Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Marcel Prevost >

Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/prevostm/halbeuns/halbeuns.xml
typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111205
projectid365d0e84
Schließen

Navigation:

V.

Sie, mein Kind, die von einer Mutter erzogen sind, welche für Sie ein Muster der innigsten Frömmigkeit war, Sie, die das Glück genossen haben, in einem stillen, friedlichen Heim aufzuwachsen, ohne andere Gesellschaft als Ihre ältere Schwester – Sie werden jetzt dieses Heim zum erstenmal verlassen, um Arm ihres angetrauten Gatten. Und wahrlich, das weiße Gewand der Braut, ihr keuscher Schleier und duftender Kranz, waren wohl nie Sinnbilder eines reineren Herzens, als es das ist, welches Sie Ihrem Bräutigam entgegenbringen. Oh! Wenn es herrlich ist für mich als Freund, Sie zur Braut zu weihen, auf Grund der Liebe, die ich für Ihre Familie hege, wie viel inniger muß meine Freude sein, als Diener des Herrn eine Verbindung einzusegnen, die durch die Anmut, Jugend und Unschuld der Braut an die Hochzeit einer Rebekka, einer Ruth erinnert, von denen das alte Testament berichtet ...«

Zwischen den zahlreichen, eleganten, aber nicht übertrieben andächtigen Zuhörern, welche das Schiff in der Saint-Honoré Kirche anfüllten, war Hector Le Tessier vielleicht der einzige, der vollkommen den schreienden Gegensatz fühlte zwischen der Wirklichkeit und den Worten, die sanft über die Lippen Seiner Hochwürden, des graubärtigen Bischofs Leverdet kamen, eines Freundes des verstorbenen Herrn de Rouvre. Die Braut, Jacqueline de Rouvre, und der Bräutigam, Luc Lestrange, benahmen sich übrigens sehr passend. Dadurch, daß sie eine strenge Unerschütterlichkeit in der Haltung und im Gesichtsausdruck zur Schau trug, hielt sie ihren Backfisch-Übermut im Zaum. Was ihn betraf, so war er wohl ein wenig nervös, ein wenig blasser als gewöhnlich, aber die kirchliche Umgebung hinderte ihn keineswegs daran, glühend, ja fieberhaft, an den baldigen Besitz dieses kleinen lasterhaften und beunruhigenden Wesens zu denken, daß da neben ihm, in Tüll und Atlas eingehüllt, auf einem der roten goldbefransten Sammetstühle saß.

Im Brautgefolge, wo die politische Welt von Paris Seite an Seite saß mit der Pariser Welt, die sich amüsieren will, verhinderte weder der Ernst des heiligen Orts, noch der feierliche Charakter der kirchlichen Ceremonie, ja selbst die salbungsvolle Rede des Bischofs, nicht die flüsternde Unterhaltung und lüsterne Neugierde, womit die Leute, welche ihre Zeit nicht besser hinzubringen wissen, jeden Skandal der intimsten Art bis zur geringsten Einzelheit auskosten. Wie auf einem Balle hatten sich die Herren und Damen nach ihren Herzensneigungen gruppiert. Der Romanschriftsteller Espiens hatte sich der hübschen M me.. Duclerc zugesellt, deren Mann wie gewöhnlich durch Abwesenheit glänzte. Kaum war Dora Calvell in die Kirche getreten, von ihrer Gesellschafterin, Fräulein Sophie, begleitet und hatte ihren Platz eingenommen, so verließ Valbelle Hector Le Tessier, eilte zu ihr hin und setzte sich ruhig hinter sie. Und während er sich über den Rücken ihres Betstuhls beugte, und sie mit dem kleinen Gebetbuch vor ihrem niedlichen, tropischen Vogelgesicht sich ihm halb zuwendete, setzten sie öffentlich ihren ungenierten »Flirt« fort, der ihren Freunden zu großer Belustigung diente, und der in einem bedenklichen Grade zugenommen hatte, seitdem Valbelle angefangen Doras Porträt zu malen. Marthe de Reservier hatte ihren neuen Anbeter, einen Grafen von Rothenhaus im Schlepptau. Er war Östreicher und stand in irgend einer unbestimmbaren Verbindung mit der Diplomatie: ein kleiner, kahlköpfiger Herr mit nahe zusammenstehenden Augen, der bei den Damen Glück machte wegen seiner ungewöhnlichen Geschicklichkeit im Tennisspiel. Bleich, unbeweglich, ihre großen hysterischen Augen fest auf den Chor gerichtet, saß Madeleine de Reversier. Sie betete nicht, sie sprach nicht, sie regte sich nicht, sondern starrte wie verloren auf die Erhöhung, wo das Brautpaar saß.

Inzwischen fuhr der Bischof fort:

»An mancher Stelle der heiligen Schrift hat Gott der Herr es uns geoffenbart, daß er die gegenseitige Liebe unter den Menschen nicht verdammt, daß er sie eher billigt, ja selbst segnet, doch nur insofern er selbst der höchste Zweck dieser Liebe bleibt. Die christliche Braut soll in ihrem Eheherrn den anwesenden Repräsentanten ihres Schöpfers lieben ...«

»Ein schöner Repräsentant!« dachte Hector im stillen.

