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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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IV.

Als Julien am nächsten Morgen aufwachte, hatte er nur einen klaren Gedanken: »Es wird nichts ans dieser Ehe, es soll nichts daraus werden.« Alles andere war chaotisches Dunkel. Ein derartiger Seelenzustand ist bezeichnend für diejenigen, welche plötzlich von einer monomanen Eingebung ergriffen werden, eines Morgens aufstehen, ausgehen, und aus irgend einem geheimnisvollen Antriebe, ohne jegliche Verantwortung, willenlos zum Selbstmord, Diebstahl oder Totschlag getrieben werden. Die Wissenschaft hat in unseren Tagen dieses Phänomen mit größter Sorgfalt erforscht. Was die Wissenschaft aber nicht genug betont hat, weil sie ihre Wahrnehmungsobjekte hauptsächlich den niederen Schichten der Bevölkerung entnimmt, wo die Monomanie sich unter verhältnismäßig einfachen Formen äußert, das ist, daß fast alle, die ihr Leben in Kampf, in Vergnügungen und in unnatürlichen, gewaltsamen, immer wiederholten Gemütsbewegungen verbringen auf den Schauplätzen des Reichtums, des Ruhmes und der Ausschweifungen in unseren modernen Hauptstädten – daß sie fast alle den Keim zu einer plötzlichen Monomanie in sich tragen. Daher das Erstaunen bei jedem neuen Ausbruch der Krankheit. Man wundert sich, wenn ein Ehemann, der im Ruf der äußersten Gutmütigkeit stand, plötzlich den Geliebten seiner Frau ermordet; wenn ein Lebemann, nachdem er ganz ruhig seinen Thee getrunken, mit seinen Freunden geplaudert und seinen harmlosen Poker im Klub gespielt hat, nach Hause geht und sich eine Kugel durch den Kopf schießt; oder wenn ein angesehener Bürger, der während dreißig Jahre geachtet und geehrt gelebt hat, eines schönen Tages bis über den Hals im Schmutz versinkt.

Von seiner fixen Idee besessen, schien es Julien, als handle es sich für ihn nur darum, so schnell wie möglich entweder Maud oder Maxime zu treffen oder auch alle beide, wenn es möglich wäre, um die Katastrophe herbeizuführen. Und sofort erinnerte er sich einiger Worte, die Hector hatte fallen lassen: »Maxime fährt jeden Tag mit einem Morgenzug zum Frühstück nach Chamblais ...« und der Name, der Ort Chamblais wurde nun der Pol, um den sich sein monomaner Gedanke konzentrierte. Er zog sich eilig an: er überlegte nicht mehr, er dachte nicht mehr, und er litt auch nicht mehr. Die qualvolle Neuralgie seiner Seele war, wenn auch nicht beschwichtigt, so doch gleichsam betäubt. Der Diener, der sich darüber wunderte, daß so früh nach ihm geklingelt wurde, sagte: »Mit Erlaubnis zu fragen, will der Herr sich duellieren?«

Julien lächelte heiter:

»Nein Konstant. Ich gehe nur aufs Land.« Und es war die Wahrheit: sein Gedanke reichte in diesem Augenblick nicht weiter als bis zu der Thatsache, daß er aufs Land mußte.

Als er die Uhr in seine Westentasche steckte, sah er nach wie spät es war: einige Minuten über neun.

»Ich habe nur drei Stunden geschlafen. Constant hat recht. Es ist noch sehr früh.« Der Mechanismus seines Gedächtnisses arbeitete fleißig im Dienste seiner Eingebung. Er entsann sich, daß die Züge vom » gare du Nord« fünf Minuten nach jeder vollen Stunde, und fünf Minuten nach jeder halben abgingen.

»Ich werde reichlich früh da sein. Etwas vor halb elf.« Einerlei. Er wünschte durchaus fortzukommen, um sich so früh wie möglich zwischen Maud und Maxime zu stellen. »Ja ... Chantel treffen.« Der instinktmäßige Wunsch seines Herzens formulierte die Worte: Chantel treffen. Weshalb? Um ihn zu töten? Um ihn anzuflehen, ihn davon zu überzeugen, daß er sich zurückziehen müßte? Das wußte er alles noch nicht. »Ich muß ihn treffen.« Dieser Gedanke nur stand fest; ebenso unumstößlich fest wie vorhin der Gedanke »Maud darf sich nicht verheiraten.«

Er erreichte den Nordbahnhof einige Minuten vor Abgang des halbzehn Uhr Zuges. Noch waren wenige Passagiere da; er blieb in seinem Coupé allein. Als der Zug sich in Bewegung setzte, fing Julien an, sich die Situation zu überlegen. Unmerklich gewöhnte sich sein Verstand an die fixe Idee, die ihn anfangs durch ihr scharfes Licht geblendet hatte. Er stellte sich den wahrscheinlichen Verlauf der Sache vor. Er begann mit der Sicherheit und Klarheit des Instinkts zu sehen, was er zu thun hatte.

