den Damen. Er hatte den ehemaligen Offizier ohne Zweifel jetzt wiedererkannt, und gab der Gesellschaft einen Wink. Es wurde kein Wort mehr gesprochen, bis der Zug an der Station Chamblais anhielt.

Hector Le Tessier und Jacqueline de Rouvre empfingen die Reisenden.

»Wir beiden sind allein im Dogcart hergefahren, ganz wie zwei Verliebte,« sagte Jacqueline. »Er hat mir in einer Weise die Cour geschnitten, daß ich noch ganz rot davon bin.«

»Du und rot werden?« antwortete Juliette, »bilde Dir das nicht ein... Das ist von der frischen Luft gekommen, mein Schatz.«

»Du kleines Scheusal!«

Die beiden jungen Mädchen küßten sich, indem sie wie zwei junge Kätzchen im niedlichen Kampfspiel die feinen Mäulchen aneinander rieben. Als die Gesellschaft aus dem Stationsgebäude, vor dem ein geschlossener Landauer und der kleine Dogcart hielten, hinaustrat, stellte Hector Maxime vor. Aaron streckte die Hand aus, Maxime aber that, als hätte er es nicht gesehen, grüßte leicht hin, und wandte sich ab.

»Jetzt will ich mit Le Tessier im Dogcart fahren,« rief Juliette. »Ich habe auch Lust, rot zu werden, wie Jacqueline.«

»Juliette!« sagte M me. Avrezac streng.

Und flüsternd fügte sie hinzu:

»Du wirst doch diesen Herrn nicht allein mit uns im Landauer fahren lassen? Er sieht ja aus, als wenn er uns lebendig auffressen wollte.«

Die Sache wurde schnell arrangiert. Aaron stieg mit den Damen in den Landauer; Maxime folgte im Dogcart mit Hector. Mit einem niedlichen Pony in gelbem Geschirr bespannt, flog der leichte kleine Wagen den anderen schnell voraus. Als sie bei einer Biegung des Weges den Wald erreichten, konnten sie den Landauer nicht mehr sehen.

Hector sagte zu seinem Begleiter:

»Sie werden unser Landhaus heute ohne den Frühlingsschmuck, der ihm so gut steht, zu sehen bekommen; aber auch so wie es ist, wird es Ihnen, der ja keine Theater-Dekoration sucht, gefallen, mit seinen kahlen Bäumen, seinem hügeligen Waldboden und den Teichen, die noch vom schmelzenden Schnee gelb sind ... Kennen Sie übrigens die Geschichte des Schlosses?

»Nein,« antwortete Maxime zerstreut; seine Gedanken waren noch immer bei den häßlichen Worten von vorhin.

»Im vorigen Jahrhundert waren diese Wälder Besitztum eines Finanzpächters, eines Herrn de Beauregard. Damals existierte kein anderes Gebäude als ein einfaches kleines Forsthaus. Eines Tages brachte nun Herr de Beauregard eine Tänzerin von der großen Oper, Namens Héro, dorthin; er liebte sie wahnsinnig, aber sie verweigerte sich ihm, voller Launen wie sie war, trotzdem er sie mit Geschenken überhäufte. Fräulein Héro fand Geschmack an der Landschaft, die sie an eine Dekoration in der »Armida« erinnerte. »Wie schade nur,« rief sie aus, »daß hier das Schloß fehlt! ...« Ein halbes Jahr darauf führte Herr de Beauregard, der immer noch verliebt war, seine immer noch grausame Freundin wieder nach Chamblais hinaus: die Landschaft war unverändert, aber wo früher das kleine Forsthaus lag, erhob sich jetzt, wie durch einen Zauberschlag hervorgerufen: das Schloß Armidens. Und dieses Mal, so erzählt man sich, gab Héro ihren Widerstand auf ... Aber Sie hören ja gar nicht zu, lieber Freund ... Was ist Ihnen denn?«

Maxime antwortete:

»Sie haben recht ... die Sache ist aber die, ich bin verstimmt, nein, geradezu empört! Diese Leute da hinter uns, mit denen ich im Coupé saß, die Italienerin M me. Ucelli, die nicht wußte, wer ich war, M me.. Avrezac mit ihrer Tochter und Aaron, die mich nicht wiedererkannten, sprachen während der Reise von, von ...«

