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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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II.

Seitdem durch Mathilde Duroys Tod und die Abreise der Familie de Rouvre nach Chamblais, jede Möglichkeit eines Stelldicheins mit Maud ausgeschlossen war, hielt Julien de Suberceaux sich beständig im Klub auf. Er lehnte jede Einladung ab und vermied die Theater und alle sonstigen Vergnügungen, wo gemeinsame Bekannte ihm von Maud oder Maxime sprechen konnten. Er spielte viel. Gerade zu der Zeit wurde sehr hoch gespielt, denn der Klub wurde von zwei reichen Ausländern besucht, zwei Brüdern, die jeden Abend ein polnisches Dorf dran wagten. Um fünf Uhr fing das Spiel an und wurde ohne Unterbrechung fortgesetzt, bis der Wirt meldete, daß serviert sei. Gegen Mitternacht fing man wieder an. Suberceaux war der erste, der erschien und wiederum der letzte, der aufbrach: er spielte unaufhörlich mit einem fast teuflischen Glück – einem solchen Glück, daß es selbst den glücklichen Spieler erschreckt, wenn er, die Taschen voller Geldscheine, schlaff und stumpfsinnig nachts zurückkehrt. Im Verlauf von sechs Tagen hatte er ungefähr dreimal hunderttausend Franken gewonnen. In der fieberhaften Aufregung, die die unaufhörlich wechselnden Chancen der schicksalsschweren Karten bei jeder noch so starken Natur hervorrufen, fand er die einzige Zerstreuung für die dumpfe Verzweiflung, an der seine Seele litt, seitdem Maud ihm in den gewohnten, nur für die beiden verständlichen Ausdrücken, die sie wie eine Art von Ziffernschrift für ihre geheime Korrespondenz benutzten, mitgeteilt hatte, daß es unumgänglich notwendig sei, ihre Zusammenkünfte zu unterbrechen bis die Hochzeit stattgefunden.

In dieser Weise verging die Nacht und die wenigen Stunden des Tages, die auf den schweren Schlaf folgten, in den er, wenn er gegen sechs Uhr morgens heimkehrte, verfiel. Die schlimmste Zeit für ihn war, wenn um neun Uhr nach dem Essen die Cigarre geraucht war, und die Freunde alle in irgend ein Theater gingen, oder – denn die Abende waren schon ganz sommerlich – sich in einer Equipage des Klubs nach dem Bois fahren ließen. Er wollte weder ins Theater, ins Varieté oder ins Bois hinaus, er wollte nirgends sein, wo er riskieren konnte, Leute zu treffen, die ihm von Maud und Chantel erzählten. Und die Zeit verrann langsam, Minute auf Minute; in der drückenden Stille des menschenleeren Klubs, in den von kaltem Tabaksrauch erfüllten Räumen. Er dachte dann: »Was thut sie jetzt wohl? Ist er bei ihr? Womit unterhalten sie sich? ...« Und die Einsamkeit wurde ihm doppelt qualvoll, sie folterte ihn.

Als er an einem solchen Abend – es mochte wohl halbzehn sein – Hector Le Tessier durch die öden Räume nach dem Lesezimmer gehen sah, konnte er der Versuchung nicht widerstehen ihn anzureden. Hector drückte vergnügt seine Hand: er fühlte sich mit geheimer Sympathie zu Julien hingezogen, der ihm, den dilettierenden Psychologen, wie ein prachtvolles Raubtier in Menschengestalt erschien, und er fand es durchaus berechtigt, daß solche Wesen wie er und Maud, sich über die gewöhnlichen bürgerlichen Rücksichten hinwegsetzten.

»Wollen Sie hinein und schreiben?« fragte Julien.

»Ja ... einen Rohrpostbrief. In zwei Minuten bin ich fertig. Wollen Sie so lange warten?«

Während er schrieb, setzte er mit einigen Zwischenpausen das Gespräch fort.

»Aber was in aller Welt machen Sie um diese Stunde in der Wüste hier.«

»Ich warte darauf, daß das Spiel anfangen soll!«

»Fahren Sie doch lieber ins Bois. Es ist ja wundervolles Wetter.«

»Das Bois langweilt mich.«

»Dann gehen Sie doch und hören Yvette.«

»Yvette langweilt mich.«

Hector, im Begriff seinen Brief zu schließen, wandte sich halb um:

»Na, wenn alles andere auch seinen Reiz verliert, so bleiben doch immer noch ... die Damen,« sagte er lächelnd.

