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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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III.

»Nein,« erklärte Hector Le Tessier (er saß mit seinem Bruder und Maxime im Restaurant Joseph, wo sie zu Mittag gegessen), »die Gesellschaft, in der wir uns gestern trafen, lieber Chantel, ist durchaus keine Ausnahme. Die jungen Mädchen, die sich gestern so ungeniert gehen ließen, die über die schlüpfrigen Witze der Herren lachten, und im selben Ton darauf antworteten – und vor Ihnen haben sie sich gestern noch zusammen genommen! – sind ebenfalls keine ungewöhnliche junge Mädchen. Es ist die müßige Gesellschaft des heutigen Paris, und die jungen Mädchen sind eben die jungen Mädchen dieser Gesellschaft. – Und wenn Dora Calvell zum Beispiel auch unstreitig etwas ... wie soll ich sagen ... überseeisch ist, so sind die anderen jedenfalls gute Exemplare unserer jungen, genußsüchtigen Pariserinnen, die wohlhabende und nicht gar zu strenge Eltern haben, die im Bois de Boulogne, auf Bällen, in den Theatern, in Aix, in Trouville zu treffen sind, die eifrig baden, Lawn-Tennis spielen und allerlei Sport treiben. Sie werden da alle Stufen der sozialen Leiter vertreten finden, von der Grisette bis zur Tochter unserer alten hochvornehmen, historischen Familien. M me. de Reversier ist mit einem ganz angesehenen Manne aus guter Familie, einem ehemaligen Beamten, verheiratet, sie hat ein korrektes Heim und ein hübsches Vermögen. Herr Avrezac, der nun schon tot ist, hatte eine große Fabrik von Chemikalien; seine Witwe ist reich ... und Sie selbst werden ja wissen, daß die Rouvres aus außerordentlich guter Familie stammen: Jacqueline hat eine gute Erziehung genossen ... Nein, nein, es ist durchaus keine zweifelhafte, gemischte Gesellschaft von Deklassierten. Zweifelhaft sind meiner Meinung nach unter den jungen Mädchen, die bei Rouvres verkehren, schließlich nur die kleine Dora – die übrigens doch auch aus guter Familie ist – und ein Fräulein Cécile Ambre, deren Gesicht die Phantasie eines Beaudelaire angezogen und erregt hätte, die aber überall empfangen wird, als »Hofdame« einer italienischen Fürstin ... Alle zusammen, auch die, deren Bekanntschaft zu machen Ihnen noch bevorsteht, sind ein Produkt unseres leichtfertigen, frohen Paris, so ungefähr wie dieser seine Champagner ein Produkt von Charentes weißen Weinen ist ... keines von beiden mißfällt mir, muß ich sagen,« fügte er hinzu, und leerte sein Glas.

Paul Le Tessier suchte sich mit vieler Sorgfalt eine Cigarre aus.

»Hector reitet wieder mal sein Steckenpferd. Wenn er auf sein Lieblingsthema, die jungen Mädchen, zu sprechen kommt, ist er unermüdlich.«

Maxime, der während der Mahlzeit nur wenig gesprochen hatte, und der nicht rauchte, antwortete:

»Mich interessiert das sehr.«

Hector Le Tessiers Worte trafen, als hätten sie darauf abgezielt, die geheimen Bekümmernisse seines Herzens. Verstört, und doch wie in einem Zauberbann, war er gestern von den de Rouvres fortgegangen. Maud, die so schön war und in so innigem Ton von ihren gemeinschaftlichen Erinnerungen gesprochen hatte, sie fand er freilich untadelhaft, gerade so, wie er sie wünschte. Aber die andern? Diese kleinen erotischen Schmeichelkatzen, deren jungfräuliches Äußere und mädchenhafter Anzug ihre Sprache, ihr Wesen noch verblüffender erscheinen ließen? Das waren Mauds Schwester und ihre Freundinnen, nur wenig jünger als sie ... Maud hörte sie an, antwortete ihnen, dachte vielleicht ebenso wie sie! ... Bei dieser Vorstellung fühlte der ehemalige Kavallerieoffizier eine Wut in sich aufsteigen gegen diese Menschen, gegen dieses Paris, das vielleicht die reine Seele der Frau befleckt und besudelt hatte, welche für ihn die Auserwählte war von dem Moment an, da er sie zuerst gesehen; diese Frau, die er seitdem geliebt mit der ganzen konzentrierten Wärme seiner starken, männlichen Seele, mit einer durch die Einsamkeit und Trennung nur um so heißer entflammten Leidenschaft ... Aber vielleicht war Maud mitten in dieser unlauteren Gesellschaft dennoch rein geblieben, ohne Kenntnis des Bösen, vielleicht ging sie durch die Welt, ohne sie zu verstehen, wie seine Schwester Jeanne, die sich am vorhergehenden Tage von nichts abgestoßen gefühlt hatte ... Ach, diese grausamen Zweifel! wie sich Gewißheit verschaffen? ... Er hörte Hector mit einer krampfhaften Aufmerksamkeit zu; er wollte die Wahrheit wissen, und doch fürchtete er sich davor.