»Von Fräulein de Rouvre, nicht wahr? Und Sie haben alles gehört?«

»Ja.«

»Ich brauche Sie nicht zu fragen, was sie gesagt haben. Ich weiß es im voraus. M me. Ucelli hat die böseste Zunge in ganz Paris, und Aaron ist einfach ein gemeiner Kerl, der Maud mit seiner plumpen Courmacherei verfolgt. Aber habe ich Sie nicht schon neulich gewarnt, mein Freund? Es war natürlich von Suberceaux, von Lestrange die Rede, nicht wahr?« ...

»Ja ... und von einem gewissen rumänischen Grafen.«

»Graf Christeanu, ja. Der Graf hat in ganz korrekter Form um Mauds Hand angehalten. Vierzehn Tage darauf wurde er in Bukarest im Duell getötet. Ich sehe darin durchaus nichts Kompromittierendes für Maud.«

»Sie sprachen auch von Ihnen.«

»Von mir? In diesem Zusammenhang! ...«

»Sie sind doch sehr intim mit ihr,« unterbrach ihn Maxime lebhaft. »Sie nennen sie ja immer beim Vornamen, ganz kurz ›Maud‹.«

Der Weg führte einen Hügel hinan. Hector ließ das Pferd im Schritt gehen.

»Aber bester Freund! Was sind das für Einfälle! Ich habe Maud gekannt, seit sie vierzehn Jahre alt war, als sie noch Backfischröcke trug ... ihr Vater und mein Vater duzten sich. Wissen Sie, es scheint mir unverzeihlich, einer Frau, die man liebt, in solcher Weise zu mißtrauen. Soll ich Ihnen vielleicht mein Ehrenwort geben, daß ich nie etwas Anderes als der Freund von Fräulein de Rouvre war?«

»Sie haben recht,« antwortete Maxime und senkte den Kopf. »Ich will an Sie glauben... Aber trotzdem ... Wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben wollten ... Es würde vielleicht den schrecklichen Eindruck von dem, was ich vorhin hörte, verwischen.«

»Schön! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie Kleingläubiger. Sind Sie nun zufrieden?«

Maxime dankte ihm durch einen Blick. Sie sprachen nicht mehr während des letzten Stück Weges, bis die weißen Mauern von Armidens Schloß durch das gelichtete Geäst des Parks hervorschimmerten. »Ein sonderbarer Mensch,« dachte Hector ... »Und ich komme mir ebenso wunderlich vor. Ich fange mit einem Male an dieses Mädchen so leidenschaftlich zu verteidigen, als ob ich für sie einstehen könnte ... Jedenfalls würde ich sie nicht heiraten ... Aber wen würde ich überhaupt heiraten? Außerdem – es ist doch zu gemein, die Ehe eines jungen Mädchens dadurch zu verhindern, daß man zweifelhafte Geschichten von ihr erzählt ...«

Maxime war vom Wagen aus auf die Freitreppe des Hauses gestiegen, und ohne das wirklich wundervolle Zauberschloß – ein Trianon, nur größer und prächtiger – auch nur eines Blickes zu würdigen, sagte er zu Hector:

»Wie viel Zeit ist es noch bis zum Mittagessen?«

»Anderthalb Stunden ungefähr ... Haben Sie Ihren Frack im Handkoffer?«

»Ja. In zwanzig Minuten kann ich bereit sein. Erlauben Sie, daß ich mich vorläufig zurückziehe ... Ich bin noch zu aufgeregt ... Wenn ich dem Bankier oder der Italienerin begegnete, könnte ich leicht Dinge sagen, die ich nachher bereuen würde. Lassen Sie mich einen Augenblick allein im Park spazieren gehen ... Ich bedarf des Alleinseins ... dann werde ich wieder ruhig.«

»Ganz wie Sie wünschen! Und wenn Sie zurückkommen, gehen Sie um das Haus herum, dann wird Sie niemand sehen. Ein Diener wird Ihnen das Zimmer anweisen, wo Sie Toilette machen können.«

