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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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IV.

Fast alle die Häuser, welche am Boulevard Haußmann, zwischen der Avenue Percier und der Rue de Courcelles liegen, haben einen zweiten Ausgang nach der Rue de la Baume, der für gewöhnlich nur von den Dienstboten benutzt wird. Diese Wohnungen haben den, in Paris so seltenen, Vorteil, daß sie von ihren Fenstern die Aussicht auf einen Garten haben, den Garten des Hotel de Ségur, dessen prächtige Rasenplätze bis dicht an die Rue de Courcelles reichen, und wo im Frühling die Nachtigallen singen, fast wie in einem ländlichen Park.

Julien de Suberceaux bewohnte seit vier Jahren eine dieser wundervoll belegenen Wohnungen, nämlich die Hälfte des Zwischenstocks eines Privathotels. Seiner Zeit war sie zu einer Junggesellenwohnung eingerichtet worden, wahrscheinlich für einen erwachsenen Sohn der Familie, welcher Wert darauf legte, seine eigene Treppe zu haben, und den Ausgang nach der Rue de la Baume bequem fand. Seither war diese kleine Wohnung immer einzeln vermietet worden, da das Haus groß genug war, um diese Räume entbehren zu können.

Als Julien im Jahre 1885 zum erstenmal von seiner fernen Vaterstadt draußen in den Provinzen nach Paris kam, begleitete er den monarchistischen Deputierten Asquin, einen großen Weinbauer aus der Umgebung von Limoux, als dessen Sekretär. Er war der letzte Sprößling einer der ältesten Familien des Landes und damals 21 Jahre alt; er wußte, daß er schön und klug war, aber er litt darunter arm zu sein. Von vornherein bereit allen Schwierigkeiten Trotz zu bieten, bewaffnet mit einer stolzen Verachtung für das Urteil anderer, setzte er den Fuß auf den Boden von Paris, wie jene bewunderungswürdigen und phantastischen Balzac'schen Helden, die zur Hauptstadt sagen: »Du sollst die Meine werden.«

Aber seit den du Tillets und den Rubemprés haben die Zeiten sich geändert. Paris ist nicht mehr die Herrenbeute einiger wenigen Abenteurer. Paris ist ein ungeheures Feld geworden, in tausende von Parzellen ausgestückelt, wo ein jeder demokratische Appetit seine Befriedigung sucht. Es existiert jetzt eine ganze Legion von Rastignacs: Niemand macht sich ein Gewissen daraus, und derjenige, dem das Glück nicht hold ist, ist nicht besser als der, den es auf Kosten des anderen begünstigt. Übrigens war Julien nur ein halber Rastignac, dazu liebte er die Frauen, schön und berückend wie er war, viel zu sehr. Seine sinnlichen Begierden, die zu aufrichtig und stark waren, als daß er sie hätte beherrschen können, lähmten seine Erobererpläne. Bis zu dem Tage, da er Maud traf, war er nur ein sehr eleganter und sehr begehrter junger Herr gewesen. Er führte ein sehr flottes Leben, das er teils seinem Glück im Spiel verdankte, teils der Freigebigkeit des Herrn Asquin, den er wiederum durch gewisse Gefälligkeiten bezahlte; der Deputierte von Aude war nämlich trotz seiner 60 Jahre noch immer ein großer Damenfreund, aber mußte natürlich den katholischen Wählern gegenüber mit seinen galanten Abenteuern hinterm Berge halten. Die Wohnung in der Rue de la Baume war nun von Asquin für seinen Sekretär gemietet und bezahlt worden, mit der Bedingung, daß sie dann und wann dem Deputierten für ein Stelldichein zur Verfügung stand.

Julien de Suberceaux wurde der Familie de Rouvre vorgestellt von Paul Le Tessier, der jetzt Mitglied des Senats war, aber damals in der Deputiertenkammer als Repräsentant für Niort saß. Er kannte Herrn de Rouvre, eine hohe Gestalt von distinguiertem Äußeren, mit weißem Backenbart und korrekten Manieren von Pariser Baccarat-Tischen und Demimonde-Gesellschaften her.

Herr de Ronvre galt als reich; man wußte noch nicht, daß das Spiel und die Frauen in die Mitgift der Elvira Hernandez eine große Bresche geschossen hatten, seitdem die Familie in Paris lebte. Und als Julien damals zu sich sagte: »Ich will mich mit Maud verheiraten,« konnte er noch glauben, daß er dabei seinem Programme, in der Welt vorwärts zu wollen, um jeden Preis sein Glück machen zu wollen, treu geblieben. In Wirklichkeit aber hatte Maud vom ersten Augenblick an sein schwaches, scheinbar kaltes und berechnendes Herz bezwungen.

