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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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Dritter Teil.

I.

»Bist Du wach?«

»Ja, komm nur herein, Liebe.«

Étiennette machte die Thür hinter sich zu, lief dann hin und küßte Maud, die noch nicht aufgestanden war. Sie liebkosten sich mit der ganz eigenen, anmutigen und überzeugten Zärtlichkeit, die sich hübsche Frauen, in Abwesenheit der Männer und der aus ihrer Gegenwart erstehenden Konkurrenz, gegenseitig gern erweisen ... Übrigens hatte sich ihre ehemalige Klosterfreundschaft während der Zeit, wo sie auf Chamblais zusammen lebten, nur gekräftigt. Beide hatten ihre Hoffnungen und Befürchtungen, über die sie sich gern in sicherer Vertraulichkeit aussprachen. Obgleich beide ausgeprägte Frauencharaktere waren, sowohl die in aufrührerischem Trotze vorwärtsstrebende Maud, als auch die in der strengen Schule des Lebens erzogene Étiennette, so erschienen sie in ihrem Verkehr wie zwei ganz alltägliche junge Freundinnen. Wer sie gehört hätte, wie sie sich miteinander unterhielten, würde vor allem die Unschuld ihrer Bemerkungen, ihre entzückende Kindlichkeit bewundert haben.

Nachdem sie die Morgenküsse ausgetauscht hatten, begannen sie zu plaudern, verloren sich in gegenseitige Bewunderungen über ihre eigene Niedlichkeit und gingen dann auf das unerschöpfliche Thema der Kleider und des Putzes über.

»Du müßtest immer schwarzen Krepp tragen, so wie heute,« sagte Maud. »Nichts steht besser bei Deinem Teint und Deinen Haaren. Nein, was hast Du doch für prachtvolles Haar! Deine Flechten sehen wirklich aus wie Gold ...«

Sie nahm eine davon in die Hand und legte sie auf das Kopfkissen zwischen ihre eigenen aufgelösten, dunkleren Haare.

»Sieh doch nur! ... meine werden neben Deinen fast dunkelbraun ... Eigentlich müßte ich mich nie mit Dir zusammen zeigen. Du stichst mich völlig aus, mein Schatz!«

»Willst Du wohl gleich still sein!« antwortete Étiennette. »Als ob es etwas so wunderbar Schönes geben könnte wie dies ... ja und wie dies ...!«

Sie ließ ihre Finger durch Mauds feine und weiche, braune Locken gleiten, aus denen bei der Bewegung rotgoldene Funken sprühten; sie öffnete den Halskragen des feinen Battist-Nachthemdes und drückte einen Kuß auf den zarten Hals der Freundin.

»Nein, Du bist es, Liebe, die viel zu schön ist, ... schön wie eine Königin. Neben Dir sehe ich aus wie eine kleine Kammerzofe. Aber das ist mir einerlei, ich habe Dich so lieb!«

Dann küßten sie sich von neuem.

»Apropos,« sagte Maud, »ich habe mich für den großen, ärmellosen Mantel entschieden ...«

»Für den von Laferrière?«

»Ja. Nur werde ich einiges daran ändern lassen. Erstens muß er oben anschließender sein, und dann ...«

Sie erklärte ihren Plan, von Étiennette unterbrochen, die ebenfalls während der Nacht darüber nachgegrübelt hatte, wie sich das Modell von Laferrière abändern ließe. Für einen Maler wäre es wirklich ein verlockendes Motiv gewesen, die beiden hübschen Mädchen zu malen, wie sie mit komischer Feierlichkeit und eifrigen Bewegungen hier in dem großen Zimmer des Armida-Schlosses mit der reich geschnitzten Täfelung und den alten Möbeln, die einem Museum zur Zierde gereicht hätten, allerlei anmutige Stellungen einnahmen, um die Form des besagten Mantels auszuprobieren.

Sie waren sich noch nicht einig geworden, als die Thür sich öffnete, und Betty mit der Morgenpost erschien.

»Haben Sie auch meinen Brief, Betty?« fragte Étiennette.

»Ja, Fräulein. Ich sah, daß Fräulein nicht in Ihrem Zimmer waren ... Da hab' ich alles hierher gebracht. Es sind zwei Briefe für Fräulein Étiennette da.

»Zwei!« rief das junge Mädchen ... »Wer kann das sein?«

Sie erwartete nur einen Brief von Paul Le Tessier. Er schrieb jeden Tag an sie, selbst wenn er auf Chamblais frühstückte oder zu Mittag aß. Sie antwortete ihm ebenfalls jeden Tag. So hatte sie das beglückende Gefühl, nicht ganz allein in der Welt zu stehen.

Auch heute war das weiße Briefcouvert mit dem Stempel des Senats ganz richtig da. Sie öffnete es jedoch nicht gleich, sondern behielt einige Augenblicke das andere Couvert zögernd in der Hand. Es war ein längliches, ziegelrotes Couvert mit einer ausländischen Briefmarke darauf.

»Was hast Du, Liebe?« fragte Maud, als Betty fortgegangen war. »Woher ist denn der Brief?«

»Von Suzon,« antwortete Étiennette. »Er kommt aus Holland.«

»Wie unangenehm! Sie hätte auch lieber etwas damit warten sollen, von sich hören zu lassen, die gute Suzon.«

Sie verstand Étiennettes Gedanken beim Empfange dieses Briefes sehr gut. Jetzt, da die Mutter gestorben, war das einzige Hindernis für eine Ehe mit Paul diese leichtsinnige Suzon, die mit ganz Paris soupiert und sich mit ganz Paris amüsiert hatte. Ihre lange Abwesenheit, ihr anhaltendes Schweigen, das nicht einmal beim Tode der Mutter unterbrochen wurde, hatte indessen bewirkt, daß man anfing, in dem raschlebigen Paris ihren Namen zu vergessen. Hatte sie etwa die Absicht, jetzt wieder auf dem Schauplatze zu erscheinen?

»Ich schreibe Dir von Amsterdam, wohin ich mit der Truppe gereist bin. Das Theater habe ich übrigens verlassen. Ich bin mit einem jungen, sehr kahlen und sehr flotten Kaufmann zusammen, den ich nach Paris zu führen beabsichtige. Vielleicht wird sein Bruder uns begleiten: er ist auch reich, hat nichts zu thun, und Du bist ganz sein Typus.

Ich hoffe, es geht Mama gut. Wenn sie irgend etwas wünschen sollte, braucht sie es mich nur wissen zu lassen. Ich wohne im Hôtel Mille Collones. Henri ist sehr liebenswürdig: er giebt mir alles, was ich haben will ...«

So ging es weiter durch zwei Seiten, derselbe oberflächliche und gedankenlose Ton, ein unfeines Weibergeschwätz, das Étiennette demütigte und ihr ins Herz schnitt. »Ich hoffe, es geht Mama gut ... Henri hat einen Bruder, der nichts thut: Du bist ganz sein Typus ...« Das war Suzons Familienliebe!

