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Halbe Unschuld

Marcel Prevost: Halbe Unschuld - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorMarcel Prévost
titleHalbe Unschuld
publisherVerlag von Albert Langen
printrunSechstes Tausend
year1896
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III.

Das Zimmer, in welchem die todkranke Mathilde Duroy lag, verriet dem erfahrenen Beobachter, schon durch die zusammengewürfelte Einrichtung, in der sozusagen die verschiedenen Perioden ihres Lebens abgelagert waren, wie bewegt und unregelmäßig der Lebenslauf der Sterbenden gewesen. Die sehr abergläubische Mathilde trennte sich nämlich nicht gern von Sachen, die sie früher besessen. Während nun die Jahre gingen, und ein wechselvolles Geschick ihr wechselnde Verhältnisse brachte, häuften sich bei ihr die sonderbarsten, verschiedenartigsten Anschaffungen, Geschenke und Erinnerungen. Die unveränderliche Basis ihrer Einrichtung blieb aber ein traurig-banales Plüsch-Meublement mit unechtem türkischen Muster, das sie liebte, das für sie der Inbegriff von Komfort war, und das Étiennette, mit ihrem verfeinerten Geschmack und ihrer ungewöhnlicheren Natur, vergebens versucht hatte, ihr zu verleiden. Auf dem mit blauem Plüsch bezogenen und mit blanken cuivre poli-Sachen dekorierten Kamin, stand in einem schwarzen, ovalen Rahmen unter Glas ein vergilbtes, halb verwischtes Daguerreotyp-Bild einer hübschen, kleinen Konfirmandin, hell und frisch, lächelnd wie eine Weißdornblüte. Jeden Morgen und Abend verrichtete Mathilde ihre Andacht vor diesem Bilde, das sie selbst als unschuldiges kleines Dorfmädchen darstellte. Zwei andere, neuere Photographien schmückten ebenfalls den Kamin, eine auf jeder Ecke. Die eine stellte Mathildens Mutter dar, eine Frau im Kopftuch der Bretonnin, die andere Mathildens Mann, denn Mathilde war mit einem Werkmeister aus Paris verheiratet gewesen. Aus der Zeit ihrer Ehe war ihr nichts geblieben als dieses Porträt und die leichtsinnige Suzon, das Kind des Werkmeisters. Er war jung gestorben, und seine Witwe hatte sofort, sozusagen schon beim Begräbnis, dem die Arbeitgeber des Verstorbenen, reiche Fabrikanten, beiwohnten, einen Tröster gefunden. Ein eingelegter Rokoko-Bücherschrank gab den Stil ihrer ersten Verbindung an. Dann folgten als Reliquien aus kunstsinnigeren Verbindungen drei wundervolle, geschnitzte und vergoldete Fauteuils Louis XIV., mit echten Seiden-Gobelins überzogen, Möbel, wie sie die Fabriken speziell zu königlichen Geschenken anfertigen. Ferner einige amüsante Skizzen, die eine junge Frau mit halbentblößtem Busen darstellten, im Korsett oder Hemd (Mathilde Duroy war wegen ihrer Schultern und Arme berühmt gewesen). Und unten in der Ecke der Skizzen, wie auch auf dem Titelblatt dieses oder jenes Romans, der im Bücherschrank aufbewahrt wurde, konnte man die folgende Widmung, von berühmten Namen unterschrieben lesen: »An die gute Mathilde... von ihrem Freunde.« Die gute Mathilde! Die gute – das war ihr ganzes Leben hindurch ihr Beiname gewesen; es war eine leere, thörichte Güte, die sie von der Verschwendung zum Geiz führte; immer darauf aus, sich ein Vermögen zu sammeln, konnte sie dann plötzlich, der dümmsten Laune folgend, oder auch einem unüberlegten Anfall von Mitleiden, ihre ganzen Sparpfennige über Bord werfen. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie nicht die freigebige, anspruchslose Freundschaft des Herrn Asquin gehabt hätte, dem es genügte, wenn er nach Paris kam, dort eine Art von Familie vorzufinden, seine noch ganz hübsche Maitresse und die niedliche Étiennette, die in Picpus eine gute Erziehung genossen hatte, und die ihn Papa nannte. Als der monarchistische Deputierte von Aude plötzlich starb, ohne ein Testament zu hinterlassen, erwachte in der armen Mathilde das Bewußtsein vom Ernst des Lebens. Bisher hatte sie in kindischem Vertrauen dahingelebt, wie es solche Frauen fast immer thun, oder wie sie es wenigstens in der Generation, welcher Mathilde angehörte, thaten – in der jetzigen ist der praktische Sinn stärker entwickelt. Infolge der Gemütsbewegungen zeigte sich eine Herzschwäche bei ihr, an der sie lange gelitten, an die sie aber während ihres lustigen Lebens nicht viel gedacht hatte. Mathilde, die jetzt über vierzig Jahre alt war, wurde krank. Suzanne war damals schon »selbständig« und half der Mutter mit ihrem Gelde dann und wann aus; erst der vernünftigen Étiennette gelang es aber, den Haushalt über Wasser zu halten. Étiennette hatte kurz vor dem Tode ihres Vaters das Kloster zu Picpus verlassen, siebzehn Jahre alt. Am Tage ihrer Geburt hatte der Deputierte, der trotz seines Leichtsinns ein gutherziger und verständiger Mann war, auf ihren Namen siebentausend Franks in eine Lebensversicherung eingezahlt, so daß sie in ihrem zwanzigsten Jahre eine Mitgift von zwanzigtausend Franks erhielt. So war denn die nächste Zukunft gesichert, wenn sie sich vernünftig einrichteten. Während Étiennette ihre Studien am Konservatorium fortsetzte, brachte sie die Verhältnisse der Mutter, deren Zustand keine Besserung in Aussicht stellte, in Ordnung. Sie mietete die kleine Wohnung in der Rue de Berne, und schaffte das nötige Geld für den kleinen Haushalt dadurch herbei, daß sie einige wertvolle Juwelen verkaufte und Geld auf ihre Lebensversicherungs-Police aufnahm. Dem Wunsche ihres Vaters zufolge war Étiennette in einem Kloster erzogen worden; sie kam nur heim, wenn er in Paris war, und hatte also bis dahin nicht viel unter dem leichtsinnigen Leben der Mutter und Schwester zu leiden gehabt. Mathilde Duroys Krankheit und Suzanne Duroys Flucht nach dem Auslande, fielen in die Zeit kurz nach ihrem Austritt aus dem Kloster. Diese wenigen Monate aber genügten, um sie schmerzlich empfinden zu lassen, welche traurige Kehrseite das Leben dieser beiden Frauen hatte.

