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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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Erster Teil

I.

Während Maud sich an den Schreibtisch des kleinen Salons setzte und mit lebhafter Miene ein blaues In Paris werden die Stadttelegramme auf blauen Karten geschrieben. Telegramm niederschrieb, nahm ihre Mutter, M mme. de Rouvre, die dicht neben ihr auf einer Chaiselongue, in der steifen Stellung einer am Rheumatismus Leidenden ausgestreckt lag, ihren englischen Roman wieder auf um weiter zu lesen.

Der Schreibtisch – viel zu niedrig für die schlanke Gestalt Mauds – gehörte zu den bizarren und bequemen Möbeln aus dunkelm Mahagoniholz, welche in London angefertigt, neuerdings auch in Paris in Aufnahme kommen. Ebenso trug die ganze Einrichtung des kleinen Salons und des zweiten, viel geräumigeren, den man durch die breite Thüröffnung ohne Vorhänge sah, das Gepräge dieses amüsanten, etwas verirrten Geschmacks von jenseits des Kanals, in dem sich unsere moderne Eleganz, die sich an den reinen und entzückenden Stilarten des vorigen Jahrhunderts satt gesehen, gefällt. Hier waren zierliche Stühle von gebogenem Holz, weiß oder mattgrün lakiert, übertrieben breite Fauteuils aus Mahagoni, eingelegt mit westindischen Holzarten, und mit flachen Polstern aus Saffianleder statt der weichen, seidenen Daunenkissen. Vom Fries des Plafonds fielen in langen, geraden Falten die Vorhänge und Draperien aus einfarbigem Corahstoff oder leichtem Krepp, gemustert mit großen orangegelben, malvenfarbigen und meergrünen Blumen. Ein kurzgeschorener Filzteppich von gelblichgrüner Moosfarbe bedeckte den Fußboden wie eine gleichmäßige Grasfläche – der frischgemähte Rasen eines englischen Parks.

Die ganze Wohnung, wie ihre Ausschmückung, zeugte von einem sehr bestimmten Geschmack des Modernen, der die neuesten Bequemlichkeiten kennt und entschlossen ist sie auszunutzen. Es war der zweite Stock in einem jener kolossalen Häuser, mit denen ein Pariser Architekt vor kurzem mehrere Avenuen in der Umgebung von L'Arc de Triomphe beglückt hat. Dieses Haus lag nach der Avenue Kléber hinaus, nur wenige Schritte von der Place de l'Étoile entfernt. Die Wohnung hatte fünfzehn Fenster Front, in einer Flucht, und nahm die ganze Vorderseite des ungeheuren Hotels ein. Jede der drei Bewohnerinnen (M me. de Rouvre, die jetzt Witwe geworden, nachdem sie kurze Zeit von ihrem Manne geschieden gelebt, wohnte dort mit ihren zwei Töchtern, Maud und Jacqueline) hatte ihre eigenen Zimmer mit eigenem Eingang vom langen Korridor, der parallel mit der Façade lief. An Ballabenden konnte eine ungeheure, bewegliche Halle, die den ganzen Hofraum des Hauses einnahm, mit Hilfe von Elevatoren zur Höhe der einzelnen Stockwerke herausgehoben werden, deren Raum dadurch verdoppelt wurde.

Maud de Rouvre paßte nicht schlecht in diesen reichen Rahmen, dessen moderne Eleganz von ihr ausgewählt und zusammengestellt war. Trotz der runden Hüften und der üppigen Büste ließ die biegsame Schlankheit ihres Wuchses sie zart erscheinen; ebenfalls die Anmut der schrägen Schultern; die Kleinheit des blassen Köpfchens, von braunen Haaren umgeben, von jenem seltenen Braun, das kaum zu beschreiben ist, etwa wie ein goldenes Gewebe, das man gebräunt hat, und wo durch die Patina der Farbe das leuchtende Rot des Metalls hervorschimmert.

Dieses schwere, braune Haar war à la Japonaise in die Höhe gestrichen von einer schmalen Stirn, mit Augenbrauen so scharf und fein, als wären sie mit dem Pinsel gezogen: darunter blickten mäßig große Augen hervor, die aber von einer unvergleichlich strahlenden Bläue waren. Auch die Nase war reizend; zierlich oben am Ansatz, mit weiten Nasenflügeln, war sie eine jener entzückenden Stumpfnäschen, die dem Gesicht einen Ausdruck von stolzem Eigensinn verleihen, und die bei Konservatorieschülerinnen über ihre Berufung zur »großen Kokette« entscheiden. Nur der Mund störte etwas die Harmonie der Züge; er war klein, mit wundervollen Zähnen, aber eher rund als länglich, und mit Lippen, an denen ein Arzt, der sich für die Brandmäler der Entartung interessiert, sich die senkrechten, feinen Falten gemerkt hätte. Und sicher würde er dieses Anzeichen in Verbindung gebracht haben mit der Form der niedlichen Ohren, die fast ohne Ohrläppchen an den Kopf angewachsen waren.