»Ich wage es nicht, ihn Dir vorzulesen,« sagte sie zu Maud. »Ich wollte, ich hätte ihn gar nicht gelesen.«

Doch im selben Augenblick mußte sie daran denken, daß sie in dem sicheren Glauben gelebt, die Schwester, die lange schon ihre Gesundheit untergraben hatte, wäre ebenfalls tot, der Brustkrankheit erlegen. Und sie schämte sich, daß sie sich diese Möglichkeit ohne Schmerz hatte denken können, ja eigentlich nur als eine Befreiung. Suzon, die gutherzige, leichtsinnige Schwester, mit der sie als Kind gespielt hatte, als sie beide das Leben noch nicht kannten – Suzon war ja doch das einzige, was ihr aus jenen Tagen noch geblieben war.

Dann sagte sie laut:

»Armes Mädchen! Ich bin doch froh, Nachrichten von ihr zu haben. Sie ist so schwach. Wenn sie nur etwas vernünftiger sein wollte. Sie hat ein so gutes Herz.«

Selbst das Anerbieten, durch das sie sich eben so gedemütigt gefühlt, war ja ein Beweis vom guten Willen des armen Mädchens. Jeder hilft, wie er kann, nach seinem Verstande und seinen Fähigkeiten. Arme Suzon!

Sie fragte Maud um Rat.

»Soll ich es Paul erzählen, daß ich Nachrichten von ihr habe?«

»An Deiner Stelle würde ich nichts sagen. Es wird ihm nur unangenehm sein. Und sollte Suzon wirklich zurückkommen, erfährt er es früh genug. Übrigens wer weiß, vielleicht kommt sie gar nicht.«

Tiennette küßte ihre Freundin.

»Du hast natürlich recht. Du beurteilst alles so klug ... Aber ich quäle Dich mit meinen Sachen. Hast Du interessante Briefe bekommen?«

»Nein,« antwortete Maud und ließ die Finger durch den Haufen von Briefen und geöffneten Couverts gleiten, der vor ihr auf der Bettdecke lag ... »Verschiedene Schreiben von Handwerkern und Kaufleuten, eine Frühstücks-Einladung vom unvermeidlichen Aaron zum Vernissagetag, ein Brief von einem gewissen John Arthur, der uns in der Rue Lincoln ein Hotel zum Mieten anbietet ... Das ist alles ... Ja, und dann natürlich von Maxime ein Brief.«

»Und ...?«

»Nein, kein Wort.«

»Wann hast Du ihm geschrieben?«

»Vorigen Mittwoch.«

»Also ungefähr vor einer Woche. Wie sonderbar. Er muß beleidigt sein.«

Maud ließ den Kopf auf das Kopfkissen zurücksinken; die Hände hingen schlaff hernieder, und das Gesicht bekam einen müden Ausdruck.

»Ach Liebe, dann laß ihn meinetwegen beleidigt sein! Ich kann doch nicht jetzt, vierzehn Tage vor der Hochzeit, meine Nachmittage in der Rue de Berne verbringen. Ich will mich nicht tyrannisieren lassen. Die Wartezeit, die ich von ihm verlange, ist nicht so schrecklich lang: er muß sich wirklich gedulden. Übrigens, es mag ihm nun unlieb sein oder nicht, ich bleibe dabei, was ich ihm schrieb. Ich reise nicht mehr allein nach Paris. War es vielleicht kein vernünftiger Rat, den ich ihm gab? Daß er wegreisen sollte, ins Ausland für eine kurze Zeit ... ein oder zwei Monate. Er ist augenblicklich bei Gelde. Er gewinnt gerade in dieser Zeit so viel er will im Klub. Wenn er dann zurückkommt, ist alles klipp und klar; ich bin Vicomtesse de Chantel ... und später werde ich schon für Juliens Zukunft sorgen.«

Sie wartete ein Weilchen darauf, daß Étiennette ihren Beifall zu erkennen geben sollte. Als diese aber schwieg und beständig wie geistesabwesend in den Brief von Paul Le Tessier hineinguckte, den sie eben gelesen hatte, richtete Maud sich in den Kissen auf und sagte, während sie den Ellbogen auf das Kopfende stützte:

»Aber Du hörst ja gar nicht, was ich sage?«

»O doch,« antwortete das junge Mädchen. »Aber Du weißt, liebe Maud, daß ich, was solche Sachen betrifft, ein bißchen dumm bin. Ich bin immer wieder erstaunt über Dich. Ich glaube, ich werde Dich nie ganz verstehen lernen.«

»Die Sache ist doch klar genug!«

»Bitte, Liebe, sei mir nicht böse!« fuhr Étiennette fort, indem sie schmeichelnd ihren Arm unter Mauds Arm gleiten ließ. »Ich gebe es ja zu: Du hast ganz recht, und ich bin ein kleines, dummes Ding ... Sieh, alles was ich begehre, ist, mit jemandem zu leben, der mich sehr lieb hat, und den ich sehr lieb habe ... Alles andere ist mir gleichgültig! Aber das ist etwas, in das Du dich nicht hineinversetzen kannst. Ich bin ein kleines Spießbürgermädchen: ich könnte damit zufrieden sein, in einer Provinzialstadt von dreitausend Franken jährlich zu leben. Und deshalb begreifst Du wohl, daß ich, wenn ich an Deiner Stelle wäre und Julien so liebte wie Du ihn liebst (leugne es nicht, Maud! Du liebst ihn so sehr, daß Du seinetwegen Unvorsichtigkeiten begangen hast, was Dir sonst nicht ähnlich sieht), – wenn ich also an Deiner Stelle wäre, würde ich mich ganz einfach mit Julien verheiraten ... Freilich ist er faul, aber keineswegs dumm, und unter Deiner Leitung wäre er sicher vorwärts gekommen ... Du wärest weniger reich geworden, als es die Vicomtesse de Chantel wird, aber Du hättest es vermieden, der Alternative gegenüberzustehen: entweder einen Menschen, den Du liebst, nicht mehr zu sehen, oder fortwährend auf einem Vulkan zu leben ... denn Deine beiden Anbeter sind unstreitig etwas lebensgefährlich. Aber auf einem Vulkan leben, nein, das ist nichts für mich. Dann ziehe ich das bescheidenste Leben vor, wenn ich mich nur sicher weiß.«

Alles das wurde in ruhigem, einschmeichelndem, fast liebkosendem Ton gesprochen, mit der anmutigen Mischung von Bescheidenheit und Sicherheit, die der Tochter von Mathilde Duroy eigen war.