Allerdings beherrschte sie ihn wohl durch ihre Schönheit und königliche Anmut, aber vor allem durch ihren Charakter, ihren Willen, den er vergeblich zu besitzen wünschte: jenen glühenden und unversöhnlichen Empörer-Willen, der fest entschlossen ist sich das Glück zu erobern, und seinen Fuß auf den Nacken der Menge zu setzen. Als Maud ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte, wußte sie, daß sie ruiniert war, daß alles, was sie besaß, nur das Erbe eines Onkels mütterlicherseits war. Schon als Kind hatten ihr die Herren den Hof gemacht; sie hatte Erfahrung in der Kunst sie anzulocken und zu überraschen; aber trotzdem war sie sich recht gut bewußt, wie schwer es für sie sei, bei einer so geringen Mitgift die Männer festzuhalten und für die Ehe zu gewinnen. Zweimal hatte sie die schmähliche Enttäuschung erlebt, daß Herren, mit denen sie »geflirtet« hatte, sich in auffälliger Weise von ihr zurückzogen, als sie ihre Vermögensverhältnisse erfuhren. Sie fühlte einen wahren Haß gegen ihren Vater, der sie ruiniert hatte, und dieser Haß erstreckte sich auch auf alle die eitlen und skeptischen Kavaliere, die sich nur mit ihr amüsieren, ihre Schönheit genießen, und sich mit ihrer Gunst schmücken wollten. Von jetzt an wurde ihr die Ehe ein Land, das sie, sei es nun durch Gewalt, sei es durch List, erobern wollte und mußte. So begegneten sich diese beiden, Maud und Julien, wie zwei bewaffnete Gegner.

Bei ihrem ersten Zusammentreffen bildeten alle, die zu ihrer Welt gehörten, sozusagen einen Kreis um sie, neugierig und gespannt auf den Ausgang des Kampfes. Wie es kommen mußte, daran zweifelte keiner, denn es schien allen klar, daß sich die beiden lieben mußten; sie waren das schönste Paar in Paris, von derselben Rasse, wahlverwandt, und in ihren feinen Umgangsformen, ihrem vornehmen und graziösen Auftreten ganz und gar zu einander passend, so daß selbst die Eifersucht die Waffen strecken und die Thatsache anerkennen mußte. Man hatte den Eindruck, daß hier ein Schicksal walte, ein Gesetz, das über menschliche Selbstbestimmung erhaben war; das empfanden auch die beiden selbst, obgleich sie sich mit der ganzen Kraft ihres Willens gegen dieses Gesetz sträubten. Julien war am heftigsten, am jähesten von der Leidenschaft erfaßt; aber auch Maud, trotzdem sie sich erbittert gegen diese unvorhergesehene Niederlage wehrte, mußte sich dennoch gestehen, daß sie überwunden war; daß ihr Widerstand, bei einem Kusse von diesem Manne, dem sie sich, trotz allem nicht hingeben wollte, gebrochen war. Sie ließ ihn furchtbar für ihre Schwäche büßen; sie erklärte ihm, daß sie sich verheiraten würde, wann es ihr gefiele; daß ihr Leben ihm nur provisorisch gehöre; sie schenkte ihm ihre Gunst nur halb. Julien unterwarf sich ihr; er liebte sie, überdies stärkte Mauds Einfluß seine sonst so schwankenden Entschlüsse ... Wie sie es wollte! Er begnügte sich damit, nur halb der Liebhaber dieses berückenden Mädchens zu sein; am Tage ihrer Hochzeit, wenn sie erst eine verheiratete Frau war, würde er es ganz werden. War das nicht eigentlich eine kecke Verhöhnung der Sitten und Gebräuche der Gesellschaft, eine hübsche Genugtuung für die Unsicherheit seines bisherigen hin- und hergeworfenen Lebens?