»Ich danke, nein! Die sind mir erst recht unangenehm! Wäre ich sicher, keiner von ihnen zu begegnen, würde ich vielleicht doch noch ausgehen.«

»Himmel!« rief Hector, »welcher Pessimismus!« Er ging, sein Telegramm in den Postkasten des Klubs zu werfen, setzte sich darauf rittlings auf einen Stuhl, zündete eine Cigarrette an und sagte:

»Es mag nun alles sein, wie es will, ich für mein Teil finde wenigstens, daß die Weiber unstreitig eine der angenehmsten Zerstreuungen sind, die wir überhaupt hier in diesem Jammerthal haben.«

»Und ich,« antwortete Julien dumpf, mit müdem und traurig gesenktem Kopfe, und legte die Handflächen gegen das gepolsterte Sofa, »ich finde sie widerlich bis zum übel werden ...«

Sein Gesicht verzog sich, als sei ihm in der That übel geworden. Aber er sprach weiter. Es klang als dächte er laut, als glaubte er sich allein hier in den großen stillen Sälen mit den weitgeöffneten Fenstern, wo die Ruhe noch tiefer wurde durch die abendliche Stille, die nach dem Mittagessen auf den sonst so lauten Straßen herrschte. Dennoch war er froh, daß jemand neben ihm saß, vor dessen Ohren er all seine Erbitterung ausschütten konnte. Er fuhr fort:

»Ja ... widerlich sind sie mir! Die stärksten Worte, die je über ihre gemeine, tierähnliche Sinnlichkeit niedergeschrieben wurden, sind viel zu schwach, um das auszudrücken, was ich von ihnen denke. Ich wollte, ich könnte die Tage und Nächte, die ich ihnen gewidmet habe, aus meinem Leben streichen. Es kommt mir vor, als hätten sie alles, was in mir gut war, verdorben: meine Arbeitslust, meinen Ehrgeiz, ja selbst meine Freude am Leben und meine Hoffnung auf die Zukunft.«

Hector nahm sich wohl in acht, ihn zu unterbrechen. Nach einer Pause fuhr Julien fort:

»Wenn man bedenkt, daß man von dem Augenblick an, wo man aufhört ganz Kind zu sein, von dem Augenblick an, wo man zu ahnen anfängt, was die Liebe, was die Frauen sind, nur davon träumt sie zu besitzen und von ihnen begehrt zu werden! In der Schule dachte ich an nichts anderes. Während ich bei den Priestern und noch sehr religiös war, wissen Sie, was mich da im voraus schon quälte? Ich trauerte darüber, daß es mir nie erlaubt sein würde, alle Frauen zu besitzen ... Alle! Mir schien, ich müßte sie alle haben, um das Leben lebenswert zu finden. Und doch war ich damals noch ganz unberührt.«

»Es ist eigentümlich,« sagte Hector sinnend vor sich hin, »wie die erotischen Neigungen der verschiedenen Menschen sich schon in den Kinderjahren deutlich formen ... Sie sind ein geborener Erotiker. Ich meinerseits hatte bereits während ich in die Schule ging, eine Geliebte, ein gutmütiges Mädchen aus Paris, mit der ich jeden Donnerstag Abend zusammen verbrachte, und der ich gewissenhaft die Hälfte meines Taschengeldes gab. Aber ich habe dabei keinerlei Anfechtungen gehabt. Ich wurde auch später im Leben kein wirklicher Erotiker. Aber freilich bin ich ja auch nicht unwiderstehlich.«