Maud, die ihr ernsthaft zugehört hatte, antwortete mit etwas erregter Stimme:

»Was Du da sagst, kann auf Dich und viele andere passen. Auf mich paßt es nicht ... Glaube nur nicht, daß ich mich damit über Dich oder irgend jemand sonst erheben will. Aber ich kenne mich und weiß, daß ich mich nie darein finden würde, mit einem Menschen, wie Julien, verheiratet zu sein; ich will nicht zu den Deklassierten gehören. Dann lieber eine ganz gewöhnliche Kokotte werden, wie ... (Sie hätte beinahe gesagt »wie Deine Schwester«, aber sie biß sich noch rechtzeitig auf die Zunge) wie so manche andere, die mit der Klostertugend anfing und mit etwas weniger Tugendhaftem endete. Ja lieber würde ich, wenn es sein sollte, die offizielle Geliebte des widerlichen Aaron ... Das wäre jedenfalls den Schritt voll und ganz thun: dann wäre man ein für allemal aus der guten Gesellschaft heraus, kümmerte sich nicht mehr um sie, aber hätte dagegen Geld genug und – all das andere.«

»Und die Liebe?« fragte Étiennette lächelnd.

»Die Liebe? Was Du unter Liebe verstehst, verstehe ich nicht darunter. Mit seinem ehrbaren, vortrefflichen Ehegatten in der Ofenecke zu sitzen, ihm auf den Schoß zu klettern, gehätschelt und getätschelt zu werden, geküßt und gestreichelt, nachdem man ihm erst den Grog zubereitet und die Pantoffel geholt hat! Diese Art von Liebe paßt mir nicht! Ich verabscheue sie geradezu. Ja, ich verabscheue sie! ... Dagegen hilft absolut nichts! Ich kann nun einmal das Küssen und Streicheln und Zärtlichthun nicht vertragen; es greift meine Nerven an.«

»Aber Julien doch?« fragte Étiennette etwas erstaunt.

Maud stützte ihre Elogen gegen die Bettkante, und mit verschleierter, inbrünstig vibrierender Stimme sagte sie:

»Julien! ... Ja, die Liebe, die zwischen mir und ihm ist, die geht nicht in Pantoffeln, davon kannst Du überzeugt sein! Du sagtest vorhin, daß ich ihn liebe ... Nein Du, ich bin sicher, daß ich ihn nicht liebe! ... Ich sehe zu gut, wie er ist, nicht hervorragend begabt, eitel, egoistisch und faul ... Ach glaube mir, ich kenne ihn! ... Aber dennoch und trotz alledem besitzt er etwas, das ihn den anderen Männern gegenüber unendlich überlegen macht. Er ist so unendlich viel schöner, stärker, feiner, eleganter, so unendlich viel ... ja wie soll ich es sagen, ich finde kein Wort, um es auszudrücken. Er ist nur eines, aber das ist er im vollsten Maße ... er ist der Liebhaber. Verstehst Du mich?«

Sie legte sich wieder in das Bett zurück, schloß die Augen und fuhr fort:

»Alle Männer, ... selbst der arme Christeanu, der alle Weiber bethörte – sowohl die jungen wie die alten ... sind mir gleich widerlich. Maxime ist ja nicht häßlich. Und dennoch spüre ich jedesmal Lust, ihn zu beißen, wenn er mich auch nur auf die Stirn küßt ... Nur mit Julien ist das nicht der Fall. Ich liebe seine Hände, seinen Mund, seine Augen. Ich verlange nach ihm, glaube mir, ganz in derselben Weise, wie die Männer nach uns verlangen, selbst wenn sie uns hassen ... Das wirst Du natürlich auch nicht verstehen. Und vielleicht wirst Du es nie verstehen können, ebensowenig wie ich Deine Ofen- und Pantoffelschwärmereien verstehe. Ich bin nur in einen einzigen Mann verliebt, aber ich bin es in furchtbarer Weise. Woher habe ich dies Temperament? Mama ist träge wie ein Murmeltier, Jacquelines Leidenschaft besteht nur aus Worten ... Vielleicht ist es ein Erbe von meinem Vater, der sehr erotisch war ... oder von irgend einem halbwilden Neger, einem unbekannten Stammvater mütterlicherseits ... Jedenfalls leide ich darunter.«

Sie schwieg einen Augenblick, dann fügte sie hinzu:

»Weißt Du noch, einen Abend zu Haus, als der belgische Graphologe unsere Handschriften untersuchte? In meine Charakteristik schrieb er »sehr sinnlich ..., und der kleine Schafskopf, der Espiens, der über meine Schulter in das Papier hineinguckte, fing an zu lachen: »Ha! Ha! Sehr sinnlich, das ist gut ...« Ich brachte ihn durch einen Blick zum Schweigen, konnte mich aber nicht enthalten zu sagen: »Was lachen Sie? Es ist gar nicht zum Lachen, kann ich Ihnen sagen ... Glauben Sie etwa, daß es komisch wäre? ...« Nein, siehst Du, keine von diesen Damen-Puppen und keiner von diesen Herrchen wissen, was das heißen will, Sinne zu haben ... Es giebt Augenblicke, wo ich glauben möchte, daß in ganz Paris nur zwei Menschen die Kunst der sinnlichen Liebe verstehen: Julien und ich.«

Sie schwieg eine Weile. Unterdessen dachte Étiennette, die etwas erschrocken war über den Einblick, den sie so plötzlich und unvorbereitet in die Seele der Freundin bekam: »Wie erregt muß sie sein, um so zu sprechen, sie, die sonst so vorsichtig ist!« Aber als Maud sich wieder zu ihr wandte und sie anredete, hatte sie die Herrschaft über Stimme und Haltung vollkommen wiedergewonnen.

»Na, und was schreibt der liebe Senator?«

»Er schreibt, daß er, wie verabredet, heute zum Frühstück kommen wird. Hector wahrscheinlich auch.«

» Sehr wahrscheinlich,« sagte Maud lächelnd, »da Maxime Jeanne mitbringt.«

Étiennette erhob sich vergnügt und küßte Maud.

»Na,« sagte sie, »jetzt will ich hineingehen und mich schön machen, um meinen Geliebten zu empfangen?«

»Er ist nicht zu beklagen, Dein Geliebter. Aber einen Rat möchte ich Dir geben: paß auf, daß der Flirt sich nicht zu sehr in die Länge zieht.«

In der Thür stehend, nickte ihr das junge Mädchen zustimmend zu.

»Und glaube mir,« schloß Maud das Gespräch, »kein Wort von Suzon.«

... Sie klingelte nach Betty.

Sobald die englische Kammerzofe eingetreten war und ihrem Fräulein die Pantoffel gereicht hatte, sprang Maud aus dem Bett und ließ sofort das feine Batist-Nachthemd von ihren Schultern auf den Teppich gleiten, wo die Kammerzofe es schnell aufnahm. Während das Bad drinnen im Toilettenzimmer zubereitet wurde, ging das junge Mädchen in unbekümmerter Nacktheit im Schlafzimmer hin und her, von der Kommode, wo sie selbst das Hemd, die Strümpfe und das Beinkleid, das sie anziehen wollte, auswählte, zum Kaminspiegel, vor dem sie sich damit belustigte, das Tageslicht mit rötlichem Glanz in ihren Haaren spielen zu lassen. Und ihr weißer Körper, von dem sonnenverbrannten Nacken bis zur zarten Brust, die breiten und doch weich hinabschwellenden Hüften, die schmalen Kniee und die zierlichen Füße, die mit ebenso vieler Sorgfalt wie die Hände gepflegt waren – dieser ganze, weiße Diana-Körper war so vollkommen, daß er keusch erschien, wie die heilige Nacktheit der Marmorgöttinnen.