Aber wer weiß? Vielleicht liegt in diesen kleinen unharmonischen Mängeln, welche die Eintönigkeit der anerkannten weiblichen Schönheit unterbrechen, gerade der phantasieerregende Reiz, vielleicht sind sie gerade die geheimnisvolle Lockspeise, wodurch derartige Frauen am allergefährlichsten zur Liebe reizen. Wie Maud da saß, über ihren » blotter« gebeugt, das Viereck der Karte mit ihrer länglichen, schnellen Handschrift bedeckend, bannte sie unwiderstehlich den Blick, welcher vielleicht mit Gleichgültigkeit über klassischere Formen und Züge hinweggleiten würde. Ihr einfaches Kleid von grauem Krepp mit einem seidenen Gürtel, ohne jeglichen Besatz, ohne Juwelenschmuck; ihre langen Hände ohne Ringe; die Kamelienfrische ihrer Haut und irgend etwas Unbestimmtes in der Zeichnung der Arme und des Halses zeigte, daß sie noch junges Mädchen war, – kein ganz junges Mädchen mehr, aber kaum über zwanzig ... Und auf der anderen Seite – die breiten Hüften, der reife Busen, die sicheren Augen mit den unbeweglichen Pupillen, die sie in diesem Augenblick vom Papier hob, während sie, nach einem rebellischen Worte suchend, am Bart ihrer Feder kaute und die Stirn in Falten zog – wieder war es etwas ganz Bestimmtes, etwas Fertiges, ja sogar ein wenig Verbrauchtes, in der Haltung, im Blick, das einen zögern und fragen ließ: »Ist sie vielleicht eine verheiratete Dame?« In Wirklichkeit wurde sie auch, je nachdem sie ihre Toiletten wählte, je nachdem sie ihren Tag hatte »Mademoiselle« oder »Madame« genannt in den Läden, wohin sie in ihrem Coupé fast immer allein fuhr, da M me. de Rouvre, als Kreolin von Natur träge, durch ihr rheumatisches Leiden noch schwerfälliger wurde.

Nichts konnte der schönen Maud weniger ähnlich sein, als diese arme, kränkliche Mutter, welche in diesem Augenblick auf ihrer Chaiselongue ausgestreckt lag, das Gesicht ängstlich verzogen von den stets erneuten Schmerzanfällen, außer stande ihren Tauchnitz zu lesen, der, ihren Händen entfallen, auf dem Teppich vor ihr lag. Und doch war Elvira Hernandez schön gewesen, das zeigten die Miniaturbilder aus ihrer Jugend, zur Zeit als François de Rouvre, Edelmann und Girondist, auf der Suche nach einem Vermögen im Jahre 1868 in Cuba landete, ihre Liebe gewann, sie heiratete und so mit einem Schlage das glänzende Abenteuer fand, nach dem er ausgegangen. Von dieser Schönheit waren keine Spuren geblieben, weder in dem von Gicht eingeschrumpften Körper noch in dem unglaublich faltenreichen, aufgedunsenen, durchwühlten, fast wie gekochten Gesicht, das sie unmäßig puderte, was noch dazu beitrug ihr das Aussehen einer Duenna zu geben, dem wenige Spanierinnen entgehen, wenn sie das vierzigste Jahr erreicht haben. Ihrer Anmut beraubt, waren ihr doch inmitten all ihrer Leiden die Frivolität, der sorglose Optimismus ihrer Jugend geblieben, und eine ausgesprochene Lust an Putz, an grellfarbigem Flitterstaat, auffallendem Goldschmuck und farbigen Steinen, ja, es bedurfte der ganzen despotischen Autorität Mauds, um sie zu verhindern sich jetzt noch an Promenadentagen in die Papageientoiletten zu kleiden, die sie sich im geheimen bestellte. Umgekehrt vernachlässigte sie sich, wenn der Rheumatismus sie faßte, über alle Maßen, und behielt bis zum Abend das Kleidungsstück an, das sie beim Aufstehen angezogen hatte. Heute zum Beispiel lag sie, obschon es Dienstag, ihr Empfangstag war, noch um zwei Uhr nachmittags in einem alten, braunen Schlafrock mit havannafarbenen Bändern da, unfrisiert, ungewaschen unter dem Mehlstaube, der ihre Wangen bedeckte.