»Machen Sie doch keine Scherze! Sie werden ebensoviel Frauen besessen haben wie ich ... vielleicht mehr ... denn aufrichtig gestanden – und Ihnen gegenüber mache ich mich nicht wichtig, verstehen Sie – es sind Frauen da, die Angst vor mir haben. Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich das allem und jedem erzählte; aber mehr als eine Frau hat mir geantwortet: »Nein ... Sie sind viel zu schön ...« Schön zu sein, ist nur eine mittelmäßige Anziehungskraft Frauen gegenüber ... Die Schönheit ist nämlich ihre eigene Waffe, eine Waffe, in deren Gebrauch sie uns immer überlegen sein werden ... Übrigens ist mir das alles ganz egal! ... Man hat immer zu viel Frauen ... Sie sind sich ja alle so gleich. Alle solche lüsterne kleine Tiere ... Ich will mich verpflichten, in einer Nacht, selbst die anständigste unter ihnen, umzuwandeln. Ihre Keuschheit, ihre Anständigkeit hat immer nur ihre Wurzel in der Furcht vor dem Urteil der Welt, in Eitelkeit oder in Gewohnheit ... Ihre Seele ist ein Lappen, der die Farbe erhält, welche der Mann ihr gibt. Nur ihre Körper sind verschieden ... Und aufrichtig gestanden, die Lebensaufgabe zu haben, die größtmögliche Anzahl von Körpern zu liebkosen ... das kommt einem zuletzt ganz ekelhaft und dumm vor.«

Ein Diener trat herein, ordnete die Schreibmaterialien und sammelte die auf den grünen Tischen umhergestreuten Zeitungen. Sobald Julien die gestickte Livree und die dicken weißen Waden im Saal erblickte, schwieg er. Aber noch hatte er sein Herz nicht zur Genüge ausgeschüttet; und als er wieder mit Hector allein war, fing er sofort wieder an.

»Jetzt habe ich Punktum gemacht ... Ich glaube, ich bin geheilt ... Keine Frau wird mich künftig mehr reizen; im tiefsten Schlamm habe ich meine Reinheit wiedergewonnen ... Wissen Sie, heute zum Beispiel kam eine junge Dame zu mir ins Haus, eine Anfängerin – was ja doch allgemein für sehr verlockend angesehen wird – ein junges Mädchen, die für hübsch gilt, und die behauptete, unschuldig zu sein. Sie kam also zu mir, sie blieb eine Stunde bei mir, während ihre Gesellschafterin draußen im Wagen auf sie wartete ... Der Himmel mag wissen, weshalb ich sie eigentlich empfing! ... wohl nur um die Zeit zu vertreiben und allerlei Verdrießlichkeiten zu vergessen. Über eine Stunde blieb sie bei mir, sie war so entgegenkommend, wie eine Kokotte einem Bankier gegenüber ... und während der ganzen Zeit hatte ich nur den einen Gedanken: »Wenn Du wüßtest, wie widerlich Du mir bist ... und wie Du mich langweilst! – – Na,« schloß er, indem er aufstand und sich Hector näherte, »sprechen wir nicht mehr davon. Es regt mich auf und Ihnen macht es keinen Spaß. Wo wollen Sie heute abend hin? Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie ein Stück – bringe ich Sie auf den Weg ... die Zeit wird mir dann nicht so lang, bis das Spiel anfängt.«

Hector stand auf:

»Ich muß auf eine Stunde in die Oper, wo ich augenblicklich eine kleine Freundin habe. Wollen wir gehen. Entschuldigen Sie, wenn mir der Kopf ein bißchen verwirrt ist von allem, was Sie mir eben erzählt haben. So etwas hört man ja nicht alle Tage. Denn – Sie werden mich doch wohl nicht zum besten gehabt haben?«

»Aber lieber Freund, ich schwöre Ihnen ...«

»Trotzdem, wissen Sie, mein schöner Herr Julien,« fuhr Hector fort, der fest darauf versessen war, ihn in die Enge zu treiben ... »ich habe oft Gelegenheit gehabt, Sie zu beobachten, ich kenne Sie so ziemlich. Und Sie werden mir nicht weismachen, daß alle Frauen, alle ohne Ausnahme, Ihnen gleichgültig wären ...«

Suberceaux richtete sich steif auf.

»Wen meinen Sie?« sagte er, und seine Stimme, sein Blick wurden plötzlich eiskalt.

Hector antwortete nicht; er sah ihn ohne Verlegenheit freundlich an, und Juliens Mißstimmung wich vor der Offenheit seines Blickes.