Aber Hector nahm sich wohl in acht, von Maud zu sprechen. Er verlor sich in Allgemeinheiten, leicht und gewandt wie ein geübter Gesellschafter, der gewohnt ist, wohlwollende Zuhörer zu haben. Von Zeit zu Zeit unterbrach der ältere Bruder seine Auseinandersetzungen durch irgend eine freundschaftliche, und mit väterlicher Ironie hingeworfene Bemerkung.

»Sehen Sie, die Sache ist die,« fuhr Hector fort, »in Paris sind im Laufe der letzten fünfzehn Jahre zwei sehr ernste Ereignisse zu verzeichnen – zwei »Krache« würde mein Bruder sagen – von denen Sie, mein Lieber, draußen auf Ihren Gütern von Vézéris, zwischen Ihren Pferden, Hunden und Fasanen, auch nicht die geringste Wirkung verspürt haben ...«

»Und die wären?« fragte Maxime.

»Erstens, der Krach der Keuschheit. Was die Liebe betrifft, so ist unsere Zeit nämlich unstreitig mit der römischen Verfallsperiode oder mit der Renaissance zu vergleichen. Unsere jungen Mädchen (ich verstehe darunter immer die, welche dem faulenzenden, genußsüchtigen Paris angehören) warten zwar nicht mehr unbekleidet auf beim Tische der Medicäer, schmücken auch nicht mehr ihren Hals mit Emblemen der Zeugungskraft; sie sind aber ebenso gut unterrichtet in den Sachen der Liebe wie jene Florentinerinnen und Römerinnen. Wer genierte sich etwa in ihrer Gegenwart vom gestrigen Skandal zu sprechen? In welche Stücke führt man sie nicht? Wo wäre der Roman, den sie nicht lesen? Na, und Gespräche, Bücher, Theater, das sind alles in allem genommen ja nur Worte ... Aber es giebt in Paris professionelle Verderber, Männer, welche auf die Unschuld fahnden, wie zum Beispiel Herr Lestrange, den Sie gestern bei de Rouvres gesehen haben ... Die erste Lektion wird den jungen Mädchen am Abend ihres ersten Balles gegeben; der Unterricht wird während der ganzen Saison fortgesetzt; kommt dann der Sommer, so bietet sich dem professionellen Verderber durch das ungenierte Leben in den Badeorten, die beste Gelegenheit die letzte Hand an sein Werk zu legen ...«

»Die Rechte also,« bemerkte Paul, »denn ich nehme an, daß er mit der Linken angefangen. Und: Ende gut, Alles gut.«

»Nein,« fuhr Hector fort, »der Verderber verheiratet sich selten, und was wirklich wunderbar ist, die jungen Mädchen wissen es, ja sie wünschen es nicht einmal von ihm geheiratet zu werden, denn für gewöhnlich ist es ein Abenteurer, ohne Geld, so wie Lestrange oder Suberceaux. Und das moderne junge Mädchen will sich reich verheiraten.«

Der Kellner trat ein: Paul hatte die Rechnung verlangt. Hector wartete, bis er wieder gegangen war, dann fuhr er fort:

»Der zweite Krach, von dem ich Ihnen vorhin sprach, ist der Krach der Mitgift, der ebenso schädlich für die Jungfräulichkeit ist, wie der Krach der Keuschheit. Das junge unschuldige Mädchen existiert nicht mehr, das junge reiche Mädchen aber ebenso wenig. Der Millionär gibt seiner Tochter zweimal hunderttausend Franks mit, das sind sechstausend Franks Zinsen im Jahr, und das heißt soviel wie nichts – nicht einmal genug, um für einen Monat den Mietskutscher zu bezahlen ... So sind denn die jungen Mädchen nie so abhängig vom Manne gewesen wie gerade jetzt, und da sie nur ein Mittel haben, um ihn zu fesseln – die Liebe – so lassen die Mütter sie so früh wie möglich die Liebe kennen lernen, aus mütterlicher Zärtlichkeit ...«

Beim Worte »Zärtlichkeit« machte Maxime unwillkürlich eine demonstrierende Bewegung. Hector wiederholte:

»Wie ich sage, aus mütterlicher Zärtlichkeit ... Und das ist nicht das einzige Resultat dieser Zärtlichkeit. Meiner Meinung nach sind es hauptsächlich die Mütter, denen die Schuld beizumessen ist, daß der Junge-Mädchentypus sich so durch und durch verändert hat. Früher wurde das junge Mädchen im Kloster erzogen, fast immer in vollkommener Unschuld, denn Sie werden das doch nicht ernsthaft nehmen, was die Table d'hôte-Philosophen von der Unsittlichkeit der Klöster schwatzen. Verließ dann das junge Mädchen das Kloster, wurde sie mit einem Manne verheiratet, den sie kaum kannte, den ihre Eltern aber als passende Partie für sie gewählt. In dieser Weise wurde dann auch die Geldfrage geordnet, die fast immer Anlaß zu ehelichen Streitigkeiten gibt. Und der Mann wurde wirklich der erste, eine nicht zu unterschätzende Chance, wenn es gilt, Liebe zu erwecken. Außerdem fand die Braut, und käme sie auch aus dem feinsten Kloster in Paris, selbst im bescheidensten Heim, größeren Komfort, größeren Luxus als dort. So war man also gegen die beiden Krache geschützt. Aber was geschah? Einige hysterische junge Mädchen jener glücklichen Generation, einige Jane de Simerosen, fanden die Überraschungen des Ehebettes roh und unangenehm und zeterten über Betrug und Vergewaltigung. Sie schrieen so laut, daß sich die anderen überzeugen ließen. Es gab bald keine, noch so friedlich gesonnene Bürgersfrau mehr, die nicht geseufzt hätte:

»Ein Kind außerhalb der Familie erziehen! Ein junges unwissendes Mädchen verheiraten! Welch Verbrechen!« Und sie gelobten sich, dies Verbrechen nicht an ihren Töchtern zu begehen ... Das Resultat kennen Sie. Das junge Mädchen hat nicht mehr das einfache, abgesonderte Klosterleben durchzumachen, sondern gewöhnt sich schon in ihrem fünfzehnten Jahre an das Wohlsein eines wohlhabenden Heims, das die Eltern während 40 Jahren ihres Lebens aufbauten. Sie wird jetzt nicht mehr unwissend sein, wenn sie sich verheiratet, o, nein! aber sie begnügt sich nicht damit, die Theorie der Liebe kennen zu lernen: sie unterstützt sie durch vorbereitende Untersuchungen, um sicherer zu sein. Und heutzutage ist es der Mann, dem das Ehebett die Überraschungen bereitet.«

Die drei Herren saßen einige Augenblicke schweigend da. Der Kellner kam zurück mit der Rechnung. Paul Le Tessier bezahlte und sagte: »Wollen wir gehen? Es ist schon halb elf vorbei; ich habe noch einen Bericht durchzusehen und will morgen früh reiten. Sie gehen wohl in die Oper, Herr de Chantel?«

»Ja,« antwortete Maxime, »wenn Ihr Bruder mitgeht. Sonst werde ich nur meine Mutter und Schwester am Ausgange abholen.«

»Natürlich gehe ich mit, das war ja verabredet,« antwortete Hector ... »und wenn es Ihnen recht ist, am liebsten gleich ... Es wird Zeit ...«

Sie zogen ihre Mäntel an und gingen hinunter. Vor dem Restaurant hielt Paul Le Tessiers Wagen. Über der Brandstätte der verschwundenen Opéra-comique leuchtete ein reiner, kalter Abendhimmel. Eine feine Schicht hartgefrorenen Schnees, von den vielen Fußgängern blank getreten, bedeckte die Straße; die Gasflammen und elektrischen Lampen leuchteten ruhig in der stillen, dichten Luft; die Stadt erschien schöner in dieser hellen, friedlichen, feierlichen Winternacht.

»Fahren Sie mit?« fragte Paul Le Tessier.

»Nein,« antwortete Hector. »Die paar Schritt Bewegung werden uns gut thun. Fahre Du nur zu Deiner Berichterstattung, mein Herr Senator!«

Während das Koupé nach der entgegengesetzten Richtung davon rollte, schritten Hector und Maxime dem Boulevard zu. Hector hatte eine Cigarre angezündet, Maxime ging zerstreut neben ihm her, ohne den strahlenden Anblick, der sich vor seinen Augen ausbreitete, und der für ihn doch den Reiz der Neuheit hatte, nur eines Gedankens zu würdigen.

»Träumen Sie, Herr Lieutenant?« fragte Hector. Maxime blieb plötzlich stehen, wie ein Pferd, das den Zügel fühlt. Seine mageren, außerordentlich gespannten Züge, seine Augen, aus deren Tiefe in diesem Augenblick eine Flamme hervorloderte, das eifrige Kauen am kurzen Schnurrbart – alles verriet die Erregung seiner Nerven.

»Hören Sie mal, Le Tessier,« sagte er ... »Sie haben da vorhin von den jungen Mädchen gesprochen, mit denen Fräulein de Rouvre verkehrt, ja, selbst von ihrer Schwester, in Ausdrücken, die mir weh thaten. Ich hege für Fräulein de Rouvre, obgleich ich sie nur kurze Zeit kenne, die größte Achtung ... Ich möchte Ihnen das gern sagen ...«

»Aber lieber Freund, ich habe Fräulein de Rouvres Namen nicht einmal genannt, glaube ich.«

Maxime bereute schon seine Übereilung.