»Ich danke Ihnen. So wäre es mir am angenehmsten. Ich sehe dann Fräulein de Ronvre erst, wenn wir zu Tische gehen. Auf Wiedersehen!«

Der Landauer wurde oben auf dem Hügel sichtbar; die beiden Herren schüttelten sich die Hände. Maxime wandte sich hastig dem dichtesten Teil des Parkes zu; bald nahm ihn eine Weißbuchenhecke auf, die links am Fahrweg entlang lief. Der Abend dämmerte langsam herauf, und der reine, strahlende Himmel färbte sich; schon mischte die volle Mondscheibe ihren zarten Silberschein in das blasse, verdämmernde Rot der niedergehenden Sonne.

Maxime schritt vorwärts mit ängstlich klopfendem Herzen, ohne nach links oder rechts zu blicken. Er suchte seiner Unruhe Herr zu werden und sich Klarheit zu verschaffen. Eine Stimme in seiner Brust sprach laut zu ihm: »Nimm Dich in acht! siehe, wie Du schon durch diese Frau leidest, und Du hast ihr noch nicht einmal gesagt, daß Du sie liebst! Nimm Dich in acht! Sie ist nicht für Dich geschaffen, und Du nicht für sie! Noch ist es Zeit Dich zurückzuziehen!«

Ja, noch war es Zeit, und während einer Sekunde dachte er daran, es zu thun. Wenn er jetzt durch den Wald stürzte, bis zur Station, sich in den Zug würfe, um wie ein Dieb nach Paris zu entfliehen; und dann weit fort von Paris, sich in die Einsamkeit von Vézéris vergrübe, bis er im Vergessen Heilung für seine Wunden fände?

»Im Vergessen! Ich kann ja aber nicht vergessen! ... Als ich Saint-Amand verließ, liebte ich sie nicht, konnte ich sie nicht lieben, denn ich hatte sie ja kaum gesehen ... Und dennoch habe ich nicht vergessen ...«

Während seines ziellosen Umherstreifens war er an das Ufer eines großen Teiches gelangt, denn die unsichere, nebelige Abendbeleuchtung, die alle Grenzen verwischte, noch größer erscheinen ließ. Festgekettet am Ufer lag ein kleiner Kahn, der sich leise auf dem stillen Wasser schaukelte. Er enthielt nur ein breites Ruder.

Maxime sprang in das Boot, löste die Kette und ruderte kräftig drauf los, um seine Nerven zu beruhigen. Aber draußen auf dem See mit den geheimnisvollen Ufern und den dämmeriggrauen Wellen, wo er sich ganz einsam, ganz auf sich selbst gestellt fühlte, klang die Stimme noch lauter, noch gebieterischer.

»Nimm Dich in acht! Diese Frau ist das Unbekannte! In den Falten ihres Kleides trägt sie unglücksschwangere Geheimnisse ...«

Er hatte aufgehört zu rudern und ließ den Kahn treiben; immer langsamer glitt er dahin, bis er zuletzt ganz still lag. Plötzlich tönten Glockenschläge von Armidens Schloß über den Park und den Teich herüber. Es war das erste Läuten zum Mittagessen. Maxime sah Mauds Bild vor seinem Auge aufsteigen, Maud, so wie er sie in ihrer Abendtoilette kannte, mit den nackten Schultern und den rotgoldenen Haaren. Sie war dort oben im Schloß, ihm so nahe! Nur wenige Stunden noch, und er sollte sie wiedersehen. Konnte er wirklich daran denken, vor ihr zu fliehen! Ein mächtiges Gefühl von Sehnsucht und Zärtlichkeit erwachte in ihm, und schwemmte alle seine Bedenken hinweg. Mit kräftigen Ruderschlägen arbeitete er sich zurück ans Ufer, befestigte den Kahn und lief zum Schloß hinauf. Es war schon einige Minuten über sieben. Er hatte eben noch Zeit sich in aller Eile umzukleiden. In dem Augenblick, als er in den Salon trat, meldete der Diener, daß serviert sei. Undeutlich erblickte er die Umrisse der schlanken Gestalt in dunkelgrünem Sammet, die er mit den Augen suchte; sie verließ den Salon an Hectors Arm; aber bei Tische fand er seinen Platz neben ihr. Sie fragte ihn zerstreut nach der Ursache seines späten Kommens: er antwortete im selben Ton ... Neben dem jungen Mädchen saß auf ihrer anderen Seite der Modeschriftsteller Henri Espiens: sie unterhielt sich fast die ganze Zeit mit ihm; er glänzte durch sprühende und schöngeformte Geistesblitze über die Liebe und die Frauen, und lachte jedesmal selbstzufrieden auf, wenn er eine Geistreichigkeit angebracht hatte. Maud hörte ihm lächelnd zu, antwortete aber nur wenig.