Der Schmerz machte sie reifer und älter. Sie war entschlossen, ihre Frauenehre zu bewahren, und ging ungeschädigt durch die Schule des Konservatoriums, wo so viele junge Mädchen ihre erste Erziehung zur Leichtfertigkeit erhalten. Die Freunde der »guten Mathilde« besuchten diese fleißig während der ersten Zeit ihrer Krankheit. Aber die Frauen, deren Gewerbe es ist, zur Erheiterung und zum Vergnügen zu dienen, verlieren ihre Existenzberechtigung, wenn sie krank werden. Bald waren es nur wenige, die die Treppe in der Rue de Berne hinaufstiegen, und während der letzten sieben Monate, als die Wassersucht Mathilde Duroy dauernd ans Bett fesselte, waren es nur die beiden Brüder Le Tessier die sich noch ab und an bei ihr sehen ließen. Nach und nach hörten Hectors Besuche auch fast ganz auf. Nur Paul kam immer noch. Er war ein ständiger, ja täglicher Gast; aber er kam nicht Mathilde Duroys wegen, es war Étiennette, die ihn anzog. Er, der viel beschäftigte Mann, fand seine liebste Zerstreuung in dem freundschaftlichen Verkehr mit diesem hübschen, jungen Mädchen, das unter keiner elterlichen Aufsicht stand. So zeigte sich bei Mathildens Krankheit der Egoismus der Pariser, ein Egoismus, der sich übrigens immer dann zeigt, wenn sich diejenigen abmelden, deren Aufgabe es ist, andere zu unterhalten – sei es nun ein Künstler oder eine Courtisane.