In dem Jahre, das auf ihr erstes Zusammentreffen folgte, befestigten verschiedene unliebsame Umstände ihren Entschluß noch mehr, mit vereinigten Kräften gegen die Gesellschaft zu kämpfen, von der sie sich mißhandelt fühlten. M me. de Rouvre hatte auf Mauds Rat die Scheidung von ihrem Manne beantragt und durchgesetzt; einige Monate, nachdem die Sache entschieden war, starb Herr de Rouvre. Als die Erbschaftsangelegenheiten geordnet waren, blieben der Witwe gegen sechzigtausend Franks, Maud zweihunderttausend und Jacqueline ebensoviel. Hätten die drei Damen sich ökonomisch eingerichtet, so wäre es ihnen möglich gewesen, den Haushalt in feiner Weise zu führen, ohne das Kapital anzugreifen. Aber Maud war keineswegs gesonnen, ihren gewohnten Luxus aufzugeben. Eine große Wohnung, drei Dienstboten, Wagen und Pferde, die zweitausend Franks im Monat kosteten – mit weniger konnte sie sich nicht begnügen. Das fehlende Geld nahm Maud, ohne sich zu besinnen, von ihrem eigenen Kapital, denn sie wollte ihre Mutter nicht berauben, und Jacqueline war schlau und geizig und paßte gut auf in ihren eigenen Geldangelegenheiten. Maud hatte großes Vertrauen auf die Zukunft; sie ruinierte sich mit großartiger Gemütsruhe. Und fast hätten ihr die Thatsachen recht gegeben. Ein junger, ungeheuer reicher, rumänischer Edelmann, Graf Christeanu, verliebte sich derart in sie, daß er um ihre Hand anhielt, kaum einen Monat nachdem er vorgestellt war. Er bekam eine günstige Antwort, und reiste heim, um die Einwilligung seiner Eltern zu holen. Was aber war der Grund, daß er sich während dieses Aufenthaltes mit einem Klub-Freunde duellierte? Man erfuhr es nie. Kurzum, es fand ein Säbelduell statt, und er wurde getötet. Maud legte Trauer an um ihn. Bei dieser Gelegenheit sagte Hector Le Tessier: »Die Liebesgeschichten dieser Frau werden immer reich an dramatischen Effekten sein.«

Fast zur selben Zeit wurde Julien auch von einem empfindlichen Schlage getroffen. Bei den Wahlen 1889 unterlag Herr Asquin, gegen seinen republikanischen Rivalen. Der junge Sekretär war nun in Paris sich selbst überlassen; der offene Geldbeutel des Deputierten stand nicht mehr zu seiner Verfügung, aber wenigstens war ihm doch die Wohnung in der Rue de la Baume, die für mehrere Jahre gemietet war, geblieben. Das Glück am Spieltisch erwies sich als ziemlich unzuverlässig. Suberceaux befand sich oft in schwierigen Situationen, aus denen er freilich gerettet wurde, wenn Asquin nach Paris kam – was ungefähr jeden zweiten Monat geschah – um seine Geliebte, Mathilde Duroy und seine Tochter Étiennette zu sehen; in diesem munteren und leichtsinnigen Kreise, wo Suberceaux Suzanne Duroy zu seiner Geliebten gemacht hatte, genoß der alte Herr die Freude, wenigstens für einige Wochen, sein flottes Pariserleben wieder aufzufrischen. Am Ende des Jahres 1890 starb er plötzlich. Suberceaux hatte auf eine Erbschaft gerechnet; aber von ihm, wie von Tiennette, schwieg das Testament; doch sollten ihr, wenn sie mündig wurde, zwanzigtausend Franks zufallen, da seit ihrer Geburt eine Versicherung für sie eingezahlt war.

In jenen Tagen, als Maud und Julien die eiserne Hand des Schicksals fühlten, wurde ihre Liebe leidenschaftlicher denn je. Julien kam täglich zu de Rouvres, und verbrachte ganze Stunden in Mauds Zimmer, zu dem er – Maud hatte ihren Willen durchgetrotzt – unbehinderten Zutritt hatte. Er gewöhnte sich an den gefährlichen und qualvollen Genuß der unvollkommenen Liebe. Mit ihrem leidenschaftlich erotischen Temperament, ihrem Temperament einer » grande amoureuse« machte sie Julien zu ihrem Leibeigenen: sie that noch mehr, sie schuf ihn um nach ihrem eigenen Bilde, suggerierte ihm ihre Meinungen und Gefühle, elektrisierte seinen Willen. War er bei ihr, so betrachtete er das Leben mit ihren Augen, als einen unbarmherzigen Kampf um Macht und Reichtum; und er ging auf den entsetzlichen Plan ein: bis sie sich verheiratete, nur halb ihr Geliebter zu sein, es erst ganz zu werden nach ihrer Hochzeit. Es geschah nicht ohne innere Kämpfe. So skeptisch und mutig er in Gegenwart seiner Geliebten war, so unentschlossen, so feige machte ihn immer wieder von neuem die Einsamkeit. Maud, seine Maud sollte einem anderen gehören? Sie sollte durch einen anderen Weib werden. Konnte er das dulden, ohne daß seine Seele sich mit aller Macht dagegen empörte? Wie alle schwachen Herzen verließ er sich indessen darauf, daß das Schicksal im entscheidenden Augenblick eingreifen würde, wie damals, als der tödliche Säbelhieb den rumänischen Grafen traf.