Aber in diesem Augenblick bemerkte er Juliette Avrezac dicht neben sich. Er sah sie erröten und ihr Gesicht hinter den behandschuhten Fingern verbergen; und indem er sich nach der Richtung wandte, in der er ihren Blick ertappt hatte, entdeckte er Julien de Suberceaux, der in einer der hintersten, leeren Stuhlreihen aufrecht stand, untadelhaft elegant wie immer. Aber seine Stirn war bleich und gefurcht, das unbewegliche, maskenhafte Gesicht war wie vom Fieber abgemagert und rief ein Entsetzen hervor, wie jene vom Tode gezeichneten Gesichter, die man mitunter flüchtig hinter den Fenstern eines Hospitals sieht.

»Was will der eigentlich hier?« dachte Hector.

Ohne Maud wegen der Einzelheiten befragt zu haben, wußte Hector im wesentlichen, was geschehen war. Am Abend desselben Tages, als der Bruch stattgefunden, hatte Maxime ihm ganz kurz mitgeteilt, daß er mit seiner Mutter und Schwester nach Vézéris abreise. Er hatte sein Bedauern ausgesprochen, seine Freunde so plötzlich verlassen zu müssen, und hatte Hector das Versprechen abgenommen, ihn im Laufe des Sommers auf Vézéris zu besuchen, Maud war mit keinem Wort erwähnt, ihr Name war nicht einmal zwischen ihnen genannt worden.

Diese plötzliche Abreise hatte eine unerwartete Wirkung auf Hector gehabt, Sie hatte ihn darüber aufgeklärt, welche Leere Jeannes Abwesenheit bei ihm hervorrief. Während der ersten Tage hatte er sich hartnäckig dieser Erkenntnis verschlossen. Er hatte sich selber gescholten: »Es ist doch zu thöricht. Ich weiß ganz genau, daß dies kleine Mädchen mir in Wirklichkeit gleichgültig ist; ich werde sie bald vergessen.« Es verstrichen aber acht bis zehn Tage, ohne daß es ihm gelang, das unangenehme Gefühl von Einsamkeit und Leere zu verscheuchen. »Es nützt nichts,« sagte er, »ich muß vergessen.« Eines Abends, als er müde und unzufrieden mit sich selber heimkam, fand er einen Brief vor, in einer Handschrift, die er nicht kannte. Er erriet sofort, daß er von ihr war. Es stand darin: »Ich weiß, daß ich etwas sehr Unpassendes thue, aber ich bin so furchtbar traurig. Ich muß wissen, ob ich ins Kloster gehen soll.« Als Hector den Brief empfing, war er allein. Er ertappte sich dabei, die schüchternen Schriftzüge, die Jeannes Hand geschrieben hatte, mit Küssen zu bedecken. Gleich darauf verhöhnte er sich selber. »Du benimmst Dich ja wie ein dummer Schuljunge. Es ist doch zu idiotisch, in meinem Alter und bei meinen Erfahrungen mit jungen Mädchen!« Aber sein Gewissen protestierte. »Nein! Sie ist nicht wie die anderen; daß weißt Du sehr gut. Du bist wirklich ihr einziger Gedanke. Sie hat nie vorher geliebt! Sie hat ihre Seele und ihren Körper nicht dem Zufall preisgegeben! Wenn sie das Wort Kloster in den Mund nimmt, so ist das keine Phrase. So wird sich ihr Leben wirklich gestalten, wenn Du sie nicht haben willst ...«

Er empfand eine innige Zärtlichkeit für sie, und vor allem konnte er den Gedanken nicht aushalten, daß dies kleine liebevolle Mädchen um seinetwillen litt. Das gerade ist ja der Riß im modernen Egoismus, daß selbst die am meisten Verhärteten dennoch eine fast weibische Furcht vor den Leiden anderer haben.

Am selben Abend schrieb er an Maxime, um ihm seine baldige Ankunft in Vézéris mitzuteilen. Den entscheidenden Schritt wagte er noch nicht. Aber in Wirklichkeit hatte er seinen Entschluß gefaßt. Er wußte recht gut, daß es mit einer Heirat enden würde; und als er nun heute, als ernster Zeuge bei der Trauung einer von denen, die er » demi-vierges« getauft hatte, anwesend war, wurde er tief betroffen davon, wie groß der Unterschied war zwischen den Prinzipien der christlichen Ehe – an die er, trotz seines Skeptizismus und Dilettantismus doch immer noch glaubte – und den Sitten der genußsüchtigen Pariser Welt, zu der er gehörte.

In diesem Augenblick begann Seine Hochwürden, der Bischof, das Lob des Bräutigams anzustimmen:

»Sie, mein lieber Bräutigam, gehören einer Elite von jungen Männern an, denen die Leiter des Staats vertrauensvoll einen Teil ihrer Autorität überlassen haben. Und Sie, die also an der Regierung Ihres Volkes teilnehmen, Sie werden wissen, daß der feste Grund des Volkswohles in der Unantastbarkeit des Heims liegt, in der Achtung vor der Heiligkeit der Ehe ...«

