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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Der Besuch war schon in den kleinen Salon geführt worden: eine kleine blonde, untersetzte Person, mit grauen Augen, weichen, feinen Zügen, mit Haaren wie reifer Hafer, und wie ein Vögelchen in die Federn ihres Kragens, ihres Muffs und Huts eingehüllt.

Als sie Maud auf sich zukommen sah, so groß, so strahlend, so ganz »vornehme Dame«, stotterte sie ein furchtsames:

»Guten Tag, Fräulein... Sie werden...« Aber Maud küßte sie herzlich:

»Fräulein und Sie!... Willst Du wohl diese häßlichen Worte unterwegs lassen, Tiennette, und wieder zu mir sprechen wie früher in der Pension.«

Mit einem vor Vergnügen errötenden Gesicht erwiderte Étiennette die Küsse.

»Wie lieb ist es von Dir, daß Du Dich meiner erinnerst. Denke nur, ich wollte erst gar nicht zu Dir kommen... ich hatte Angst!«

»Um Gotteswillen, weshalb denn aber!« antwortete Maud, indem sie ihre alte Freundin bat Platz zu nehmen, und sich selbst zu ihr setzte.

»Weil ... siehst Du, die Klosterzeit, das ist setzt lange her ... Über vier Jahre! Und es gibt ja Menschen genug, deren Erinnerung nicht so weit reicht. Und dann,« fügte sie leise hinzu, »dachte ich, daß Du jetzt, wo Du doch meine Verhältnisse kennst ...«

Maud lächelte:

»Meinst Du denn, daß ich im Kloster Deine »Verhältnisse«, wie Du sagst, nicht gekannt hätte?«

»Wie? Du hast gewußt? Aber von wem ... Wer hat es Dir erzählt?«

»Le Tessiers ... Der älteste von ihnen, Paul, der voriges Jahr Mitglied des Senats wurde, hat den Herrn, den Deputierten aus Aude – na, wie heißt er doch noch – sehr gut gekannt.«

»Du meinst Asquin?« fragte Étiennette.

Und als ihr Maud bejahend zunickte, fügte sie hinzu, errötend, aber ohne Verlegenheit zu heucheln:

»Es war mein Vater. Wir haben ihn vor zwei Jahren verloren.«

»Ach, er war Dein Vater? Das habe ich nicht gewußt. Ich wußte nur, daß er ... zu Deiner Mutter kam, mit den beiden Brüdern Le Tessiers und Herrn de Suberceaux.«

»Herr de Suberceaux war der Sekretär meines Vaters ... Er ...«

Sie hielt plötzlich inne, von neuem überkam sie die Ängstlichkeit. Maud nahm ihre Hand:

»Liebe Tiennette, so hab' doch Vertrauen zu mir. Ich sage Dir, ich weiß von allem, ja, von allem; ich kenne auch die Geschichte, die sich zwischen Julien und Deiner Schwester Suzanne abgespielt hat.«

»Ja, natürlich,« entgegnete Étiennette, indem sie ihre Augen trocknete, »die kennt ja ganz Paris ... Meine Schwester ist so entsetzlich leichtsinnig! Sie hat sich mit Suberceaux kompromittiert, wie sie sich nachher mit so vielen anderen kompromittiert hat ...«

»Aber einerlei,« sagte sie nach einer kleinen Pause, »Julien hat sich gegen uns schlecht benommen. Papa hat ihn sehr lieb gehabt, und Mama nahm ihn auf, als wäre er unser Bruder. Er hätte Suzanne in Frieden lassen sollen. Und kannst Du Dir denken, seitdem er mit ihr auseinander ist, hat er seinen Fuß nicht mehr in unser Haus gesetzt. Und doch weiß er, daß Mama krank ist; und wie gut ist sie gegen ihn gewesen! Nein, ich kann ihn nicht leiden!«

Maud antwortete ernst:

»Sprich nicht schlecht von ihm, Tiennette. Julien ist ein Freund von uns.«

Mit einer jener kindlich einschmeichelnden Bewegungen, die sie so unwiderstehlich machten, schlang Tiennette die Arme um den Hals ihrer Freundin, und beinahe vor ihr knieend, flehte sie:

»Liebste, sei mir nicht böse, das wußte ich ja nicht ... Er ist Dein Freund? Und ich, ich ärgere Dich, das erste Mal, wo wir uns wiedersehen! Bist Du mir sehr böse?«

»Gar nicht,« erwiderte Maud, indem sie sie aus die Stirn küßte, »Aber nun sage mir, was verschafft mir eigentlich die Freude Deines Besuches. Ich hoffe, Du kommst, mich um irgend etwas zu bitten.«

Étiennette errötete:

»Ja, ich habe Deine Hilfe wirklich nötig, sonst hätte ich mich nicht hergewagt! ... Ich habe schon so viele Unannehmlichkeiten gehabt wegen Mama und Suzanne! ... Aber Du bist gut, ich danke Dir. Nun sollst Du hören, was mich herführt. Siehst Du, ich bin noch nicht sehr alt, aber ich habe doch das Leben schon gründlich kennen gelernt, und eines weiß ich ganz gewiß: es ist schrecklich für eine Frau, von Männern abhängig zu sein. Du verstehst, in dem Kreise, wo ich lebe, hat mir dieser und jener den Hof gemacht.«

»Das glaube ich! wenn man so hübsch ist! Du hast Dich sehr herausgemacht, Tiennette, Du bist wirklich entzückend geworden ...«

Sie lächelte, aber man sah ihr an, daß das Kompliment keinen Eindruck auf sie machte.

»Unter anderen,« fuhr sie fort, »auch einer, den Ihr gut kennt (Du darfst es aber niemandem sagen, ich erzähle es nur Dir) ... Herr Le Tessier.«

»Hector?«

»Nein ... sein Bruder ... der Senator ist, und Unter-Direktor an der Banque de France. Während Papa noch lebte – er war ja Mitglied der Deputiertenkammer – kam er häufig zu uns, und damals hatte er mich lieb, wie man ein kleines Mädchen lieb hat ... Seit ich erwachsen bin ... ja, ich glaube, jetzt hat er mich gern ... in einer anderen Weise.«

»Dann wollt Ihr wohl heiraten?«

Tiennette lächelte traurig:

»Ach nein – das ist ganz ausgeschlossen.«

»Weil er reich ist, meinst Du?«

»Nein. Ich glaube, daß ich kein Vermögen besitze, würde kein Hindernis für ihn sein. Aber ... all das andere ... Wir wollen nicht mehr davon sprechen, es macht mich traurig, siehst Du. Paul Le Tessier kann doch unmöglich Schwager von Suzanne Duroy werden.«

»Und ebensowenig Mathilde Duroys Schwiegersohn,« dachte Maud. »Sie hat recht.«

»Arme Kleine,« sagte sie dann laut.

»So bliebe mir nichts übrig,« fuhr Tiennette im selben resignierten Ton fort, »als seine Geliebte zu werden ... denn von allen, die mir den Hof gemacht haben, liebe ich ihn am meisten, weil er gut ist ... Vielleicht ein wenig egoistisch, aber das sind ja alle Männer. Oh doch, gut ist er; er leidet sehr darunter, wenn er Menschen leiden sieht, die er gern hat. Und das ist heutzutage schon sehr viel. Dennoch ... ja, was ich Dir jetzt sagen will, wird Dir gewiß etwas dumm vorkommen ... dennoch kann ich mich nicht zu diesem Schritt entschließen. Vielleicht habe ich von Natur Anlage zu einer vernünftigen kleinen Bürgersfrau, oder es hat sich bei mir, durch alles, was ich von Kindheit an gesehen habe, allmählich eine Vorliebe für regelmäßige Verhältnisse gebildet. Kurzum ... Ich will niemanden verurteilen ... ich bin auch keineswegs sicher, daß ich für immer ein anständiges Mädchen bleiben werde – denn leicht ist das wahrhaftig nicht, wenn man ein solches Heim gehabt hat wie ich – aber, wie die Sachen nun einmal liegen, will ich versuchen unabhängig zu leben, mein Zimmer und mein Bett für mich zu haben, und für mich selbst zu sorgen ...«

Sie hielt einen Augenblick inne, indem sie mit den Augen Mauds Zustimmung suchte.