»Verzeihen Sie mir ... es war unrecht von mir, in diesem Ton zu sprechen ... Ich habe Vertrauen zu Ihnen, großes Vertrauen,« fügte er hinzu, indem er im Weitergehen die Hand auf seinen Arm legte ... »Bedenken Sie nur, wie unsicher ich mich hier fühle, ich, der ich Paris nicht kenne und so gar nicht für dieses Leben geschaffen bin. Ich bin ein Bauer, aber ein Bauer, der seine Vernunft gebraucht, und sich auf die Gesichter der Menschen verläßt, ihren Charakter danach beurteilt, so wie er nach dem Aussehen des Himmels auf gutes oder schlechtes Wetter schließt. Ich weiß, daß Sie gerade das Gegenteil sind von dem, was ich bin, und dennoch weiß ich sicher, daß ich Sie gern zum Freunde haben möchte. Wollen Sie es sein?«

»Das will ich, lieber Maxime,« antwortete Hector gerührt. Er dachte: »Solche Worte hört man nicht jeden Tag auf den Boulevards von Paris.«

»Fräulein Maud de Rouvre,« fuhr er langsam fort, während sie die Chaussee d'Antin und Rue Meyerbeer hinauf wanderten, um zur Oper zu gelangen, »Fräulein Maud de Rouvre ist viel zu schön, als daß sie nicht den Neid und die Verleumdung ihrer Mitmenschen hervorriefe. Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß man ihr viel Schlechtes nachsagt; bewaffnen Sie sich mit Geduld und stählen Sie Ihr Herz. Es ist sicher überflüssig, daß ich Ihnen Aufklärungen gebe über eine Dame, die es Ihnen angethan hat, nicht wahr? ... Doch möchte ich zwei ganz allgemeine Bemerkungen machen, die ich Sie zu prüfen bitte, ehe Sie sie als thöricht verwerfen. Erstens: es giebt in dieser leichtlebigen Pariser Gesellschaft kein hübsches junges Mädchen, dem man nicht Liebhaber oder doch zweifelhafte Freunde vorgeworfen hätte. Was soll man dazu sagen? Man trifft damit so oft die Wahrheit, daß die Verleumdung verzeihlich wird. Die weißen, lichtblauen, rosa oder malvenfarbigen Tüllkleider, die Sie jetzt gleich in den Logen des ersten Ranges sehen werden, bedecken so wenig intakte Körper! Es giebt so viele demi-vierges unter diesen scheinbar so unschuldigen Jungfrauen! Die anständigen müssen für die unanständigen büßen. Die zweite Bemerkung, die ich machen möchte, ist diese: wenn es in Paris fast unmöglich ist, zu wissen, ob ein junges Mädchen vollkommen anständig ist – ist es noch schwieriger zu erfahren, ob sie einen wirklichen Fehltritt begangen hat. Die Abenteuer dieser Art, und besonders, wenn es sich um ein junges Mädchen handelt, lassen keine Zeugen zu. Sie erzählt natürlich nichts; so ist es denn der männliche Teil, der Liebhaber oder Halb-Liebhaber, der einen darüber aufklären müßte. Aber kann man einem Herrn trauen, der seine Geliebte verrät? Alles in allem: es ist unmöglich, darüber etwas zu erfahren. Das junge Mädchen, sie möge nun unschuldig oder verdorben sein, zurückhaltend oder herausfordernd, so ist und bleibt sie eine Sphinx, und das erst recht für den, der sie liebt.«

Sie hatten den Hof der Oper erreicht, der von der Rue Glück und der Rue Halévy begrenzt wird. Sie gingen langsam auf und nieder auf diesem entlegenen Platze, dessen schweigendes, einsames Halbdunkel im scharfen Gegensatz stand zu dem bewegten Leben auf den Trottoirs, wo die Equipagen schon vorgefallen waren, wo die Wagen-Laternen blitzten, und die Pferde ihr Geschirr schüttelten, während sie mit den Hufen auf dem Asphalt scharrten.

»Hätte Maud mich gehört,« dachte Hector, »sie wäre mit mir zufrieden gewesen. Übrigens habe ich nichts gesagt, was ich nicht verantworten könnte.«

Maxime sagte halbleise, wie für sich:

»Aber was für Ehemänner finden diese jungen Mädchen denn, die Sie » demi-vierges« nennen?«

»Das will ich Ihnen sagen. Sie verheiraten sich mit Simili-Baronen, mit großen Geschäftsleuten, die am Rande des Bankrotts stehen; alles Menschen, die nach außen glänzend erscheinen, dabei aber stark angefault sind, allerlei Façade-Ehemänner, die einen Monat oder ein Jahr nach der Hochzeit zusammenstürzen; denn das ist die sonderbare Strafe, die diese kleinen Betrügerinnen meistens trifft, daß sie fast ohne Ausnahme mit der Ehe, in der sie den sicheren Gewinn erhofften, angeführt werden. Und mitunter geschieht es auch, wie die Vorsehung ja überhaupt allerlei lustige Launen hat, daß einzelne von ihnen sich mit anständigen Männern verheiraten, und daß solch ein Mädchen eine musterhafte Gattin und gleichzeitig eine entzückende Geliebte – für ihren Mann wird. Aber wie gesagt! Das Risiko ist zu groß; wenn ich mich mal verheirate, werde ich meine Frau nicht in Paris suchen. Es ist Wahnsinn, hier die weiße Drossel finden zu wollen: viel zu viel schwarze Drosseln färben sich weiß ... Ich werde mich mit einem weniger seltenen Vogel begnügen, dessen Farbe aber zuverlässiger ist.«