Paul war aber, wie Étiennette damals zu Maud gesagt hatte, nur Egoist auf der Oberfläche, oder besser gesagt, sein Egoismus hatte einen Riß: er hielt nicht Stand gegenüber den Leiden der Menschen, die ihm lieb waren. Wenigstens zwanzigmal bot er dem jungen Mädchen, die er so tapfer gegen die Armut ankämpfen sah, seine Hilfe an. Er versicherte, daß er nicht daran dächte, etwas von ihr dafür zu verlangen, und er meinte es ganz ehrlich; der Bodensatz von Sentimentalität, den die vierziger Jahre im Herzen der Lebemänner an die Oberfläche bringen, wollte sich Étiennette gegenüber bethätigen. Aber Étiennette schlug sein Anerbieten aus, sie wollte nichts von ihm annehmen, gerade weil sie ihn ein klein wenig liebte. Ihre ruhigen Sinne verlangten nicht nach Liebe, aber Paul hatte sie durch seine ausdauernde Treue gewonnen; dadurch, daß er, der gesuchte Lebemann, an jedem Tage Zeit fand, ihr einige Stunden zu widmen. Sie hegte für ihn die Zärtlichkeit, welche keuschen Frauen eigen ist; wenn sie es wünschen, einem Manne ihren Körper hinzugeben, ist es um ihn von ihrer unbegrenzten Liebe zu überzeugen. Und deshalb eben schlug sie es ab, von dem Manne, den sie liebte, Geld anzunehmen, weil sie wußte, wie das Geld die Liebe in den Staub zieht. Paul widerstand dem Zauber dieser uninteressierten Liebe nicht. Er sank tiefer und tiefer hinein; es ist nicht leicht, ihr zu entfliehen, besonders nicht für einen Mann in seinem Alter. Nach und nach konnte er sich gar nicht mehr vorstellen, ohne Étiennette leben zu können; wie aber sie festhalten, wenn er sich nicht mit ihr verheiratete? In Wirklichkeit waren seine Begriffe von der Stärke ihres Widerstandes etwas übertrieben; er ahnte nicht, daß das junge Mädchen, welches nach allem, was sie gesehen hatte, zwar wünschte, als anständige Frau zu leben, doch keineswegs so große Forderungen stellte ... hätte sie ihm gestanden, was heimlich ihr Ziel war: eine angesehene Künstlerin zu werden, die sich ihren Lebensunterhalt selbständig verdiente, um sich dann bedingungslos in freier Liebe dem Freunde hingeben zu können – sein männlicher Egoismus wäre sicher darauf eingegangen. So sagte sie nichts; nicht aus Berechnung, sondern aus aufrichtigem Schamgefühl. Und Paul Le Tessier gewöhnte sich an den Gedanken, daß er sich eines schönen Tages, in nicht zu ferner Zeit, aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zurückziehen und Étiennette heiraten würde. Unmerklich verkürzte er die Zeit immer mehr ... »Weshalb eigentlich warten? Die Mutter hat kaum noch ein Jahr zu leben ... Die Schwester ist verschwunden ...« Zu größerem Heroismus im Gedankengang bringen es selbst die besten in unserer bürgerlichen Gesellschaft nicht.

*

Als Étiennette vom Ball nach Hause kam, begleitet von der Nachbarsfrau, einer Frau Gravier, die sie abgeholt hatte, war es fünf Uhr morgens, aber noch ganz dunkel.

»Es geht Madame etwas besser,« sagte das kleine Dienstmädchen, das aufmachte. »Sie scheint jetzt zu schlafen.«

»Ist der Arzt drinnen?« fragte Frau Gravier.