Diese großen Worte rollten über die Köpfe der vollkommen gleichgültigen Versammlung hin, die schon anfing, die Rede ziemlich lang zu finden. Man unterhielt sich setzt ganz ungeniert; ein lautes Kichern klang von der Ecke her, wo einige Freunde sich um Dora und Balbelle gruppiert hatten. Hector dachte: »Welche Farce! Lestrange ein Leiter des Volkes! Das ist ebenso treffend wie Jacquelines Unberührtheit und die Heiligkeit ihrer Ehe! Weshalb diese offizielle Heuchelei? Weshalb? Wozu dieser verlogene Putz? Wozu diese Blumen, die »körperliche Unberührtheit« bedeuten, um die Stirn dieses verdorbenen kleinen Mädchens? Wozu das öffentliche Versprechen der Treue, zwischen Leuten, die sich völlig darüber klar sind, daß sie sich, wie und wann es nur möglich ist, amüsieren wollen? Wozu den ehrwürdigen Apparat der christlichen Hochzeit zu dieser modernen Verbindung, die nicht ein einziges der eigentümlichen Kennzeichen besitzt, welche die Schönheit der christlichen Kirche bilden? ... Welchen Wert hat eine Gesellschaft, in der Sitten und Institutionen nicht miteinander in Übereinstimmung gebracht werden können, ohne derartigen Hokuspokus? Und wie lange wird die Institution bestehen können, wenn die Sitten nicht reformiert werden? ...«

Der Bischof schloß seine Rede mit einigen Worten von der zahlreichen Nachkommenschaft, die er dem jungen Paare wünschte. Wieder die alte Leier! Beide Eheleute, sowohl die kleine weißgekleidete, rothaarige Braut, wie der professionelle Frauenverderber, waren sich darüber einig, daß sie sich im Gegenteil alle erdenkliche Mühe geben würden, ihre Nachkommenschaft so viel wie möglich zu beschränken. Ebenso waren sie sich in rührender Weise darüber einig, daß sie gegenseitig so viel Vergnügen wie möglich von einander haben wollten, um sich später, wenn das Plaisir aus war, durch die bequeme Pforte der Scheidung wieder zu trennen. Fruchtbarkeit, Treue, Unauflöslichkeit – alles, was ehemals die Ehe so edel und erhaben machte, was war davon geblieben in dieser Verbindung zwischen zwei so ausgeprägten Egoisten, einem weltklugen, jungen Mädchen mit einer angefaulten Seele und erregten Sinnen, und einem Bräutigam, der sich zur Verachtung der Frau und der Familie erzogen hatte.

Zum Schluß sprach der Bischof den Segen über das junge Paar. Und nun folgte die ganze Entfaltung der symbolischen Liturgie, die bei der zerstreuten Versammlung doch eine gewisse andächtige Stimmung hervorrief. Man folgte dem Austausche der Ringe mit Aufmerksamkeit, man horchte gespannt auf das »Ja« der Brautleute ... Und als das »Ja« gesprochen war und der Bischof sein: » Ego autem marito vos in Spiritu sancto« gesagt hatte, ging durch die skeptische und ganz ungläubige Versammlung trotz alledem ein Gefühl, als ob etwas Neues, eine mystische Seelenverbindung in diesem Augenblick verwirklicht Ware, daß Lestrange und Jacqueline verheiratet waren – der dunkle Glaube an die Bedeutung des Sakraments, den ein zwanzig jahrhundertaltes Christentum in den Seelen der Menschen befestigt hat.

Die Gleichgültigkeit, das unpassende Geplauder, das Gelächter und der Lärm nahmen wieder überhand, als die Messe begann, und hörten erst wieder auf mit ihr. Das Almosen-Einsammeln gab Anlaß zu Bemerkungen und Lachen, wie beim Auftreten beliebter Schauspieler auf der Bühne. Die beiden Brautführer waren Kollegen und Freunde von Lestrange; die Brautjungfern waren Marthe de Reversiers und Maud. Während diese letztere, Hand in Hand mit ihrem Begleiter, von Stuhlreihe zu Stuhlreihe schritt, richteten sich selbstverständlich aller Blicke auf sie. Seitdem sie nach Paris zurückgekehrt war, hatte sie mit niemandem darüber gesprochen, daß die Heirat sich zerschlagen hatte, und niemand wagte es, sie danach zu fragen. »Eine großartige Schauspielerin!« dachte Hector, indem seine Augen ihr folgten. »Wenn man es nicht wüßte, würde man es nie glauben, daß diese Frau dort ruiniert, verlassen und auf die schlimmsten Auswege angewiesen ist ...« Sie ging vorüber mit einer solchen königlichen Würde, so wunderschön, daß sie sich die Bewunderung ihrer Feinde erzwang, so berückend, daß den Männern das Blut zu Kopfe stieg, wenn sie ihre Opfergabe in den dargereichten Beutel legten ... Hector beobachtete sie ... Sie trat an Julien de Suberceaux heran; die Gabe fiel klingend in den Beutel; nicht der geringste Zug ihres Gesichts verriet eine Bewegung, während er einen Augenblick darauf überwältigt zusammensank und auf den Betstuhl niederkniete:

Eine Stimme hinter Hector sagte:

»Ich habe in der ganzen Kirche herumgesucht; Étiennette ist nicht da. Hast Du sie irgendwo gesehen?«

Es war Paul Le Tessier. Er war eben gekommen und nahm neben seinem Bruder Platz.