»Fahre nur fort,« sagte diese, »was Du mir da sagst, ist mir ganz neu und sehr interessant.«

»Wie Du weißt,« fuhr Étiennette fort, »habe ich das Konservatorium besucht, nachdem ich das Kloster verließ. Ich bekam eine ehrenvolle Erwähnung für meinen Gesang und zwei erste Prämien für Klavierspiel und Solfeggien. Musikunterricht geben ist sehr anstrengend und wenig lohnend, deshalb habe ich die Guitarre spielen gelernt. Das paßt sehr gut für mich, besser vielleicht als für manche andere in Paris ... Meine Stimme ist zwar nur klein, aber angenehm und rein. Ich habe eine ganze Menge Lieder aus den dreißiger Jahren gesammelt und eingeübt ... Du weißt, man liebt dieses Genre augenblicklich sehr. Ich denke damit Erfolg zu haben ...«

»Natürlich, ohne Zweifel!« rief Maud, die sich sofort angezogen fühlte von dem Künstlerischen im Plane ihrer Freundin. »Du bist ja so hübsch ... mit Deinen Haaren ... und Du mußt einen entzückenden Hals haben ... wir wollen Dich dann anziehen wie die Damen auf den Bildern aus dieser Zeit, mit einem Zuckerhut-Chignon, Puff-Ärmeln und Krinoline; und wenn Du dann so die alten Lieder zur Guitarre singst ... Du wirst einfach einen kolossalen Erfolg haben, meine Kleine.«

Étiennette lachte, ein helles, jugendfrisches Lachen.

»Ach nein Du, so schnell geht das nicht. Man muß Verbindungen haben, man muß eingeführt werden in die feinen, reichen Kreise ... Ja ... die Le Tessiers könnten es wohl ... Paul hat schon dran gedacht ein Sommerfest zu geben auf Chamblais, dem schönen Land-Besitze, das sie einige Meilen nördlich von Paris haben ... Aber siehst Du, sich von unverheirateten Herren vorstellen zu lassen, das würde der Sache doch ein weniger ... weniger anständiges Gepräge geben.«

»Himmel,« sagte Maud lachend, »Du mit Deiner Anständigkeit! Das ist ja eine wahre Leidenschaft bei Dir geworden!«

»Ja, in diesen Sachen giebt es nur ein Entweder – Oder, glaube ich ... Nein, so leicht wird es nicht gehen. Von Kindheit an habe ich zu Hause nur Herren getroffen, oder auch Frauen, mit deren Empfehlung mir noch weniger gedient wäre. Da kam mir der Gedanke an Dich ... Du bist reich, Du hast ausgezeichnete Verbindungen ...«

Maud unterbrach sie:

»Fürs erste bin ich nicht reich. Und was meine Verbindungen betrifft ... wir kennen viele Menschen ... sie sind aber durchaus nicht alle nach meinem Geschmack. Als wir 1884 nach Frankreich zurückkehrten, hatten wir noch Vermögen. Papa, der von altem Adel war, hätte uns in die beste Gesellschaft einführen können. Er zog es aber vor, sein Geld in die Spielhäuser zu tragen, oder es mit seinen Frauenzimmern zu verthun. Wir haben noch immer darunter zu leiden: selbst nach der Scheidung und nach seinem Tode ... Wir kennen eine Menge Klubherren, eine Menge ausländischer Damen, Menschen, deren Bekanntschaft wir im Bois oder in Badeorten gemacht haben. Aber das wird alles anders werden, wenn ich mich mal verheirate, darauf kannst Du Dich verlassen. Wie Du, bin auch ich der Gesellschaft müde, die ich in meiner Familie habe sehen müssen, und ich werde mich nur verheiraten mit einem wirklich angesehenen Manne, einem Manne, der die wahre Vornehmheit besitzt, die Vornehmheit, welche in einem alten Namen besteht, in sicheren Landgütern und einer fleckenlosen Familie mit untadelhaften Verbindungen ... Übrigens werde ich Dir mit dem größten Vergnügen die Verbindungen, die ich habe, zur Verfügung stellen. Es sind reiche Leute darunter, die sich amüsieren wollen; die können Dir immerhin von Nutzen sein.«

Étiennette lachte über's ganze Gesicht, froh, wie ein kleines Schulmädchen.

»Ich danke Dir,« sagte sie, »wie gut bist Du!«

»Dann arrangieren wir irgend etwas,« fuhr Maud fort. »Ein Fest hier ... wir können hier großartige Feste geben, wir haben eine bewegliche Halle, ebenso groß wie die Festsäle im Hotel ›Continental‹ ... Verlaß Dich auf mich, ich werde die Sache machen ... Du hattest ja schon im Kloster eine hübsche Stimme. Sie muß sich jetzt sehr entwickelt haben.«

»Ja,« antwortete Tiennette ... »Sie ist ganz angenehm ... Wenn Du willst, können wir gleich mal etwas versuchen. Hast Du irgend eine Romance im alten Stil?«

Das Klavier stand dicht neben ihnen. Sie blätterten zusammen in den Noten.

»Hier hab' ich eine gefunden,« sagte Étiennette, »freilich ist sie modern, aber wir können sie gebrauchen.«

Es war eine Romance von Chaminade, mit dem Titel: »Der silberne Ring.«

»Kannst Du mich begleiten?«

»Ja!«

Maud setzte sich ans Klavier und präludierte. Und Étiennette, über die Noten gebeugt, mit der einen Hand sich auf das Klavier stützend, fing an zu singen:

»Dein heilig Gelöbnis, ich habe es hier,
»In dem silbernen Ring, den ich trage von Dir.«

Die Stimme war nur klein, aber so rein wie Kristallglas, das von einem Bogenstrich berührt wird, und die junge Künstlerin verstand sie zu benutzen; sie führte sie mit feingebildetem, musikalischen Sinn.

Als sie den zweiten Vers beendet hatte, erklang ein lautes Beifallklatschen hinter den jungen Mädchen, und eine schmetternde Damenstimme rief mit italienischem Accent:

» Brava! Brava! ... Ganz vorzüglich!«

»Ah! M me. Ucelli!« sagte Maud.

Die korpulente Dame, deren römische Züge und schwarze Augen nur leidlich zu dem künstlich gefärbten blonden Haar stimmten, umarmte Fräulein de Rouvre und küßte sie heftig auf den Hals. M me. Ucelli war nicht allein; eine Dame – von der man nicht wußte, war sie ein junges Mädchen oder eine junge Frau – brünett und mager und von befremdender Häßlichkeit, begleitete sie.

»M lle. Cécile Ambre, eine gute Freundin von der Herzogin und von mir ... nicht wahr, sciasciona, mia,« fügte sie hinzu, indem sie dem jungen Mädchen freundlich die Wangen streichelte. Sie ist nach Paris gekommen, und für einige Wochen bei mir zum Besuch. Ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen. Sie singt die Lieder fin de siècle meisterhaft. In Spezzia ist sie der Liebling der Herzogin und ihrer cortina

Maud reichte ihr die Hand.

»Seien Sie uns herzlich willkommen, mein Fräulein!«

»Aber liebes Kind,« fing M me.. Ucelli wieder an, »Sie haben da ja eine große Künstlerin entdeckt ... Nein wirklich, mein kleines Fräulein,« fuhr sie fort, indem sie sich an Étiennette wandte, die das Gesicht halb hinter ihren Federmuff versteckte, »Sie haben einen echten Sopran, eine Stimme, wie sie unsere Kastraten in alten Tagen besaßen. E quanto è carina! Nicht wahr, Cécile? Man möchte sagen un angiolo da Siena«

Fräulein Ambre antwortete ruhig:

»Ja, das Fräulein ist sehr hübsch und singt sehr gut.«

Maud stellte vor:

»Étiennette Duroy, eine Freundin aus der Pension.«

»Sind Sie am Theater, Fräulein?«

»Nein, gnädige Frau, noch nicht.«

»Aber wir wollen sie berühmt machen, nicht wahr, Madame?« entfuhr es Maud. »Sie begleitet sich auch selbst auf der Guitarre.«

»Ah, cara mia! Die Guitarre! ... Ich liebe die Guitarre ... Wir müssen sofort ein Konzert arrangieren, ein großes Konzert ... Ich werde singen ... Und Sie auch Cécilia? Wann soll es sein, Maud?«

»Denselben Gedanken hab' ich auch schon gehabt,« antwortete Maud lächelnd ... »Im März oder spätestens April müßte es sein. Dann wird zugleich die große Halle eingeweiht. Sie haben sie ja gesehen, unsere Halle?«