Maud hatte das Telegramm beendet, schrieb ihren Namen darunter und datierte es, – 4. Februar 1893; – darauf ließ sie ihren Finger, nachdem sie ihn leicht befeuchtet, über den mit Gummi bestrichenen Rand der Karte gleiten und schrieb die Adresse darauf.

»An wen schreibst Du?« fragte die Mutter.

»An Aaron. Er geht jeden Nachmittag in seinem Comptoir vor. Ich schicke den »blauen« an's Katholische Bureau.« M me. de Rouvre drehte sich stöhnend um auf ihrer Chaiselongue:

»Und was willst Du denn von diesem widerlichen Alten?«

»Ich will eine Loge in der Oper, morgen, für die Première ... Ich habe ihm geschrieben, daß er mir die Billette heute abend bringt. Ich habe ihn vorigen Dienstag so schlecht empfangen, daß er sich nicht wieder herwagt. Mein kleiner Brief wird alles wieder gut machen, und um fünf Uhr wird er hier erscheinen, um sich liebenswürdig zu machen.«

Maud behielt während einiger Minuten das Telgramm zwischen ihren Händen und spielte damit. Dann fuhr sie fort:

»Direktor des Katholischen Bureaus, das wird in den Ohren der Chantels einen guten Klang haben.«

M me. de Rouvre schrie auf:

»Der Chantels! Ich meine, das hatten wir nicht nötig, ihnen diesen Menschen vorzuführen, diesen falschen Elsässer, falschen Katholiken, der die Pfarrer, die frommen Schwestern und die religiösen Gemeinden ausbeutet, und der sich erlaubt es überall laut auszusprechen, daß er in Dich verliebt ist. Als ob eine Demoiselle de Rouvre etwas für einen Frankfurter Wucherer wäre, und noch dazu einen verheirateten! M me. de Chantel soll, wenn sie zum erstenmal ihren Fuß in mein Haus setzt, etwas Besseres vorfinden! Unsere Dienstage sind sehr gesucht!«

Maud ließ die Mutter sprechen, mit einem Lächeln, das halb traurig, halb ironisch war.

»Oh ja, sehr gesucht,« murmelte sie. »Nur ein wenig zuviel von Leuten, die überall erscheinen, wo sie offene Thüren finden. Ein Regierungsattaché wie Lestrange, der Sekretär eines Deputierten wie Julien; dann der übriggebliebene Rest von Papas Klubverkehr und unsere Badebekanntschaften. Das soll wohl Eindruck machen auf Leute von altem Adel wie Maxime und seine Mutter.«

»Und M me. Ucelli?«

»Ach die!«

»Weshalb die? Eine Freundin der Herzogin de la Spezzia? ...«

»Eben,« unterbrach sie das junge Mädchen. »Das wird ein bischen zu oft erwähnt. Wenn sie hier den Chantels begegnet, so wäre es besser, daß nicht von der Herzogin de la Spezzia die Rede wäre.«

»Glaubst Du, daß die beiden Le Tessiers heute abend kommen werden?« fragte M me. de Rouvre nach einer Pause.

»Ob Paul kommt ist unsicher. Sie haben heute im Senat eine wichtige Erörterung vor wegen des Privilegiums der Banque de France; da muß er sprechen. Aber Hektor wird heute kommen, wie er jeden Dienstag kommt.«

»Nun, da sollt' ich doch meinen, wenn Maxime und seine Mutter hier einen Senator treffen, einen zukünftigen Minister, eine Art von Fürstin wie M me. Ucelli ...«

»Einen Direktor einer großen katholischen Finanzgesellschaft wie Aaron,« unterbrach Maud sie ironisch.

»Und einen vollendeten Gentleman, einen Sportsmann, der ein großes Ansehen genießt, wie Hektor ...«

»So müßten sie allen Grund haben, zufrieden zu sein,« schloß das junge Mädchen, »Gott gebe es! ...«

»Meinst Du denn, sie könnten das alle Tage haben? Ich möchte wohl dabei sein an einem ihrer Empfangsabende, da unten in Poitou, auf Vézéris!«

Maud erhob sich und drückte an den elektrischen Knopf neben dem Kamin.