Mauds Pläne mit Maxime de Chantel flößten ihm gleich Angst ein, ließen ihn eine wirkliche Gefahr ahnen. Er verstand, das Maud sich dieses Mal um jeden Preis verheiraten wollte. Hatte sie ihm nicht bis gestern, also über ein halbes Jahr, das Geheimnis ihrer Begegnung mit Maxime in Saint-Amand verschwiegen? Hatte sie nicht (jetzt erst verstand er es) in diesem halben Jahre ihr Leben verändert, und hatte vorsichtig alles überwacht, was sie sagte und that, so daß sie vor der Welt, die so schnell ihre Meinung ändert, als untadelhaft gelten konnte?

»Ich habe mich anführen lassen,« dachte Suberceaux. »Maud ist gegen mich nicht ehrlich gewesen. Bin ich im Ernst ihr Verbündeter, so müßte sie mich wenigstens ihren Plan wissen lassen ... Sollte sie ihn am Ende wirklich lieben? ...«

Diese Gedanken quälten ihn an dem trüben Februar-Nachmittage, als er in fieberhafter Unruhe zu Hause saß und Maud erwartete. Es war schon dunkel, die Gasflammen brannten in den schneebedeckten Straßen, und der Schnee flog noch immer in schweren, zerstreuten Flocken gegen die Fensterscheiben, auf das Trottoir, auf die Chaussee, und auf die schwarzen und weißen Bäume des großen, leeren Parks.

Die kleine Empire-Uhr in Amphoraform, die auf einem zierlichen Tischchen stand, schlug fünf.

»Sie wird nicht kommen,« dachte er, und die rasende Wut, die er am vorhergehenden Abend empfunden, als Maud ihn dann in der Vorhalle der großen Oper durch ihre Worte beruhigt hatte, erwachte von neuem. Ein eiliges Klingeln an der elektrischen Glocke brachte ihn wieder zu sich. Er stand schnell auf um zu öffnen, abermals beruhigt, abermals besiegt und willenlos.

Mit wahnsinniger Leidenschaft schlang er seine Arme um die eintretende, schwarzgekleidete, zitternde Gestalt. Er fand keine Worte; er wiederholte nur unaufhörlich den Namen »Maud ... Maud ...« wie eine Liebkosung, wie ein Kuß in ihr Ohr gehaucht, auf ihre Haare, auf ihren Hals gedrückt – wieder und wieder. Und als er sie in sein Schlafzimmer gezogen, und sie in einen Lehnstuhl gedrückt hatte, war es wieder ihr Name, den er in die Falten ihres Kleides hauchte, über den feinen Spann ihrer Füße, die er küßte, hinflüsterte, dieser Name, diese kurzen Silben, die ihm lebendig zu sein schienen, weil sie für den Liebenden der Inbegriff sind aller Anmut des Körpers und der Seele, und aller Schönheit der Geliebten.

»Maud ... liebe, liebe Maud!«

Sie legte ihre Hände, von denen sie schnell die Handschuhe gezogen hatte, auf seine Schultern: sie beugte sich nieder, um ihm Stirn und Augen zu küssen, während sie ihre eiskalten Finger an seinem Halse und seinen brennenden Wangen erwärmte. Auch sie war von seiner Nähe, zu dieser Stunde, an diesem Orte, heftig erregt.

»Ich liebe Dich ... Ich liebe Dich ...« sagte sie zu ihm; mit jener veränderten, leise vibrierenden Stimme, die nur er kannte ... »Ich liebe Dich ...«

Sie sprach so nahe an seinem Gesicht, daß der Atem und der Klang der Worte ihn liebkosten, wie unendlich feine Küsse.

»Ach!« murmelte Julien, »wie ich gestern abend gelitten habe! ... Es war ja, als wollten Sie mich absichtlich peinigen.«

Sie erhob sich langsam, zwang ihn sich ebenfalls zu erheben, und führte ihn in das kleine Wohnzimmer nebenan.

»Setzen Sie sich neben mich,« sagte sie, »und seien Sie vernünftig. Ich habe Ihnen etwas Ernstes zu sagen. Deshalb bin ich gekommen.«

»Nur deshalb?« flüsterte er, demütig und feige.