»Nein,« antwortete Hector. »Ich habe sie nicht gesehen. Wir können ja Maud fragen.«

»Ja. Wir wollen aber warten, bis wir in die Sakristei kommen. Dieses Familienfest muß doch endlich mal ein Ende nehmen?«

»In fünf Minuten ... aber die Vorstellung in der Sakristei wird lange dauern.«

Der Aufzug der Glückwünschenden schien in der That nicht enden zu wollen. Ein langer, finsterer Gang führte in den kleinen Raum hinein – eine wahre Dorfkirchen-Sakristei, wo die Neuvermählten, von ihrer Familie umgeben, Begrüßungen und Umarmungen mit dem Gefolge austauschten. Man ließ sich im Dunkel des Ganges völlig Zeit und wartete geduldig. Die Freunde fanden sich schnell, man löste sich paarweise aus dem Gedränge und drückte sich in die Ecken hinein, wo man sich in jenem vertraulichen Flüsterton mit einander unterhielt, der die Sprache des »Flirt« ist. Einige vergaßen sich ganz, benahmen sich in der Kirche wie im Nebenzimmer eines Ballsaales und amüsierten sich damit, sich aneinander zu pressen, wozu ihnen das Gedränge einen guten Vorwand bot. Rothenhaus erzählte Marthe de Reversier, M me. Duclerc und Juliette Avrezac von einem Bohême-Ball, einem fin de siècle-Ball, den er in der vorhergehenden Nacht mitgemacht hatte, wo unter anderem ein nacktes junges Mädchen auf einem Schild im Saal herumgetragen war; später hatte dieselbe den indischen »Magentanz« ausgeführt...

»Alle Morgenblätter sind voll davon,« sagte er, während seine Augen von der Gier leuchteten, welche die Ausländer in Paris zu befallen Pflegt. »Man sagt, daß die Polizei sich einmischen wird ... Ich bin froh, daß ich gestern nacht dabei war ... Es war kolossal!«

In seiner Nähe stand Hector ein wenig abseits und unterhielt sich leise mit Suberceaux. Valbelle, der sich in der Gesellschaft von Paul Le Tessier, M me. Avrezac und Dr. Krauß befand, konnte es nicht lassen, Dora zu necken und wollte durchaus ihre Meinung über die Ehe wissen.

»Ach,« antwortete die kleine Dame und lachte, daß man ihre wundervollen, perlmutterschimmernden Zähne sah, »ich versichere Sie, ich habe durchaus keine Eile. Es ist viel angenehmer, allein im Bett zu schlafen.«

»Oh ja, da mögen Sie recht haben!« scherzte Balbelle. »Das läßt sich aber auch sehr wohl in der Ehe einrichten. Haben Sie vielleicht die Physiologie von Balzac gelesen, Fräulein Dora?«

»Balzac? Nein! Was für einer ist denn das? Ich bin überzeugt, es wird wieder so ein Buch sein mit Illustrationen drin, wie Sie mir neulich im Atelier zeigten. Sie wissen, so etwas will ich nicht wieder sehen!«

Doras erstaunliche Unwissenheit war eine unversiegbare Quelle der Belustigung für ihre Freunde. Balbelle hielt eine kleine Vorlesung über das Kapitel in der Physiologie der Ehe, auf welches er hingedeutet hatte. Dr. Krauß lächelte in seinen grauen Bart hinein und schlug modernere Erfindungen vor.

»Es existiert ein ganz neues System, ein Bett nämlich, das nach Belieben auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden kann. Kennen Sie es nicht. In Amerika ist es sehr gebräuchlich.«

»Pah!« sagte Dora, »das behalten Sie nur drüben. Das wird natürlich viel zu quäkerhaft, viel zu sehr »Heilsarmee« sein. Ungefähr so wie die Nachthemden ...«

Sie hielt plötzlich inne und wurde diesmal ganz rot im Gesicht. Die anderen sahen sich an und lächelten.

»Vorwärts!« sagte der Maler und zog Doras runden Arm in den seinen, während sie ihm, etwas verwirrt, Vorwürfe machte:

»Sie müssen sich auch immer über mich lustig machen ... Es macht Ihnen Spaß, wenn Sie mich so weit haben, daß ich im Beisein anderer Dummheiten sage; schließlich werde ich Ihnen ernstlich böse deshalb. Kann ich dafür, daß ich dumm bin?«

»Aufrichtig gestanden,« antwortete Balbelle, »habe ich Sie nie lieber, als wenn Sie Dummheiten sagen ...«

»Ist das wirklich wahr?«

Und über ihre schwarzen Augen legte sich ein Schleier von verliebter, schäkernder Zärtlichkeit.

»Ja, ja! Gerade so, wie Sie in diesem Augenblick sind, liebe ich Sie.«

Und als sie durch die dunkle Wölbung in die Sakristei hineingingen, drückte er einen Kuß, der sie sanft erschauern ließ, auf den Nacken der kleinen Kreolin.