Wenige Augenblicke nachher lag sie drinnen auf dem Sofa im Toilettenzimmer, während Betty, auf den Knieen vor ihr, sie leicht mit Frottierhandtüchern rieb, sorgfältig die Nägel an den Füßen feilte, und die blanken Glieder massierte. Maud genoß mit Wohlbehagen die schnelle, leichte Behandlung der flinken Hände ihrer Zofe. »Noch ein wenig, Betty ... und etwas stärker ...« Während der halben Stunde, in der sie massiert wurde, überließ sie sich in ungestörtem Schweigen ihren eigenen Gedanken und legte sich den Tag zurecht ... Maxime ... Julien ... für den Augenblick die beiden Pole in ihrem Leben. Bisher hatte sie Julien im Joch seiner bald aufgeregten, bald befriedigten Sinne gehalten; sie ließ ihm nie die Zeit zum Nachdenken oder zum Aufruhr. Jetzt mußte sie die Taktik ändern. Wenn sie sich zum Stelldichein mit Suberceaux begeben hatte, überkam sie immer ein ängstliches, ahnendes Gefühl, als ob feindliche Augen ihr auflauerten ... »Es ist auch wirklich zu tollkühn von mir, daß ich ihn besucht habe, und wenn es auch nur ein einziges Mal gewesen ist, während Maxime in Paris war ... Wenn ihm nun jemand etwas davon gesagt hätte! ...« Zuweilen war er während ihres Beisammenseins finster und nervös, zerstreut und kühl gewesen; war plötzlich bei irgend einer Bemerkung, die ihn wahrscheinlich an etwas erinnerte, das er früher gehört hatte, schweigsam geworden ... »Er hat natürlich anonyme Briefe bekommen ... Ich habe so viele Feinde! Ich habe nur Feinde! ... Die ekelhafte Ucelli, und Aaron, der wütend ist, weil meine Ehe ihm die letzte Hoffnung nimmt, sie spionieren jeden Schritt aus, den ich mache. Sie sind sogar im stande, meine Dienstboten zu bestechen und Betty weiß alles?«

Zum erstenmal schauderte sie zusammen bei dem Gedanken an die Zukunft, vor der Möglichkeit einer Katastrophe.

»Geht es schief dieses Mal, dann ist alles vorbei ... dann ist mein Leben verloren ...« Und eine schmerzliche Vorahnung ergriff sie. Wenn diese Ehe mißglückte, was wartete ihrer dann? Ein Leben ins Ungewisse hin ... ein erbärmliches Leben in verschämter Armut. »Nein, nein... das könnte ich nicht aushalten!« Und das demütige und hartnäckige Gesicht von Aaron zeigte sich vor ihrem Geist. Sie wußte, was sein Ziel war: eines Tages hatte er, während einer Mittagsgesellschaft, wo er neben ihr saß, und sie ihn weder zum Schweigen zwingen konnte, noch sich weigern, ihn anzuhören, es gewagt, seine gemeinen Eroberungspläne ihr ins Ohr zu flüstern, und während sie ihm leise mit den verächtlichsten und beleidigendsten Worten antwortete, hörte sie ihn immer und immer wiederholen: »Ja, ja, ich bin und bleibe Ihr Freund... man weiß nie, was die Zukunft bringen kann... aber ich bin und bleibe Ihr Freund... zu mir können Sie immer ruhig kommen... und Sie wissen, daß ich meistens erreiche, was ich erreichen will!« Der Schurke... Seine cynische Erklärung hatte den Eindruck auf sie gemacht, als hätte sie plötzlich ein widerliches, schleimiges Tier berührt... Und doch, wenn die Ehe mißlang, bot ihr die Zukunft nur die Wahl zwischen der Armut und ihm... »Wir stehen am Rande des Abgrunds,« dachte sie. Und die Geldsorgen, die in der letzten Zeit anfingen sie zu quälen, was sie auch that, um sie zu verscheuchen, kamen ihr wieder in den Sinn... »Noch läßt man uns in Frieden, weil meine Ehe offiziell angekündigt ist. Aber geht das schief, werden sie sich alle auf uns stürzen!«

Doch als sie kurze Zeit darauf, halb angekleidet, vor dem hohen, in einem blaugestreiften Rahmen gefaßten Siegel stand, gewann sie ihre Sicherheit zurück. Sowohl Julien als Maxime hatte sie so stark ins Joch gespannt, daß sie sich nun nicht mehr befreien konnten. Sie kannte sie: lieber rissen sie sich die Augen aus, als von ihr zu lassen. »Andere haben sich trotzdem frei gemacht und haben mich vergessen ...« Sie erinnerte sich, wie an eine nie vergessene Schmach, an die früher mißglückten Heiratspläne ... Aber sie suchte sich zu trösten: »Damals war es meine eigene Schuld. Ich gab mir keine Mühe, ihre Liebe festzuhalten.«

Betty befestigte die letzten Haken des grauen, faltenreichen Kaschmirkleides, und, an dem halbgeöffneten Fenster stehend, sah Maud hinaus über die blühenden Bäume, deren Kuppeln sich vor dem Schlosse wölbten ...

Obgleich es so früh im Jahre war, wehte doch schon Sommerduft und Sommerluft über Armidens voll aufgeblühtem, laubreichem Park, aus dem hie und da zwischen den grünen Baumgruppen eine weiße Marmorstatue hervorschimmerte. Welche junge Seele widerstände wohl der mächtigen Verkündigung von Glück, die ein solcher sommerwarmer Frühlingsmorgen ausströmt? In ruhigem Selbstvertrauen auf die Zukunft bauend, stand Maud jetzt am Fenster und sog die entzückende Morgenfrische ein.

»Was sehe ich,« sagte sie vor sich hin ... »Hector ist schon hier!« Er kam die Verandatreppe herunter; Jacqueline folgte ihm mit aufgespanntem Sonnenschirm. Ihre Schatten, die im funkelnden Sonnenlicht blau wurden, waren kaum sichtbar gegen die weißen Stufen. Einen Augenblick darauf zeigte Paul sich mit Étiennette, deren Nacken im vollen Sonnenschein mit goldenem Glanze leuchtete. Die beiden Paare gingen eine Strecke Weges zusammen dahin ... dann, während Jacqueline und Hector weiter in den Park hinauswanderten, nahmen Paul und Étiennette Platz auf einer der runden Steinbänke, die um das Bassin angebracht waren.

»Gehen Sie hinunter,« sagte Maud zu Betty, »und sehen Sie, ob Chantels gekommen sind. Ich brauche Sie nicht mehr.«

Étiennette und Paul Le Tessier – die vielleicht auf derselben Bank saßen, wo in früheren Tagen die schöne Tänzerin Héro und ihr Bankier sich zärtlich schnäbelten – plauderten zusammen wie zwei gute Freunde, während Paul die Hand des jungen Mädchens in seinen Athletenhänden hielt. Er erzählte ihr, was er am vorhergehenden Tage für sie in Paris ausgerichtet hatte.