»Und der Vogel wäre?«

»Ein niedliches weißes Gänschen, draußen auf dem Lande geboren und aufgezogen.«

Als er aber beobachtete, wie Maximes Gesicht sich wieder verdüsterte, fügte er hinzu:

»Es sei denn, daß man einem so überlegenen Mädchen, wie Maud de Rouvre begegnete, einer wirklich ungewöhnlichen Persönlichkeit, die über alle Verleumdung erhaben ist.«

Hector erhielt augenblicklich seinen Lohn für diese Worte. Maximes Gesicht erhellte sich, und er sah die Bewegung, die er machte, von der er aber sofort wieder abließ, seine Hand zu ergreifen und zu drücken.

»Ist es unrecht von mir?« dachte er, »wenn ich diesen Menschen behandle, wie der Arzt den Kranken? Wenn ich ihm die Wirklichkeit sagte, würde es ihm oder einem anderen das Leben kosten. Überdies, kenne ich denn die Wahrheit? Man weiß niemals etwas mit völliger Sicherheit. Vielleicht kann er auch glücklich mit ihr werden, trotzdem er betrogen wird, und wie Werther sagt: »Halt uns denn das Glück etwa zum Narren?«

Der Hof füllte sich mit Leuten, die während des Zwischenaktes hinausgingen.

»Sollen wir jetzt hineingehen?« fragte Hector.

»Wie Sie wollen.«

Maxime folgte seinem Begleiter, der sich mit der Sicherheit eines Habitué's durch das Labyrinth der Treppen und Korridore bewegte. Dieses prachtvolle monumentale Gebäude, mit seinem kalten, schimmernden Marmor, und seinem lärmenden Gewirr von geputzten Menschen, verursachte ihm das unklare Gefühl einer feindlichen Macht, es war ihm, als beträte er gefährlichen Boden.

»Und hier, hier sollte ich die Frau suchen und finden können, die für mich paßt?«

In ihm stieg auch die Bitterkeit des Einsamen empor, der inmitten all der leichten, lässigen Eleganz der großen Hauptstadt recht gut fühlt, wie gerade seine Einsamkeit ihn linkisch gemacht – die Bitterkeit, die selbst intelligente Provinzialen gegen Paris fühlen.

»Soll ich denn wirklich jetzt, in wenigen Augenblicken mein Lebensglück an etwas wagen, das nur ein künstlicher Rausch ist, und das so wenig gemein hat mit der friedlichen Zurückgezogenheit, von der ich geträumt habe?«

Aber der Wunsch, Maud wiederzusehen, mit ihr zu sprechen, den Glauben zu befestigen, den er ihr entgegenbrachte, trieb ihn vorwärts, trotz allem und durch alles hindurch. Und als er sie vom Parket aus, in einer Loge vor ihm in der ersten Reihe zwischen Jeanne und Jacqueline entdeckte, sagte er zum ersten Male, mit der exaltierten Energie, die alle seine Entschlüsse bestimmte, zu sich selber:

»Sie soll die meine werden.«

Einige Minuten später traten die beiden Herren in die Loge, gerade als Aaron, geschäftig und schmunzelnd, hinaustrat. Sie trafen nur die beiden Mütter und die drei jungen Mädchen dort. Maud verließ sofort ihren Platz zwischen Jeanne und Jacqueline, den Hector einnahm, und kam zu Maxime in das kleine Seitenkabinet.

»Einem solchen Weibe gegenüber ist jede Thorheit zu entschuldigen,« dachte Hector, der sie mit seinem Blick begleitete. »Glücklich, wer den Mut hat ein Thor zu sein!«

Und wahrlich, Maud war blendend schön an diesem Abend. Von ihren rötlich schimmernden, dunklen Haaren bis zu ihren Füßen, deren vornehmer Spann die kleinen Schuhe verrieten, war sie wie eine Königin, dazu geschaffen, um von ihrem Throne aus die demütige Huldigung der Menge entgegenzunehmen. Maxime, der auf einem Divan neben ihr saß, betrachtete sie mit einer eifersüchtigen Bewunderung, die ihn erzittern machte. Sie trug eine rosenrote, seidene, mit golddurchwirkten Spitzen besetzte Taille, die im hellen Lichtscheine fast malvenfarbig wurde. Der ganz glatte, unbesetzte Rock war aus rosarotem Tüll. Der Ausschnitt am Halse war so keusch wie nur möglich, kaum die Wellenlinie der Brust andeutend, aber die Schultern wölbten sich fest und rund, in völliger Nacktheit; das schmale Schulterband wurde von einer einfachen Schulterspange, einem antiken Türkis-Skarabäen, gehalten. Im künstlichen Lichte der Glühlampen wurde das Haar rot, die dunkelblauen Augen bekamen einen lichtgelben Bernsteinglanz, die Weißheit der Haut wurde matter. Maxime betrachtete sie, gequält und eifersüchtig ... und glücklich ... und er gestand sich von neuem:

»Es ist unmöglich, diese Frau nicht zu lieben!« Und die unnahbare Königin sprach zu ihm. Sie sprach zu ihm mit huldreicher Gewogenheit. Sie dankte ihm, daß er gekommen war, ihm, der so glücklich war, daß sie ihm erlaubte zu kommen. Wenn er es ihr doch gestehen dürfte, was er fühlte, sich ihr zu Füßen werfen dürfte und ihr sagen: »Ich liebe Sie! Ich liebe Sie! Thun Sie mit mir was Sie wollen, ich glaube an Sie!«

Und vor wenigen Augenblicken erst hatte er an ihr gezweifelt. Er hatte während einer Sekunde den Verdacht hegen können, daß sie jemals einem andern Rechte über diese unberührbare Schönheit verliehen hätte! ... Er verdammte jetzt seinen Verdacht, als eine Sünde wider den heiligen Geist.

Während Maud von Sachen sprach, die ihren Gedanken fern lagen, vom Stück, von den Schauspielern, vom strengen Winter, fühlte sie die Wärme seiner heißen Bewunderung und Sehnsucht sich entgegenströmen. Und trotz allem empfand sie Stolz über diese unerwartete und plötzliche Eroberung, die so wenig denen glich, an die sie gewöhnt war. Sie hatte mit wenigen Worten erzählt, wie sie ihren Tag verbracht hatte und fragte nun:

»Aber Sie, was haben Sie im großen Paris unternommen?«

Er gestand ihr nicht, daß er frühmorgens an ihren Fenstern vorbei geritten war, auf dem Wege zum Walde, wo er sein Fieber zu bekämpfen, seine Unruhe durch einen rufenden Galopp abzuschütteln versucht hatte. Er sagte nur:

»Ich bin vor dem Frühstück geritten, dann habe ich gefrühstückt im Missionshotel, in der Nähe der Saint-Sulpice, wo ich mit meiner Mutter und Jeanne abgestiegen bin ... Nachher habe ich einige Besorgungen gemacht, einen Besuch bei einem ehemaligen Kameraden ...«

Er unterbrach seinen Bericht:

»Aber weshalb Ihnen das alles erzählen? Mein Leben enthält nichts, was Sie interessieren könnte. Nur das muß ich Ihnen sagen, daß ich den ganzen Tag, die ganze Nacht hindurch, nur einen Gedanken gehabt habe ...«

Maud erhob sich lächelnd:

»Die Musiker versammeln sich im Orchester, sehe ich. Sie bleiben wohl hier? Wir sprechen uns dann wieder, wenn das Stück vorüber ist. Hector, bitte bleiben Sie auch hier,« sagte sie zu Le Tessier, der aufstand, um ihr Platz zu machen.

Nie in seinem Leben vergaß Maxime de Chantel diese Stunde, wo er im gedämpften Licht der Kronleuchter, bei den Tönen wahrhaft überirdischer Musik, hingerissen vom Zauber einer Märchendekoration, fühlte, daß jetzt, in diesem Augenblick, der Faden seines Schicksals geknüpft wurde durch einen ebenso geheimnisvollen Zauber, wie der war, der im Drama über das Schicksal des Helden entschied. Der Zuschauerraum war nicht zu dunkel, um nicht ringsum die Gesichter zu entdecken, die er am vorhergehenden Tage bei Frau de Rouvre gesehen hatte. Zum Beispiel die blonde Fürstin Ucelli, die bis zum Gürtel ausgeschnitten war, und ihren vollen Busen den Blicken der rätselhaften Cécile Ambre preisgab; M me. de Reversier und ihre beiden Töchter in einer Nebenloge, umringt von Herren im Frack; im Hintergrunde Luc Lestrange, dessen fahlroter Bart fast den zarten Nacken der kleinen Madeleine berührte. Aber vor allem sah er im Parket, von wo er sich fortwährend nach der Loge der Rouvres umsah – Julien de Suberceaux, schön, wunderbar elegant und chic, das Ziel von wenigstens zwanzig Damengläsern... Noch einmal machte Maxime es sich klar, daß er sich auf einen unbekannten und gefahrvollen Weg begäbe; aber wieder zwang er seinen Willen, wie man ein Vollblutpferd zu einer letzten Anstrengung zwingt, er gab ihm die Sporen und ließ die Zügel los ... Was kümmerten ihn die Hindernisse und die tiefen Gräben, wenn das Ziel Maud war? ... Maud, die in dieser Stunde, davon war er überzeugt, ganz bestimmt an ihn dachte, nur ihn an sich zu ziehen und festzuhalten wünschte.