»Ja.«

Étiennette warf ihren Mantel auf den Stuhl und eilte in die Schlafkammer der Mutter. In der Thür begegnete sie dem Arzt, der von der Krankenpflegerin gefolgt aus der Kammer kam. Es war ein noch junger Mann, kräftig und vollblütig, mit schwarzen, pomadisierten Haaren und schwarzem Bart. Mit wohlgefälligem Kennerblick sah er das hübsche junge Mädchen an, wie sie blond und licht im weißen ausgeschnittenen Kleide da vor ihm stand.

»Ist die Dame vielleicht die Tochter von ...?« fragte er die Krankenpflegerin, die bejahend mit dem Kopfe nickte.

»Ja, gnädige Frau ... oder Fräulein,« fuhr er mit einem freundlichen Lächeln fort, »ich habe die Kranke untersucht ... augenblicklich liegt sie ganz ruhig ... Aber Sie wissen ja, daß es ein sehr ernster Anfall war ... Das Herz ist stark affiziert ... Es ist mir indessen unmöglich, etwas Bestimmtes darüber zu äußern ...«

»Ich bitte Sie, Herr Doktor,« unterbrach ihn das junge Mädchen etwas ungeduldig, »sagen Sie mir ehrlich, wie es um meine Mutter steht. Ist keine Hoffnung mehr? Ich wünsche die ganze Wahrheit zu wissen.«

Er besann sich noch einen Augenblick, und sagte dann mit schnellem Entschluß:

»Mein Fräulein, ich sehe, Sie sind darauf vorbereitet – nunwohl ja, es ist das Ende. Ich bin überflüssig hier. Es ist hier nichts zu thun, als sich ans Bett zu setzen und die Sache abzuwarten ... Glücklicherweise wird Ihre Mutter nicht schwer zu leiden haben, der Tod wird still und ruhig eintreten. Das ist die Wahrheit, mein Fräulein.«

Étiennette blieb stehen, ohne zu antworten. Ein starker Schmerz schnürte ihr das Herz zusammen, aber noch waren ihre Augen ohne Thränen.

»Soll ich den Prediger holen?« fragte Frau Gravier.

»Ach ja, ich danke Ihnen.«

»Ich habe die Ehre ...« sagte der Arzt.

Er verbeugte sich, ließ abermals seinen Blick über ihren bloßen, strahlend weißen Hals hingleiten und zog sich zurück. Étiennette trat in die Schlafkammer.

*

Wie der Arzt gesagt, lag die Mutter ruhig da. Étiennette näherte sich dem Bette, über das eine Lampe, die auf dem Nachttisch stand, ihren hellen Schein warf. Mathilde lag auf dem Rücken; der Kopf und der rechte Arm waren unbedeckt. Ihr Körper, dessen obere Hälfte einen normalen Umfang hatte, war unten so aufgeschwollen, daß es aussah, als hätte man unter der Decke ein unförmliches Federbett über ihre Beine gebreitet. Das Gesicht hingegen war mager und bleich, wie altes, vergilbtes Wachs. Es wurde von einer hübschen, blendend weißen Nachtmütze eingerahmt, unter der einige blonde Haarsträhne hervorhingen, die an den Stellen, wo die künstliche Farbe fortgegangen war, angegraut erschienen. Von Zeit zu Zeit ging ein leises Zittern über ihre Züge, und sie bewegte die Augenlider und die Lippen; ihr ganzes Gesicht nahm dann einen verdrießlichen und feindseligen Ausdruck an, der herzzerreißend anzusehen war. Unartikulierte Laute, aus denen man aber einen schwachen Versuch zu sprechen heraushörte, drängten sich aus ihren halbgeöffneten Lippen ... Das junge Mädchen ergriff die kurze und dicke Hand der Mutter, und beugte ihre Stirn darauf nieder. Die Ringe, die fest und tief um die dicken Finger schlossen, drückten gegen ihre Stirn und thaten ihr weh.