In einer kleinen halben Stunde würde er die Station Chamblais erreichen. Er entsann sich wohl, Wie es dort aussah: der kleine Bahnhof aus roten Ziegelsteinen lag in einer Ebene, umgeben von waldigen Hügeln ...

Er erinnerte sich ebenfalls des Richtweges, den Hector erwähnt hatte, des Waldpfades, der zu einer Lattenthür führte. Den Weg pflegte Maxime zu gehen. Sollte er ihn dort, wie ein Wegelagerer erwarten? Seine verfeinerte, korrekte Weltmanns-Natur bäumte sich dagegen auf. »Nein ... das ist unmöglich ... Aber ich kann ihn am Bahnhof erwarten. Dort muß er an mir vorüberkommen.« Plötzlich fiel es ihm ein, daß Maxime möglicherweise zu Wagen hinausführe ... Aber sein sicherer Instinkt beruhigte ihn. »Nein ... er fährt mit dem Zuge ... ich werde ihn treffen ...« Und ohne sich zu besinnen, wußte er, was er thun wollte: er wollte den Zug abwarten, sich unter die aussteigenden Passagiere mischen und ganz ungezwungen zu Maxime hingehen ... Sie kannten sich ja gut genug. Aber was würde dann unmittelbar darauf geschehen? Julien wußte es noch nicht. Während er versuchte, das Geheimnis der Zukunft zu durchdringen, hoffte er im stillen auf einen heftigen Ausbruch von seiten Maxime de Chantels, auf irgend etwas, das ihm zum Vorwand für ein Duell dienen könnte. Ah! sich mit ihm zu schlagen! Ihn zu töten! ihn zu töten! ... Mit einem Degenstoß allem ein Ende zu machen, daß es unwiderruflich vorbei wäre! Jetzt änderte sich das Bild in seinem fieberhaften Hirn; er sah ein weißes Vorhemd und zwei Degen, die sich kreuzten, vor sich ... Wer sich je die Begegnung mit einem wahrhaft verhaßten Menschen lebhaft vorgestellt hat, wird sich erinnern, auch in seinem Herzen diese plötzliche, wilde Lust ihn zu morden, diese tierische Gier nach seinem Blute gespürt zu haben. Einige wenige Zoll Stahl in seine Lungen oder in sein Herz hinein und es ist vorbei, das Hindernis fortgeschafft, der Weg frei. Julien ergab sich diesen Phantasien mit leidenschaftlicher, fast wollüstiger Freude. Und er war traurig, wie beim Erwachen aus einem glücklichen Traum, als er in die Wirklichkeit zurückgeführt wurde dadurch, daß der Zug hielt. Er war in Chamblais.

Die Zeit bis zur Ankunft des nächsten Zuges, die Minuten, die er damit verbrachte; im Wartesaal der kleinen Station oder auf den Fliesen vor dem Stationsgebäude umherzuirren, verstrich schnell, so beschäftigt war er mit seinen Gedanken. Wieder und wieder malte er sich den Augenblick aus, wo er binnen kurzem Maxime von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen würde.

Es geschieht oft im Traum oder in Fieberphantasien, daß das Bild von einer und derselben Handlung unaufhörlich wiederkehrt, die unruhige Seele mit Angst erfüllend; es geschieht auch im wachen Zustande, wenn wir vor einer Begebenheit stehen, von der unsere ganze Zukunft abhängen wird ... Während der letzten Minute der Wartezeit kam es Julien vor, als sei seine Begegnung mit Maxime und die Worte, die zwischen ihnen gewechselt werden sollten, im voraus bestimmt, wie das Auftreten zweier Schauspieler auf dem Theater. Er war fest entschlossen, seine korrekte Haltung unerschütterlich beizubehalten und den ersten heftigen Ausbruch von Mauds Verlobten dazu zu benutzen das Gespräch abzubrechen, sich zurückzuziehen, nach Paris zu fahren, um Sekundanten zu suchen und mit dem Rechte des Beleidigten die Waffen zu wählen. Daß er Maxime im Duell töten würde, davon war er überzeugt und wohl nicht mit Unrecht; nicht aus dem Grunde allein, weil er sehr geschickt im Gebrauch der Waffen war, sondern weil er zu diesem Duell ging mit dem festen Entschluß seinen Gegner zu morden. Welche Überlegenheit besitzt nicht der Duellant, dem der Ausgang gleichgültig ist, welcher, das Ende mag sein wie es will, ob er sterbe oder zum Mörder werde, vor allem die Entscheidung herbeisehnt.