»Alles, was die Lebensversicherung betrifft, wäre also jetzt in Ordnung ... Es ist so gemacht, daß ich, wenn Sie mündig werden, und das Geld fällig ist, die zwanzigtausend Franken hebe, die Sie behaupten mir schuldig zu sein als Abzahlung der Vorschüsse, die ich Ihnen gegeben. Übrigens hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, sie Ihnen als Hochzeitsgabe zu überreichen, denn sie gehören Ihnen ja doch ... Die Hauptschwierigkeiten beim Ordnen der Hinterlassenschaft sind auch weggeräumt: da Ihre Schwester beim Tode der Mutter kein Lebenszeichen gegeben hat, haben wir ja allen Grund, zu vermuten, daß sie auf ihr Erbteil keinen Anspruch machen wird.«

Étiennette wollte ihn unterbrechen, ihm den Brief von Suzanne eingestehen. Sie wagte es aber schließlich doch nicht, und da sie jetzt schwieg, wurde ein künftiges Zugeständnis auch unmöglich.

»Die Wohnung wird für Ihre Rechnung stehen bleiben, bis der Mietskontrakt in anderthalb Jahren abläuft. Aber vor der Zeit denke ich, sind wir schon längst verheiratet, und Sie können dann selbst Ihre Bestimmungen treffen, was Sie weiter machen wollen. Was mich selber betrifft, so ist auch alles in Ordnung: ich bin beim Doktor Krauß gewesen, er stellt mir einen Krankheitsattest aus, so daß ich drei Monate Urlaub bekomme. Wenn wir die Ferien hinzurechnen, haben wir ein halbes Jahr vor uns. Wir verheiraten uns in London, gehen darauf nach Vézéris zum Besuch bei dem jungen Paare de Chantel, und« fügte er lächelnd hinzu, »kehren dann zurück, nach Paris, duftend von der vielen aristokratischen Vornehmheit, die wir uns im Umgange mit dem hohen Poitevinschen Adel geholt haben.«

Unter dem scherzhaften Ton, in dem er sprach, versteckte er einen Plan, den er schon seit langem mit kluger Überlegung ausgeheckt hatte. Er wollte Étiennette unter dem Schutze der de Chantels und de Rouvres heiraten, deren angesehene Namen die Herkunft und Familienverhältnisse des Fräulein Duroy in den Schatten stellen würden.

»Es gibt so viele Duroys in der Welt ... Und wenn eine Frau erst verheiratet ist, wer fragt dann nach ihrem Mädchennamen?«

»Wie gut Sie gegen mich sind!« flüsterte das junge Mädchen, und sah ihn mit ihren süßen, dankbaren Augen an.

Hingerissen von dem starken Zärtlichkeitsdrange, der das Herz eines vierzigjährigen Liebenden erfüllt, eine Zärtlichkeit, die zugleich unsicher und naiv ist, bereit an allem zu zweifeln, wie alles zu erhoffen, antwortete er mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte:

»Ich habe Sie ja so unendlich lieb. Werden Sie mich auch ein klein wenig wieder lieben?«

»Sie wissen ja, daß ich Sie liebe!«

»Ja, sie liebt mich,« dachte er, indem er den sanften Frohsinn ihrer hellblauen Augen und den sonnigen Hauch von Jugendfrische, der über ihrem Wesen lag, einsog. »Sie liebt mich, aber wie liebt sie mich, und vor allem, wie wird sie mich künftig lieben. Noch ist ihr eine töchterliche Zärtlichkeit genug ... Aber wenn ich erst ihr Mann werde? Wird sie mich dann mit ihrem ganzen Wesen lieben, wie man einen Geliebten liebt?«

Je näher der Tag heranrückte, an dem er sie besitzen sollte, je grausamer folterte ihn der Wunsch, der an allen Herzen nagt, die jünger sind als ihre Jahre. Gern hatte er etwas von der seelischen Innerlichkeit, die ihre Liebe auszeichnete, geopfert. Was er begehrte, war, ihren jungen Körper unter seinen Liebkosungen zittern zu fühlen. Und haben nicht alle verliebten Männer ganz denselben Wunsch?

Hector kam mit Jacqueline aus dem Park zurück.

Als Paul ihn sah, beneidete er ihn um seine schlanke, geschmeidige Gestalt, seine dichten, braunen Haare, sein jugendliches Gesicht, seine dreißig Jahre.

»Der Dummkopf,« sagte er ein wenig ärgerlich zu sich, »er hat seine Jugend noch und statt zu lieben, benutzt er sie zu diesem dummen Vergnügen, das sie »Flirt« nennen.«

In diesem Augenblick stimmten ihn seine fünfundvierzig Jahre so traurig, daß er für einen Augenblick die innigen Gefühle, die er für seinen Bruder hegte, vergaß; er sagte zu der schweigsamen und etwas eingeschüchterten Étiennette:

»Wollen wir lieber hinaufgehen?«

*

Hector und Jacqueline hatten sich auch während ihres Spazierganges von Liebe unterhalten, aber freilich in anderem Tone.

Als sie nun ebenfalls auf einer der Marmorbänke Platz genommen, sagte Jacqueline, als Fortsetzung des angefangenen Gesprächs:

»Wenn alle jungen Mädchen dächten wie ich, mein lieber Le Tessier, würden wir bald unser kleines 1789 haben und mit Waffen in der Hand unsere Freiheit erkämpfen.«

»Welche Freiheit?«

»Zu allererst die Freiheit, allein auszugehen und allein zu reisen. Ferner, die Freiheit nach Hause zu kommen, wann es uns beliebt, zum Beispiel erst spät gegen Morgen. Sie machen sich gar keinen Begriff davon, welchen Spaß mir alle Nachtschwärmerei machen würde. Und ferner, die Freiheit unser Geld zu gebrauchen, zu was wir wollen, die Freiheit Liebhaber zu haben ... Ja, bitte, gerade Liebhaber ... Ebensogut, wie Sie Ihre Maitressen haben.«

»Es würde schwer halten, nach dem 89 der Frauen, für die jungen revolutionären Mädchen Ehemänner zu finden.«

»Weshalb? Die Herren verheiraten sich ja auch ohne Schwierigkeiten, und das nachdem sie zehn Jahre mit Kokotten gelebt haben! Es wäre nur ein neuer Gebrauch, eine neue Sitte, die als solche eingeführt werden müßte. Dann würde es einfach heißen: Fräulein Soundso hat eine etwas stürmische Jugend gehabt, aber gerade derartige junge Mädchen geben die besten Ehefrauen ab. Lieber sich vor der Ehe amüsieren, als nachher etc. ... Sie wissen ja, alles das, was man von Ihnen sagt.«

»Es ist ja möglich, daß wir mal so weit kommen,« antwortete Hector. »Ich für mein Teil hatte nichts dagegen.«

»Ach Sie! Bis dahin sind Sie schon viel zu alt geworden, mein Lieber. Sie hätten keinen Vorteil mehr davon. Es würde Ihnen gehen wie den Leuten des tiers-état, die zu Anfang der Revolution starben, ehe sie das Vergnügen gekostet hatten, die Adligen guillotiniert zu sehen. Mir würde es übrigens nicht besser gehen. Und aus dem Grunde bin ich auch das vollkommen artige junge Mädchen, das Sie kennen. Ich werde mich wohl hüten, auch nur den geringsten Ehe-Vorschuß auszuzahlen.«

Hector hörte lächelnd zu. Er sah Jacqueline an; er fand sie außerordentlich begehrenswert, und dachte in dem Augenblick an Lestrange mit jener bösen, sonderbaren Männer-Eifersucht: ohne persönliches Verlangen, beneidete er den andern wegen des Vergnügens, das ihm zu teil werden sollte.