»Wen die Chantels auf Vézéris empfangen, ist mir unbekannt,« erwiderte sie. »Es mögen vielleicht sehr lächerliche, sehr unbedeutende Menschen sein, aber davon bin ich überzeugt, daß sie dem ältesten Adel angehören, und daß sie zu den anständigsten und ehrenwertesten Familien in der Gegend zahlen.«

M me. de Rouvre antwortete:

»Bah! ... Niemand kann so einfach sein wie M me. de Chantel. Weißt Du noch diesen Sommer in den Schlammbädern von Saint-Amand, wie ausgezeichnet wir uns verstanden haben?« Unsere Besigue-Nachmittage ... Unsere gemeinschaftlichen Spazierfahrten in den Rollwagen ...«

»Ja, das ist richtig,« kam es gedankenvoll von Mauds Lippen, »Ihr seid gut miteinander ausgekommen, Ihr Beiden.«

Sie suchte, ohne sich die Sache erklären zu können, nach den unsichtbaren Fäden, die so schnell und leicht, während des einsamen Aufenthaltes in dem kleinen Orte im Norden Frankreichs, ihre Mutter, diesen alten tollen Vogel, und Maxime de Chantels Mutter, diese strenge Provinzialin mit dem puritanischen und vornehmen Wesen, aneinander geknüpft hatten.

»Alle Beide sind fromm,« dachte sie, »fromm mit ein wenig Übertreibung; jede von ihnen hat dieselbe Krankheit, die sich aber verschieden äußert, und jede hält die andere für kränker als sich. Und überhaupt ist es mit den Sympathien geheimnisvoll. Weshalb mußte ich gerade Maxime gefallen?«

Während sie aufrecht dastand, sich an den Kamin lehnend, suchte sie sich die vier Tage wieder zurückzurufen, die Maxime bei seiner Mutter in Saint-Amand zugebracht hatte, und während derer sie es gefühlt, wie er von ihr angezogen, an sie gekettet wurde gegen seinen Willen und fast ohne ihr Zuthun. Ganz plötzlich war er dann abgereist, hatte sich in die Einsamkeit von Vézéris geflüchtet, wo er einem großen landwirtschaftlichen Unternehmen umstand. Monatelang hatten sie nur von ihm gehört durch die Briefe, die M me. de Chantel an M me. de Rouvre schrieb. Maud dachte: »Macht nichts ... Er liebt mich. Man vergißt mich nicht.« Und richtig, jetzt kam er wirklich wieder; er begleitete seine Mutter, die in Paris einen Modearzt konsultieren wollte.

*

»... Fräulein wünschen?«

Es war die Kammerzofe, der Maud geschellt.

»Hier, Betty, lassen Sie dies an das Telegraphenamt bringen. Sie können im großen Salon das Feuer anzünden, aber erst machen Sie den Kalorifère zu. Es ist zum Ersticken heiß hier ...«

»Jawohl, Fräulein.«

»Um vier Uhr gehen Sie dann selbst hin und holen Fräulein Jacqueline von der Vorlesung ab. Und sagen Sie ihr, daß sie sich sofort anzieht und mir hilft im Salon den Thee zu servieren.«

»Jawohl. Ist sonst noch was gefällig?«

»Nein. Ach ja, warten Sie. Gegen drei Uhr wird jemand kommen ... ein junges Mädchen ... die nach mir fragen wird. Führen Sie sie gleich hier hinein, nicht durch den großen Salon, und lassen Sie mich wissen, wann sie kommt.«

»Auch wenn Besuch da ist?«

»Auch wenn Besuch da ist. Aber zu der Zeit wird niemand da sein.«

»Wen willst Du denn empfangen?« fragte M me. de Rouvre, die sich mühsam in ihrem Sessel aufrichtete.

»Du kennst sie nicht ... Es ist eine Klosterfreundin, die ich nicht wieder gesehen habe, seitdem ich Picpus verließ.«

»Was will sie denn?«

»Wie kann ich's wissen,« entgegnete Maud, ein wenig ungeduldig. »Ich weiß nur, daß sie mich zu sprechen wünscht.«

»Und sie heißt?«

»Duroy ... Etiennette Duroy.«

»M me. de Rouvre sann einen Augenblick nach:

»Etiennette Duroy ... Nein ... Ich erinnere mich nicht.«

»Wann erinnerst Du Dich je an etwas,« antwortete Maud.