Doch die Wirklichkeit gefällt sich mitunter darin, die Phantasien der Menschen Lügen zu strafen. Obwohl Julien sich nun während einer halben Stunde auf die Begegnung mit Maxime vorbereitet hatte und nichts anderes zu thun gehabt, als ihn zu erwarten, geschah es, daß er mitten in seiner Träumerei davon überrascht wurde, plötzlich die Reisenden aus den Wartesälen herausströmen zu sehen. Und ferner geschah es, daß Maxime Julien gewahr wurde, ehe dieser ihn erblickt hatte. Als er aus dem Wartesaal hinaustrat, entdeckte Maxime Julien de Suberceaux sofort, wie er vor dem Stationsgebäude mit geistesabwesenden Blicken und unbeweglicher Miene, hypnotisiert von seinen eigenen Phantasien, wartend dastand. Und der Gedanke fuhr durch seine Seele, daß ihn hier sein feindliches Schicksal erwarte, um ihm den Weg zu Maud und zu seinem Glück zu versperren ... Indessen beruhigte er sich doch schnell wieder ... »Ja, natürlich wartet er auf mich ... aber nicht Mauds wegen ... sondern des Auftritts wegen von vorgestern mit der kleinen Avrezac.« Das junge Mädchen hatte ihn sehr wahrscheinlich wieder erkannt und sich bei ihrem Geliebten über ihn beklagt, der jetzt kam, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Er übersah völlig das Sonderbare an der Sache, daß Julien in diesem Falle so lange gezögert hatte eine Erklärung von ihm zu verlangen, und daß er sich gerade diesen Ort zur Abrechnung ausgesehen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er mit seiner Auffassung recht hätte. Man muß bedenken, daß Maxime vollkommen überzeugt war von Mauds Unschuld und, weil er's mit eigenen Augen gesehen, fest glaubte, Julien sei der Geliebte von Juliette Avrezac.

Er ging auf Julien zu:

»Herr de Suberceaux, wollten Sie mich sprechen?«

Seine unerwartete Anrede brachte Julien eine Sekunde außer Fassung ... es war nur eine Sekunde freilich, aber dadurch kam sein vorbedachter Angriffsplan nicht zur Ausführung. Indessen erholte er sich sofort und trug wieder die ironische, gleichgültige Maske zur Schau, die alle diejenigen, welche im Kampfe ums Dasein einen vorgeschobenen Posten einnehmen, sich gewöhnen, ihren Gegnern gegenüber anzunehmen.

»Es ist mir angenehm, daß ich Sie treffe, Herr de Chantel,« antwortete er: »Sie wollen, wie ich vermute, nach ...«

»Nach Chamblais? ja. Aber es ist noch Zeit ... und wenn es Ihnen recht ist, machen wir die Sache gleich hier ab.«

»Ich stehe Ihnen zu Diensten.«

Die wenigen Reisenden waren schon verschwunden, als Maxime und Suberceaux dem Walde zu wanderten. Sie sprachen beide nicht, von der großen Leere um sie herum, der weiten, kahlen Ebene bedrückt. Die Menschen fühlen sich unsicher, gleichsam beobachtet auf dem freien Felde der Natur. Sie sprechen am besten und am vertraulichsten in kleinen, geschlossenen Räumen. Als sie den Wald erreicht hatten, und unter Bäumen den schmalen Pfad entlang gingen, der nach Armidens Schloß führte, mäßigten sie ihre Schritte.

»Herr de Suberceaux,« sagte Maxime, »ich möchte Ihnen, ehe Sie eine Erklärung von mir verlangen, meine Gefühle klar legen, was diesen Vorfall betrifft. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich von ganzem Herzen bedaure, was geschehen ist. Ich handelte unter dem Einfluß einer starken Gemütsbewegung, die nicht überlegt, was sie thut – es war unrecht von mir, aber Sie müssen es verstehen können...

Ich bitte ... die betreffende Dame ... aufrichtig um Entschuldigung.«

Eine ironische Laune des Schicksals mischt bisweilen solche Mißverständnisse in die tragischsten Situationen, und macht sie dadurch noch tragischer.

Julien verstand nicht, was Maxime damit sagen wollte. Es fiel ihm gar nicht ein, daß von einer anderen Frau als Maud die Rede sein könne. Juliette Avrezac, wie alle anderen Frauen mit Ausnahme von Maud, war seinen Gedanken so fern in diesem Augenblick! Er verstand nur, daß der ehemalige Offizier Entschuldigungen und Ausreden suchte. Und da er daran gewöhnt war, unter Männern der Überlegene zu sein, wunderte er sich nicht darüber.

»Wenn das wirklich Ihre Gefühle sind, Herr de Chantel,« sagte er steif und vornehm, »begreife ich nicht, was Sie noch von M me. de Rouvre wollen?«

In diesem Augenblick erst gingen Maxime die Augen auf über das Mißverständnis.