»Das will ich meinen ... Eine wunderbare Halle, Cécilia, ungefähr halb so groß wie unsere Scala ... Sie wird mit Maschinen in die Höhe gehoben. Ja überhaupt, Ihre Wohnung ist großartig! einzig! ... Sieh' nur her, Cécile. E come è ben accomodato! ... Gosto inglese

Sie fingen an Italienisch zu sprechen. M me.. Ucelli verlor sich in bewundernde Betrachtungen über den eigentümlichen, modernen Geschmack der Möbel und Vorhänge. Maud sagte im Flüsterton zu Tiennette:

»Sie ist mein Schrecken, und im Grunde ihres Herzens verabscheut sie mich ebenfalls, weil Julien eines Tages, als sie ihn besuchen wollte, ihr geradezu die Thüre gewiesen hat ... Ja, ja, meine Liebe. Die hat ein Temperament! So etwas wie Mann und Frau zugleich, und beide gleich herrschsüchtig. Sie haßt mich; sie benutzt meine eigenen Dienstboten, um mich auszuspionieren; mehr als einmal habe ich sie angetroffen, wie sie mit Joseph und Betty verhandelte. Aber das ist einerlei. Wenn sie wirklich in unserem Konzert singen will, so wird das ziehen. Du hast ihr gefallen, weil Du hübsch bist. Laß Dich nur nicht zu viel mit ihr ein: Ihr Beiden werdet Euch bald miteinander überwerfen.«

»Du bist fabelhaft gut,« antwortete Étiennette.

»Ich danke Dir. Ich gehe so vergnügt von Dir ... Nochmals, von ganzem Herzen, Dank! Wie Schade, daß ich Dir gar nichts zu Gefallen thun kann!«

Die beiden Gäste waren unterdessen in den großen Salon gegangen, wo sie die feinen seidenen Gardinen musterten.

»Besuche mich oft,« sagte Maud. »Das ist die einzige Art und Weise, wie Du mir danken kannst ... Ich habe keine vertraute Freundin, und oft fühle ich das Bedürfnis, mir das Herz zu erleichtern. Und außerdem,« fügte sie hinzu, nachdem sie einen Augenblick gezögert, »außerdem werde ich Dich vielleicht auch bitten, mir einen Dienst zu erweisen. Könntest Du mich bei Dir empfangen? ... bei Deiner Mutter, meine ich ... mir dann und wann ein Zimmer überlassen?«

»Liebe, die ganze Wohnung, wenn Du willst. Mama ist so leidend, sie verläßt ihre Chaiselongue den ganzen Tag über nicht – es ist ein Herzübel, wie Du weißt – und ich habe die Leitung der Wirtschaft übernommen. Ich bin Herrin des Hauses.«

»Die Sache ist nämlich die,« fuhr Maud fort, indem sie sich vergebens bemühte, ihre Stimme zu beherrschen, »ich möchte gern bei Dir jemanden treffen, ... jemanden, den Du kennst.«

»Julien?«

»Ist es Dir unangenehm? Meinst Du, daß es Dich kompromittieren könnte?«

»Ach,« antwortete Étiennette traurig, »kann mich denn überhaupt noch etwas kompromittieren? Nein, thue, was Du willst. Meine Wohnung steht Dir zur Verfügung.«

»Danke. Und verlaß Dich auf mich. Wir Beiden sind jetzt Verbündete, nicht wahr? Und Du wirst sehen, ich bin keine schlechte Freundin.«

Arm in Arm gingen sie hinein zu M me. Ucelli und Fräulein Ambre.

»Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau,« sagte Maud. »Aber Fräulein Duroy will jetzt gehen, und sie hatte noch einen Auftrag für mich ...«

»Sie wollen schon gehen, mein Fräulein?« sagte M me. Ucelli. »Dann erlauben Sie mir, daß ich Sie nochmals beglückwünsche. Sie werden einen großen Erfolg haben. Und bitte, besuchen Sie mich doch, in der Rue de Lisbonne, jeden Donnerstag abend. Wir machen gute Musik, in meinem kleinen Freundeskreise.«

Étiennette dankte und wollte sich verabschieden.

»Apropos,« fing die Italienerin wieder an, »wir werden uns vielleicht morgen, in der Walküre wiedersehen?«

Étiennette antwortete:

»Ach nein, gnädige Frau, ich gehe nie in die Premièren.«

»Was? Sie besuchen die Premièren nicht, cara mia

Sie nahm Étiennettes Hände in die ihrigen, als wäre sie eine alte Freundin von ihr gewesen ... »Eine solche Künstlerin ... So graziös ... Che peccato!... Kommen Sie doch in meine Loge... Nr. 15 ... Sie treffen dort Fräulein Ambre, den Grafen Rustoli, und wen noch? ... Vielleicht einen Herrn Luc Lestrange, einen Freund des Hauses hier.«

Die Thür zum großen Salon wurde geöffnet von einem weißbehandschuhten Diener, der jedoch die Gäste nicht meldete. Ein Mann von 35 Jahren, sehr korrekt, blond, mit einem hübschen, aber etwas welken und verbrauchten Gesicht, trat lächelnd herein.

»Ich hörte eben meinen Namen ... Was hat man von mir gesagt?«

Er küßte den Damen die Hände. M me. Ucelli rief:

»Ah, Signore Lucco! Wie amüsant! Wir sprachen eben von Ihnen. Und siehe da, wenn man den ...«

Étiennette nahm Abschied und ging. Maud begleitete sie hinaus. Als sie wieder kam, setzte man sich an den Kamin.

Der Kamin war aus weißem Marmor, in neugriechischem Stil, fast ohne Zierat, nur mit einer einzelnen Tanagrafigur geschmückt – einer Vestalin, welche ein Räuchergefäß in den Händen hielt – außerdem zwei schlanken Blumenvasen; in jeder stand eine Orchideenblüte. Hinter dem Rost glomm ein mächtiges Scheit Holz, das an den Enden ganz verkohlt war und nur in der Mitte glühte.

Gleich darauf öffnete sich die Thür von neuem; eine ältere Dame trat ein, von zwei gleichgekleideten, jungen Mädchen begleitet, die ganz hübsch, aber etwas bleichsüchtig aussahen. Sie hießen Marthe und Madeleine, Madeleine, beweglich und heiter; Marthe schweigsamer, oft zerstreut, mit Augen, die sich vor dem Beschauer flüchteten und Wangen, die plötzlich die Farbe wechselten.

Trotzdem sahen sie sich sehr ähnlich. Maud stellte vor:

»Herr Luc Lestrange, Direktor im Ministerium des Innern; M me. de Reversier, M lles. de Reversiers... Aber wenn ich nicht irre, kennen sich die Herrschaften schon?«

»Herr Lestrange kennt doch jedes junge Mädchen in Paris, nicht wahr?« sagte M me. Ucelli lachend.

»Nein,« antwortete ihr Lestrange leise. »Ich kultiviere nur gewisse Spezialitäten.«

»Wie geht es Ihrer lieben Mutter?« fragte M me. de Reversier, indem sie sich setzte.

»Sie ist noch immer leidend ... Sie wird heute wohl erst um fünf Uhr erscheinen.«

»Und Jacqueline?«

»Jacqueline ist in der Vorlesung. Aber es ist ja schon halbfünf. Da müßte sie schon zurück sein.«

M me. Ucelli unterbrach ihr Gespräch mit Lestrange.

»Was sind das eigentlich für Vorlesungen, Maud? Sind es vielleicht die in der Rue Saint Honoré, wo ein junger Mann von dreißig Jahren junge Mädchen in der Moral unterrichtet?«

»Junge Herren und junge Mädchen, gnädige Frau,« korrigierte Maud.

»Gleichzeitig?«

»Gleichzeitig. Die Vorlesungen stehen jedem offen.«

»Schau, schau!« sagte Lestrange. »Es wäre mir gewiß ganz heilsam, unter diesen Umständen einen kleinen Kursus in der Moral durchzumachen.«

»Man wird Sie gar nicht einlassen, birbante; Sie haben ein viel zu schlechtes Renommee unter den Familienmüttern. Sie kompromittieren die jungen Mädchen.«

»Keineswegs. Ich gebe Ihnen die Versicherung, gnädige Frau, es sind die jungen Mädchen, die mich kompromittieren.«

Maud versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Wer geht morgen in die Oper, zur Walküre

»Ich habe emen Parquet-Platz,« sagte Lestrange.

M me. de Reversier erklärte:

»Man hat uns Plätze angeboten. Aber ich finde die Walküre kein passendes Stück für meine Töchter.«

Man geriet in eine eifrige Debatte ... M me. de Reversier fand den zweiten Akt entsetzlich unpassend. M me. Ucelli protestierte lärmend im Namen der Kunst. Marthe und Madeleine nahmen auch an der Diskussion teil und sagten ihre Meinung.