Sie brach das Gespräch ab und ging ans Fenster, dessen Rouleau sie in die Höhe hob. Sie schaute hinab auf die Avenue, wo trotz der hellen Wintersonne eine leichte Schneedecke lag, auf die Wagen, die mit niedergelassenen Fenstern vorüberrollten und die eingemummten Fußgänger, die ihre Schritte beschleunigten.

Die Kammerzofe, die auf der Thürschwelle des kleinen Salons stehen geblieben war, fragte:

»Fräulein brauchen mich nicht mehr?«

»Nein. Sie können gehen.«

»Dann bringen Sie mich in mein Zimmer, liebes Kind,« sagte M me. de Rouvre, der es allmählich geglückt war sich auf die Füße zu stellen. »Maud! höre mal.«

»Du wünschest, Mama?«

»Ich brauche mich wohl nicht zu beeilen?«

»Nein. Bleibe auf Deinem Zimmer, bis M me. de Chantel kommt. Ich werde Dich benachrichtigen lassen.«

»Schön. Betty, geben Sie mir ihren Arm.«

Sie schritt, auf die Kammerzofe gestützt, dem großen Salon zu, das linke Bein schwerfällig hinter sich her ziehend. In der Thür wandte sie sich um:

»Maud!«

»Was giebt's, Mutter?«

Ihre nervöse Abspannung bemeisternd trat Maud wieder zu ihr ... Die Kranke suchte nach Worten, als ob das, was sie sagen wollte, sie verlegen machte.

»Den Reiher,« kam es endlich heraus, »weißt Du noch? ... mit den Steinen aus allem Straß, den wir neulich im »Vieux Japon« sahen ...«

»Ich weiß ... Was ist damit? ...«

»Was damit ist? ... Ich hab' vergessen, es Dir zu sagen: ich habe darum geschrieben. Heute abend wird er gebracht.«

Maud wurde plötzlich dunkelrot; die Falte in ihrer Stirn grub sich tiefer ein, und ihre Augen wurden beinahe schwarz.

»Aber das ist ja lächerlich! ... So sag' mir doch,« fügte sie hinzu, sich gewaltsam beherrschend, »wozu brauchst Du ihn eigentlich? ...«

»Ich brauche ihn gerade nicht,« entgegnete M me. de Rouvre, »aber es macht mir Vergnügen... Und ich habe sonst doch wenig Freuden, nicht wahr? Die Rechnung wird gleich mitgebracht werden. Ich denke mit drei Hundert Franken mehr oder weniger brauchen wir nicht zu rechnen, wie?«

Maud antwortete nicht. Während ihre Mutter sich am Arme Bettys entfernte, trat sie wieder in den kleinen Salon zurück. Vom Schreibtisch nahm sie in Gedanken einen zierlichen Federhalter aus Holz, eine Strand-Erinnerung; aber ihre Finger zitterten so stark, daß sie ihn zerbrach. Sie warf die Stücke in den Kamin, Betty zeigte sich von neuem.

»Fräulein?«

»Ist die Dame schon da?«

»Nein, es ist Herr Julien.«

Maud schlug mit der Hand auf den Marmor des Kamins:

»So legen Sie doch die Gewohnheit ab, Betty, kurzweg »Herr Julien« zu sagen, wenn es sich um Herrn de Suberceaux handelt. Vor Fremden besonders ist das lächerlich ... Weshalb kommt Herr de Suberceaux nicht herein?«

»Joseph hat ihm aufgemacht... Er wußte nicht, wo das Fräulein waren. Herr Jul... Herr de Suberceaux ging dann in Fräuleins Zimmer, ohne zu fragen.«

Betty hatte dies ganz arglos gesprochen; Maud schien auch durchaus nicht überrascht davon.

»Gut, sagen Sie ihm, daß ich ihn hier erwarte.«

Als sie allein war, sah sie sich in den Spiegel des Kamins, ohne Koketterie, mit dem Instinkt der Weltdame, die sich zum erstenmal am Tage vor einem Manne sehen laßt, und wäre es ein Bruder oder ein alter Freund.

Julien de Suberceaux erschien auf der Schwelle des kleinen Salons. Er war ein Mann von kaum dreißig Jahren, mit außerordentlicher Sorgfalt gekleidet, nach der Mode der Stutzer von 1830. Er war groß, muskulös und fein gebaut, mit einem hageren und glanzlosen Gesicht, wie die Basken es haben, fast ohne Schnurrbart, aber mit wundervollem braunen Haar, das er langgeschnitten trug. Der Ausdruck dieses Kopfes mit den scharfgeschnittenen Zügen, dem schmalen Kinn, den dünnen Lippen, der geraden Nase wäre hart, fast drohend gewesen, ohne die Klarheit der hellblauen Augen, vom Blau der Flachsblüten, voller Zärtlichkeit und Unentschlossenheit – Frauenaugen.