»Wir sprechen augenblicklich nicht von derselben Person,« antwortete er ohne Umschweife in rauhem Ton. »Ich für mein Teil meine das junge Mädchen, das Sie bei sich empfingen, oder die wenigstens aus Ihrer Pforte herauskam vor einigen Tagen, nachmittags um sechs Uhr.«

»Juliette Avrezac?«

» Sie haben Ihren Namen genannt.«

»Gut. Und was geht diese Dame uns jetzt an, wenn ich fragen darf?«

»Sie wissen also nicht, was geschehen ist? Es ist nicht meine Sache, Sie hierüber aufzuklären. Es hat aber meinerseits ein Mißverständnis stattgefunden. Wegen dieses Mißverständnisses bitte ich Fräulein Avrezac um Entschuldigung, und da ich sie wahrscheinlich nicht in nächster Zeit treffen werde, bitte ich Sie, ihr meine Entschuldigung zu übermitteln. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, mein Herr. Aber nun erlauben Sie, daß ich die Frage an Sie richte: wenn es sich nicht um jenes junge Mädchen handelt, was wollen Sie dann von mir, und weshalb lauern Sie mir auf? ...«

Suberceaux wartete, ohne zu antworten, auf Maximes wachsende Erbitterung, auf das Wort, die Beleidigung, an die er sich festklammern konnte. Seine Absicht war so deutlich, daß Maxime sie bemerkte. Eine brutale Lust loszuschlagen, hier draußen im Walde den Kampf mit diesem Manne auszukämpfen, wie die Tiere des Waldes es thun, durchzitterte ihn. »Ein Streit zwischen ihm und mir und Maud ist entehrt...« Der Gedanke daran hielt ihn zurück. Er faßte den Entschluß, sich nicht mit Julien zu schlagen, und wie immer war der Entschluß unerschütterlich und endgültig.

»Übrigens kann mir das auch ganz gleichgültig sein,« sagte er. »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich Ihnen zu sagen hatte.«

»Nein, Sie irren, mein Herr,« fiel Julien lebhaft ein. »Wir sind durchaus nicht fertig miteinander. Was! Sie erlauben sich, mein Haus zu überwachen, in der abscheulichsten Weise eine Dame auszuspionieren...«

»Hören Sie auf,« unterbrach ihn Maxime ruhig. »Suchen Sie nicht ein Duell hervorzurufen. Ich will mich mit Ihnen nicht schlagen. Deshalb sparen Sie sich Beleidigungen. Sie haben keine Ursache eine andere Auffassung von meinem persönlichen Mut zu haben, als ich von dem Ihren habe. Keiner von uns fürchtet sich vor einem Degen... Ich werde mich mit Ihnen nicht schlagen, bevor ich mit Fräulein de Rouvre verheiratet bin; das ist deutlich genug, nicht wahr, und Sie werden sicher meine Gründe verstehen... Wenn Fräulein de Rouvre meine Frau ist, stehe ich Ihnen zur Verfügung. Glauben Sie mir, Sie handeln besser daran, die Sache vorläufig ruhen zu lassen.«

Er sagte das so klar und bestimmt, daß Julien einsah, wie hoffnungslos es für ihn sei, weiter auf ihn einzudringen. Und er war gezwungen, sich selber das unheimliche Zeugnis auszustellen: »Wenn er es öffentlich ablehnt, sich mit mir zu schlagen, so ist er es nicht, der sich dabei einer Beschimpfung aussetzt!«

Die tiefe Verzweiflung des gestrigen Tages, von der sein Entschluß, mit Maxime einen Zusammenstoß hervorzurufen, ihn für eine kurze Weile befreit hatte, legte sich wieder auf ihn, als er den einfachen Ausweg zur Entscheidung durch das Duell versperrt sah.

Schweigend schritten die beiden Männer auf dem Waldpfade vorwärts. Trotz allem wünschte Maxime, daß Suberceaux wieder reden würde; er fühlte mit Grauen die alten Zweifel und Bedenken in sich aufsteigen. Plötzlich blieben beide, wie auf Verabredung, stehen und sahen sich fest in die Augen. Nach diesem Blick verstanden sie, daß jetzt die Zeit gekommen, wo sie sich aussprechen mußten, wo sie sich endlich gegenseitig auf den Grund der Seele schauen mußten, und daß eine Erklärung notwendig geworden war. Es lag in der beredten Frage ihrer Augen zugleich ein Versprechen von beiderseitigem Waffenstillstand. Die beiden Gegner schlossen ein stillschweigendes, zeitweiliges Bündnis wider die Frau, die sie beide peinigte. Der Genußmensch ohne jegliche Moral, Julien de Suberceaux, und der weltliche Heilige, Maxime de Chantel, waren für einen Augenblick Verbündete.

»Herr de Chantel,« sagte Suberceaux beinahe flüsternd, und die ironische Maske fiel von seinem Gesicht, »gehen Sie nicht nach Chamblais!«

Es lag Angst, nicht Zorn, in Maximes einfacher Frage:

»Weshalb nicht?«

»Zwingen Sie mich nicht zum Sprechen. Wozu nützt es? Sie glauben mir jetzt, das sehe ich. Kehren Sie zurück nach Paris, kehren Sie zurück auf Ihre Güter. Versuchen Sie zu vergessen, was Sie hier gesehen und gethan haben.«

Langsam schritt Maxime vorwärts. Suberceaux legte die Hand auf seinen Arm mit einer Bewegung, die weder drohend noch zwingend, nur eindringlich bittend war:

»Sie können Fräulein de Rouvre nicht heiraten. Ich sage Ihnen das ohne Zorn. Glauben Sie mir. Es führt Sie ins Unglück. Kehren Sie um. Gehen Sie nicht weiter.«

»Mein Gott, mein Gott!« flüsterte Maxime leise. Er litt so grausam, daß er nicht daran dachte sich zu verstellen.