Inzwischen saß Maxime und betrachtete diese Pariser Gesellschaft, und obgleich er sie noch nicht, wie Le Tessier und Suberceaux, mit halbem Auge zu durchschauen vermochte, begann er doch alle diese müßigen Menschen zu begreifen, die weder schlechter noch besser waren als die übrigen leichtlebigen Pariser; die aber nur daran dachten sich zu amüsieren, nachsichtig gegen einander waren, und sich gegenseitig kleine Kupplerdienste leisteten. Unfähig Eifersucht oder Leidenschaft zu empfinden, hatten sie die Köpfe voll von leichtfertigen Intriguen, erlaubten sich dabei die weitgehendsten sexuellen Freiheiten, und brachten es nur selten zu einem vollkommenen, ausgereiften Liebesverhältnis.

M me. de Rouvre und Paul Le Tessier hatten die Plätze bei Tische geordnet, und es war leicht zu sehen, baß dabei vor allem Rücksicht genommen war auf die unter dem harmlosen Worte »flirt« maskierte Sinnlichkeit der Gäste. Man hatte Lestrange zwischen Jacqueline und Marthe de Reversier gesetzt, damit er Gelegenheit fände, seine Kunstfertigkeit im Erregen der Nerven junger Mädchen auszuüben! Aaron erzählte schmatzend schlüpfrige Geschichten über den vollen Busen der M me. Ucelli, während diese der braungelockten Juliette Avrezac verliebte Blicke zusandte. Hector, der vernünftige Hector, unterhielt sich in leisem Ton mit Madeleine de Reversier, die ihm von Zeit zu Zeit leicht über die Finger schlug, als wollte sie ihn damit zum Schweigen bringen. Paul Le Tessier hatte edelmütiger Weise Étiennette zur Nachbarin erwählt; er sah sie, ohne sich dessen zu schämen, von Zeit zu Zeit überaus zärtlich an, und sie erwiderte seinen Blick in derselben Weise; nur wurde ihr Auge zuweilen umflort von einer leisen Trauer bei dem Gedanken an die kranke Mutter daheim, die mit jedem Tage kränker wurde. Alle diese Menschen überließen sich ganz ungeniert im Beisein der anderen ihren kleinen erotischen Liebesaffären, während die Mütter gleichgültig dreinschauten. Und Maxime selber, hatte man ihn nicht an Mauds rechte Seite gesetzt, damit er, ganz wie die anderen, die Gelegenheit benutzte und seine Pläne förderte?

»Es ist wenigstens noch ein Glück, daß sie Suberceaux nicht eingeladen haben,« dachte er mit Bitterkeit, »sonst hätte man ihn ohne Zweifel an die andere Seite gesetzt, an die Stelle des Romanschriftstellers.«

Wenn er sich in dieser Gesellschaft umschaute, hatte er das Gefühl, als befände er sich im Kabinet eines Restaurants, nur erschien ihm die Zügellosigkeit hier um so schlimmer, weil so viele junge Mädchen dabei waren.

»Wie gut,« dachte er, »daß meine Mutter, daß Jeanette nicht mitgekommen sind.«

Nach Hectors diskretem Rat war M me. de Chantel mit Jeanne in Paris geblieben; auch war es Hector, der Maxime zu bestimmen wußte, seine Schwester mit sich zurück nach Vézéris zu nehmen, statt sie in Paris bei M me. de Chantel zu lassen.