»Übrigens,« sagte er, »haben Sie recht. Wie alle anderen, wie Sie selber wahrscheinlich auch, mache ich eine Ausnahme mit Fräulein de Rouvre. Aber,« fügte er hinzu, mit einem Versuch ironisch zu sein, »sie entzieht sich ja augenblicklich unserer Bewunderung. Ist es schon festgesetzt, wann die Hochzeit sein soll?«

Er suchte sich zu beherrschen, aber die Unruhe seiner Stimme verriet ihn.

»Am 18. ... in neun Tagen also.«

»So ...« kam es langsam von Juliens Lippen.

Er sprach nicht mehr, sondern stand schweigend da, vertieft in die Betrachtung seiner Lackschuhe.

Plötzlich reichte er Hector die Hand:

»Ich sage Ihnen doch Lebewohl, lieber Freund; ... ich vergaß, ich habe heute abend eine wichtigen Gang vor. Leben Sie wohl!«

Er gab sich keine Mühe, eine bessere Entschuldigung zu finden; er eilte hinaus. Hector hörte die schweren Thüren in der Vorhalle hinter ihm zuschlagen, und durch's Fenster sah er Julien mit schnellen Schritten die Straße hinabstürmen, dann allmählich langsam mit gesenktem Kopfe weitergehen, wie niedergebeugt von schweren Sorgen.

»Er sieht aus wie einer, der nicht mehr aus noch ein weiß, und sich die Schluß-Katastrophe des Dramas überlegt. Was kann ich dabei thun?«

Die Rolle der Vorsehung widerstand seinem nachsichtigen Skepticismus. »Die Vorsehung zu spielen, das heißt Partei zu nehmen für das Glück des einen wider den anderen ... Wer hat das Recht dazu?«

Als er sich aber die Sache näher überlegte, schien ihm doch Mauds Ehe mit Maxime die beste Lösung zu sein, die »verhältnismäßig am wenigsten unglückliche.«

»Außerdem habe ich Maud meinen Beistand zugesagt.« Er faßte schnell seinen Entschluß, schrieb und warf folgendes Billett in den Postkasten, das Maud den nächsten Morgen draußen auf Chamblais erhalten sollte: »Seien Sie vorsichtig, liebe Freundin ... eben bin ich hier im Klub einem unserer Freunde begegnet, dem schönsten unserer Freunde, in sehr aufgeregter Gemütsverfassung.« Dann ging er, um seinen Abend in der Oper zu beenden, sehr zufrieden mit diesem Tage, der ihm den seltenen Genuß verschafft hatte, auf den Grund eines leidenschaftlich erregten Menschenherzens zu sehen.

*

Inzwischen hatte Julien, bedrückt und niedergeschlagen, wie Hector ihn vom Fenster gesehen, langsam, ohne zu wissen wie, seine Wohnung in der Rue de la Baume erreicht. Plötzlich stand er vor seinem Hause; als er aber die Pforte öffnen wollte, kam er zu sich ... dort hinaufzugehen, um überall, in der Luft, in den Decken und Vorhängen, in den geheimnisvollen Tiefen der Spiegel, den Leichenstaub und Dunst seines früheren Ichs einzuatmen, der ihn an den umsonst gelebten, verlorenen Tagen überall dort oben entgegenschlug – nein, lieber versuchen diesem allen zu entfliehen, sich selbst und alles andere zu vergessen suchen. Und er eilte hinweg, als fürchtete er, sein eigenes Gespenst aus der kleinen grauen Pforte hinaustreten zu sehen.

Auf der anderen Seite des Boulevards erstreckte sich eine lange, gerade, menschenleere Straße, deren Perspektive von zwei Reihen gelber, in der Ferne verschwimmender Sterne erleuchtet wurde. Die suchte er auf, und während er sie hinabschritt, wunderte er sich über den Laut seiner eigenen Schritte auf dem trocknen Asphalt, über seinen eigenen Schatten bei jeder Gaslaterne, an der er vorbeiging, und darüber, sich lebend zu fühlen. Denn das große Rätsel des Lebens, das Rätsel der Persönlichkeit, das im Schlendrian der ereignislosen Tage vergessen wird, drangt sich den Menschen in den ernsten, entscheidenden Stunden mit gebieterischer Macht auf. Er, der in diesem Augenblick ohne Ziel umherschweifte, wie eine Maschine, deren Räder in Unordnung gebracht sind und ohne Nutzen weiter schnurren, er sah ein anderes Wesen leben, denken, leiden, und dieses Wesen war er selber. Und jedesmal, wenn er konstatierte, daß er es auch wirklich war, empfand er es wie einen schweren, unerwarteten Sturz in die Tiefe.