»Kehren Sie um,« fuhr Suberceaux fort, »gehen Sie fort von hier. Lassen Sie mich mit Maud allein. Sie haben kein Recht, sie zu heiraten ... ebensowenig wie sie ...«

Ein verzweifelter Schrei entrang sich Maximes Lippen:

»Nein! ... das ist nicht wahr! Sie lügen ... Sie lügen! Jetzt werde ich mich mit Ihnen schlagen... Ich werde Sie töten ... Elender!«

Suberceaux schüttelte den Kopf.

»Wozu uns schlagen? Alles ist vorbei, jetzt, wo sie Bescheid wissen. Maud ist meine ...«

Mit seinem Arm wehrte er den Schlag ab, den Maxime gegen sein Gesicht führte, und brachte ihn mit einem Ruck plötzlich zum Stillstehen, indem er sagte:

»Still! ... da kommt sie ...«

Bei der Biegung des Waldweges zeigte sich eine sonnenbeschienene, schwebende Frauengestalt in malvenfarbigem Kleide. Sie schritten weiter, ihr entgegen. Plötzlich entdeckte Maud sie.

Sie zitterte. Ohne zu wissen, wie es zugegangen, daß sie sich begegnet waren, verstand sie, daß die so oft gefürchtete Stunde, wo es in ihrer Gegenwart zu einer Erklärung zwischen den beiden Männern kommen würde – daß diese Stunde jetzt gekommen war.

Sie faßte all' ihre Energie zusammen, all' die kampfbereite Kaltblütigkeit, die ihr zu Gebote stand, fest entschlossen, sich einen Weg durch alle Hindernisse hindurchzubahnen, es koste was es wolle ... »Vielleicht weiß Maxime von nichts ... In dem Falle ist nichts verloren ... Weiß er Bescheid, ist es vorbei! Gut denn! So mag es vorbei sein! Ich bleibe doch die, die ich bin, trotz allem! ... Und meinen Stolz wird keiner von ihnen beugen!« dachte sie, indem sie die beiden Männer da vor sich beobachtete. Dann schritt sie ihnen stolz entgegen, mit undurchdringlichem, gleichgültigem Gesicht den Kampf abwartend, der vor ihr, um sie, ausgekämpft werden sollte. Suberceaux war jedenfalls von den dreien derjenige, der sich am wenigsten zu fassen vermochte. Mit einem Schlage öffnete sich vor ihm der Abgrund, indem alle seine Hoffnungen auf ewig verschwinden würden: »Das vergibt Maud mir nie!« Maxime dagegen hatte seine Ruhe wiedergewonnen.

»Maud,« sagte er, und trotz seiner beherrschten Haltung zitterte die Stimme, »ich traf Herrn de Suberceaux, als ich herauskam; er erwartete mich ...«

Leichenblaß vor Bewegung versuchte Suberceaux zu sprechen. Seine Lippen bewegten sich krampfhaft, aber er brachte kein Wort hervor. Maud sah ihn an mit einem Blick, der ihn zurückweichen ließ.

»Was hat er Ihnen gesagt,« fragte Maud, indem sie ihre Augen sanft und liebevoll auf Maxime richtete.

»Er sagte ... oder besser, er wollte es sagen, denn ich erlaubte ihm nicht, es auszusprechen, daß Sie seine ... (ein trockenes Schluchzen unterbrach seine Stimme) seine ... Maitresse gewesen sind.«

Sie trat dicht an Suberceaux heran und fragte:

» Das hast Du gesagt?«

Er leugnete nicht. Er stammelte nur ihren Namen hervor:

»Maud ...«

Ohne ein Wort des Vorwurfes sah sie ihn abermals an mit einem langen Blick voll Verachtung und Haß. Dann hob sie ihren Arm empor, und indem sie wie zu einem Peitschenschlag ausholte schlug sie ihn mit ihrem Sonnenschirm, der mitten durchbrach, aber einen langen blutigen Striemen im Gesicht hinterließ.

»Geh!« sagte sie und warf den zerbrochenen Schirm auf die Erde.

Er zitterte wie ein Kind, das gezüchtigt wird. Doch war der kurze Schmerz des empfundenen Schlages ihm lieb; er meinte in dieser brutalen Züchtigung die Liebkosung zu finden. Aber Mauds Blick, der nicht von ihm wich, beraubte ihn aller Kraft ... Mechanisch hob er seinen Hut auf.

»Geh!« wiederholte Maud.