»Deshalb zu allererst. Ja, mein Freund, es ist wirklich eine ernste Sache, um die es sich handelt, hören Sie mich an.«

Er gehorchte und setzte sich neben sie. Während sie sprach, sah sie ihn fest an mit ihren dunkelblauen Augen, die im Lichtschein beinahe schwarz schienen, und konzentrierte alle ihre Geisteskraft in diesen Blick. Er ließ sich magnetisieren, ließ sich von ihrem überlegenen Willen die Kraft einflößen, die er selbst nicht besaß.

»Hören Sie mich ... Sie wissen, daß ich Sie liebe, und daß ich keinen anderen als Sie lieben werde. Es ist eine große Thorheit von Ihnen zu glauben, daß ich Ihnen einen Herrn de Chantel vorziehen könnte. Daran brauchen Sie nie zu zweifeln; das ist alles klar wie der Tag, und wenn Sie vernünftig denken wollen, so müssen Sie es einsehen ... Aber – (sie senkte ihren Blick noch tiefer in seine Augen) – aber ich will mich verheiraten und mit Maxime de Chantel.«

Sie machte eine kurze Pause, Julien sagte nichts; Ihre Worte: »Ich liebe nur Sie, ich werde keinen anderen lieben als Sie,« hatten für einen Augenblick gleichsam sein Herz beschwichtigt.

»Ich will mich verheiraten,« fuhr Maud fort, indem sie ihre Stimme fest und gebieterisch machte. »Das Leben, welches ich jetzt führe, ist völlig untergraben; ich kann Ihnen die Versicherung geben, lange geht es so nicht mehr! ... Ich glaube, Sie lieben mich wahr genug; Sie werden nicht wünschen, mich ruiniert zu sehen. Auf jeden Fall aber will ich diesen Ruin vermeiden, verstehen Sie mich? Deshalb muß ich mich verheiraten: es ist mein Recht. Ich habe Ihnen immer gesagt, daß ich es beabsichtige; wir sind immer darüber einig gewesen, daß jeder von uns völlig frei sei. Das wissen Sie ja?«

»Ich weiß es.«

»Gut, mein Freund. Wir wollen das Wort, das wir uns gegeben haben, auch halten. Wir haben uns über elende Konvenienzrücksichten, die für andre Menschen als wir es sind, geschaffen wurden, hinweggesetzt: ich für mein Teil bin sogar stolz darauf. Wir sind Aufrührer, sind Abenteurer, ja Wohl! Aber uns selbst halten wir das gegebene Wort, nicht wahr? – oder, wenn Sie lieber wollen, so trennen wir uns jetzt, gehen wir auseinander.«

Julien ergriff ihre Hände:

»Ach, Maud! ... Uns trennen! Sprechen Sie das Wort nicht wieder aus! Könnten Sie mich verlassen, könnten Sie von mir gehen?«

»Ich schwöre es Ihnen,« erklärte Maud, indem sie aufstand, »daß ich, wenn Sie trotz unserer Verabredung, trotz Ihres Versprechens, trotz meines Willens und meines guten Rechtes, es dennoch versuchen sollten, diese Ehe zu verhindern – ich schwöre Ihnen, daß ich Sie dann nie in meinem Leben wiedersehen würde.«

Gleich darauf nahm sie Juliens Kopf zwischen ihre Hände, und drückte ihre Lippen auf seinen Mund:

»Aber ich liebe Dich,« sagte sie ... »Und Du sollst immer, immer mein bleiben.«

Besiegt und berauscht flüsterte Julien:

»Aber wenn Sie sich in Ihren Mann verlieben sollten, was dann?«

»Du bist von Sinnen,« antwortete sie. »Ich schwöre, daß ich nur Dich lieben, nur Dir für das ganze Leben angehören werde, nur Dir ... Aber zeige Dich meiner Liebe würdig! Keine Anwandlungen von Schwäche mehr ... Meine Ehe macht Dich frei, denn ich weiß, solange ich nicht verheiratet bin, wirst Du niemals etwas unternehmen. Willst Du denn immer nur von der Hand in den Mund leben? So gänzlich mittellos? und möchtest Du etwa, daß ich Musikunterricht gäbe? Gerade weil ich Dich liebe, wünsche ich, daß Du reich und unabhängig wirst; wenn Du mich wahrhaft liebtest, müßtest Du glücklich sein, mich als Königin zu sehen. Wir wollen uns mutig einen Weg bahnen, wir wollen unser Glück durchsetzen auf Kosten von Wesen niedriger Art, von schlechterer Rasse als wir. Ohne Gewissensbisse wollen wir sie uns unterthänig machen, wie man einem Pferde Gebiß und Sattel anlegt ... Wie wir einander für immer angehören, heben wir uns über die Welt hinaus, setzen wir ihr den Fuß auf den Nacken, der Welt, die wir verachten. Das war Dein Traum, als ich Dir begegnete. Was hat Dich seitdem so schwach gemacht?«