Maud wandte sich um und überflog seine Gestalt mit einem einzigen Blick, mit dem entzückten Blick der Liebenden, die wieder einmal den Mann ihrer Liebe elegant und bezaubernd findet.

Er nahm die Hand, die sie ihm hinreichte und küßte sie mit ceremonieller Höflichkeit.

»Guten Tag, mein Fräulein ... Wie geht es Ihnen? ...«

Er untersuchte mit einem schnellen Blick das Zimmer, in dem sie waren und den großen Salon nebenan...

»Nein ... niemand...« sagte Maud leise.

Darauf zog er sie an sich, preßte ihren Körper an den seinen, indem er mit den Lippen, auf dem Stoff der Kleidertaille, den schwellenden Hals und die geheimnisvolle Höhlung unterm Arm liebkoste, dann wieder ihren Nacken, ihre Augen und Wangen mit Küssen bedeckte, die sie ihm, voll und lange, wiedergab, wenn sie ihren Mund berührten.

Sie trennten sich, über und über erschauernd.

Maud, auf deren bleicher Haut eine zarte Röte lag, ging zurück an den Kaminspiegel und brachte mit einigen Bewegungen der schlanken Finger ihr Haar und die etwas zerdrückten Falten ihres Leibchens wieder in Ordnung. Suberceaux, der auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch geglitten war, betrachtete sie.

Sie stand aufrecht vor ihm, die Hände auf dem Rücken des Lehnstuhls.

»Maud! ... Meine geliebte Maud! ...« murmelte der junge Mann.

Sie sah ihm tief in die Augen; mit einer leisen und deutlichen Stimme, kaum die Lippen bewegend, sprach sie:

»Ich liebe Dich.«

Von ihren Zügen, ihren Augen, ihrem ganzen Gesicht, war jener unbestimmte Glorienschein der Jungfräulichkeit gewichen, der sie noch vor kurzem umgab, als sie neben ihrer Mutter saß und schrieb. Wie sie da stand, war sie ganz Weib, mit jenem heißen Feuer im Blick und dem eigentümlichen Besiegtsein in der Haltung, wodurch die Mädchen sich verraten, welche einmal die Besinnung unter den Liebkosungen des Mannes verloren.

Julien antwortete:

»Ich mußte es wieder von Ihren Lippen hören... ich habe schlimme Stunden verbracht seit unserem letzten Zusammensein bei den Reserviers.«

Sie setzte sich in den Lehnstuhl; ihre Augen hatten wieder ihren ruhigen, klaren Ausdruck. Dann fragte sie ihn aus:

»Wieder im Spiel verloren? ...«

»Nein, nein ... Im Gegenteil... Sehen Sie, meine Nacht.«

Er griff mit der Hand in die innere Seitentasche seines langen Überrocks, der, weit über der Brust und mit weiten Rockschößen, in der Taille fest anschließend war wie ein Frauenkleid, und zog daraus, damit Maud sie sehen sollte, einen Haufen zusammengeknüllter Banknoten halb hervor.

»Rue Royale?« fragte Maud.

»Nein. Deux Mondes, gegen Aaron.«

»Gegen Aaron? Um so besser! Aber einerlei, es ist unrecht von Ihnen. Sie haben mir versprochen...«

Suberceaux machte eine gleichgültige Handbewegung.

»Bah! was schadet's! ... Ich werde doch nie gründlicher auf den Hund kommen als gerade jetzt: und leben muß ich, nicht wahr? ... Und dann hindert's mich am Denken.«

Sie ergriff lächelnd seine Hand:

»Was wollen Sie denn vergessen? ... Mich?«

»Ja wahrhaftig! ich wollt' ich könnt's,« antwortete der junge Mann, indem er ihr rauh seine Hand entzog. Sagte aber sofort wieder:

»Ich bitte um Verzeihung ... Ich bin nervös und traurig. Sie machen mir so viel Kummer!«

Mauds Augen richteten sich fragend auf ihn: er wiederholte:

»Sie machen mir so viel Kummer ... Sie gehören mir nicht mehr ... Ich fühle es nicht mehr, daß Sie mir gehören.«

Ohne zu sprechen, zeigte das junge Mädchen ihm mit den Augen die Stelle, wo sie sich vor kurzen: wie zwei Liebende umarmt hatten. Und die Erinnerung machte Julien von neuem erschauern.