»Mama stirbt!«

Aber dieser Gedanke hatte ohne Zweifel noch nicht die geheimnisvolle Grenze erreicht, wo Gefühl und Bewußtsein zusammenschmelzen. Étiennette war furchtbar traurig zu Mute, aber die Thränen wollten noch immer nicht kommen. Eine Hand berührte ihre nackte Schulter, und sie wandte sich um. Die Krankenpflegerin und Frau Gravier standen hinter ihr. Sie drehte den Kopf wieder um. »Ich werde nach der Kapelle in der Rue de Turin gehen,« sagte Frau Gravier. »Sie werden jetzt aufgeschlossen haben, es ist bald sechs Uhr. Adieu solange, ich bin gleich wieder zurück.«

Sie küßte Étiennette, die schlaff und willenlos dasaß; dann ging sie. Die Krankenpflegerin, eine ältere, magere und brünette, starkknochige Person, sagte:

»Ich werde Ihnen beim Ausziehen behilflich sein, Fräulein ... aber wir müssen uns beeilen ... Wenn der Herr Pfarrer sie so sähe ...«

Erst jetzt besann sich Étiennette, daß sie noch immer im Ballanzug war. Schnell entledigte sie sich der Taille und des Kleiderrocks, und zog ein Morgenkleid über den weißen Unterrock. Darauf setzte sie sich an das Fußende des Bettes, starrte ununterbrochen die geschlossenen Augenlider der Kranken an und wartete. Die Krankenpflegerin hatte sich wieder auf die Chaiselongue gelegt; eine Zeitlang lag sie und aß Chokoladeplätzchen, dann schlief sie ein. Und Étiennette war froh, mit ihren Gedanken allein zu sein, jetzt, wo die Mutter ihren Todeskampf kämpfte. Denn der Todeskampf hatte langsam begonnen. Die Atemzüge wurden immer beschwerlicher; mit der rechten Hand umklammerte die Kranke krampfhaft die Decke und suchte, schwach und ungeschickt wie ein kleines Kind, sie beiseite zu schieben. Und immer heftiger bewegten die Lippen sich unter ohnmächtigen Versuchen zu sprechen. Was wollte sie sagen? Plötzlich drangen einige deutlichere Laute hervor; Étiennette horchte mit angespannter Kraft. Allmählich meinte sie etwas verstehen zu können, ja, sie unterschied wirklich die beiden Worte »Geld ... tot ...«, welche die zitternden Lippen immer von neuem, zwischen unverständlichen Lauten, hervorlallten. Dann folgten Bruchstücke von Namen: »Étienne ... Suz ...« und in die Namen ihrer Töchter mischten sich Namen ihrer ehemaligen Liebhaber »Maurice ... Asq ... Berly ...« Dann kam ein Satz ohne Sinn. »Sie wollte nicht sagen ... weshalb sie fortging ...« Und wieder lallte die Stimme unverständliche, abgerissene Worte und fuhr damit fort, lange, lange, wer weiß wie lange. Es peinigte Étiennette, daß sie sich eigentlich mehr nervös als bewegt fühlte: »Weshalb weine ich nicht? ... Ich bin ja doch tief betrübt ...« Um sich selber zum Weinen zu zwingen, konzentrierte sie mit Gewalt ihre Gedanken auf den Tod ihrer Mutter. »Ich werde dann ganz allein in der Welt stehen.« Freilich hatte die arme Mathilde während der letzten, langen Monate nicht gerade zur Erheiterung der Heimat beigetragen. Aber dennoch war sie für Étiennette die Familie; es war ihr Fleisch und Blut, die einzige, deren Gedanken ihr von klein auf immer nachgegangen waren. »Ganz allein ... Ich habe niemanden auf der Welt ...« Bei dieser Anrufung der Eigenliebe kamen ihr sofort Thränen in die Augen. »Was wird aus mir werden? An wen soll ich mich wenden?« Paul Le Tessiers Gesicht und Stimme stiegen plötzlich vor ihr auf: »Ach wäre er doch hier! Er wollte mich begleiten, weshalb sagte ich Nein.« Sie fühlte wohl, daß sie, sobald ihre Mutter gestorben war, sich in die Arme dieses Freundes flüchten würde. Sie fühlte, daß sie ihn mit sich thun lassen würde, was er wollte, wenn er sie nur davon befreite, so furchtbar allein zu sein.