*

Maud, die sich über das lächerlich Spießbürgerliche in diesem Aufzug ärgerte, hatte schnell ihre Mutter, hier, Schwester, Lestrange und die übrige Familie verlassen, und sich in eine leere Kapelle nebenan zurückgezogen. Aaron kam ihr augenblicklich nach. Sie empfing ihn mit höflicher Kälte. Er versuchte in seiner gewöhnlichen, unterthänigen und demütigen Weise sich Freiheiten herauszunehmen, die Maud mit Verachtung zurückwies. Mit seiner dicken schmunzelnden Stimme stotterte er:

»Hoch erfreut ... über diese Feier ... die mich hoffen laßt, daß meine Zeit bald kommen wird ...«

Und als Mauds Gesicht finster wurde, verriet er seine Unruhe:

»Sie haben sich doch nicht anders besonnen?«

Seine Augen funkelten vor widerwärtigster Lüsternheit. Maud antwortete:

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich auf den Handel einginge.«

Bei den höhnischen Worten senkte er den Kopf. Darauf fügte er gedämpft und mit erstaunlicher Zungenfertigkeit:

»Die letzten Wechsel sind heute morgen bezahlt. Den Kaufkontrakt wegen des Hotels in der Rue Alphonse de Neuville habe ich unterschrieben. Sie können einziehen, sobald Sie heimkommen.«

»Gut,« sagte Maud. »Es ist also abgemacht. Morgen abend reisen meine Mutter und ich nach Spa; in acht Tagen können Sie zu uns stoßen. Jetzt gehen Sie.«

Er gehorchte und entfernte sich; als er Maud aus den Augen war, nahm er wieder seine frühere arrogante und anmaßende Haltung an. Und er hörte die Drohung nicht, die sie mit der ganzen Kraft des Widerwillens und der Wut hinter ihm her schleuderte.

»Ja warte, Du Schurke! Du sollst ihn mir bezahlen, den Bankerott meines Lebens! Und teuer bezahlen!«

Doch faßte sie sich gleich wieder, als sie Paul Le Tessier in die Kapelle treten sah. Er hatte sie gesucht.

»Sie sind gekommen, mich nach Étiennette zu fragen, nicht wahr?« sagte sie.

»Ja! ... Ich sehe sie nirgends ... ich bin unruhig ihretwegen. Sie ist doch Wohl nicht krank?«

»Nein. Aber sie bekam heute morgen, gerade als wir fahren wollten, einen Brief, der sie dringend irgendwo hin berief.«

»Von wem mag der Brief gewesen sein?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen, denn ich weiß es nicht. Aber eifersüchtig brauchen Sie nicht zu sein. Er war von einer Dame.

Beruhigt küßte Le Tessier sie auf die Hand. Maud hatte nur die halbe Wahrheit gesprochen. Étiennette hatte allerdings frühmorgens einen sehr dringenden Brief erhaltender Brief war von Suzanne, die sich in Paris aufhielt, ohne daß die Schwester es ahnte.

Allmählich leerte sich die Sakristei; M me. de Rouvre, Jacqueline und Lestrange traten zu Maud herein.

»Himmel!« sagte die Braut ... »Wäre es mit ebenso vielen Weitläufigkeiten verbunden, seinen Mann zu betrügen, so gäbe es sicher nicht so viele untreue Frauen.«

Hector Le Tessier trat still und unbemerkt zu Maud hin und flüsterte ihr ins Ohr:

»Er möchte Sie sprechen.«

Sie erblaßte; aber nicht aus Furcht, sondern vor Zorn:

»Welcher er! Julien?«

»Ja ... Er wird Sie verfolgen bis nach Haus, wenn Sie ihm nicht ein kurzes Gespräch bewilligen. Ich erlaube mir, Ihnen den Rat zu erteilen, ihn hier zu empfangen ... es ist fast niemand mehr hier ... hingegen beim Frühstück ... Er erwartet Sie am Eingang.«

»Gut. Ich werde kommen!«

Sie traf ihn am Eingang des halbdunkeln Korridors.

»Maud ... ich will Sie wieder sehen ... ich will es, ich muß es. Ach, ich habe so furchtbar gelitten! ... Ich liebe Sie so sehr!«

Er sprach mit gebrochener Stimme; seine Zähne schlugen aufeinander vor Aufregung.

»Höre mich an!« antwortete Maud und sah ihm dabei gerade ins Gesicht. »Ich werde nie mehr die Deine sein, weil Du Dein Wort gebrochen hast, und weil Du Dich erbärmlich benommen hast. Das ist das erste, was ich Dir zu sagen habe. Und dann: in acht Tagen werde ich Aarons Maitresse. Hast Du verstanden? Und nun: Geh!«

Flehend und bettelnd sagte er:

»Maud ... ich töte mich ... Ich schwöre es Dir, wenn Du mich fortschickst, so nehme ich mir das Leben.«

Sie sah ihm fest in die Augen, und mit derselben leise vibrierenden, leidenschaftlichen Stimme, womit sie ihm ehemals gesagt: »Ich liebe Dich!« antwortete sie, indem sie die Thür der Sakristei vor ihm zuschlug:

»Gut! Töte Dich!«

*

Eine Stunde darauf war großes Frühstück in der mit Laub geschmückten Halle der Avenue Kléber. Ein zwischen grünen Pflanzen aufgestelltes Orchester von spanischen Guitarrespielern, trug stürmische Tanzweisen vor; die Paare tanzten im Visitenanzug. Man hatte Paul Le Tessier nicht überreden können zu bleiben, er war sofort in die Rue de Berne geeilt, um Étiennette aufzusuchen.