Langsam setzte er den eingedrückten, mit Erde beschmutzten Hut auf. Es war ein schmerzlicher, jämmerlicher Anblick, diesen Mann, aller männlichen Würde beraubt, so gänzlich unter der Verachtung eines Weibes zusammensinken zu sehen, und Maximes Herz empörte sich im Zorn dagegen. Aber Suberceaux dachte weder an Maxime noch an den Ort, wo er sich befand; er sah nur Maud, und die ihm zugefügte Demütigung war ihm ganz gleichgültig. Er dachte nur das eine: »Ich habe Maud zornig gemacht ... und die einzige Möglichkeit, ihre Verzeihung zu erlangen, ist, ihr zu gehorchen, ihr augenblicklich zu gehorchen.«

»Geh!«

Er wagte keine Einwendung; gedemütigt wie ein geprügelter Hund, ging er davon, ohne Eile ... Maud und Maxime sahen ihn mit langsamen Schritten sich entfernen; er drehte sich nicht um, er sah nicht zurück ... Ja, es war ein herzzerreißender, ein furchtbarer Anblick. Maxime litt in seiner Manneswürde um diesen Mann, der von einer Frau gekränkt und geschlagen, feige davonschlich. Diese jämmerliche Selbstaufgabe hinter der scheinbaren Ironie und Unverschämtheit seines Wesens, das war die Folge jener Ausschweifungen in der Liebe, die jeden edlen Manneswillen zu nichte machen.

Sie sahen ihn an einer Biegung des Weges verschwinden, mit krummem Rücken, schwankend, kaum wieder zu erkennen. Und sie waren allein. Hätte Maxime auch nur für einen Augenblick gefühlt, daß sein Mut, sein Wille nicht nachzugeben, ihn verließe, würde Suberceaux's abschreckendes Beispiel ihm neue Kräfte gegeben haben. Indem er all seine Energie zusammennahm, richtete er sich in die Höhe und sagte mit einer Stimme, die nur ein klein wenig zitterte:

»Jetzt wird wohl die Reihe an mir sein, zu gehen?«

Ihre Blick begegneten sich. Beide hatten ein unklares Gefühl davon, daß sie sich noch etwas zu sagen hätten; daß sie so nicht auseinander gehen könnten. Maud halt den unbestimmten Gedanken: »Es steht bei mir, ob ich ihn zurückgewinnen will ... Soll ichs versuchen?«

Aber der Anblick von Suberceaux's feiger Flucht hatte auch auf ihre heroische Abenteurerin-Seele, die, obgleich verirrt, doch keineswegs gemein war, eine Rückwirkung gehabt. Sie fühlte einen plötzlichen Ekel davor, lügen zu sollen.

»Maxime, hören Sie,« sagte sie. Ich möchte Ihnen nur ein Wort sagen. Ich habe Sie nicht betrogen; er hat gelogen. Ich bin nicht seine Maitresse gewesen. Sie werden meinen Worten glauben, wenn ich hinzufüge, daß er mich geliebt hat, und daß ich ihn wiedergeliebt habe ... daß ich ihn vielleicht noch gestern liebte. Daher muß zwischen uns alles vorbei sein, nicht wahr? Ich werde keinen Versuch machen, Sie zu überreden, keinen Versuch Sie zurückzuhalten.«

Wo wäre der wahrhaft liebende Mann, der in diesen Worten nicht einen neuen Hoffnungsschimmer erblickt hatte.

»Aber in diesem Falle ...« entfuhr es Maxime.

Und seine bittenden, fragenden Augen, in denen noch immer die heiße Leidenschaft für das junge Mädchen glühte, flehten sie an, um eine vollständige, eine beruhigende Erklärung.

Zum erstenmal vielleicht verstand Maud, was sie für eine zweideutige Rolle gespielt hatte; wie wenig in Wirklichkeit die persönliche Würde wert war, die sie sich durch alle Lügereien und Kompromisse hindurch zu bewahren glaubte. Es gab keine Möglichkeit, Maxime die Wahrheit zu erklären, so gern sie es auch gewollt hätte. Sie hatte wieder lügen müssen, immer wieder lügen.

Und mit einem unwiderstehlichen Drang nach Aufrichtigkeit, einem Drang sich gleichsam mit sich selber auszusöhnen, sagte sie: »Fragen Sie mich nicht, was zwischen ihm und mir vorgefallen ist. Ich kann es Ihnen nicht sagen; es ist besser für Sie, daß Sie nicht hier bleiben, daß Sie nicht mehr an mich denken.«

Die Furcht, sie für immer zu verlieren, ließ Maxime erblassen. Noch konnte er nicht, noch wollte er nicht alle und jede Hoffnung aufgeben. Und während sie langsam nebeneinander auf dem Wege zum Schlosse weitergingen, sagte er:

»Maud, ich bin ja erst seit kurzem in Ihr Leben eingetreten. Ihre Vorzeit gehört mir nicht; ich habe kein Recht daran. Und wenn Sie mir nun sagen, wie Sie es vorhin thaten, daß er ... gelogen hat, weshalb verbieten Sie mir dann, an Sie zu denken?«

Sie blickte ihn unsicher an; einen Augenblick wurde ihr Entschluß wankend ... Es war eine schicksalsschwangere Minute, das zweischneidige Schwert, von dem Sophokles den Wahrsager Teiresias reden läßt. »Wenn ich Sie nun stark genug liebte, um Ihnen zu verzeihen?«

Das Wort »verzeihen« brachte sie mit einem Schlage aus allem Zweifel heraus. Maud wußte wieder, was sie zu thun hatte.