*

»... Oh diese Männer! Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen!«

Dieser Satz, den die Sterbende plötzlich, in ihrem wirren Lallen mit lauter und deutlicher Stimme sprach, erschreckte Étiennette dermaßen, daß sie zusammenfuhr, als hätte ein Toter oder ein Geist sie angeredet. Und doch kannte sie die Worte so gut: ihre arme Mutter hatte in verzweifelten Augenblicken des Ekels vor der Sklaverei ihres entwürdigenden Lebens sich oft genug dieser Worte bedient: »Oh diese Männer! ... Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen! ...« Durch das Röcheln des Todeskampfes hindurch kehrte dieser Satz immer wieder, freilich immer abgerissener und unverständlicher, aber Étiennette verstand ihn dennoch, und jedesmal, wenn sie ihn wieder heraushörte, durchzuckte ihr Herz brennende Angst und Scham. »Wenn es nur die Krankenpflegerin nicht hört!« Étiennette horchte; nein, sie schnarchte ruhig weiter. Dann stand das junge Mädchen auf, flüsterte: »Mutter ...« und suchte die krampfhaft geballte Hand der Mutter, die sich auf der Decke unruhig hin und her schob, zu ergreifen. Aber sie ließ sofort mit einem unterdrückten Schrei los, denn die Hand hatte mit krampfhaftem Griff ihre Finger umklammert und ihr die Nägel ins Fleisch gedrückt. Und der entsetzliche Satz kehrte immer, in abgerissenen Silben, wieder: »Oh... die ... se ... Männer! ...«

Étiennette kniete am Bett nieder, hielt sich mit den Händen die Ohren zu, um nichts hören zu müssen und begann ein Gebet herzusagen ... Beten? Sie hatte früher jene ganz gewöhnliche, kokette Klosterfrömmigkeit besessen, die so nichtssagend und oberflächlich ist, daß selbst der vageste Deismus oft dem wahren Glauben näher ist. Im Verlauf der letzten zwei Jahre hatte der grausame Windhauch der Wirklichkeit jede Spur von der Religiosität ihrer Klosterzeit hinweggefegt, selbst das Abend- und Morgengebet, die Allergewöhnlichsten religiösen Übungen. Jetzt rief der Kummer, die Angst und die Verlassenheit die frommen Worte wieder auf die Lippen des jungen Mädchens zurück.

»Ich bete zu Dir, Du Gnadenreiche! ... Gedenke meiner, Du Barmherzige!... Jungfrau Maria, ich rufe Dich an! ...« und die ungläubigen Hände fanden von selbst die frommen Gesten wieder, den Kuß auf das Kreuz von Daumen und Zeigefinger. Heilige Kraft des Gebetes, die so köstlich ist, daß noch die leiseste Erinnerung daran dem Unglücklichen, der sich ihr anvertraut, Trost zu verleihen vermag! Man hörte draußen Schritte ... Étiennette erhob sich. Ein Prediger war eingetreten, von Frau Gravier begleitet, und während diese mit Hilfe der Krankenpflegerin das Öl zur Darreichung des Sakraments zubereitete, näherte sich der Prediger dem Bette. Er nahm die Hand der Sterbenden, beugte sich über sie und fragte: »Meine liebe Tochter, können Sie mich hören?« Étiennette horchte hin, ebenso wie der Priester: sie unterschied deutlich den Wiederklang des entsetzlichen Satzes, den nur sie verstand: »Oh diese Männer ... Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen!«

»Sie haben mich sehr spät rufen lassen,« sagte der Prediger im strengen Ton zu dem jungen Mädchen. Er war klein und mager, mit grauen gelockten Haaren, und trug einen Priesterrock aus feinem Kaschmir.

»Gehen Sie ein wenig zur Seite,« sagte er weiter zu dem schluchzenden Kinde.