Aber Hector war da. Er stand einsam in einer Fensternische und betrachtete im hellen Tageslicht, das voll durch die großen Fenster hineinströmte, das Gebahren der Schauspieler jener intimen Intriguendramen, die er so oft vordem beobachtet hatte. Und schweigend, ohne sich in die Gruppen zu mischen, Verfiel er in Grübeleien, die bitteren Wermut in den honigsüßen Becher seiner Hoffnungen mischten.

»Und diese Menschen habe ich lieben können, an den Geistreichigkeiten dieser Männer habe ich mich erfreut, diese Frauen habe ich begehrt ...«

Ach damals! Als er zwanzig Jahre alt war! Damals hatte er Fieber gehabt, wenn er auf einen Ball sollte; die Pariserinnen hatten ihn berauscht und berückt; in welcher naiven und verlegenen Weise hatte er nicht die erklärten Schönheiten und die berühmten Männer bewundert. Als dann allmählich die Jahre schwanden, und die Bälle, die Gesellschaften und Premieren ihm nichts Neues mehr boten, waren die Enttäuschungen gekommen. »Und jetzt sehe ich, wie leer das alles ist, sowohl die Geistreichigkeit der Männer als die Schönheit der Frauen, und die Zeit, die man in ihrer Gesellschaft verbringt, ist verloren.« Wie die jungen Männer, die dort herumtanzten, hatte auch er Erregung für seine Sinne in den Blicken der verheirateten Frauen gesucht, in den hellen Augen der jungen Mädchen. »Und wie habe ich sie jetzt alle satt! ... Es ist unter ihnen keine, um die ich einen Schritt thun würde!«

Selbst das Beobachten dieser strahlenden und verderbten Welt machte ihm keinen Spaß mehr. Daß Dora den Nachmittag bei einem Maler zubrachte, daß Juliette Avrezac zu Suberceaux lief, daß die kleinen Fräulein de Reverstier und andere mit ihnen in der Gesellschaft der Herren eine unfruchtbare Nervenerregung suchten und fanden, war ihm so tödlich langweilig geworden! Wenn das Ereignis, daß ein junges Mädchen sich in aufrichtiger Leidenschaft einem Manne hingibt, ein wahrhaft ergreifendes Seelendrama sein kann, so erhob sich das leichtfertige Getändel dieser genußsüchtigen kleinen Damen nicht weit über das Vaudeville.

»Die wirklich Seelenvolle unter ihnen, Maud, unsere schöne Sphinx, gibt ihr Rätsel auf, und die Prostitution ergreift sie, wie alle die anderen

Ja, die Prostitution! Das war es, was die demi-vierges unter verschiedenen Verkleidungen und an irgend einem Punkt ihres Lebens lauernd erwartete. Vor oder nach der Ehe, als letzter und schlimmster Ausweg für die Verlassenen, und für die schlecht Verheirateten als Ersatz ... aber fast ohne Ausnahme immer. Die Logik der Dinge zeigte sich Hector in einem einfachen und unvermeidlichen Zusammenhange. »Denn, wenn die Entsagung, die die Kirche befiehlt, und die von Natur in der wahren Zärtlichkeit der Frau schon enthalten ist, nicht die Regel für die Vereinigung der Geschlechter ist, so wird diese mit dem Streit zwischen der Hingebung und den Interessen zwischen der Liebe und dem Gelde enden, und diesen Streit wird nur die Prostitution schlichten können.«

Bei diesen Gedanken stieg ein Gefühl von Ekel und Bitterkeit in ihm auf ... Es nutzte nichts, daß das Orchester die sprudelnde Fröhlichkeit der peneteras über den Saal hinrauschen ließ, daß die Frauen lächelten, und die Männer sie in den wirbelnden Tanz hineinzogen: unter aller Lustigkeit, unter dem Grün, den Blumen und allem Putz schimmerte deutlich vor seinem inneren Blick der Stein hervor auf dem großen Grabe, in das diese verfaulte Gesellschaft langsam und unaufhaltsam hinabgleiten mußte, weil sie die Quelle zur menschlichen Liebe: die Unschuld der jungen Mädchen, hatte versiegen lassen, weil sie die Ehe getötet hatte, dadurch, daß sie den Begriff das junge Mädchen vernichtete.

»Ja, diese Gesellschaft ist verfault, der Gestank der Prostitution steigt schon daraus hervor: jam fætet.« Und plötzlich überfiel Hector eine heiße Lust, davon zu laufen, den Staub seines alten Verkehrkreises von den Füßen zu schütteln, ihn zu verlassen, um nie wieder zurückzukehren.

Und gleichzeitig erblickte er seine Rettung, sein Chaldäa: ein verborgener, stiller Winkel in der Provinz, wo ein wirkliches junges Mädchen, keusch an Seele und Leib, von ihm träumte und seiner wartete, seiner, der – so schien es ihm jetzt, ihrer so ganz unwürdig war.

Ohne von jemandem Abschied zu nehmen, als flüchte er aus einem Theater, das von den Flammen bedroht wird, eilte er hinaus. Er stieg die Treppe in der Avenue Kléber hinunter, die er, der lustige und skeptische Freund der Frauen, so oft betreten, und er dachte:

»Zum letztenmal!«

Nachdem Hector sich entfernt hatte, wurde das Fest noch eine Weile fortgesetzt. Allmählich leerte sich der Saal, und es waren nur noch einige unermüdliche Paare zurückgeblieben, als Maud, die sich mit dem Schriftsteller Henri Espiens unterhielt, abgerufen wurde.