Julien küßte ihr die Hände:

»Du hast recht.«

Mauds Worte hatten in ihm die stolzen Zukunftsträume von dem großen Glück, das um jeden Preis erobert werden mußte, wieder wachgerufen. In diesem Augenblick fühlte er wirklich in sich einen Willen aufflammen, der ebenso stark war wie der Mauds: er machte sich von der gewohnheitsmäßigen Moral frei, mit demselben unbekümmerten Trotz, mit derselben Verachtung vor dem Rechte anderer.

Maud sah, daß er besiegt war.

»Es ist spät,« sagte sie. »Ich muß gehen.«

»Nein, nein,« flehte Julien, »bleibe bei mir, nur einen Augenblick, bleibe ...«

Er ließ seinen Blick fragend nach dem dunklen Zimmer nebenan gleiten. In den Augen des jungen Mädchens las er die Zustimmung. Er trug sie wie eine Beute hinein. Mund gegen Mund sanken sie auf das Lager nieder, das Maud zweimal im Laufe der vier Jahre berührt hatte – ohne ihre Unschuld zu verlieren.

*

»Rue de Bern, 22 ... schnell ...«

Maud rief dem Kutscher diese Adresse eilig zu, indem sie das in der Rue de la Baume wartende Koupee bestieg. Der Schnee fiel noch immer, jetzt mit etwas Regen untermischt, und das Pferd arbeitete sich mit Mühe vorwärts, erst den Boulevard Hausmann hinunter, wo die Pferdebahnen das Fahren eingestellt hatten, dann über den Place de l'Europe, der mit seinen tausenden von Lichtern über der weißen Fläche hell wie mitten am Tage war. Sie brauchte beinahe eine halbe Stunde, um zu Étiennette zu gelangen.

Das Haus gehörte zu den großen Mietskasernen, die von einer Ballgesellschaft auf das Sparsamste errichtet, von schlechtem Material erbaut und schlecht erhalten, schon nach einem halben Jahre unsauber und unfein aussehen.

Maud öffnete mit sich sichtlichem Widerwillen die Thür zu einer sehr schmutzigen Pförtnerwohnung.

»Wohnt Fräulein Étiennette Duroy nicht hier?«

»Im dritten Stock, die erste Thür an der Treppe« antwortete, ohne sich umzudrehen, eine dicke, große Person, die auf einem Apparat Essen kochte.

Maud stieg die drei Treppen hinauf. Der zerbröckelte Stuck, die vielen Risse im Plafond, das unsaubere Treppengeländer, die abgenutzten Glockenzüge, die ihrer Quäste beraubt waren, der an den Ecken verschlissene Treppenläufer, alles trug das Gepräge der aufgeputzten Dürftigkeit, der verschämten Armut – der schlimmsten von allen. In Gedanken malte Maud sich ein solches Dasein für sich selber aus, solch ein Haus, solch eine Wohnung ... Das wartete ihrer, wenn sie sich nicht mit Maxime de Chantel verheiratete.

»Nein ... Niemals! Nie soll es dahin kommen!« dachte sie.

Und ihr Entschluß, um jeden Preis ihre Zukunft auf festem, solidem Grunde aufzubauen, gewann an Kraft.

Sie zog die Klingel, und leichte Schritte näherten sich; als die Thür geöffnet wurde, stand Tiennette vor ihr, in einem sehr einfachen Tuchkleide, mit einer kleinen Battistschürze vor, deren Latz vorn an der Brust mit Nadeln angesteckt war.

»Himmel, wie niedlich siehst Du damit aus!« rief Maud, indem sie sie umarmte. »Ich komme Deinen Besuch zu erwidern.«

»Wirklich?« antwortete das junge Mädchen fröhlich.

»Wie liebenswürdig von Dir. Aber dann mußt Du auch zu Mittag bleiben. Ja, ja, Du mußt ... ganz allein mit mir ... Mama ist leidend,« fügte sie hinzu. »Sie liegt zu Bette. Sie hat wieder ihr Herzleiden.«

»Nein, Liebchen, es ist nicht gut möglich. Sie erwarten mich zu Hause: Chantels essen heute bei uns. Aber eine halbe Stunde darf ich bleiben.«

Sie folgte Étiennette durch den engen Korridor in die niedrige Wohnstube, die mit Teppichen und Möbeln überfüllt war, Reste einer früheren, reicheren Einrichtung.