»Aber,« fragte Lestrange Madeleine, »da Sie, wie ich sehe, den Inhalt so gut kennen, weshalb ist es denn so unpassend, daß Sie das Stück sehen?«

»Das Unpassende liegt ja gerade darin, daß andere sehen, daß wir dort sind. Würden Sie's vielleicht wagen, mir öffentlich alle die Dummheiten zu sagen, die Sie mir, meiner Schwester, Jacqueline, uns allen, privatim erzählen? ... Na, antworten Sie? Weshalb sehen Sie mich so sonderbar an?«

»Ich sehe Ihre Lippen an,« antwortete Lestrange, »und ich denke an etwas, das noch viel schlimmer ist als das, was ich Ihnen je gesagt habe.«

Madeleine de Reversier lächelte:

»Bitte! warten Sie wenigstens einen Augenblick, ehe Sie mir's sagen. Es sind nicht Leute genug hier ... Mama horcht. Sie wissen, sie traut Ihnen nicht.«

»Ihre Frau Mama ist eine sehr vernünftige Dame ... Aber da kommt ja noch jemand?«

»Nein. Es ist der Thee.«

Der Diener trat ein; er trug den Tisch mit dem Samovar, mit den Tassen und Kuchen. Hinter ihm zeigte sich Jacqueline de Rouvre; sie wurde mit freudigen Zurufen empfangen ... Die Frauen umarmten sie; sie drückte Lestrange die Hand. Es war eine ganz kleine Person, rothaarig, und niedlich ausgepolstert, das Gegenteil von Maud, aber der Mutter sehr ähnlich. Nur war sie seiner, eleganter, mehr Pariserin, – sie hatte eine Haut so weich wie Seide, und meergrüne Augen, von schmachtenden, schweren Lidern immer halb verhüllt; ihre Formen waren gereift, wie die einer verheirateten Frau, schwellender Busen und schwellende Hüften, die Taille aber dünn und fein. Dabei war sie von entschiedener Kindlichkeit in den Bewegungen und Manieren, in der Art und Weise, wie sie sprach und wie sie sich kleidete; ihre kurzen Backfischröcke glitten jeden Augenblick in die Höhe, daß man ihre schön gerundeten Waden sah; kurzum, ein ungewöhnlich reizvolles Wesen, wie geschaffen, um die Begierde der Männer aufzustacheln und sie toll zu machen.

Als sie zwischen Luc Lestrange und M me. de Reversier Platz genommen, sagte diese lächelnd zu ihr:

»Eben sprachen wir von den Vorlesungen über Moral, zu denen Sie gehen, Jacqueline. Welchen Gegenstand hat denn Ihr junger Lehrer heute vor gehabt?«

Jacqueline schlug die Augen nieder und antwortete, indem sie den Ton einer Naiven karikierte.

»Von der Liebe in der Ehe, gnädige Frau.«

»Ein schöner Gegenstand. Na, und was sagte er denn darüber?«

»Ich werde Ihnen gern seinen Vortrag Wort für Wort hersagen, gnädige Frau.«

Sie erhob sich, sprang, leicht wie eine Bachstelze hinter einen Stuhl und fing an, indem sie ihr Gesicht in würdige Falten legte und mit Männerstimme sprach: »Die eheliche Liebe, meine Damen und Herren, besteht aus zwei Grundstoffen, in so enger Vereinigung, wie im Wasser der Sauerstoff und der Wasserstoff ... Diese Grundstoffe sind die Zärtlichkeit und (hier macht er eine Kunstpause, um den Effekt vorzubereiten) ... und die Sinnlichkeit. Sie wissen alle, was die Zärtlichkeit ist. Als in der Kindheit Ihre Mutter Sie auf dem Arm wiegte ... (u. s. w., hier folgt eine lange Tirade, die ich lieber übergehen will). Wir kommen dann also zur Sinnlichkeit ...«

»Jacqueline!« unterbrach sie Maud, »paß auf, Du wirst jetzt unpassende Dinge sagen.«

»Durchaus nicht. Ihr schickt mich in die Vorlesungen, und ich ziehe meinen Nutzen daraus. Also: ›Die Sinnlichkeit, meine Damen und Herren, ist etwas schwieriger zu definieren, insbesondere einem Zuhörerkreise wie diesem gegenüber. Begnügen wir uns also damit, in der Sinnlichkeit das edle Streben des Menschen nach der Schönheit zu erkennen, seine Freude an der Form.‹ An dieser Stelle unterbrach ihn jemand: ›Aber die Blinden?‹ Der junge Docent thut, als habe er nichts gehört. Aber Juliette Avrezac, die neben mir sitzt, flüstert mir in's Ohr: ›Ihr Tastsinn soll so entwickelt sein!‹«

Die ganze Gesellschaft lachte, auch die jungen Fräulein Reversier und ihre Mutter schienen ganz die strengen Prinzipien vergessen zu haben, die sie kurz vorher gepredigt. M me. Ucelli war so begeistert, daß sie der Jacqueline einen Kuß gab.

» E und fiore, ... pèro un fiore

Maud wurde wieder ernst:

»Nun ist's genug. Laß die Dummheiten, Jacqueline. Reiche lieber den Thee herum. Madeleine und Marthe werden Dir gern dabei helfen.«

Sie standen alle drei auf, gingen an den Tisch und beugten sich mit ihren zwei kastanienbraunen und dem einen rotblonden Köpfchen über das Theeservice, dann boten sie mit anmutigen Knicksen die Tassen an. Sie benutzten eine in Paris neu eingeführte Mode, den Thee zu servieren: jede Tasse wurde einzeln gemacht in einem kleinen Porzellanapparat mit einem Sieb drin. Man bewunderte es allgemein.

»Sagen Sie mal, Maud, haben Sie das entdeckt?«

»Nein ... Aaron hat es mir aus London mitgebracht. Er überhäuft uns mit Geschenken, der gute Aaron.«

»Das muß ich sagen,« bemerkte M me. de Reversier naiv, »Sie haben Glück. Der ›flirt‹ meiner Tochter bringt uns niemals Geschenke ein.«

»Was sehe ich!« rief Maud froh, »da sind Sie ja, alle Beide ... Wie nett von Ihnen ...«

Die so freundlich empfangenen Gäste waren zwei Herren; der eine war jung, bei dem anderen fingen die Haare schon an etwas grau zu werden.

M me. Ucelli wiederholte, indem sie ihnen die Hand reichte:

»Alle Beide! Und an einem Tag, wo der Senat Sitzung hält! ... Herr Paul Le Tessier, mir würden Sie diese Treue nicht erweisen ... Peccato! Das ist nur die Zauberin Maud, die solches über Sie vermag!«

»Erlauben Sie, gnädige Frau,« antwortete Paul Le Tessier, »aber wir haben sicher darauf gerechnet, Sie hier zu treffen. Übrigens ist es der reine Zufall, daß ich heute frei bin. Einer von den Senatsmitgliedern, Herr Briard, ist heute nacht gestorben. Und da die Regierung auf meine Interpellation nicht vorbereitet war, wurde die Sitzung aufgehoben.«

Er sprach mit einer klangvollen und harmonischen Stimme und heftete einen ruhigen Blick auf die Dame, die ihn angeredet. Seine ganze kräftige, etwas wohlbeleibte Gestalt, das frische Gesicht, der kurzgeschorene, graumelierte Vollbart, die hellbraunen Augen, die er nur wenig bewegte, gaben ihm das Gepräge sicheren Gleichgewichts.

Obgleich bartlos, schlanker, lebhafter und mit vollem Haarwuchs, sah der Bruder ihm ähnlich. Er war von demselben stämmigen Wuchs, nur war sein Körper durch Leibesübungen und ein Leben in freier Luft muskulöser und geschmeidiger geworden ... Und seine Augen, die ebenfalls braun waren, hatten in ihrer Tiefe ein gewisses lustiges Leuchten von lachender Ironie und Skepsis.

»Herr Hector dagegen,« sagte M me. de Reversier, »läßt es sich angelegen sein, keinen Donnerstag zu versäumen.«

»Ja,« unterbrach sie Jacqueline. »Er liebt die jungen Mädchen, und weiß recht gut, daß die, die er bei uns trifft, nicht zu den Dummen gehören.«

»Eine von ihnen ist sogar viel zu klug für mich,« antwortete Hector flüsternd, indem er sich Jacqueline näherte.