»Fräulein Étiennette möchte das Fräulein sprechen.« Nach ihrer Rückkehr von Chamblais war Étiennette zu de Rouvres gezogen, wo sie ein Zimmer bewohnte das neben Mauds lag. Hier traf diese sie.

Étiennette warf sich sofort an die Brust der Freundin.

»Wie traurig ich bin! ... Ach Liebe, Liebe ...«

Maud nahm sie auf den Schoß, küßte und liebkoste sie. Sie hatte Étiennette aufrichtig lieb, so, Wohl wegen ihrer Anmut und Schönheit, als wegen ihrer klaren, gesunden Seele, obgleich es Stunden gab, wo sie sie um diese Gesundheit, diese absolute körperliche Unberührtheit, die das junge Mädchen sich zu bewahren gewußt hatte, mit einer gewissen bitteren Sehnsucht beneidete.

»Was hast Du denn, liebe Kleine? Ist Suzanne vielleicht krank?«

»Ach nein, nein! ... Es ist viel schlimmer! ...

Weinend erzählte sie ihr die zugleich traurige und groteske Geschichte von der Ball-Orgie, die in der vorhergehenden Nacht stattgefunden hatte, von dem betrunkenen Mädchen, das sich nackend vor fünfhundert verrückten Männern gezeigt hatte, von der Polizei, die eingeschritten, von der Verhaftung und von den Boulevardblättern, die bereits das Referat des Skandals in ihren Spalten brachten.

»Da lies selbst,« sagte sie und reichte ihr eine Zeitung. »Es steht alles da ... von meiner Schwester, meiner Mutter ... ja selbst von meinem Vater.«

Ein unternehmender Reporter hatte sich wirklich Anekdoten aus Suzannes Vorzeit verschafft, nannte den Namen von Mathilde Duroy und machte durch leicht zu durchschauende Anfangsbuchstaben Andeutungen auf den verstorbenen Deputierten Asquin.

»Aber Dein Name wird ja gar nicht genannt,« sagte Maud mit aufrichtiger Teilnahme.

»Was will das sagen? Ich, verstehst Du wohl, interessiere niemanden. Aber mein lieber Traum ist doch vernichtet. Armer Paul!«

Sie heuchelte nicht. Ihr tiefster Kummer war wirklich der Gedanke an den Schmerz und Ärger, den dieser Vorfall dem Manne, den sie liebte, bereiten würde.

Maud suchte sie zu trösten:

»Paul liebt Dich zu sehr, als daß eine Begebenheit, für die Du nicht verantwortlich bist, irgendwelchen Einfluß auf ihn haben sollte.«

»Er? Armer Freund! Ja, ich weiß, daß er mich aus dem Grunde nicht weniger lieb haben wird. Aber wir können uns jetzt unmöglich verheiraten. Wenn Paul es auch wollte, so thäte ich es nicht. Denke nur, was seine politischen Widersacher aus dieser Geschichte machen können! Und Paul schaden! Nie im Leben!«

Maud konnte ihr nichts entgegnen. Sie sagte nur:

»Was willst Du thun?«

»Ich will in die Rue de Berne ziehen, ganz still leben und arbeiten. Was bliebe mir sonst wohl übrig zu thun?«

»Freilich,« sagte Maud und zuckte die Achseln, »ist das alles sehr unangenehm für Dich, Étiennette, aber, erlaube mir, es Dir zu sagen, durchaus kein Grund für Dich, Paul nicht mehr sehen zu wollen, Ihr liebt Euch ja und habt alles gethan, was in Eurer Macht stand, um Euch heiraten zu können. Wenn Euch jetzt Umstände daran verhindern, an denen Ihr vollkommen unschuldig seid, so wäre es doch, aufrichtig gestanden, zu dumm von Euch, wenn Ihr Euch nicht darüber hinwegsetztet. Kommt Zeit, kommt Rat! –

Alles wird vergessen! ... Der Tag wird kommen, da Paul sein öffentliches Amt niederlegt, wo er die Bank und den Senat aufgibt, das hat er schon so oft zu mir gesagt. Dann könnt Ihr Euch verheiraten. Aber bis dahin liebt Euch und seid glücklich.«

Étiennette schüttelte hartnackig den Kopf.

»Nein, was Du da sagst, ist sehr vernünftig; es ist auch die einzige Hoffnung, die mir noch bleibt. Ich glaube wohl, daß Paul mich heiraten wird, wenn er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, und dann willige ich auch ein. Aber bis dahin will ich auf keinen Fall, unter keinen Umständen, seine Geliebte werden ... Mag es dumm sein, mag es verrückt sein, wie Du willst. Aber ich will nicht, ich kann nicht; ich fühle, daß ich ihn von dem Augenblick an nicht mehr lieben würde, ich würde unglücklich werden.«

Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander da ... Wer von ihnen hatte recht? Sie wußten es nicht; ihr Gewissen war irregeleitet, sie folgten beide nur den Eingebungen ihres Temperaments.

»Und wovon willst Du leben, Du arme Kleine?« fragte Maud.