»Immer Vorwürfe ... immer ... Und doch kann ich Ihnen die Versicherung geben, ich thue, was ich kann.«

Suberceaux, der allmählich wieder sanft und ruhig geworden war, senkte den Kopf.

»Es ist so lange her,« stotterte er ... »so lange her ..., daß Sie zu mir gekommen sind!«

Er hatte die letzten Worte sehr leise gesprochen, als empfände er Furcht von der gehört zu werden, zu der er sprach. Wirklich erhob Maud sich auch ganz plötzlich; ihre Augen wurden tiefdunkel, ihre Stirn zog sich in Falten, und das hübsche Gesicht wurde vor Erregung entstellt wie vorhin, als ihre Mutter den Reiher aus altem Straß erwähnt hatte.

Aber Julien war schon wieder an ihrer Seite und flehte sie an:

»Ach Maud! Seien Sie mir nicht böse drum ... Ich weiß, daß es Sie verletzt, wenn ich davon spreche ... aber ich kann es nicht lassen, davon zu sprechen ... Diese Erinnerung ist für mich mehr als mein Leben ... diese beiden Male. Ich schwöre es Ihnen, wenn man mir sagte: »Sie wird wieder in Dein Haus kommen ... Du wirst sie dort eine Stunde behalten dürfen ... ganz allein, wie diese beiden Male ... aber nachher wird man Dich töten, man wird Dich sofort niederschießen ...« ich würde Ja sagen, ich würde die segnen, die mich töteten ... Denn ich liebe Sie, ich liebe Sie!«

Sie blieb sitzen, die Ellbogen auf den Tisch neben dem Kamin gestützt, und ließ ihn sprechen.

Er fuhr fort mit gebrochener Stimme:

»Das letzte Mal besonders ... das letzte Mal als Du bei mir warst ... es war am 3. Januar ... Ach Maud, wie schön Du bist ... nichts kommt Dir gleich ... Der Duft Deines Haares, Deiner Arme war in der Bettdecke geblieben ... Ich wollte nicht, daß sie das Bett abdeckten, und ich habe mich erst wieder hineingelegt, als der Duft ganz entschwunden war ... Und jetzt soll es vorbei sein! ...«

Sie wandte sich langsam um.

»Wie ungerecht Du bist! Empfange ich Dich hier nicht so oft Du willst? Überwacht man uns vielleicht? Hat man Dich je daran gehindert, in meinem Zimmer zu bleiben? Meine Mutter hat zuletzt alles ganz natürlich gefunden, und die Dienstboten sind dressiert.«

»Nein, nein,« erwiderte Suberceaux ... »Das ist eine ganz andere Sache, wenn ich Dich für mich, bei mir habe. Du sagst, die Dienstboten seien dressiert. Möglich, aber ich, der ich doch keine Memme bin – daß ich nur aus einer Kugel oder aus einem Säbelhieb nichts mache, das weißt Du – ich fühle mich bedrückt, wenn ich herkomme, von den mürrischen Mienen Josephs und Bettys ... Deine Mutter hat eine Binde vor den Augen, die wird niemals etwas sehen: mag sein! aber trotz alledem ist es mir unangenehm, sie zu begrüßen; ich komme freier zu Dir, wenn ich weiß, daß sie nicht hier ist. Und Jacqueline?«

»Ach! Jacqueline ... Ein Kind!«

»Ein Kind, das alles sieht ... Und sie versteht es uns wissen zu lassen, daß sie uns durchschaut.«

Maud näherte sich dem Gesicht Juliens und reichte ihm den Mund, den er leicht berührte.