»Und gälte es mein Leben, sie soll die meine werden.«

Während Jacqueline mit einem der weißen Vorhemden in Reversiers Loge kaum bemerkbare Freimaurerzeichen wechselte und sich dabei einer Sprache bediente, die kürzlich von London eingeführt war, betrachtete Jeanne de Chantel, die unbeweglich neben Maud saß, die Bühne mit geistesabwesenden Blicken. Von Zeit zu Zeit schoß, ohne sichtbaren Grund, ein Purpurstrom in ihr junges Gesicht. Wohl war ihre Gemütsbewegung hauptsächlich dem plötzlichen Eintritt in eine ganz neue Welt, unter Menschen, die in Wesen und Kleidung so verschieden waren von der Gesellschaft, die sie auf Vézéris traf, zuzuschreiben; aber zugleich war es auch die geheime Freude, daß sie einem von ihnen gefallen hatte. Gestern erst hatte Hector sie ausgezeichnet und sich lange mit ihr unterhalten; heute wieder, denn vorhin, während Maud und Maxime sich in die kleine Seitenloge zurückgezogen, hatte er sich an sie gewandt, ehe er Jacqueline anredete. Ihr unerfahrenes, warmes Herz empfand die ungewohnte Glut mit Verwunderung: aber ebenso wie Maxime, ja mehr noch als er, fühlte sie sich von einer tiefen Melancholie durchdrungen, von einem traurigen Gefühl der Verlassenheit, hier wo sie sich von Menschen umgeben sah, die ihren keuschen Sitten und Gewohnheiten, ihren feinsinnigen und frommen Gedanken so ganz fremd waren. Um sich zu beruhigen, mußte sie sich immer und immer wieder sagen: »Es kann ja doch nichts Schlimmes dabei sein, daß ich hier bin; ich bin ja mit Mama und Maxime zusammen.«

Und von der ganzen Zuschauermenge, deren Nerven vom Schrei der Walküren gepeitscht wurden, waren diese beiden einfachen Wesen, Maxime und Jeanne, vielleicht die einzigen, die ehrlich und brav dachten, die sich auf ihre Gedanken und Herzen verlassen konnten. Die anderen, die das verderbliche Pariser Leben stumpfsinnig gemacht – dieses Leben, das den Menschen verfälscht, ihn verbraucht und betäubt – die anderen waren nur morsche Trümmer von dem, was der Mensch gewesen; sie wußten ja kaum, was sie wünschten, wußten nicht, ob es ihnen eigentlich Freude machte dort zu sein, oder ob es ihnen ebenso angenehm gewesen wäre, wenn die Musik überhaupt aufgehört hätte – so ermüdet waren sie von der Einförmigkeit ihrer Tage, so gequält von der Schlaflosigkeit ihrer Nächte, so zerrüttet, geistesabwesend, so erschlafft, mit einer Seele, die gelähmt und taub war, mit verwilderten oder abgenutzten Sinnen ... War zum Beispiel M me. de Rouvre überhaupt fähig zu denken, mit ihrem armen, leeren Gehirn, mit dem verwirrten Gemisch von kindischer Koketterie und Furcht vor Krankheit oder Schmerz? Was dachten und fühlten wohl diese Herren, mit den trüben, zweideutigen Blicken, wie Lestrange, der von innerlicher Begierde verzehrt wurde, der wie ein Monoman von nichts wußte, als von dem Drange, die Sinnlichkeit der Frauen aufzustacheln, und so ein freud- und friedloses Gefühlsleben führte? Welche Gedanken hatten diese nervösen Puppen, Jacqueline, Marthe und Madeleine de Reversier, Juliette Avrezac, Dora Calvell, deren Herzen durch unwahre Liebeleien leer, und deren Sinne durch unfruchtbare Empfindungen matt geworden? Oder diese lasterhafte Italienerin M me. Ucelli, die jeder Kunsteindruck nur sinnlich aufregte, deren Hand jedesmal, wenn die Schreie der Walküren erklangen, den magern Arm der Cécile Ambre mit nervöser Krampfbewegung umklammerte, war sie etwa fähig zu denken? Und nun Cécile Ambre selbst, die im Halbdunkel des Theaters wiederholt die Morphiumspritze benutzte? ... Ebenso wenig wußte Julien de Suberceaux, wohin ihn seine Gedanken führten, was er wünschte und was er fühlte; in seinem unklaren Herzen kämpfte an diesem Abend – wohl zu seiner eigenen Überraschung – die Eifersucht mit dem Ehrgeiz des Abenteurers und mit der kalten Blasiertheit des Roués ... Und ringsum diese Gruppen von Lebemännern, von müßigen jungen Mädchen mit ihren Müttern, alle von demselben kranken Geschlecht, die alle dasselbe halt- und zwecklose Leben führten, und sich dabei alle, trotz ihrer Lebensmüdigkeit, an das Leben festklammerten, alle sinnlich gereizt und alle schlaff, alle intelligent, und alle unbedeutend!