Étiennette ging in die Ecke des Zimmers, wo die Krankenpflegerin und Frau Gravier jetzt niederknieten; auch sie kniete und versuchte zu beten. Der Prediger murmelte die Worte des Rituals: » Misereatur tui omnipotentens Deus ... Indulgentiam, absolutionem et remissionem peccatorum ...« Der singende Flüsterton seiner lateinischen Rede mischte sich mit dem immer heiserer und unverständlicher werdenden Gewimmer der Sterbenden, aber beständig unterschied Étiennette denselben verzweifelten Ausruf, den die Mutter jetzt unaufhörlich und immer schneller hintereinander ausstieß: »Oh diese Männer... Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen!«

Die grauenvollen Worte, deren Bedeutung nur sie allein kannte! Sie brannten sich für alle Zeiten in die Seele des jungen Mädchens. Nein, niemals, niemals wollte sie in ein Leben hinein, dessen abscheuliche Knechtschaft mit einem solchen Todeskampf endete. Die Schwäche, die vorhin ihr Herz ergriffen hatte, bei dem Gedanken, wie einsam und verlassen sie in Zukunft sein würde, verschwand. »Nie will ich von einem Manne abhängig sein, nie! Lieber Arbeiterin, lieber Dienstmädchen sein, ja, lieber tot sein!« Als der Priester das Sakrament verabreicht hatte, sprach er ein kurzes Gebet über die Sterbende; dann winkte er Étiennette und ging mit ihr in die Wohnstube hinein. Er sprach zu ihr in einem strengen Ton, als sei er erzürnt darüber, daß sie in ihrem Kummer noch so schön aussah.

»War Ihre Mutter eine fromme Christin, mein Kind?«

»Ja ... Herr Pfarrer ... ja, das glaube ich ... Wenigstens hat sie jeden Morgen und Abend gebetet.«

»Ging sie zum heiligen Abendmahl?«

Étiennette besann sich einen Augenblick, ehe sie antwortete:

»Nein, ich glaube nicht.«

»Wir müssen für sie beten, mein Kind. Gott ist barmherzig, aber wer nicht um seine Gnade bittet, dem gibt er sie nicht.« Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er hinzu:

»Haben Sie andere Verwandte?«

Étiennette errötete so lebhaft, daß der Priester sie verstand, und ihr die Lüge in der Antwort vergab.

»Nein, Herr Pfarrer.« Er schien sogar etwas milder gegen sie gestimmt.

»Armes Kind!« sagte er. »Der liebe Gott behüte Sie! Sie stehen also jetzt ganz allein in der Welt ... Sollten Tage kommen, wo Ihnen das Leben zu schwer wird, dann kommen Sie zu mir, Rue de Turin. Fragen Sie nach dem Vater Rigny.«

Einen Dank hervorstammelnd begleitete das junge Mädchen den Priester in den Korridor hinaus. Als sie durch die Wohnstube zurückging, hörte sie einen lauten Schrei ... Frau Gravier und die Krankenpflegerin lagen schon auf den Knieen und beteten das De profundis.

Étinnette sank neben ihnen hin, und dieses Mal weinte sie aus vollem Herzen.

Sie blieb liegen, bis Frau Gravier flüsternd zu ihr sagte: »Aber jetzt müssen Sie sich hinlegen und ausruhen, liebes Fräulein. Sonst werden Sie uns auch noch krank.«

Sie gehorchte mechanisch. Als sie sich erhoben hatte, sah sie mit Verwunderung, daß die Vorhänge vom Fenster zurückgezogen waren. Der goldene Sonnenschein eines hellen, frohen Frühlingsmorgen strömte in das Zimmer hinein. Mathilde lag mit geschlossenen Augen, und im Tode hatte ihr Gesicht wieder den milden Ausdruck aus den guten Tagen angenommen.

*

Gegen acht Uhr ungefähr, während Étiennette, von der hilfsbereiten, teilnehmenden Frau Gravier überredet, im Speisezimmer saß und etwas Kaffee genoß, kam das kleine Dienstmädchen Ursule herein und meldete vertraulich:

» Die junge Dame ist drinnen in der Wohnstube. Sie kam mit Herrn Paul.«

»Die junge Dame,« war der Name, womit Ursule den eleganten und geheimnisvollen, weiblichen Gast zu bezeichnen pflegte, der während der letzten zwei Monate in Suzannes ehemaligem Zimmer ziemlich häufige Stelldichein mit einem eleganten und geheimnisvollen, männlichen Gast gehabt, den Ursule ebenso unbestimmt »den jungen Herrn« benannte.