Lestrange hatte die kleinen Fräulein Reversier in eine Ecke des Salons getrieben und scherzte dort mit ihnen; sie saßen und lachten in einer etwas nervösen Weise über die Sachen, die er ihnen mit gedämpfter Stimme zuraunte.

M me. Ucelli erhob sich.

»Ich muß leider darauf verzichten, cara mia, M me. de Rouvre heute zu begrüßen.«

»Bitte, bitte, bleiben Sie doch, gnädige Frau,« sagte Maud ... »Mama wird im Augenblick erscheinen, sie würde es sehr bedauern ...«

Aber M me. Ucelli mußte noch Besuche machen und allerlei Einkäufe besorgen. Und Maud, der es ganz recht war, daß sie ging, ehe die Chantels gekommen waren, nötigte sie nicht weiter zum Bleiben.

»Was ist das für eine stumme Schöne, mit der sie überall herumzieht?« fragte Paul Le Tessier, nachdem die beiden Damen sich entfernt hatten.

»Ein Fräulein aus Nizza,« antwortete Maud, » Hofdame bei der Herzogin de la Spezzia.«

»Eine schöne Empfehlung!«

Die Gesellschaft war näher an den Kamin gerückt; sie fühlten sich setzt erst behaglich, wie in einem engeren Freundeskreise Aber trotzdem kam keine gemeinsame Unterhaltung auf. M me. de Reversier empfahl Paul ein Wohlthätigkeitswerk, für das sie die Regierung zu interessieren wünschte. Jacqueline kokettierte mit Lestrange, um ihn dem Fräulein Reversier abspenstig zu machen. Hector unterhielt sich im Flüsterton mit Maud.

»Wozu ist eigentlich diese besondere Einberufung heute?« fragte er.

»Wir erwarten heute zum erstenmal Besuch von Leuten, die ich gern ans Haus knüpfen möchte, und da war es mir an Ihrer werten Gegenwart, als Dekoration für meinen Salon, gelegen.«

»Himmel, wie schmeichelhaft für mich! Und wen dürfen wir denn erwarten?«

Maud lächelte. Hector fragte prüfend:

»Einen Herrn Gemahl etwa?«

Sie beantwortete die Frage nicht, sagte nur nach kurzer Pause:

»Hector, sind Sie mein Freund?«

Der junge Mann wurde gerührt von dem ernsten Ton ihrer Stimme.

»Liebe Maud, das bin ich ... Mein Bruder war eigentlich der Freund Ihres Vaters, aber ich habe Sie gekannt und lieb gehabt, seit Sie ein kleines Mädchen waren ...«

Doch als er merkte, wie das Vertiefen in diese Erinnerung ihn sentimental machte, nahm er sich sofort zusammen und fuhr scherzend fort:

»Sie wissen ja, daß ich Sie angeschwärmt habe, damals als Sie ein fünfzehnjähriger Backfisch waren.«

»Bitte, machen Sie sich nicht über mich lustig!« antwortete Maud. »Sie haben mich niemals angeschwärmt, ich weiß es, und nehme Ihnen das gar nicht übel ... Aber ich halte Sie für unfähig, mir ein Leid zuzufügen.«

Er machte eine lebhafte Bewegung.

»Gut, ich weiß es. Und denken Sie daran, daß ich möglicherweise bald Ihrer Hilfe bedarf.«

Lautes Gelächter unterbrach sie. Alle hörten Jacqueline zu, die erzählte:

»Nein, ich versichere Sie, er hat nicht denselben Strahl für alle seine Patienten ... Den alten Damen, die ihn »Herr Doktor« nennen, giebt er die Douche melancholisch, mit abgewandtem Gesicht! Das Wasser mag fallen, wie es will ... Mit den jungen hübschen Frauen scherzt er, er sagt ihnen alle möglichen Thorheiten, wahrend er sich damit amüsiert, ihnen kleine Schreie zu entlocken, sie mit dem Strahl erschreckt und kitzelt. Aber für uns junge Mädchen hat er eine jungfräuliche, eine keusche, liebkosende Douche. Kaum daß sie uns berührt, und niemals ein plumpes oder gewagtes Wort von ihm. Er redet von Musik, von Bällen, von Litteratur ... während wir ganz nackend vor ihm dastehen ... es ist urkomisch, versichere ich Sie ...«

Sie hielt inne:

»Pst! Still, es klingelte eben ... Da sind sie, unsere Leichenbitter ...«

Ehe die Thür aufging, saß sie schon wieder am Theetisch, sittsam und korrekt wie ein Schulmädchen unter den Augen ihrer Lehrerin.

Diesmal meldete der Diener:

»M me. Vicomtesse de Chantel ... Fräulein de Chantel ... Herr Maxime de Chantel ...«

Mit höflichem Ceremoniell, beinahe schweigend, wurden die Willkommengrüße ausgetauscht. Jacqueline flüsterte Marthe ins Ohr:

»Na, sind die aber unverfälschte Provinz! Mamachen mit ihrem Söhnchen und Töchterchen ... Aber bitte, sieh sie doch nur an, sieh!«

Wirklich nahm die Familie de Chantel sich ziemlich komisch aus in dem ultra-modernen Salon, zwischen den eleganten Herren, den geputzten Damen mit Kleidern und Hüten nach der allerletzten Mode. Chantels waren in Trauer alle drei; sie trauerten um eine entfernte Verwandte, wie es die alten vornehmen Familien in der Provinz fast immer thun. Die ungeschickt und plump gearbeiteten Trauerkleider machten die beiden Damen schwerfällig und benahmen ihnen jede Grazie: ebenso ließ der schwarze Tuchrock, den Maxime trug, und der kleine schwarze Schlips unter dem umgeschlagenen Kragen, ihn mehrere Jahre älter erscheinen, als er war.

»Macht nichts,« antwortete Marthe de Reversier Jacqueline, »sie sehen »vornehm« aus, trotz alledem.«

Und sie hatte Recht. So provinziell sie auch in ihrem Anzuge waren, bewahrten sie doch das Ansehen des alten angestammten Adels, des Adels des Großgrundbesitzes, der sich nie mit bürgerlichem Blut vermischt hat.

M me. de Chantel war mager, klein und verwelkt, mit einem Gesicht, wie das einer Nonne, weiß wie eine Hostie; ihr Hut verbarg fast ganz das nur wenig ergraute Haar; aber ihre schwarzen Augen, die zugleich unschuldig und leidenschaftlich waren, lächelten mit einer überraschenden Milde, ganz wie die Augen ihrer Tochter Jeanne.

Überhaupt sah Jeanne ihr ähnlich. Sie hatte dasselbe volle Haar, schwarz und strahlend wie die Jettperlen an ihrem Leibchen, aber sie war größer als M me. de Chantel und nicht so mager. Beim geringsten Wort schoß ihr die Röte in die bleichen Wangen, sie war furchtsam und wurde leicht verwirrt ... Und Maxime, mager und kräftig, glich in seinem Provinzrock und seinen vorweltlichen Beinkleidern, mit seinem nachdenklichen Gesicht und seinen Augen, die so warm leuchteten wie die der Mutter und Schwester, einem adeligen Offizier aus der Provinz, in Civilkleidern.

»Gehe hinein zu Mama und sage ihr, daß sie gekommen sind,« flüsterte Maud zu Jacqueline.

»Laß sie das schwarzseidene Kleid anziehen. Um Gotteswillen nichts Grünes oder Gelbes. Und sorge dafür, daß sie ein Korsett anzieht.«

»Verlaß Dich auf mich. Ich werde sie selber schnüren, wenn es sein muß,« antwortete die Kleine und verschwand.

Ein frostiges Schweigen hatte sich im Salon verbreitet, seit die Familie de Chantel angekommen war. Maud saß neben M me. de Chantel: sie wechselten, etwas verlegen, allgemeine Höflichkeitsphrasen. Jeanne hatte sich auf die andere Seite ihrer Mutter geflüchtet, sie rührte sich nicht und blickte nicht einmal auf. Maud gegenüber, zwischen M me. de Reversier und Hector, saß Maxime, sehr blaß, und biß sich auf die linke Spitze seines kurzen Schnurrbarts, eine ihm eigentümliche Gewohnheit. Er bemühte sich die Möbel, die Tapeten, die ganze Einrichtung der Wohnung anzusehen, aber seine Augen kehrten immer wieder unwiderstehlich zu Maud zurück, die ihm ganz zerstreut die Hand gereicht hatte, als er kam, zu Maud, die ihn jetzt keines Blickes würdigte. Und er fand sie doch so schön, so unendlich viel schöner als je zuvor, hier in diesem Rahmen, den sie selbst für sich geschaffen und ausgeschmückt hatte – so schön, daß er sie kaum wiedererkannte, und sich erstaunt fragte, wie es möglich gewesen, daß er es damals, in dem kleinen Badeorte gewagt, auch nur einen verliebten Gedanken zu ihr zu erheben; und später in sein Herz den Samen der Erinnerung zu streuen, ihn keimen und wachsen zu lassen, bis die gefährlichsten Blumen der Liebe sich entfalteten.