Aaron war in diesem Augenblick im Begriff, eine Skandalgeschichte, die während einer Woche das Gesprächsthema für ganz Paris gebildet hatte, zu Ende zu bringen. Die Frau eines ausländischen Offiziers war in einer Wohnung der Rue la Bruyère in einer lustigen Gesellschaft von kleinen Verkäuferinnen aus Bon Marché überrascht worden. Und das sorgfältige Ausmalen der Einzelheiten, die sich Aaron nicht nehmen ließ, machte die Zwiegespräche am Tische verstummen. Maxime sah Maud an: sie schien geistesabwesend, an etwas Anderes zu denken; es war deutlich zu sehen, daß sie nicht zuhörte. Aber die anderen jungen Mädchen spitzten die Ohren. In unwillkürlicher Erbitterung schlug Maxime mit der Hand auf den Tisch und riß dabei Mauds Fächer hinunter. Er bückte sich sofort, um ihn wieder aufzuheben. Als er sich erhob, war er ganz bleich; er hatte gesehen, wie Lestrange unter dem Tische seine Kniee in intime Berührung mit denen des Fräulein Marthe de Reversier gebracht hatte.

»Was ist Ihnen?« fragte Maud, unruhig über sein Schweigen und seine augenscheinliche Erregung, obgleich ein unfehlbarer Fraueninstinkt ihr sagte, daß er in diesem Augenblick, mehr denn je, ihr allein angehöre, und daß seine Eifersucht ihn zu jedem Widerstand unfähig mache.

»Nichts,« antwortete Maxime. »Aber es ist eine entsetzliche Hitze hier.«

Die Temperatur im geschlossenen Speisesaal, wo man vor dem Essen den Kamin geheizt hatte, war wirklich unleidlich geworden. Alle seufzten erleichtert auf, als sie in den Nebenraum traten, wo der Kaffee serviert war; eine mächtige, moderne Halle, sehr geschickt an den linken Flügel des Schlosses angebaut. Durch die Fenster, von denen die Stores zurückgezogen waren, sah man den Park vom hellen Mondlicht überflutet daliegen, und auf dem dunkelblauen Himmel schwamm die silberne Mondscheibe.

»Ach, laßt uns doch hinausgehen!« rief Tiennette. »Es ist so schön im Park! Wir haben noch eine volle Stunde, bis der Zug abgeht ...«

Diese Idee wurde mit Jubel von der Jugend aufgenommen; man trank schnell den Kaffee, während die Diener Mäntel und Hüte hereinbrachten. Maxime half Fräulein de Rouvre beim Anziehen ihres langen, seidenen, mit Hermelin gefütterten Abendmantels; er bot ihr den Arm, den sie annahm.

»Gehen wir,« sagte sie flüsternd, »führen Sie mich weit hinweg von diesen Menschen.«

Er war ihr dankbar, daß sie seinen geheimen Wunsch so genau erraten und ausgesprochen hatte. Sie entfernten sich in das Dickicht des Parkes. Andere Paare folgten nach; aber Maxime suchte die Wege auf, die er von vorhin kannte, und bald standen sie am Teich, weit abseits von den anderen, im Gefühl von der ganzen übrigen Welt abgesondert zu sein. Der Teich schien wirklich jetzt ohne Grenzen, wie jene afrikanischen Seen, an deren Ufern der Reisende mit Verwunderung fragt: »Ist dies das Meer?« Über dem Wasser, das mit leisem Schaukeln im Mondenschein wie flüssiges Silber glitzerte, zeichneten sich die strengen, schwarzen Linien der kahlen Bäume ab.

»Oh, wie schön,« flüsterte das junge Mädchen.

Mit der Spitze ihres schmalen Fußes rührte sie an den Rand des Kahns, während sie weltentrückt über den endlosen See hinausschaute, selbst strahlender als der schimmernde See, als der Himmel, als die Sterne – im Besitze der Frauenschönheit, welche die Schönheit der Natur überstrahlt, der Frauenanmut, welche größer ist als die Poesie der Nacht.

»Haben Sie Lust?« fragte Maxime, indem er auf den Kahn wies.

»Oh ja,« rief sie ... »lassen Sie uns hinausrudern ... weit hinaus ... ganz allein ...«

Er sprang in den Kahn, fing Maud auf in seine starken Arme, und setzte sie leicht, als wäre sie ein Kind, auf die hintere Ruderbank. Er selbst setzte sich ihr gegenüber, und nachdem er den Kahn gelöst hatte, ruderte er sie mit lautlosen Ruderschlägen auf den See hinaus.