»In neun Tagen! In neun Tagen ist sie verheiratet ...« Er fuhr fort, diese Worte leise zu wiederholen und jedesmal schien es ihm, als sagte er etwas, das im Widerstreit mit seinem eigenen Leben, mit der ganzen Wirklichkeit stand, die ihn umgab. Es kam ihm ebenso unvernünftig vor, als ob er gesagt hatte: »Ich bin tot, oder: »Die Häuser hier, die Straße, der Laut meiner Schritte – das alles ist nur Traum und Einbildung ...« Jedesmal, wenn der Gedanke: »Maud verheiratet sich ... es ist vorbei ... es ist abgemacht« ... ihn an die Kehle packte, schnappte er in krampfhaftem Kampf ums Leben nach Luft, wie einer, der dem Ersticken nahe ist. Schnell wie in einem Traum, wo in wenigen Sekunden die Erlebnisse vieler Jahre zusammengedrängt sind, kamen und schwanden vor seiner Erinnerung die Begebenheiten, Daten und Worte, das ganze Gewebe der Vergangenheit, das, so schien es ihm, die Jetztzeit umspinnen mußte, sie zwingen mußte, nicht Trennung, nicht das Ende zu werden. Der zuversichtliche Eroberer-Wille, der seinen Geist erfüllte, als er vor sechs Jahren nach Paris kam, hochmütig, ehrgeizig, gierig – dieser Wille lebte noch in ihm, er wollte leben, er empörte sich gegen die Niederlage: »Es ist nicht möglich. Es soll nicht geschehen. Ich will es nicht ...«

Sein verwirrter Gedanke ergriff aufs Geratewohl Einzelheiten aus den kindisch-skeptischen Beweisführungen, womit er seine Gewissenszweifel zu beseitigen pflegte: »Der Besitz einer Frau muß dem Manne in moralischer Beziehung ebensowenig bedeuten wie ein Glas wohlschmeckenden Liqueurs ... Moral und Gefühl in diesen Akt hineinlegen zu wollen, sind Mönchs- und Dichterphantastereien. Der starke und gesund denkende Mann benutzt die Frauen wie jedes andere irdische Gut zu seinem Vergnügen und seinem Vorteil.«

Ja, die Beweisführungen waren noch immer da in seinem dienstunfähigen Gehirn. Aber weshalb trieb ihn ein unwiderstehlicher Impuls, stark und mächtig wie eine Naturkraft, in dieser schmerzlichen Stunde, wo er sich von einer Frau hingeopfert fühlte, in die Arme der entgegengesetzten Überzeugungen, in die Arme seines alten keuschen, frommen Kinderglaubens?

»Es waltet ein moralisches Gesetz über der Liebe der Menschen. Die flüchtige Lust der Umarmung, flüchtig wie der Genuß eines Glases Liqueur, birgt in sich den Keim zu den schmerzlichsten und tiefsten Leiden ... Du siehst ja, daß der Schmerz, den du jetzt fühlst, aus anderem und größerem herstammt als aus dem Kummer über den Verlust eines Vergnügens ...«

Ja, sein Schmerz stammte aus anderem und größerem. Das, was ihn folterte, war nicht jene theoretische Eifersucht, die die Psychologen docieren, der aufflammende Zorn, den das Bild der Geliebten in den Armen eines anderen, hervorruft. Im Gegenteil, er fühlte Ekel vor der körperlichen Wollust, wie es die wirklich Wollüstigen in jeder starken Gefühlskrisis immer thun. Das, was ihn quälte und mit Haß erfüllte, war, daß Maud sich nicht mehr nach ihm sehnte, daß sie sich hatte frei machen können von ihm, daß er ihr nicht länger notwendig war – während er sich von ihr nicht frei machen konnte. Heute hatte er es gefühlt, als er zu vergessen suchte in den Armen einer anderen Frau, die er aus Trotz zu sich gerufen. Seine Nerven, sein ganzer Körper hatte sich geweigert. Die treulose, die abwesende Geliebte behielt ihre Herrschaft über ihn; und nur dadurch, daß er ihr aus der Ferne die Treue bewahrte, daß er an sie allein dachte, hatte er die Liebkosungen hervorgezwungen.