»Ich liebe Dich. Das muß Dir genug sein ... Willst Du die Bequemlichkeiten der bürgerlichen Liebe, wenn Du ein junges Mädchen liebst? Sieh mich an: kannst Du nicht ein klein wenig leiden, um mich zu besitzen?«

Julien murmelte traurig:

»Ich habe Dich ja nie besessen.«

»Sag' das nicht. So spricht nur ein undankbarer und schlechter Liebhaber. Ich habe Dir alles gegeben, was ich Dir geben konnte ...«

Er bat:

»Sage nur, daß Du wiederkommen willst ...«

»Wo denn?«

»Rue de la Baume. Bei mir ...«

Sie machte eine ungeduldige Bewegung:

»Fängst Du nun wieder an? ... Ich habe Dir ja gesagt, daß man mir aufpaßt, daß man mich überwacht ... diese elende Ucelli, die Dir den Hof gemacht hat, und von der Du nichts wissen wolltest ... sie haßt mich, weil sie weiß, daß Du mich liebst ... Sie läßt mich von ihren Spionen verfolgen, davon bin ich überzeugt, diese Italienerin, diese fürstliche Kupplerin! Du lachst? Ich bin nicht das Mädchen, das sich um Kleinigkeiten ängstigt, das weißt Du ganz gut. Die beiden Male, wo ich Rue de la Baume besucht habe, hat sie's gewußt ... oder wenigstens geahnt.«

»Ich werde die Wohnung wechseln.«

»Nein; glaube mir, verlange das Unmögliche nicht. Darin verlaß Dich auf mich, wie wir uns am besten und am häufigsten sehen können ... Aber quäle mich nicht. Zu dieser Zeit mehr denn je muß ich auf meiner Hut sein.«

Julien fragte überrascht:

»Mehr denn je? Weshalb? ... Ist etwas los?«

»Wer weiß,« erwiderte Maud.

Er wurde blaß und schwieg einen Augenblick. Dann sagte er, scheinbar ruhig:

»Können Sie ... Wollen Sie mir sagen ... um was es sich handelt?«

»Ja,« antwortete Maud langsam, indem sie ihm fest in die Augen sah. »Ich will Ihnen alles erzählen, wenn Sie sich betragen wollen ... wie ich es von Ihnen verlangen kann.«

Julien machte ein Zeichen, daß er zuhörte.

Alle Beiden hatten gleichsam ohne Anstrengung den Ton und die Haltung von Weltmenschen angenommen, die sich gegenseitig gleichgültig sind.

»So hören Sie,« sagte Maud ganz kurz, »wie's kam. Diesen Sommer, im Juli war's (Sie sehen, es ist lange her), lernten wir in den Schlammbädern zu Saint-Amand eine Dame aus der Provinz kennen, M me. de Chantel, welche dort die Kur gebrauchte. Ihre Tochter Jeannette begleitete sie, ein Kind von fünfzehn Jahren, ganz hübsch, aber vollkommen unbedeutend. Während der letzten Tage ihres Aufenthaltes kam ihr Sohn Maxime ...«

Sie unterbrach sich:

»Klingelte es nicht eben?«

»Ja,« sagte Suberceaux; »ich habe das Klirren der elektrischen Glocke gehört. Es wird geöffnet. Schon Besuch?«

»Nein. Es ist nur ein kleines ... Aber richtig' Sie müssen sie ja kennen, die kleine Duroy ... Étiennette Duroy ...«

»Die Tochter von Mathilde Duroy?«

»Und die Schwester von Suzanne Duroy, Ihrer alten Flamme.«

»Ach was! Flamme! ...«

»Nicht? Es heißt doch, daß Sie der erste gewesen.«

»Weiß man das denn, bei diesen Mädchen!« antwortete Suberceaux. »Man ist nie der erste, glaube ich. Aber einerlei, wenn's Ihnen recht ist, möchte ich der Schwester lieber nicht begegnen. Warum in aller Welt empfangen Sie sie eigentlich?«

»Sie war in Picpus mit mir zusammen, und sie soll jetzt sehr anständig bei ihrer Mutter leben. Übrigens weiß ich nicht, was sie von mir will. Aber wir sind gute Kameraden gewesen, und es wird mir Vergnügen machen, sie wieder zu sehen.«

Das mürrische Gesicht Josephs erschien auf der Schwelle des Salons:

»Fräulein ... Die Dame ist da ...«

»Ich empfehle mich,« sagte Suberceaux.

»Gehen Sie durch den großen Salon ... Auf Wiedersehen heute abend, nicht wahr? Kommen Sie um halb sechs wieder. Mama wird auch erscheinen ... Führen Sie das Fräulein gleich hier herein, Joseph, durch den Korridor.«

Und während Maud den in Gedanken verlorenen Suberceaux bis an die Thür des großen Salons begleitete, sagte sie zu ihm:

»Kommen Sie heute abend ... Er wird hier sein ... Ich wünsche es.«

Dann, als er die Schwelle überschritten, durch die halboffene Thür, in leisem Ton wieder:

»Ich liebe Dich!«

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