Von dieser ganzen Menschenmenge waren die besten ohne Zweifel die Resignierten, wie Étiennette Duroy, deren niedliches Gesicht friedlich hinter den Schultern der M me. Ucelli hervorlächelte, oder wie Hector Le Tessier, der das Studium der menschlichen Leidenschaften als Liebhaberei betrieb, denn sie waren im stande, die Welt, in der sie lebten, zu beurteilen, und fühlten mit Sicherheit, daß ihr Lebensweg sie eines Tages in eine ganz andere Sphäre führen würde.

*

Die Oper war zu Ende. Die Damen hüllten sich eilig in ihre weiten Pelzmäntel, die Herren gaben den Logenschließerinnen ihr Trinkgeld, der große Saal war in einem Augenblick durch hundert Ausgänge geleert. Maxime ging die schimmernden Marmorstufen der großen Treppe hinunter. Mauds feiner nackter Arm ruhte in dem seinen. Die Worte, die ihm vor kurzem auf den Lippen geschwebt hatten: »Ich liebe Dich! Werde mein Weib!« wollten ihm hier nicht über die Lippen, hier nicht in dem blendenden Lichtmeere, im Schwarm der vielen Menschen. Und wie oft hatte er sich gerade diese Situation vorgeträumt, dort im einsamen Vézéris: er, mit Maud am Arm, vor den Augen aller Welt.

Jetzt erfüllte sich der Traum, und jetzt war es ihm fast eine Qual.

In der Vorhalle ließ Fräulein de Rouvre plötzlich seinen Arm los. Julien de Suberceaux ging dicht hinter ihnen, einen langen, schwarzen Mantel mit Sammetkragen um die Schultern geschlagen. Sein Gesicht war so verstört, so tragisch, daß Maxime, obgleich er sich wenig darauf verstand, solche komplizierte Naturen zu beurteilen, sofort begriff, daß hier etwas Außergewöhnliches vorlag. Mit geheuchelter Gleichgültigkeit, aber gequält von Eifersucht, zog er sich zurück.

Maud ging auf Suberceaux zu, und mitten in dem lachenden; geputzten Schwarm begegneten sich ihre Blicke.

»Sie sind ja verrückt,« flüsterte sie ... »So nehmen Sie sich doch in acht, wenn Sie mich nicht ganz verlieren wollen.«

»Maud ...« stotterte er.

Sie magnetisierte ihn mit ihrem Blick.

»Morgen,« sagte sie leise ... »Um vier Uhr, bei Ihnen, Rue de la Baume.«

Und während Julien stehen blieb, besiegt durch diese kurzen Zauberworte, nahm sie wieder Maximes Arm.

»Armer Kerl,« sagte sie gleich darauf in einem ganz natürlichen Ton, ohne eine Frage abzuwarten, »er ist in Madeleine de Reversier verliebt, die seine Liebe nicht erwidert, und jetzt ist er wie wahnsinnig, weil er gesehen hat, daß Lestrange den ganzen Abend mit ihr geflirtet hat ... Ich habe ihm ein paar Worte gesagt, um ihn zu beruhigen. Er ist ein Jugendfreund von mir, wir haben als Kinder zusammen in den Gärten der Tuilerien gespielt .. Sie sehen, es giebt hier in unserem skeptischen und frivolen Paris doch auch noch wirkliche Leidenschaft ...«

Maxime glaubte, was Maud sagte. Er fühlte sich wieder geborgen. Welcher von Liebe gequälte Mann hatte nicht dasselbe gethan!

Unten an der Treppe rechts hielten die Equipagen, die rasch einzeln vorfuhren, um die eleganten, in ihre Pelzmäntel gehüllten Damen abzuholen. M me. de Rouvre bot Jeanne und M me. de Chantel an, sie nach dem Missionshotel zu fahren; sie hatte einen mit prächtigen Pferden bespannten Wagen, einen Landauer, wie sie die großen Pariser Fuhrwerksbesitzer an reiche Ausländer vermieten.

Maxime ging zu Fuß nach seinem Hotel zurück, allein ... Er hatte Hector im Gedränge aus den Augen verloren, und bemühte sich nicht, ihn wieder zu finden. Er wollte seine berauschten Sinne in der Einsamkeit zur Ruhe bringen. Er schritt aufs geratewohl vorwärts durch die Stadt, wo die Unruhe der aus den Theatern Heimkehrenden allmählich nachließ, um in den verlassenen Vierteln des linken Seineufers endlich ganz auszusterben. Er kehrte sehr spät zurück zum Hotel, und ging nicht, wie es sonst seine Gewohnheit war, zur schlafenden Jeanne hinein, um ihr einen Gutenachtkuß auf die Stirn zu drücken.

Ja, was der Vergangenheit angehörte, wurde jetzt vom Sturme hinweggefegt! – Zusammengesunken in einen Lehnstuhl saß er im kalten, klösterlichen Hotelzimmer, und alles, was ihm das Herz bewegte, machte sich in den Worten Luft, die er ganz laut aussprach:

»Wenn man eine Frau liebt, so wie ich diese Frau liebe, dann möchte man sie als kleines Kind gekannt haben, man möchte sie erzogen haben, Jahr für Jahr, wie eine Schwester.«

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