»Aber sie wird auch sicher leiden!«

Es war die Hoffnung seiner Eifersucht, daß auch sie ihren Golgathaweg wanderte.

»Sie kann nicht aufhören mich zu lieben, so ganz plötzlich, durch einen Vernunftbeschluß. Sie leidet ... es sei denn, daß ...!«

Der Zweifel tauchte auf, und mit ihm jene alltägliche Eifersucht, die Erbitterung bei dem Gedanken, daß die Geliebte von den Lippen eines anderen geküßt wird, der wahnsinnige Haß, der zum Morde führt. Und diese alltägliche Eifersucht erweckte wieder seine Begierden.

Eine deutlich geschaute Erinnerung – Maud, mit entblößten Armen in Suzanne Duroys ehemaligem Zimmer stehend, damit beschäftigt ihr Haar zu ordnen – brachte ihn plötzlich zur Besinnung und rief ihn in die nüchterne Wirklichkeit zurück. Er sah sich um: »Wo bin ich?« Er stand an der Rue de Saint Petersbourg. Wie ein verwundetes Tier, das instinktiv seine Höhle aufsucht, war er, ohne es zu wissen, seinen gewöhnlichen Weg gewandert, der ihn dorthin führte, wo er mit Maud die unvergeßlichen Stunden verlebt hatte.

Und auch jetzt, wo er zu vollem Bewußtsein erwacht war, trieb ihn eine innere Macht unwillkürlich weiter – zur Rue de Berne. Schon schwärmten öffentliche Dirnen um die kleinen Weinstuben der Straße, vor denen rote Laternen leuchteten. Der Abend war milde, angenehm und still.

Als er zu Mathildens Haus kam, blieb er unschlüssig stehen. Die Thür war wie immer abends geschlossen. »Was soll ich der Pförtnersfrau sagen? Sie wird mir nicht erlauben, in die Wohnung der Verstorbenen hinaufzugehen.«

Aber er wußte, daß man ihm immer gehorchte, wenn er einen gewissen Willen in seine Stimme hineinlegte.

Und er trat in das Pförtnerstübchen. Die Frau war allein zu Hause, sie stand und wusch auf. Sie hielt einen Augenblick zögernd mit der Arbeit inne, als Julien mit gebieterischer Stimme, die alle Einwände abschnitt, den Schlüssel zur Wohnung der verstorbenen M me. Duroy verlangte. Einfache Leute in Paris hegen große Ehrfurcht vor dem Tode, wohl die einzige Ehrfurcht, die sie kennen.

»Ich wollte eine Reisetasche abholen, die ich oben habe stehen lassen,« sagte Suberceaux, um die einfältige Seele zu beruhigen. Die Frau gab ihm den Schlüssel. Julien lief die drei Treppen hinauf, schnell wie damals, als er zum Stelldichein erwartet wurde. Es war also doch noch etwas da, was er begehrte. In der Verwirrung seines Herzens war er glücklich, daß er diese unvernünftige Freude empfand, hier in der öden, ausgestorbenen Wohnung zu sein, und Mauds leeres, verlassenes Zimmer wiedersehen zu können.

*

Der Tod hatte übrigens nichts in der kleinen Wohnung geändert; das sah er, als er ein Licht angezündet hatte, welches wie früher auf einem niedrigen Schrank im Korridor stand. Auch alles andere stand an seinem gewohnten Platz; ebenso in der Eßstube, die er durchschritt; nur war die Luft fade, wie in allen unbewohnten Räumen, doch vermischt mit dem feinen Duft, der immer an den Zimmern haftet, wo Frauen sich aufgehalten haben. Aber besonders ihr Zimmer, »Suzons Zimmer«, machte den Eindruck, als sei es vor ganz kurzem erst verlassen. Das Bett war frisch gemacht, auf dem Toilettentisch standen Flacons mit Resten von Parfüms und lagen eine Menge kleiner Sachen, die Maud nicht Zeit gehabt hatte zu holen, oder die sie absichtlich dort gelassen.