Hector Le Tessier beobachtete den Neuangekommenen und unterwarf ihn einer scharfen Prüfung. Als erfahrener Pariser, wohlbekannt mit der Kehrseite der leichtlebigen Welt, in der er verkehrte, ohne sich fest darin niederzulassen, ahnte er die Intrigue, die sich in diesem Salon, um diesen Kamin und diesen Samowar anknüpfte und berechnete als psychologischer Dilettant die Chancen, welche sie entweder zum Lustspiel oder zum Drama entwickeln würden.

» ... Die Rouvres, in Wirklichkeit ohne einen Pfennig Vermögen, trotz des scheinbaren Luxus, den sie entfalten ... Maud, müde von der Gesellschaft, in der sie lebt, und fest entschlossen sich vor Anker zu legen im sicheren Hafen einer vornehmen und soliden Ehe ... Der Provinziale dort über und über in sie verschossen, zu allem bereit ... Ja ... und dann aber Suberceaux? ... er ist verliebt, und sie ist verliebt ... und gerade dieses, etwas tierische Verliebtsein macht mir die beiden besonders sympathisch, trotz ihres Abenteurer-Temperaments ... Welch wundervoller Stoff zu einem Drama! Glücklicherweise bin ich dabei nur gleichgültiger Zuschauer!« Er freute sich über die Neutralität, die er soeben Maud versprochen: Gleichgültiger Zuschauer ... Gott sei Dank!«

Maxime vergaß sich jetzt vollkommen und starrte Maud unverwandt an. Sie erwiderte seine Blicke nicht.

»Sonderbar,« dachte Hector. »Ich meine, ich müßte sein Gesicht kennen.«

M‹sup›me.‹/sup› de Rouvre trat ein. Sie hatte schwarze Seide an, und der schwarze Anzug machte sie jünger und hübscher aussehen. Aber mitten auf ihrem Busen, im spitzen Ausschnitt der Taille, funkelte der neu erworbene Schmuck.

»Weshalb hast Du es nicht verhindert, daß Mama heute das scheußliche Ding anmachte?« flüsterte Maud Jacqueline zu, die zugleich mit der Mutter hereintrat.

»Ich habe mir Mühe genug gegeben, aber wenn Du glaubst, daß das so leicht ginge?«

Beim Erscheinen der M me. de Rouvre hatte M me. de Chantel sich erhoben. Mit einem Gesicht, das vor aufrichtiger Freude leuchtete, ging sie ihr entgegen; sie küßten sich und fingen sofort an von ihrer Krankheit zu sprechen, und, ohne Rücksicht auf die Trennung, mit genau denselben Worten wie vor Monaten:

»Liebe Freundin ... wie geht es Ihnen ... und was macht Ihr Knie?«

»Ach, Liebste! Leider wieder recht schlecht. Ich habe heute den ganzen Tagen liegen müssen ... Aber wie geht es Ihnen denn? Ihrer Schulter meine ich?«

»Ach, ich danke! Viel, viel besser. Denken Sie sich, seitdem ich die Pillen des Dr. Leverts gebrauche ...«

Sie setzten sich in eine Ecke und unterhielten sich von ihren beiderseitigen Übeln, und redeten beide so eifrig drein, daß die eine nicht hörte, was die andere sagte.

Hector trat zu Maud.

»Wie heißen sie doch noch?« fragte er. »Mir ist der Name entgangen, als sie gemeldet wurden.«

»Chantel. Vicomtesse de Chantel.«

»Ach, dann habe ich doch Recht. Ich kenne Maxime de Chantel.«

Maud fragte eifrig:

»Wirklich? Woher denn?«

»Aus meiner Soldatenzeit. Acht Jahre sind es her. Ich diente damals als Freiwilliger bei den Dragonern in Châlons; er war mein Sekondelieutenant.«

»Richtig. Er hat die Offiziersschule in Saint-Cyr durchgemacht, und ist drei Jahre Offizier gewesen ... Als sein Vater starb, mußte er seinen Abschied nehmen, um die Administration seiner Güter in Poitou – ein enormes Besitztum – zu übernehmen. Und er hat Sie jetzt nicht wiedererkannt?«

»Nein. Sehr natürlich übrigens. Ich habe just keinen hervorragenden Dragoner abgegeben. Und außerdem scheint er mir augenblicklich außer Stande, überhaupt etwas wiederzuerkennen. Soll ich ihn an unsere Bekanntschaft erinnern?«

Maud besann sich einen Augenblick, ehe sie antwortete:

»Sie haben Ihr Versprechen von vorhin nicht vergessen?«

»Nein ... Und wenn ich Ihnen in irgend einer Sache nützlich sein kann ...«

»Das können Sie. Erinnern Sie ihn, bitte, daran, daß Sie sich kennen und schon früher getroffen haben. Zähmen Sie ihn mir. Er ist nämlich ein Halbwilder, verstehen Sie?«

»In diesem Augenblick,« entgegnete Hector, »glaube ich, daß er seinem ehemaligen Rekruten gern vierzehn Tage Gefängnis zudiktierte. Sehen Sie ihn nur mal an!«

Maxime hatte während der ganzen Zeit Maud und Hector beobachtet, wie sie im vertraulichen Gespräch dastanden. Sein Gesicht war krampfhaft verzogen.

»Ich werde ihn beruhigen,« sagte Hector. Er benutzte die allgemeine Bewegung, die beim Erscheinen des Malers Valbelle eingetreten – eine große athletische Gestalt, mit einem kräftig gefärbten Gesicht und graugesprengtem Haar und Bart – um sich Maxime zu nähern.

»Herr de Chantel, erlauben Sie, daß ich alte Erinnerungen wieder auffrische. Ich hatte die Ehre, in Câlons unter Ihnen zu dienen. Mein Name ist Hector Le Tessier.«

Die leichte Ironie, womit Hector seine ehrerbietige Anrede würzte, entging Maxime; sein Gesicht erhellte sich, und er drückte die dargebotene Rechte Hectors.

»Freut mich sehr, wirklich! Ich erinnere mich Ihrer ganz genau! ... Le Tessier ... Um 1884 herum, nicht wahr?«

»1883,« verbesserte Hector.

»Ganz richtig, 1883. Sie stammen aus Deux-Sèvres?«

»Ja, ich bin aus Parthenay. An Ihrem vorzüglichen Gedächtnis, Herr de Chantel, erkenne ich den ausgezeichneten Offizier von damals wieder.«

»Ich war sehr gern Offizier,« erklärte Maxime mit leichter Trauer in der Stimme.

Paul Le Tessier gesellte sich zu ihnen; ebenfalls etwas später M me. de Chantel und M me. de Rouvre, die sich beide nicht genug wundern konnten über den Zufall, der die beiden Herren nach zehn Jahren wieder zusammengeführt hatte.