Étiennette lächelte durch ihre Thränen:

»Ich will in Gesellschaften die Guitarre spielen, und singen ... Weißt Du noch, wie ich im Februar zu Dir kam und Dich um Deine Hilfe bat? Es sind nur vier Monate her. Aber wie vieles hat sich inzwischen geändert, was haben wir nicht alles in der Zeit erlebt!«

Bei der Erinnerung an jenen Tag, wo sie ihre Kloster-Freundschaft erneuert hatten, fielen die jungen Mädchen sich in die Arme. Und Maud weinte zum erstenmal, als ihre kleine zärtliche und gute Freundin sie mit der aufrichtigen Liebe umarmte, die das einzige war, was ihr am Vorabend ihres künftigen freudlosen Lebens aus der Vergangenheit blieb.

28. Mai, 4 Uhr.

»Maud, ich gehorche Dir. Ich töte mich. Mein Entschluß war gefaßt von dem Tage an, da Du mich in Chamblais so unbarmherzig fortschicktest. Wenn ich mit der Ausführung zögerte, so war es nicht, weil ich den Tod fürchtete; auch nicht, weil ich Dich umzustimmen hoffte. Aber ich wollte Dich noch einmal sehen, Maud ... und als ich begriff, daß Du mich nicht mehr empfangen wolltest, habe ich die Trauung von Jacqueline abgewartet, um doch eine Gelegenheit zu finden, Dich wieder zu sehen, Dich wieder zu sprechen.

»Hege keinen Groll gegen mich, wegen meiner Handlungsweise, wegen des Bösen, das ich Dir zugefügt habe. Während eines ganzen Monats habe ich so furchtbar gelitten, so furchtbar Deinetwegen gelitten ... und dennoch grolle ich Dir nicht. Noch in dem Augenblick, wo ich den kalten Stahl des Revolvers an meiner Schläfe fühle, bin ich Dein, wie ich Dein gewesen vom ersten Augenblick an, als wir uns begegneten. Siehe, jetzt, da ich dem Tode ins Angesicht sehe, offenbart sich mir die Wahrheit, die sich mir verbarg, als ich mitten im Leben drin stand. Ich war nicht zu den Kämpfen geschaffen, in die Du mich hineinziehen wolltest. Alles, was ich überwunden und von mir gejagt zu haben glaubte, kehrt jetzt zurück und ergreift mich mit neuer Kraft. Ich war geschaffen, Dich von ganzem Herzen, treu und für immer, zu lieben.

»Du willst nichts mehr von mir wissen; ich bin in Deinem Leben ein Hindernis geworden!

»Maud, verzeihe mir! ich lasse Deinen Weg frei.

»Ich bitte Dich nicht darum, mich zu beweinen, mich zu bedauern; denke nur zuweilen mit Freundlichkeit an den, der Deinen letzten Befehl mit bereitwilligem Gehorsam ausführte. Ich bitte Dich nicht darum, mich im Tode zu lieben: ich weiß, daß Du mich nicht mehr liebst. Ich flehe Dich nur an, nie aus Deiner Erinnerung auszulöschen, daß Du mich geliebt hast. Darum flehe ich Dich an: erinnere Dich meiner zuweilen ohne Groll ... Sieh, ich gehe ja, und ich habe so viel gelitten!

»Für mich war die Zeit, da Du mich liebtest, bis zu dem Grade der Inhalt meines Lebens, sie füllte mein Herz so vollkommen aus, daß ich der Vorsehung nicht zürne. Trotz allem, was ich jetzt leide, weiß ich, daß ich das schönste, das beneidenswerteste Leben gehabt habe. Liebe, liebe Maud ... nichts vermag das je auszulöschen: Du hast Dich mir hingegeben in wenigen, seltenen Augenblicken, und Du hast die Liebe durch mich kennen gelernt. Nichts vermag es auszulöschen! Ich wiederhole es mir immer wieder, und jedesmal kommt es mir so wunderbar, so selig vor, daß ich zu leiden vergesse.

»Aber wenn ich daran denke, daß Du morgen einem anderen angehören sollst, daß es ihm erlaubt sein soll, Dich anzusehen und anzurühren, dann scheint mir eine Kugel durch die Schläfe das einzig Wünschenswerte. Siehe, deshalb will ich sterben! Ich gehe mit glühendem Herzen dem Tode entgegen, trotz des Grauens vor dem Unbekannten, trotz des Grauens vor dem Jenseits. Denn ich glaube an ein Jenseits, Maud! Der Glaube daran ist mir mit so manchem anderen Glauben wiedergekommen, während der letzten, großen Krise meines Lebens. Und es gibt mir den Mut, Dir zu sagen: Wir haben uns geirrt; wir haben unrecht gethan – wir haben uns gegen unser Gewissen versündigt. Wir haben verdient, gestraft zu werden. Ich wünsche nur, daß die Strafe mich allem treffen möge.

»Lebewohl, meine geliebte, meine grausame und gnadenreiche Sphynx; sterbend bin ich Dein, Dein allein ... Wenn ich mich jetzt, in einem Augenblick, töte, will ich an Deine Lippen denken, an Deine Augen, an den Duft Deiner Haare und Deiner Arme, und ich werde mit Dir, bei Dir, in Dir sterben. Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich!«

Julien.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.