Étieunette sagte einfach und gerade heraus:

»Wie Du siehst, haben wir nicht viel Platz hier. Aber als wir damals umzogen, wollte ich die wertvollen Sachen nicht um einen Spottpreis verkaufen, verstehst Du. Nun will ich versuchen, mit meiner Guitarre so viel zu verdienen, daß wir uns eine größere Wohnung mieten können.«

»Deswegen bin ich ja gerade gekommen,« fügte Maud, indem sie sich setzte, »wegen Deiner Lieder und Deiner Guitarre. Gestern abend in der Oper habe ich Dich ja kaum gesprochen. Ich hatte keine Zeit dazu. Aber hör' nun mal, was ich mir ausgedacht habe, ob es Dir angenehm ist. In einigen Tagen verläßt Maxime de Chantel Paris ...«

»Ach, das ist der junge Herr, an dessen Arm Du gestern abend nach der Vorstellung gingst?«

»Ja. Er ist in mich verliebt; es ist ein Mann nach meinem Geschmack: ich will ihn heiraten ... aber das bleibt unter uns. Wie ich Dir gesagt habe, verläßt Herr de Chantel Paris in wenigen Tagen, um auf seine Güter in Poitou zu reisen. Weißt Du, wenn wir ein Fest geben, möchte ich gern, daß es geschähe, während er in Paris ist.«

»Das versteht sich!«

»Mitte März kommt er zurück. Wir hätten dann also einen Monat, um die Vorbereitungen für das Fest zu treffen. Ich möchte gern, daß es am Tage nach seiner Ankunft stattfände. Ich muß mich nämlich seiner sofort wieder zu bemächtigen suchen, wenn er zurückkommt, denn er ist ein wunderlicher Kauz: einige Wochen nur der Einsamkeit überlassen, und er ist wieder verwildert. Aber sorge dafür, daß Du Dein Repertoire fix und fertig hast, und denke an Deine Toilette.«

»Wie Du gut bist,« sagte Étiennette und küßte ihre Freundin.

»Nein, bitte, ich bin gar nicht gut. Aber Du bist so dankbar, so herzlich, daß es mir Freude macht, Dir nützlich sein zu können. Und sind wir denn nicht Verbündete? Liebe Kleine,« fügte Maud hinzu, nach einer kurzen Pause, »meine Situation ist der Deinen ähnlicher, als Du denkst, glaube mir! Wir haben beide unter dem feigen Egoismus der Männer zu leiden gehabt, und wir müssen beide in Verhältnissen leben, aus denen wir uns hinaussehnen ... Und wir erwarten beide die Befreiung von der Zukunft. Deshalb wollen wir uns auch gegenseitig beistehen, das ist ja nicht mehr als in der Ordnung, finde ich.«

Étiennette antwortete lächelnd:

»Ich stehe Dir zu Diensten, verfüge über mich. Du hast unsere Gastfreundschaft noch nicht auf die Probe gestellt. Wann wirst Du es thun? Dein Zimmer ist schon zurecht gemacht, willst Du es sehen?« »Ja, gern,« antwortete Maud, die froh war, daß Étiennette den Anfang machte, und zuerst von der wahren Veranlassung ihres Besuches sprach. Denn sie hatte eingesehen, daß sie Julien während dieser Krise durch häufigere Zusammenkünfte in Atem halten müsse; deshalb hatte sie ihn eben beim Abschied durch das unerwartete Versprechen, ihn bei Mathilde Duroy treffen zu wollen, berauscht.

Étiennette nahm von einem stummen Diener eine kleine vernickelte Lampe und ging voraus.

»Du siehst,« sagte sie, »Du brauchst nicht einmal durch die Wohnstube zu gehen. Vom Korridor gehst Du gleich ins Speisezimmer, wo Du nie jemanden triffst. Hier ist das Zimmer.«

Es war eine mäßig große, rechtwinklige Stube, mit einem anstoßenden kleinen Toilettenkabinet.

»Es ist doch nicht Dein Zimmer, Étiennette?« fragte Maud.

»Ach nein. Mein Zimmer liegt neben Mamas.«

Und errötend fügte sie hinzu:

»Es war das Zimmer meiner Schwester Suzanne. Voriges Jahr wohnte sie eine Zeitlang bei uns. Sie war krank; ihre Brust ist schwach. Nachdem sie einen Monat bei uns im Familienkreise gelebt hatte, ging es ihr viel besser. Unglücklicherweise verliebte sie sich in einen Schauspieler vom Gymnase. Da war es vorbei; wir haben sie nicht mehr halten können.«

»Wo ist sie jetzt?« fragte Maud zerstreut, indem sie das Zimmer und die Möbel musterte.