»Und doch ist dies kein besonders abenteuerlicher Zufall,« bemerkte Paul Le Tessier. »Herr de Chantel ist drei Jahre Offizier gewesen, er hat nahezu zwei Tausend Rekruten unter sich gehabt, da ist es kein Wunder ... Er muß später in seinem Leben mehr als einem von ihnen begegnet sein.«

»Sie schlimmer Rechenmeister,« sagte M me. de Rouvre. »Immer kommt er mit Zahlen und mit Beweisen dafür, daß das, was kommt, kommen mußte! Und trotzdem behaupte ich, daß es ein höchst merkwürdiger Zufall ist, und eine Vorbedeutung, das die Herren gute Freunde werden. Das ist wenigstens meine Meinung.«

»Ich bin damit einverstanden, gnädige Frau,« erwiderte Hector. »Und sollte sich Herr de Chantel noch einige Tage in Paris aufhalten, so bitte ich ihn, über meinen Bruder und mich zu verfügen. Wir sind alte Pariser, wenn wir auch aus Parthenay gebürtig sind ... Machen Sie uns doch gleich morgen das Vergnügen, mit uns im Restaurant zu speisen, Herr de Chantel?«

Maxime nahm die Einladung an, und das Gespräch wurde in aufrichtigem, kameradschaftlichem Ton fortgesetzt; beide verloren sich in Erinnerungen an die erste frohe Jugendzeit, die nie wiederkehrt, und nach der man sich schon in den dreißiger Jahren zurücksehnt. Inzwischen kamen immer neue Gäste: eine M me. Duclerc, die mit einem gefeierten Pastellmaler verheiratet war – den man aber nie in Begleitung seiner Frau sah – pikant durch ihre Grisettenmanieren im Verein mit einem Madonnengesicht und einer Madonnenfrisur; der »Frauen«schriftsteller Henri Espiens, ein langhaariger, starrköpfiger und redseliger Südfranzose, M me. Avrezac und ihre Tochter Juliette, beide brünett, schlank und hübsch, und einander so ähnlich, wie zwei Schwestern; endlich eine Cousine von Maud, Nora Calvell, eine kleine Cubaneserin mit zitronengelben Backen, blauschwarzem Haar, girrender Stimme und feuergefährlichen Augen. Sie erschien allein – die Gesellschafterin ließ sie draußen im Vorzimmer warten.

Maud zog Jacqueline ein wenig beiseite:

»Nicht wahr? die Sache geht gar nicht so übel?«

»Nein Du, aber Chantel und die beiden Le Tessiers dürfen sich nicht zu warm befreunden. Du weißt, wenn die Männer unter sich sind, halten sie zusammen gegen uns.«

»Oh, Hector ist mir sicher genug!«

»Paul auch?«

»Nein. Du hast Recht. Aber ich weiß, wo ich ihn fassen kann.«

Sie machte Paul mit dem Finger ein Zeichen, daß er zu ihr kommen sollte.

»Mein werter Herr Senator.« sagte sie in heiterem Ton, »heute sind Sie um meinen allerschönsten Gast gekommen.«

Paul lächelte:

»Ich weiß es. Ich hatte sie sogar selbst geschickt.«

»Die kleine Heuchlerin. Davon hat sie kein Wort gesagt.«

»Sie wagte es nicht herzugehen, aber ich habe ihr die Versicherung gegeben, daß Sie ein guter und zuverlässiger Kamerad sind ... für die, welche Ihnen kein Hindernis in den Weg legen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.

»Ich habe ihr versprochen, sie hier bei mir debütieren zu lassen, und ganz Paris zu ihrem Debüt einzuladen. Sie ist in der That entzückend, und Sie sind ein glücklicher Senator.«

»Wie sagen doch die Könige in den Operetten: ›Ich will ja diesem Kinde nur ein Vater sein.‹«

»Der wohl avancieren möchte,« murmelte Jacqueline zwischen den Zähnen. »Jedenfalls ist meine Schwester sehr liebenswürdig gegen Ihre Tochter, nicht wahr?« fügte sie laut hinzu.

»Dafür,« fuhr Maud mit leiser Stimme fort, »bitte ich mir aber auch Ihre Hilfe aus für meine Pläne, die ich zwar noch kaum entworfen habe, deren glückliche Verwirklichung mir aber sehr am Herzen liegt.«

Paul blickte zu Maxime hinüber.

»Ist er es?«

»Ja. Hector ist mein Verbündeter. Wollen Sie es auch sein?«

»Sie können sich fest auf mich verlassen, gnädiges Fräulein. Um so mehr, als der wackere Landedelmann und Soldat da drüben, durchaus nicht zu bedauern sein wird. Aber, siehe da ... Aaron mit Julien!«

Korrekt und mit unbeweglichem Gesicht trat Suberceaux ein, gefolgt von einem kleinen, rundlichen Herrn, mit rotem, aufgedunsenem Gesicht, dickem Bauch, und in starker Transpiration. Trotz des englischen Schnittes seiner Kleider und der Gardenia im Knopfloch, trotz des spiegelblanken hohen Hutes und der strahlenden Lackstiefel, sah man ihm doch den Frankfurter Wucherjuden deutlich au. Man stellte ihn feierlich vor als:

»Der Herr Baron Aaron, Direktor der Katholischen Gesellschaft.«

Der dicke Herr grüßte nach links und rechts, drückte allen die Hände und rollte wie eine Kugel über den Teppich des Salons.

»Mein Fräulein,« stotterte er, indem er sich Maud näherte und ein großes Couvert aus seiner Tasche zog, »mein Fräulein, da sind auch die Billets für die Oper ... morgen ...«

»Ich danke!« sagte Maud in gleichgültigem Ton, und legte das Couvert auf eine Konsole neben sich.

Die Gesellschaft verteilte sich in den beiden Salons in kleinere Gruppen. Herr Espiens hatte die kleine M me. Avrezac zu sich in Mauds Boudoir gelockt; dort versteckten sie sich; man hörte nur dann und wann ein unterdrücktes Gelächter, sofort von Klavier-Geklimper übertönt. Juliette Avrezac stand neben Suberceaux und redete leise auf ihn ein, indem sie heftig und nervös gestikulierte und ihm augenscheinlich Vorwürfe machte. Er hörte sie gleichgültig an, die Augen auf eine Skizze von Turner gerichtet, ein Geschenk von Aaron, und eben erst aufgehängt. Am Theetische neckten Valbelle und Lestrange Dora Calvell, zum größten Amüsement für Jacqueline, Marthe und Madeleine; die kleine Kreolin, deren zitronengelbe Backen sich vom aufsteigenden Blute braun färbten, girrte wie eine Taube, lachte und antwortete dabei lustig auf die Reden der beiden Herren.

»Nein, Herr Valbelle, nein. Ich bedanke mich! Ihnen Modell zu sitzen, und noch dazu als eine kleine Wilde! Sind Sie aber höflich ... nein!«

»Aber wissen Sie,« sagte Valbelle: »keine gewöhnliche kleine Wilde, meine ich. Sie sollen ja Rarahu vorstellen ... das ist ja Poesie ... die Liebe ... kurz, gerade das, was Sie sind.«

»Und das Kostüm wird Ihnen göttlich stehen,« bemerkte Lestrange.

»Wie ist das Kostüm? ... Ach, Sie machen sich gewiß über mich lustig, weil Sie wissen, daß ich so dumm bin! ... Ich bin überzeugt, es ist überhaupt kein Kostüm da, wenn es zum Klappen kommt.«

»Oh doch ... da sind Blätter ... sogar viel Palmblätter ... es ist durchaus anständig ... Sie können davon so viele umbinden, wie Sie wollen.«

»Wenn ich es wäre,« sagte Jacqueline, »ich würde Herrn Valbelle augenblicklich den Gefallen thun, wenn ich mich nur dazu eignete.«

Und sie flüsterte Marthe ins Ohr: »Paß auf, Nora sagt zuletzt wirklich ja. Sie ist gottvoll!«

Nachdem Nora sich ein Weilchen besonnen hatte, sagte sie:

»Mama wird's nicht erlauben.«

»Sie brauchen's ihr ja nicht zu sagen,« antwortete Lestrange ... »Sie können sich ja vom guten Fräulein Sophie ins Atelier begleiten lassen.«

Fräulein Sophie war Noras Gesellschafterin, berühmt im Kreise gewisser Pariser Lebemänner wegen ihres beispiellosen Gehorsams und ihrer Verschwiegenheit. Man pflegte sie auf einen Stuhl ins Vorzimmer zu setzen; dort schlief sie ruhig ein und rührte sich nicht, bis sie geweckt wurde.