»Ich wünsche keine Verzeihung,« antwortete sie. »Glauben Sie mir, Maxime, es ist besser, wir gehen auseinander. Aber denken Sie daran, daß ich es war, die Ihnen sagte: »Gehen Sie,« in einem Augenblick, wo ich Sie vielleicht noch hätte festhalten können. Sie dürfen nicht mit Haß an mich denken, Maxime. Versprechen Sie mir das?«

»Ich verspreche es Ihnen,« sagte er mit ernster, trauriger Stimme.

»Leben Sie wohl!«

Und es war geschehen. Er sah, wie sie sich entfernte: das malvenfarbige Kleid schimmerte noch eine kleine Weile durch das lichte Laub des Unterholzes, dann verschwand es. Jetzt erst verstand er, daß sein Traum zu Ende war, daß er Maud verloren hatte.

In der Nähe, seitwärts neben der Waldallee, stand eine Marmorstatue, eine Hebe, die einen unsichtbaren Trank in ihre runde Schale schenkte; ihr zu Füßen befand sich eine Bank. Maxime setzte sich auf die Bank und stützte seinen Kopf in die Hände, während er, in dumpfer Verzweiflung verloren, den einen Gedanken wieder und immer wieder dachte: »Maud ist tot ... es gibt keine Maud mehr!«

– – Es gab keine Maud mehr: an ihrer Stelle sah er setzt, seit es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, ein Mädchen, ganz wie die anderen Mädchen aus dieser unkeuschen Welt ohne alle Ideale, zu der sie gehörte, aus der er sie früher herausgehoben, weil er sie liebte. Hector Le Tessiers Worte von den » demi-vierges« kamen ihm in den Sinn, und er lächelte bitter. Durch die vielen früheren, in Angst und Zweifel verbrachten Stunden vorbereitet, begriff er jetzt die volle Wahrheit. Auch sie, sein Abgott, seine auserwählte Braut, war eine demi-vierge! Und ihre entheiligte Seele sollte er lieben, ihren befleckten Körper sollte er begehren? Nein! ... Das war seiner einfachen und gesunden Natur so unmöglich, daß es ihm nicht einmal einfiel, ihr nachzugehen, nach jenem Hause, das doch so nahe lag, um sie dort wieder aufzusuchen, sie wieder an sein Herz zu ziehen. In Wahrheit liebte er sie nicht mehr, begehrte er sie nicht mehr. Sie konnte angehören, wem sie wollte: nie würde er ihretwegen mehr Eifersucht oder Verlangen fühlen ... Er litt ja gerade darunter, daß seine Liebe gestorben war, daß er jemand in unwiederbringlicher Weise verloren hatte, daß ein Mensch, an den er geglaubt, den er angebetet, tot war ... Seine Braut, seine Geliebte war verloren; er beweinte sie wie eine Verstorbene.

Und sein ganzes Leben hindurch würde er sie beweinen.

*

Am Abend desselben Tages kehrte Maud de Rouvre wieder nach Paris zurück. Wie immer hatte sie schnell einen Entschluß gefaßt und ihn mit Festigkeit ausgeführt. Nachdem sie sich von Maxime getrennt, war sie nach Armidens Schloß zurückgekehrt und hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie sich ihre Stellung überlegte, ungefähr wie ein Heerführer nach einer Niederlage seine übrig gebliebenen Truppen mustert. Denn weshalb sollte sie versuchen, sich etwas vorzulügen? Es war eine Niederlage. Alle ihre stolzen Hoffnungen lagen zertreten im Staube. Der Gedanke, Maxime zurückzuerobern, kam ihr nicht in den Sinn. Wohl hatte er in ihrer Nähe, und als er fühlte, daß er sie für immer verlieren sollte, einen Augenblick geschwankt. Aber jetzt, da er in Einsamkeit mit sich selber überlegte, war in seiner Seele sicher kein Schatten von Zweifel zu finden: »Er wird mich niemals vergessen, aber er kommt auch niemals zurück!« Niemals! Das Wort erscheint unserem menschlichen Gefühl so furchtbar, daß sich ein aufrichtiger Schmerz in Mauds bitteren Groll mischte.

Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen, jetzt, da Maxime daraus entschwunden war? Den Kampf um eine Heirat von neuem kämpfen? Es ließe sich überlegen. Nur waren die Aussichten zu einen, glücklichen Resultat durch diese letzte Niederlage bedeutend verringert. »Wie sie triumphieren werden, alle die lieben Freunde, Aaron, die Fürstin und die ganze Sippschaft!« Eine müde Mutlosigkeit ergriff sie bei dem Gedanken, die Jagd nach einer Ehe von vorn anfangen zu sollen, um doch wahrscheinlicherweise schließlich wieder die Hoffnung schwinden zu sehen, gerade in dem Augenblick, wo sie das Ziel erreicht zu haben glaubte. »Ist es mir denn unmöglich, mich jetzt zu verheiraten? Ich müßte wieder ganz von vorn anfangen, aber in welcher Weise?« Wo sollte sie das Geld hernehmen, das sie brauchte, um ihr früheres Leben fortzusetzen? Woher die nötigen 6000 Franken im Monat? Ihr ganzes persönliches Vermögen war schon verbraucht ... Was ihrer bei ihrer Rückkehr nach Paris erwartete, war der offenkundige Bankerott: ein Sturmlauf von Lieferanten, die sie in Frieden gelassen hatten, so lange die Aussicht auf eine reiche Partie existierte, danach Auspfändung und der ganze damit verbundene Skandal etc.

»Nein, niemals soll es so weit kommen!«

Was war zu thun? An die Möglichkeit, sich mit Suberceaux zu verheiraten, dachte sie auch nicht mit einen: Gedanken. Noch war sie viel zu erbittert, ihr Stolz zu sehr gereizt, als daß in ihrer Seele das sinnliche Verlangen hätte laut werden können. Sie sehnte sich danach, sich an Julien de Suberceaux zu rächen ... ja ... ihm wehe zu thun ... Sie hätte ihm das Herz aus der Brust reißen mögen für seinen Verrat, unter dem sie jetzt so schwer zu leiden hatte. Und – sie dachte gleich daran – die ersehnte Rache war ihr ja zur Hand, eine Rache, die sie zugleich von allen ökonomischen Schwierigkeiten befreite und ihre Zukunft sicherte. »Ich werde Aarons Maitresse! ...« Das war es! Drei Männer hatten um sie gekämpft; sie fiel dem hartnäckigsten, dem unermüdlichsten und tüchtigsten zu, dem, dessen langsame aber sichere Operationen die anderen ans dem Felde geschlagen. »Aarons Maitresse!« Sie sprach die furchtbaren Worte laut vor sich hin, indem sie sich Juliens Verzweiflung vorstellte, wenn er es von ihren Lippen hörte; und die Wonne, die sie dabei empfand, den Mann, dem sie das Scheitern ihrer Pläne schuld gab, peinigen zu können, überwand die Abscheu vor dem Liebhaber, den sie jetzt zu nehmen fest entschlossen war.

Aber nun galt es zu handeln. Vor allem mußte sie von Chamblais fort und sich einige Tage in Paris aufhalten, um Jacquelines Ehe mit Lestrange zu ordnen. Dann mußte sie Frankreich verlassen und einige Monate im Auslände leben mit M me. – de Rouvre. Nach Paris wollte sie nicht zurückkehren, bevor ihre Zukunft gesichert und ihr Leben von neuem gefestigt war.

»Es werden schlimme Jahre kommen ... aber ich werde es verstehen, den Juden festzuhalten ... Er ist verheiratet, gut, man läßt sich scheiden. Und eines schönen Tages, wer kann es wissen? – Die Leute werden sich hüten, über die Vorzeit einer Bankiers-Frau zu munkeln, die achthunderttausend Franken im Jahr hat.

Sie klingelte der Kammerzofe.

»Packen Sie die Koffer, Betty. Wir fahren noch heute abend nach Paris.«

Und als M me. de Rouvre einen Augenblick später ganz verstört zu Maud hereintrat, voller Fragen und Bedenken, ohne ein Wort von der ganzen Geschichte zu verstehen, antwortete Maud kurz:

»Wir reisen, weil wir reisen müssen. Verstehst Du: wir müssen. In Paris werde ich Dir alles erklären. Im Augenblick bin ich nicht dazu aufgelegt. Du kannst Dich aber darauf verlassen, wenn ich Dir sage: wir müssen! Mach nur schnell, daß Du fertig wirst.«

»Aber du lieber Gott! ... heute kommen ja Le Tessiers zu Mittag ...«

»Sie werden schon dahinter kommen, daß wir nicht hier sind. Übrigens werde ich an sie telegraphieren.«

»Aber M me. de Chantel und Jeanne?«

»M me. de Chantel und Jeanne werden nicht kommen.«

Die erstaunten und erschrockenen Fragen, die auf sie einströmten, nachdem die Nachricht von ihrem plötzlichen Aufbruch sich allmählich im Hause verbreitet hatte, brachten sie ganz außer sich. Étiennette bemerkte es und fragte nicht. Und Jacqueline sagte nur:

»Mir kommt es durchaus nicht überraschend. Ich war darauf vorbereitet! Und meine Koffer sind gepackt ... Was hast Du Dir übrigens gedacht in Paris anzufangen?« fragte sie Maud, und blickte sie dabei etwas spöttisch an.

»Ich denke zu thun, was mir gefällt.« »Natürlich. Nur bitte ich Dich zu warten, bis ich mit Luc getraut worden bin ... Nachher – kannst Du machen, was Du willst.«

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