»Ich bete sie an, ich bete sie an,« dachte Maxime, von neuem ganz besiegt. »Und sie soll keinem anderen als mir gehören.«

Bald hatten sie die vom wallenden, weißen Nebel umhüllten Bäume hinter sich gelassen. Maxime legte das Ruder hin; sie konnten sich nun im Ernst einbilden, mitten auf dem Meere draußen zu sein. Er sagte mit leiser Stimme:

»Ich wollte, daß diese Stunde niemals ein Ende nähme, oder daß dieser Teich uns beide verschlänge, und niemand uns wiedersähe.«

Sie antwortete, indem sie ihren Blick, dessen magnetische Macht sie kannte, fest auf ihn heftete:

»Weshalb zweifeln Sie an mir?«

Bei diesen einfachen Worten wurde Maxime dermaßen verwirrt und außer Fassung gebracht, daß er sich ihr zu Füßen stürzte, ihr die Hände küßte, ohne daß sie es ihm wehrte, und hervorstammelte:

»Verzeihen Sie mir! Verzeihen Sie mir!«

»Glauben Sie denn,« fing Maud wieder an, »daß ich in der Welt lebe, in der ich zu leben wünsche? Ach! Könnte ich mich aus diesem entsetzlichen Paris hinausretten, für immer!«

Mit seinen Lippen auf ihren Händen, die sie ihm setzt zu entziehen suchte, wagte Maxime zu wiederholen:

»Verzeihen Sie mir! Ich liebe Sie so grenzenlos!« Sie zog ihre Hände zurück und sagte, ohne Zorn, aber mit bewegter Stimme:

»Führen Sie mich zurück!«

Er nahm sanft das Ruder wieder zur Hand. Und ohne zu sprechen, ruderten sie sacht ans Land. Als sie aber durch den halbdunkeln Park mit seinen nackten Bäumen gingen, faßte Maxime Mut und sagte:

»Maud, Sie wissen, daß ich Ihnen angehöre. Ich gebe mich nicht halb; wenn Sie wollen, bin ich für immer ihr Sklave. Aber ich bitte Sie um eines, ich flehe Sie darum: Wenn es Ihr Wille ist, mich von sich zu stoßen, dann spielen Sie nicht mit mir wie mit den leichtsinnigen Männern, von denen Sie umgeben sind. Sie wissen, daß ich bald abreisen werde. Ich dachte drei Wochen auf Vézéris zu bleiben, und dann wiederzukommen. Soll ich wiederkommen, Maud?«

Sie legte ihre rechte Hand auf den Arm des jungen Mannes:

»Glauben Sie jetzt an mich?«

Er antwortete:

»Ich glaube an Sie.«

»Wie an Ihre Schwester?«

»Wie an meine Schwester!«

»Lieben Sie mich?«

»Mehr als meine Schwester, mehr als meine Mutter, mehr als alles in der Welt!«

»Dann kommen Sie zurück,« antwortete Maud. »Während dieser drei Wochen denken Sie an mich, denken Sie an die Zukunft. Ich will, daß Sie Ihrer Liebe sicher sein sollen. Dagegen gebe ich Ihnen das Versprechen bis zu Ihrer Rückkehr mich nicht im Theater, nicht in Gesellschaften, nirgends zu zeigen.«

»Verzeihen Sie mir! Ich bitte Sie wieder: verzeihen Sie mir,« rief Maxime aus. »Ich bin Ihrer nicht wert!«

Er wollte sie an sich ziehen – und war doch glücklich, als er fühlte, daß sie sich ihm verweigerte, daß sie sich selbst der keuschesten Verlobungsumarmung entzog. Und er begriff nicht, daß dieser plötzliche Widerstand, der ebenso aufrichtig empfunden war wie die scheue Scham eines jungen, unberührten Mädchens, seinen Grund hatte in der instinktiven Empörung einer Frau, die einen anderen Mann mit Leib und Seele liebt, und die es noch nicht gewöhnt ist, sich zu teilen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.