Er fragte:

»Es ist also abgemacht, Sie heiraten den blonden Mann?«

»Können Sie schweigen?«

»Zu sehr für die Wißbegierde meiner Mitmenschen.«

»Schön; ja die Sache ist abgemacht, wenigstens so gut wie abgemacht. Ich erzähle es Ihnen, weil ich weiß, daß es Sie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus interessieren wird. Vorgestern abend ging die Sache vor sich. Ich hatte erreicht, daß er ganz allein hier draußen eingeladen wurde, der blonde Mann, wie Sie sagen. Ich sagte zu Mama: »Ich bitte mir aus, daß mein Anbeter auch von Zeit zu Zeit herauskommt, die andern hier im Hause haben jede ihren Liebhaber.« Ich hatte ein ganz wenig ausgeschnittenes Kleid angezogen ... Ich will Ihnen nämlich anvertrauen, ich habe die merkwürdigsten Erfahrungen gemacht, welche Wirkung ein solches, nur wenig ausgeschnittenes Kleid, mitunter haben kann ... Und richtig, während des Mittagessens schon fing Lestrange Feuer, aber so, daß er weder essen noch trinken konnte. Wissen Sie wohl, was der Grund ist, daß ich ihn gern habe, obgleich er ja gar nicht hübsch ist? Sehen Sie ... ich fühle, wie ich ihn aufrege! Sie werden mir antworten: das thun alle Frauen. Nein. Ich mehr als alle anderen. Nach dem Essen waren wir im Wintergarten. Ihr Wintergarten, lieber Le Tessier, ist ganz fabelhaft geeignet für den Flirt, besonders dahinten, unter den Palmen. Meine Schwester spielte Berlioz; Mama legte Patience. Luc und ich waren ganz für uns, gerade wie in einem Separatkabinet. Wir saßen und plauderten. Ich habe ihn ein wenig angetrieben, indem ich ihm erzählte, daß ich es müde wäre, ein junges Mädchen zu sein; daß ich anfinge, mich nach etwas anderem zu sehnen. Ich erzählte ihm, daß ich unruhige Träume gehabt ...«

»Haben Sie wirklich?« unterbrach sie Hector.

»Natürlich habe ich. Das ist ja gerade das Drollige an der Geschichte. Aber wahrhaftig! ich glaube gar, es erregt Sie ebenfalls, mein weiser Freund, daß ich Ihnen das erzähle? Lestrange nämlich wurde ganz wild. Er ergriff meine Hände und stammelte: »Jacqueline! Jacqueline!« ganz wie ein fünfzehnjähriger, verliebter Jüngling ... Und dann habe ich ihm noch weiter gestanden, daß er es war, von dem ich träumte.«

»War das auch wahr?«

»Ebenfalls. Sie können ruhig sein, mein Lieber ... Jetzt war mein Romeo aber ganz kaputt. Er leistete keinen Widerstand mehr, und es entfuhr ihm: »Jacqueline, Sie müssen die Meine werden! Sie wissen, daß ich einen wahren Schrecken vor der Ehe habe: aber trotzdem will ich Sie heiraten! Nur muß ich Ihnen im voraus sagen: ich fürchte leider ein schlechter Ehemann zu werden. Ich habe das Bedürfnis, viel mit Frauen zusammen zu sein, und ich bin nicht sicher, daß dies Bedürfnis aufhören würde, selbst wenn ich mich mit einer Frau verheiratete, die ich leidenschaftlich liebte. Ich habe eine wahre Abscheu davor, mich gebunden, in meiner Freiheit behindert zu fühlen. Werden Sie nicht eifersüchtig werden?« Ich lachte ihm ins Gesicht. »Ich eifersüchtig? Hören Sie, Luc, jetzt will ich auch mal aufrichtig sein. Ich habe ebenfalls keine übertriebene Bewunderung für die Ehe; ich habe sie nicht erfunden und würde sie nicht erfinden; aber, da ein junges Mädchen sich nun einmal aus der guten Gesellschaft hinausbegibt, wenn sie sich nicht verheiratet, so verheirate ich mich. Welche Achtung ich vor der Institution als solcher hege, ersehen Sie vermutlich daraus, nicht wahr? Sie gefallen mir, Luc, und ich gefalle Ihnen. Schön, so verheiraten wir uns; ich glaube, wir werden es ganz gemütlich zusammen haben, abgesehen von den ganz speziell angenehmen, kurzen Momenten, die – ich weiß es – nicht von Dauer sein können. Wir vereinigen uns, nicht allein der angenehmen kleinen Momente wegen, sondern auch wegen der ernsteren Interessen des Lebens, für die wir alle beide Verständnis haben, Sie, trotz Ihrer Leichtfertigkeit, und ich, trotz meines scheinbaren Leichtsinns. Im übrigen: volle gegenseitige Freiheit. Ich bin nicht so thöricht zu glauben, daß ein Weiberjäger wie Sie, der keinen Rock sehen kann, ohne Herzklopfen zu bekommen, plötzlich ein tugendsamer und treuer Ehemann werden sollte. Sie werden auch ferner noch nach schönem Wild auf die Jagd gehen, aber Sie werden dabei nicht aufhören an mich zu denken, denn Sie gehören zu denen, die zusammenlegen und aufhäufen, Luc. Was mich betrifft, nun, so möchte ich nichts lieber, als eine wahre Perle von Treue sein. Aber meine Erfahrung, so gering sie auch sein mag, hat mich daran zweifeln lassen, ob es im wirklichen Leben solche Perlen gibt. Ja, lieber Freund, was nützt es, daß ich Ihnen verspreche, Versuchungen standhaft zu widerstehen, die ich gar nicht kenne? Ich kann Ihnen nur eines, aber das auch hoch und heilig versprechen: nie zu vergessen, was ich Ihnen schuldig bin, und Sie nie lächerlich zu machen! Bis auf das, will ich meine Freiheit haben. Und jetzt muß ich die Frage an Sie richten, die Sie mir vorhin vorlegten: Werden Sie eifersüchtig sein?«