Étiennette errötete, als sie an ihren vorurteilslosen Freundschaftsdienst Maud gegenüber erinnert wurde ... Es war ihr peinlich, Maud in diesem Augenblick zu sehen. Nein, wäre es jetzt gewesen, sie hätte es nie zugelassen! Dieses Ereignis, der Tod ihrer Mutter, und was sie in der Nacht durchlebt hatte, erneuerte in ihr den festen Vorsatz anständig und unabhängig zu leben; es erweckte in ihr eine neue jungfräuliche Keuschheit Dingen gegenüber, die sie bisher als unvermeidlich betrachtet hatte, mit denen sie aber jetzt für immer abschließen wollte.

»Was soll ich sagen, Fräulein?« fragte das kleine Dienstmädchen.

»Sagen Sie, daß ich sogleich kommen werde.« Sie ging zu Maud und Le Tessier hinein. Beide küßten sie liebevoll auf die Wangen, über die von neuem die Thränen herabströmten.

»Liebe, liebe Étiennette!«

»Armes Kind!«

Sie nahmen Platz, Étiennette setzte sich zwischen sie. Darauf erzählte sie, wahrend die anderen sie ausfragten, in kurzen Antworten, wie die Nacht vergangen war.

»Und was willst Du jetzt thun?« fragte Maud. Sie schüttelte mutlos und ratlos den Kopf.

»Nun hören Sie, mein liebes Kind,« sagte Paul Le Tessier. »Maud und ich sind darüber einig geworden, daß Sie während der ersten Zeit nach dem Tode Ihrer Mutter, nicht gut hier in der leeren Wohnung bleiben können. Das wäre zu unheimlich und trostlos. Deshalb schlage ich Ihnen vor, – und Maud und M me.. de Rouvre stimmen meinem Plane bei – daß Sie... Nein, nein, seien Sie ruhig,« unterbrach er sich selber, als er sah, daß sie sich sofort bereit machte, ihm eine abschlägige Antwort zu geben. »Ich biete Ihnen durchaus keine Hilfe an, obgleich Sie, wie Sie wohl wissen, über mich wie über einen älteren Bruder verfügen können... Aber die Sache liegt so: M me. de Rouvre wird für einige Zeit nach Chamblais hinausziehen; Maud und Jacqueline begleiten sie und...« »Ja,« unterbrach Maud. »Du begreifst weshalb, nicht wahr? Ich glaube, es ist das einzige Mittel, die Eifersucht eines gewissen Herrn zu beruhigen ... Übrigens bin ich selber Paris so überdrüssig! Willst Du mit uns kommen? Mama und ich sind es, die Dich einladen, Étiennette, also hast Du durchaus keinen Grund, Nein zu sagen.«

Étiennette antwortete nicht gleich. Wie ein kluges und erfahrenes kleines Mädchen räsonnierte sie folgendermaßen: »Es ist klar, Paul denkt im Ernst daran, sich mit mir zu verheiraten ... Und Maud fürchtet Suberceaux, wenn sie in Paris bleibt. Der Aufenthalt auf Chamblais kommt also ihnen beiden zu statten. Ja, und mir kommt er auch recht; jedenfalls bin ich ihnen dankbar, daß sie an mich gedacht haben.«

Sie küßte Maud:

»Ich nehme Deine Einladung mit Dank an.« Und als Paul sie darauf liebevoll in die Arme schloß, fühlte sie sich plötzlich so gestärkt durch seine Umarmung, daß sie mit zärtlicherem Gefühl für ihn als je zuvor dachte: »Er hat mich wirklich lieb ... Es thut so gut, von jemandem geliebt zu werden! ... Der gute Freund!«

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