Die kleine Kreolin überlegte sich die Sache einen Augenblick. Endlich gab sie folgende Antwort, bei der sich ihre Freundinnen halb tot lachen wollten:

»Ja, wenn Sie meinen ... So will ich es wohl thun ... Aber sie müssen mir versprechen, daß man mein Gesicht nicht zu sehen bekommt.«

*

Maxime, den Hector verlassen hatte, nachdem er sich seiner Schwester Jeanne hatte vorstellen lassen, sah und hörte dies alles; und er fragte sich: träume ich oder bin ich wach? Bin ich denn in einer ganz anderen Welt geboren? Sind das die Sitten, ist das die Redeweise der modernen Gesellschaft? Diese lauten Kneipenwitze, die aber doch noch lange nicht so schlimm sind als das ewige Zischeln und Flüstern in den Ecken ... Das ungenierte Sichaneinanderdrücken dieser Damen und Herren ... Und vor allem dieses häßliche Wort, das unaufhörlich hindurchklingt, wie eine stete Aufforderung zur Leichtfertigkeit: »Mein flirt ... Sie hat einen flirt vor ... Wir haben einen flirt gehabt ... Der flirt, meiner Tochter ...« Und das sind die Menschen, mit denen Maud lebt ... Das sieht sie täglich um sich, das hört sie täglich!...«

Maud hatte noch kein Wort an ihn gerichtet. In diesem Augenblick entdeckte sie ihn, wie er ernst und aufrecht da stand, ganz in der Nähe der leichtfertigen kleinen Piepvögel, die Lestrange und Valbelle umringten; sie erriet sein Erstaunen und seine Gereiztheit und ging mit der Frage:

»Woran denken Sie, Herr de Chantel?« gerade auf ihn zu, wobei ihre Augen seinen Blick suchten. Dann zog sie sich langsam in eine Ecke des Salons zurück, den jungen Mann zwingend, ihr zu folgen.

»Ich dachte eben daran, mein Fräulein,« antwortete Maxime sehr ernst, »daß mein einsames Vézéris ein Zufluchtsort ist, den man nie verlassen sollte, wenn man ein Provinzbewohner und Bauer ist, wie ich.«

Ohne es zu wollen, hatte er in seine Worte die ganze Bitterkeit niedergelegt, die er empfand, als er sich in Gegenwart der Frau, die er liebte, mit so eleganten, witzigen und glänzenden Herren wie Lestrange, Le Tessier und Suberceaux verglich.

»Es ist also Ihre Absicht, bald nach Vézéris zurückzukehren?« fragte Maud langsam.

»Ja. Ich habe meine Mutter nach Paris begleitet, weil sie nicht gern allein reisen mag. Sie wird für kürzere oder längere Zeit hier bleiben, wie es ihr Dr. Levert vorschreiben wird. Ich kann ihr hier doch nicht weiter nützen, darum reise ich zurück nach Vézéris, und komme erst wieder, um sie abzuholen. Paris ist viel zu groß für mich. Selbst wenn ich wie heute mitten drin bin, habe ich das Gefühl, als wäre ich ganz wo anders. Mein Geburtsort mit seinen niedrigen Hügeln, mit seinen weiten Ebenen, wo der Horizont sich in geheimnisvolle Fernen verliert, steht meinem Herzen viel näher.«

»Ich verstehe es,« kam es leise von Mauds Lippen, indem sie langsam die Augen niederschlug.

Maxime, der sich nach und nach durch den Klang seiner eigenen Stimme erregte, fuhr fort: »Die Einsamkeit hat mich zu dem gemacht, was ich bin, sie hat mich nach ihrem Bilde gemodelt. Ich habe das Gemüt meiner Hirten, die unbeweglich, den Blick auf den weiten Horizont gerichtet, Dämmerung auf Dämmerung heranrücken sehen. Meine Gefühle sind langsam und tief, so tief, daß ich während langer Monate von dem Eindruck einer Erinnerung leben kann ... Hier lebt man hastig und fühlt wenig, und die Worte sind schnell und kurz wie die Gefühle; mir wird das Sprechen nicht leicht, weil man so tiefliegende, ernste Gefühle nur schwer auszudrücken vermag ... Entschuldigen Sie, ich weiß überhaupt nicht, weshalb ich Ihnen das alles sage.«

»Ach bitte, erzählen Sie weiter,« sagte Maud. »Nichts von dem, was die andern da sprechen (sie wies auf die abseits stehenden, zwanglosen Gruppen), wäre im stande, mich so zu interessieren.«

»Jedenfalls ist es liebenswürdig von Ihnen, mir das zu sagen ... Sehen Sie, mein Fräulein, es faßt mich so stark, daß ich nicht einmal im stande bin, Ihnen meine Bewegung zu verbergen! Obgleich Monate vergangen sind, seit wir die vier Tage gemeinsam in Saint Armand verlebten, hat sich mir die Erinnerung unauslöschlich eingeprägt und jetzt, in Ihrer Nähe, wird alles von neuem lebendig.«

Maud unterbrach ihn:

»Auch ich habe sie nicht vergessen.«

Dann schwiegen sie beide. Als Maud aber ihre Augen erhob und Herrn de Chantel anblickte, erschrak sie vor der Flamme in seinem Blick.

»Für heute genug des Romans,« dachte sie. Und um alle feurigen und verliebten Worte abzuschneiden, die sie auf Maximes Lippen ahnte, sagte sie so laut, daß alle im Salon es hörten:

»Sie müssen morgen jedenfalls die Oper hören, Herr de Chantel, und zwar in unserer Loge, nicht wahr, das ist abgemacht? Jeanne muß natürlich auch mitkommen. Wo ist eigentlich unsere kleine Jeanne heute abend? Ach! Sie spricht ja, sie ist ja ganz zahm geworden, unser scheuer kleiner Vogel!«

Jeanne de Chantel unterhielt sich schüchtern mit Hector Le Tessier. Mauds Worte unterbrachen das Gespräch plötzlich, und heftig errötend suchte das Kind Schutz beim Bruder. Man lachte.

»Wie haben Sie das angefangen?« fragte Maxime, und ließ seine Finger durch die braunen Locken der Schwester gleiten.

»Ich habe ihr von Ihnen erzählt.«

Gleich beim ersten Anblick hatte das kleine Mädchen aus der Provinz Hectors Neugierde erregt. Er begriff, daß in dieser jungen Seele sich etwas rührte, das sehr verschieden war von dem, was er in den Pariser Salons bei den anderen kleinen Dämchen, mit ihrer verbrauchten und verpfuschten Unschuld studierte, nicht aus Hang zur Leichtfertigkeit, sondern aus Sammler-Interesse, Er hatte sie sanft, beinahe väterlich ausgefragt, hatte ihr vom Bruder erzählt, den er ja gekannt, und von Poiton, ihrem gemeinschaftlichen Geburtsort; und das Kind öffnete ihm schnell das Herz, ohne Vorbehalt, wie alle schüchternen Seelen, wenn sie sich einmal sicher fühlen. Mit einer stillen, zarten Stimme, die gleichsam von wenigem Gebrauch klang, als ob sie mit Watte umwickelt wäre, erzählte sie ihm von ihrer Kindheit, draußen auf dem Lande, wo sie ohne Vergnügungen und ohne Freundinnen aufgewachsen war, wo sie von ihrer Mutter erzogen und von Maxime unterrichtet worden war.

»Du liebes Kind!« sagte Maxime, und küßte das junge Mädchen auf die Stirn.

»Na,« fing Mund etwas ungeduldig wieder an, »was ist denn eigentlich für morgen abend verabredet? Herr Aaron und Herr de Suberceaux haben ihre Billette, und Sie natürlich auch,« sagte sie, sich zu den Brüdern le Tessier wendend. »Sie gehören ja zu tout Paris. M me. de Chantel und Jeanne sitzen in unserer Loge. Und Sie, Herr de Chantel begleiten Ihre Damen, nicht war?«

»Ich habe mich mit den Herren Le Tessier verabredet; wir speisen zusammen zu Mittag,« antwortete Maxime, der mißvergnügt war, daß Maud ihr Gespräch von vorhin unterbrochen hatte.

»Gut, so sehen wir uns nachher, wenn Sie gegessen haben, wieder. Sie kommen dann alle drei hin. Das ist also abgemacht?«

Sie sah ihn freundlich an: er verbeugte sich, Suberceaux that, als bemerke er sie nicht; er sprach sehr eifrig mit Paul Le Tessier.

M me. de Chantel erhob sich. Aaron küßte Fräulein de Rouvre die Hand. Es war beinahe sieben Uhr. Die ganze Gesellschaft brach auf.

Suberceaux trat zu Maud. Leise sagte sie:

»Ich bin mit Ihnen zufrieden. Ich vergebe Ihnen Ihre schlechte Laune von vorhin. Sie haben sich musterhaft benommen.«

»Er ist's?« fragte der junge Mann, mit einem verächtlichen Blick auf Maxime, der ihnen den Rücken zuwandte.

»Ja.«

»Er sieht furchtbar provinziell aus!« Kurz und trocken antwortete Maud:

»Er ist in jeder Hinsicht ein feiner Mensch, und mehr wert als ...«

»Als ich?«

»Als wir ... Aber gehen Sie jetzt,« fügte sie hinzu. »Sie dürfen hier nicht allein zurückbleiben. Auf Wiedersehen, morgen.«

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