»Und was antwortete er?«

»Er antwortete, nachdem er sich einen kleinen – aber nur ganz kleinen – Augenblick besonnen. »Sie haben recht. Nur wenn wir unsere Ehe einrichten, wie Sie eben gesagt haben, wird es möglich sein, daß wir sie ohne Scheidung zu Ende leben ... Sie sind ein wunderbares Mädchen, und ich bin Ihnen dankbar, mich davon überzeugt zu haben, daß ich Sie heiraten muß ...« Daraus reichte ich ihm meine Lippen, und wenn man bedenkt, daß es das erste Mal war, daß ein Mann sie berührte (weshalb lächeln Sie so spöttisch? ich schwöre es Ihnen, es war das erste Mal), glaube ich mich nicht allzu ungeschickt dabei benommen zu haben ... Aber jetzt laufe ich Ihnen davon! Da kommen Chantels, und ich wünsche nicht, daß die schöne Jeanne mir die Augen aus dem Kopfe reißt ... denn sie ist eifersüchtig, lieber Freund, und wird es bleiben, das kann ich Sie versichern.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob sie sich und ging schnell auf das Schloß zu. Sein Blick folgte ihrer anmutigen und pikanten Gestalt, die ihr eigentümlich wiegender Gang noch pikanter machte. Zu gleicher Zeit wurde oben auf der Landstraße, am Rande des Eichenwaldes, dessen Bäume noch halbkahl waren, ein kleiner viersitziger Wagen sichtbar. Es war die Familie de Chantel. Auf dem Vordersitze sah Hector Jeannes unbewegliche Silhouette. Er fühlte, wie ihre großen schwarzen Augen, feucht wie der Onyx, jetzt immer mit scheuem, zärtlichem Ausdruck auf ihn gerichtet waren. Daß sie ihn liebte, wußte er und sah voraus, daß es diesmal mit einer Ehe enden würde. Und ihm war etwas traurig zu Mute, sowohl über die leichte Eroberung wie über den Verlust seiner Freiheit. Er stand auf, um den Wagen zu empfangen. Er dachte: »Diese beiden Kinder, Jacqueline und Jeanne, repräsentieren alles in allem genommen die beiden einzigen Möglichkeiten für eine Ehe heutzutage. Wünscht man die christlichen Attribute zu bewahren, die sie ehemals adelten, die Unauflöslichkeit, die Treue, die Fruchtbarkeit, muß man ein weißes Gänschen wie Jeanne aufsuchen ... Hegt man dagegen das Streben, eine modernere Ehe einzurichten, eine korrekte Façade mit allerlei Ungeniertheiten dahinter, thut man am besten, wie Lestrange und Jacqueline zum Beispiel, sich vorher gründlich auszusprechen, um zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Die Tugend hat nichts dabei zu verlieren, und die Aufrichtigkeit kann nur gewinnen.«

Aber als sein Blick Jeannes unschuldigem und frohem Lächeln begegnete, stieg ein wonnevolles Glücksgefühl in seinem Herzen auf.

»Das liebe kleine Ding,« sagte er zu sich ... Ja, lieb ist sie mir geworden, trotz alledem!«

Der Wagen fuhr mit einer flotten Schwenkung vor die Freitreppe des Armida-Schlosses. Hector reichte Jeanne die Hand; sie berührte sie kaum und hüpfte errötend herunter. M me. de Chantel, die in allen Gliedern steif war, mußte fast vom Wagen auf die Treppe getragen werden. Die drei Monate, die sie in Paris damit verbracht hatte, Besorgungen bei Kaufleuten, Modistinnen, Juwelieren zu machen, ins Bois de Boulogne zu fahren und mit der albernen M me. de Rouvre zu plaudern, hatten sie durchaus nicht verändert. Es war dasselbe aristokratische, leere Gesicht, dieselbe ungeschickte, leidende Gestalt in der unabänderlichen Provinzial-Trauer. Eher hatte sie M me. de Rouvre beeinflußt, die jetzt, aus Sympathie für ihre vornehme Freundin, angefangen hatte, für schwarze Kleider zu schwärmen, freilich mit Ausputz von Spitzen und Bändern ... Maxime hatte Hectors Rat zufolge seine ernste, militärische Einfachheit im Anzuge beibehalten, aber seine Kleider trugen jetzt wenigstens den guten Schnitt eines tüchtigen Pariser Schneiders. Jeanne dagegen war durch den Aufenthalt in Paris völlig verändert worden. Sie hatte mit Maud die vielen feinen Läden besucht, und ihr Wunsch, einem gewissen Herrn zu gefallen, hatte ihr schnell den Blick dafür geöffnet, was ihr fehlte, um den Kampf mit den Pariserinnen aufzunehmen. Wie sie heute aussah, in ihrem schwarz- und weißgestreiften seidenen Kleide, mit dem modernen Glockenrock und der drapierten Taille, den großen schwarzen Hut, hätte man sie gegen früher kaum wieder erkannt. Aber selbst in der modernen Pariser Toilette war und blieb sie das kleine frische Edelfräulein aus der Vendée, gab ihr die schlanke und doch so kräftig entwickelte Gestalt, die ganze Natürlichkeit ihres Wesens, ein eigenartiges Gepräge.

»Allerliebst,« sagte Hector, indem er die Wellenlinien ihrer Gestalt in die Luft zeichnete.

»Ach, Sie machen sich wieder einmal über mich lustig!« sagte Jeanne etwas zweifelnd. »Das ist nicht nett von Ihnen.«

»Aber ich versichere Sie, Fräulein Jeanne,« sagte der junge Mann, »Ihre Toilette ist vom allerbesten Pariser Geschmack.«

»Ist das wirklich Ihr Ernst? Ach, das freut mich ... Ich fürchtete schon, daß es Ihnen nicht gefallen würde ... Siehst Du, Maxime, Herr Le Tessier findet mein Kleid hübsch.«

Maxime lächelte zerstreut. Sie traten in den Wintergarten, wo der Tisch gedeckt war. Jacqueline, Ètiennette und M me. de Rouvre erwarteten sie dort mit Paul Le Tessier. Aber Maud war noch nicht erschienen, und sie war es, die seine Augen suchten. Er benutzte die Gelegenheit, während man sich gegenseitig begrüßte, Hector abseits zu ziehen.

»Ist Maud im Park?«

»Nein. Ich habe sie vorhin am Fenster ihres Zimmers gesehen.«

»Ich muß sie vor dem Frühstück sprechen.«

»Wieder eifersüchtig? Sie sind unverbesserlich,« schalt Hector ihn sanft.

Wie oft während des letzten Monats war Maxime, gequält durch die anonymen Anschuldigungen, die Maud ahnte, mit seinen Bekümmernissen zu ihm gekommen!