Mit vor Aufregung bebendem Herzen trat Julien ein, zündete die Kandelaber auf dem Kamin an und brachte, wie früher so oft und so gern, ihr kleines Liebesnest in Ordnung. Die gespenstischen Erinnerungen aus der Vergangenheit, vor denen er kürzlich geflohen, als er draußen vor seiner eigenen Wohnung stand, die gerade suchte er hier auf; er suchte sie mit qualvollem Verlangen zurückzurufen. Aber die Hallucinationen blieben aus. In einem Stuhl am Fenster sitzend, dem Geräusch der vereinzelt vorbeifahrenden Wagen horchend, schloß er die Augen – vergebens. Obgleich die Umgebung unverändert war, es wollte sich das Gestern mit dem Heute nicht verschmelzen. Keine Sekunde wurde ihm die Illusion, um die er so flehentlich bat. Er litt nur noch mehr, eine thränenlose, herzquälende Verzweiflung.

Nach einer Weile erhob er sich, stöhnend, instinktiv nach einer Waffe, einem Gegenstände suchend, um sich damit zu töten.

»Mir ist so elend zu Mute!«

Ein Entsetzen vor dem Leben ergriff ihn. Er warf sich auf das Bett, riß die Decken ab, biß in die frischen, weißen Laken, an denen keine Erinnerung an die Abwesende mehr haftete. Ein rasender Drang, die Vergangenheit zu zerstören, zu vernichten, bemächtigte sich seiner. Er zerrte und riß am Bette, warf die Kissen durcheinander wie ein Kind, das ein Stück Möbel schlägt, an dem es sich gestoßen hat. Und plötzlich bekam er zwischen den aufgewühlten Betten ein Stück Batist in die Hände; eines von Mauds Hemden, ein langes, keusches, sehr feines, aber nicht durchsichtiges Madchenhemd. Ein Duft von Ambra und Farnkräutern, vermischt mit dem Duft von Mauds Körper, schlug ihm daraus entgegen. Er atmete ihn lange ein, und sein Schmerz löste sich. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, Thränen der Liebe, jener wahren Liebe, wie sie die anderen Menschen auch fühlen, gegen die er gesündigt hatte, die er verleugnet hatte ...

»Maud, meine liebe, liebe Maud!«

Schluchzend bohrte er sein Gesicht in das leblose Stück Zeug hinein. Leblos und doch lebend: denn Maud hatte es ja getragen, und es war das einzige, was ihm noch von ihr blieb.

In seiner großen Verzweiflung fühlte er während eines kurzen Augenblicks seinen Kinderglauben wieder aufblühen: er lebte also trotz alledem noch unter dem ungesunden Staub, der ihn so lange bedeckt hatte? Er fing an zu beten. Er mischte unter die heiligen Namen, die er in alten Zeiten angerufen, den Namen der Geliebten, deren Körper er entheiligt hatte. Mit verwilderter aber aufrichtiger Frömmigkeit stieß er jetzt alle Vernunftgründe von sich, und rief in einem Glaubensschrei den Himmel um Gnadenbezeugungen an, welche allem Glauben, aller Moral widerstritten. Wie früher, wenn er in seinen Kinderjahren irgend etwas wünschte, ein Vergnügen oder Geschenk, legte er der heiligen Jungfrau und den himmlischen Schutzheiligen feierliche Gelöbnisse ab – gelobte Buße und Besserung für die Zukunft: »Ich will mich verheiraten ... Ich will arbeiten ... Ich will heilig mit ihr leben. Aber gib sie mir wieder!«

Als er wieder hinunterkam, war es elf Uhr vorbei. Die Pförtnersfrau stand in der Thür und sah ihn mißtrauisch an; er beruhigte sie dadurch, daß er ihr gleichzeitig mit dem Schlüssel einen Louisdor in die Hand drückte ... Und er ging die Straße hinunter in gerader Haltung und mit festen Schritten. Es schien ihm, als wäre die Hoffnung trotz alledem nicht ganz erloschen. Gesunde Thränen hatten seinen Kummer erleichtert, und mit den Resten seiner moralischen und seiner Glaubensüberzeugungen war auch das Gefühl der Hoffnung, das in der verzweifeltsten Seele noch immer unzerstörbar schlummert, an die Oberfläche seines Bewußtseins getreten.