»Wir wissen es nicht ... Wir glauben, daß sie in London, bei diesem Schauspieler ist. Arme Suzon!«

Tiennette trocknete einige Thränen, die an ihren Wimpern hingen.

»Und Deine Mutter,« fragte Maud, »wo schläft sie?«

»Auf der anderen Seite der Wohnstube, neben meiner Kammer ... Und da sie den ganzen Tag zu Bette oder auf einer Chaiselongue liegen muß, so siehst Du, daß Du hier ganz ungestört sein kannst.«

»Aber die Dienstboten?«

»Die Dienstboten,« sagte Tiennette lächelnd, »das sind sehr bescheiden ein kleines Mädchen und ich: wir besorgen die Hausarbeit zusammen. Meistens sitzt sie aber drinnen bei Mama ... An den Tagen, wo Du das Zimmer benutzen willst, soll alles in Ordnung sein, wenn Du mir nur einige Stunden vorher einen Rohrpostbrief schreibst. Den Schlüssel zur Wohnung werde ich Dir gleich mitgeben, dann brauchst Du nicht erst zu klingeln.«

Sie äußerte das alles ganz einfach und naiv, glücklich, ihrer Freundin einen Gefallen erweisen zu können, ohne dabei zu überlegen, von welcher Art diese Gefälligkeit sei. So keusch und rein sie selber war, hatten doch die Erfahrungen ihrer Jugend sie an Gleichgültigkeit oder Nachsicht gegen den Leichtsinn anderer gewöhnt. Sie war ein wehmütiges und rührendes Erzeugnis der Riesenstadt Paris, die ja überhaupt so viele demi-vierges hervorbringt, wie zum Beispiel Maud, Cécile Ambre und die kleinen Reversiers.

Sie waren wieder in die Wohnstube zurückgekehrt. Maud wollte jetzt gehen.

»Denke Dir! es ist schon dreiviertel sieben! In diesem Schneewetter brauche ich fünfundzwanzig Minuten, um nach Hause zu kommen. Und ich muß mich noch umziehen! Es ist kaum noch eine Stunde bis zum Mittagessen! Lebe wohl Étiennette.«

»Lebe wohl, wenn Du durchaus schon gehen willst ... Hast Du Paul seit gestern abend gesehen?« fragte Étiennette draußen im Korridor.

»Nein. Aber Du selbst hast ihn wohl gesehen, kleine Geheimniskrämerin?«

»Ach siehst Du, er besucht mich ja beinahe jeden Tag. Aber wenn Du wüßtest, wie ernsthaft es bei unseren Zusammenkünften hergeht! Ja, er ist heute bei mir gewesen, nach dem Frühstück. Wir haben von Dir gesprochen. Sein Bruder und er haben den Plan gefaßt, uns alle nach Chamblais einzuladen, ehe Maxime de Chantel abreist. Sie wollten Deine Mutter bitten, Wirtin zu sein, und ich sollte unter ihrem Schutz eingeführt werden. Hast Du gar nichts davon gehört?«

»Nein. Es ist aber nett von Hector ... denn die Idee geht doch gewiß von Hector aus, nicht wahr?«

»Von beiden glaube ich. Weißt Du ... Paul möchte sich mit mir so viel wie möglich in guter Gesellschaft zeigen.«

»Ach ... Ihr denkt ans Heiraten?«

»Ja, siehst Du ... ich glaube wirklich, daß Paul anfängt, mich so lieb zu haben, daß er daran denkt.«

»Ich wünsche Dir Glück!«

»Ich Dir ebenfalls, liebe Maud!«

Die beiden Freundinnen umarmten sich. Dann lief Maud die Treppen der drei Stockwerke leicht hinunter und stieg in den Wagen, der jetzt schnell davon fuhr, denn es hatte inzwischen aufgehört zu schneien, und der Schnee in den Straßen war in dem milden Wetter schon zu Pfützen zerschmolzen. In die Wagenecke zurückgelehnt, die Hände im Muff, die Füße auf dem Wärmschemel, überließ Maud sich den süßen Fieberphantasien nahenden Siegesglückes, und da sie sich wegen der Zukunft sicher fühlte, kehrten ihre Gedanken allmählich zum heutigen Besuche bei Julien zurück, zu Träumen von häufigen Zusammenkünften im kleinen verschwiegenen Zimmer der Suzanne Duroy.

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