»Im Gegenteil,« antwortete Maxime, »ich habe Fräulein de Rouvre schwer beleidigt, und ich möchte sie um Entschuldigung bitten.«

»Sie sind in Wahrheit der überraschendste Bräutigam, den ich je gekannt habe, lieber Maxime. Aber schön, wir wollen in die Vorhalle gehen und sie dort erwarten ... Da können wir sie nicht verfehlen; wenn sie die Treppe hinunterkommt, muß sie uns sehen.«

Sie begegneten ihr in der Thür, wie sie eben im Begriff stand, eine orchideenähnliche, sonderbar geformte und sonderbar gefärbte, gefüllte Betunia in ihren Gürtel zu stecken. Hector, der sich, was den Ausgang des bevorstehenden Gesprächs betraf, nicht ganz ruhig fühlte, schlug einen scherzhaften Ton an:

»Hier bringe ich Ihnen, liebe Miß Maud, einen Herrn, der, wie es in der Sprache der Journalisten heißt, »ein Gespräch mit Ihnen wünscht« ... Im kleinen Salon ist augenblicklich niemand; er wird sich gewiß vorzüglich zu einem Interview eignen.«

Er öffnete ihnen mit feierlicher und ehrerbietiger Miene die Thür und zog sich darauf zurück.

Maud, die auch nicht ganz ruhig war, versuchte ebenfalls heiter zu scheinen:

»Sie haben mir etwas zu sagen, lieber Freund?«

Mit Anspannung ihrer ganzen Willenskraft sah sie ihn unbefangen an, um ihre Ängstlichkeit nicht zu verraten. Ihr erster Gedanke war indessen sofort »Julien« gewesen.

Inzwischen hatte Maxime ihre Hände ergriffen und sich über dieselben gebeugt:

»Ich bitte Sie um Verzeihung!« sagte er leise, wie überwältigt von Gemütsbewegung ... »Ich habe mich schlecht gegen Sie betragen. Ich bin Ihrer nicht mehr würdig.«

Maud begriff nicht, was er damit sagen wollte.

»Was haben Sie denn gethan? Haben Sie wieder an mir gezweifelt?«

»Ach, wenn Sie ahnten, wie es mich gefoltert hat, Zweifel zu haben. Aber Sie müssen wissen, jeden Tag während Ihres Aufenthaltes auf Chamblais habe ich Briefe bekommen, die Sie betrafen, ... Briefe, die eine solche Mischung von genauen Aufklärungen enthielten ... Aufklärungen, deren Richtigkeit ich kontrollieren konnte: welche Kleider Sie angehabt haben, welche Läden Sie besucht haben ... eine solche Mischung von Wahrheit und Verleumdung ...«

»Daß Sie die Verleumdung glaubten, nicht wahr?« antwortete Maud und zog ihre Hände zurück.

»Maud,« sagte Maxime. »Ich brauchte Ihnen nichts davon zu sagen. Verurteilen Sie mich nicht, weil ich mich Ihnen anvertraue. Hören Sie, was ich gethan habe. Ich hatte schon vier Mal einen mit der Schreibmaschine geschriebenen Brief erhalten, in dem immer dasselbe stand: Heute nachmittag, um halb sechs Uhr, werden Sie Fräulein de R... in die Rue de la Baume gehen sehen, die zweite Pforte rechts, wenn man von der Avenue kommt, um ...« Nein ich wage Ihnen nicht zu sagen, welcher Schändlichkeit der Brief Sie anschuldigte.«

»Um ihren Liebhaber zu besuchen,« vollendete Maud den Satz. »Weshalb die Schändlichkeit nicht beim Namen nennen, wenn Sie doch daran geglaubt haben?«

»Ich habe nicht daran geglaubt. Die ersten vier Briefe habe ich zerrissen. Ich habe sie Ihnen gegenüber mit keinem Wort erwähnt ... Aber gestern ... ich war wahnsinnig ... ich ...«

»Sie haben mich verfolgen lassen?«

»Nein. Ich bin selbst in die Rue de la Baume gegangen. Etwas vor sechs hielt eine Droschke vor der Thür und eine Dame, deren Gestalt der Ihrigen ähnlich sah ... jedenfalls schien es mir so ... stieg aus ... Ich stürzte auf sie los, aber die kleine Thür war schon wieder zu ... Ach Maud, wenn ich gegen Sie gesündigt habe ... so hat diese Stunde – mehr als eine Stunde – die ich damit verbrachte auf dem Pflaster vor dem Hause hin und her zu wandern, mich bitter dafür büßen lassen ...«

Maud folgte mit Spannung seinem Bericht. Sie fühlte sich wieder sicher, aber zugleich war sie sehr erstaunt. Und eine geheime Eifersucht fing an sie zu beunruhigen. »Also Julien tröstet sich; er empfängt Besuche von anderen Damen ...«

»Fahren Sie fort,« sagte Maud. »Um welche Zeit verließ ich ihn

»Etwas nach sieben. Als ich die Pforte aufgehen sah, verlor ich jede Besinnung, ich sprang auf die Dame los ... Ich packte sie am Arm und zwang sie, mir ihr Gesicht im Schein der Wagenlaterne zu zeigen.«

»Und es war?« fragte Maud, deren bebende Stimme die Aufmerksamkeit eines kundigeren Beobachters erregt hätte.

Maxime besann sich:

»Ich habe nicht das Recht, ihren Namen zu nennen.«

»Ich befehle es Ihnen! Ich habe das Recht, den Schurken, die mich verläumden, die Masken vom Gesicht zu reißen.«

»Es war ein junges Mädchen, das ich auf Ihrem Ball kennen gelernt hatte ... Sie erregte allgemeines Aufsehen durch die Art und Weise, wie sie Julien de Suberceaux den Hof machte.«

»Juliette Avrezac?« fragte Maud.

»Ja.«

Sie antwortete nicht. Und Maxime, der sie ängstlich betrachtete, faßte den Zorn, der auf ihrer Stirn, in ihren Augen flammte und sich in den zusammengebissenen Lippen verriet, als gegen sich gerichtet auf.

»Ach! vergib mir!« ... bat er und sank auf die Knie vor ihr, indem er seinen Kopf in die Falten ihres Kleides verbarg.

Sie kam wieder zu sich.

»Stehen Sie auf,« sagte sie beinahe hart. »Es ist mir unangenehm, Männer knieen zu sehen. Ich vergebe Ihnen. Es soll vergessen sein. Wenn Sie das hat heilen können, um so besser ... Denn ich leugne nicht, die Zukunft macht mir Sorge, wenn ich sehe, wie mißtrauisch Sie sind.«

Sein Mund suchte ihre Stirn, die einzige Stelle ihres Körpers, die sie ihm während ihrer Verlobungszeit zu küssen erlaubt hatte. Jetzt reichte sie ihm ihren Hals hin, und während seine brennenden Lippen ihn berührten, stieg in ihr ein dunkles Bedürfnis auf, sich zu rächen, ein Wunsch, Verrat mit Verrat zu vergelten. Nie hatte Maxime so viel erreicht: nie hatte Maximes Kuß ihre Nerven so schmerzlich in Aufruhr gebracht.

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