»Es soll nicht geschehen! Sie wird Chantel nicht heiraten!« Eine feste Überzeugung, die keines Beweises bedurfte, sagte ihm das. Wie sollte es verhindert werden, mit oder ohne sein Eingreifen? Er wußte es nicht. Er fühlte nur, daß er das Recht hatte einzugreifen. Aber wie er es anfangen sollte, und ob er überhaupt von seinem Rechte Gebrauch machen wollte – auch das wußte er nicht.

Er litt noch immer, aber sein Schmerz war wie in schlaffer Gleichgültigkeit erstarrt; er überlegte nicht, dachte nicht. Und von jetzt an nahm er sein gewöhnliches Leben wieder auf, scheinbar ganz ruhig, äußerlich wenigstens. Er ging nach Haus und kleidete sich mit der gewohnten peinlichen Sorgfalt um. Wer ihn etwas nach Mitternacht gesehen hätte, wie er im Frack und offenem Frühlingsüberzieher, eine Blume im Knopfloch, die Cigarre im Munde, langsam durch die Rue Saint-Honoré zum Klub hinschlenderte und am Spieltische Platz nahm – hätte sicher nicht geahnt, daß dieser Mann während vierzehn Tage in einem unausgesetzten Fieberzustande gelebt hatte, und während der letzten sechs Tage beinahe gemütskrank gewesen, daß er vor nur zwei Stunden in aufstöhnendem Schmerz mit der Verzweiflung gerungen, als er das feine Hemd an die Lippen preßte, das er jetzt in seiner Rocktasche trug, wo es, sorgfältig zusammengelegt, kaum mehr Platz einnahm als ein Taschentuch.

Im Klub hatte das Spiel schon begonnen. Er setzte eine Zeitlang auf die Karten; als die Bank frei wurde, übernahm er sie selbst. Er hielt sie die ganze Nacht und verlor beständig, nicht viel, aber unaufhörlich. Um fünf Uhr wurde das Spiel mit der naiven und unverschämten Heiterkeit, die das Unglück des Bankhalters immer bei den Spielenden hervorruft, aufgehoben. Alle hatten von Suberceaux gewonnen. Er verlor dreihunderttausend Franken, den Gewinn der ganzen Woche.

Obgleich er schon längst den Ruf eines kaltblütigen Spielers genossen hatte, erregte er doch an diesem Abend bei seinen schlimmsten Feinden Aufsehen und Bewunderung. Mit der vollkommensten Unbekümmertheit hatte er ein Vermögen zwischen seinen Fingern verschwinden sehen. Und auf dem Heimwege vom Klub atmete er die frische Frühlingsmorgenluft mit vollen, frohen Lungen ein. Die Sache war die: er hatte die ganze Zeit, während er verlor, eine geheime Freude darüber empfunden. Mit abergläubischem Fanatismus hatte er sich, ohne sich darüber klar zu werden, folgenden günstigen Ausgang ersonnen. »Verliere ich heute nacht, wird nichts aus der Hochzeit ...« Er hatte so viel verloren, wie er verlieren konnte; er ging heim, ohne viel mehr zu besitzen als seine Kleider, aber dafür mit dem instinktiven Glauben: es wird nichts aus der Ehe. – Er gab sich nicht die Mühe zu untersuchen, wie diese Hoffnung erfüllt werden konnte. Er war völlig sorglos. Im Chaos seiner Gedanken fühlte er Pläne keimen, die sich am nächsten Tage entfalten würden, die jetzt aber noch ebenso undeutlich waren wie die Blume in jenen Zwiebeln, die sich in einer Nacht vom Keim zur Blüte entwickeln. Er legte sich ruhig zu Bett und schlief friedlich ein, das Gesicht in Mauds duftendes Hemd hineingedrückt.

Wahrlich, er war ein Spieler am Tische des Lebens, zugleich verwegen und kindlich, abergläubisch und tollkühn. Er hatte die Eigenschaften, die Frauen und Spieler haben, und aus denen, wenn das Schicksal es will, die großen Eroberer entstehen.

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