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Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt

Verschiedene Autoren: Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleHalali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt
publisherGeorg Müller
editorRolf Bongs
year1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141107
projectidb59ba0fe
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Schweinestechen

Von Hanns Heinz Ewers.

Als ich, ein Schuljunge, zum ersten Male ein »Pig-Sticking« mitreiten durfte, schien mir das der Gipfel allen Sportes. Es war in Southsea, und die Portsmouther Garnison feierte ihre herbstlichen Gymkhanaspiele. Wir Jungen waren natürlich jeden Nachmittag auf den großen Wiesen und zeigten ein solches Interesse, daß der Leiter der Spiele, ein Volunteeroberst, am letzten Tage ein Spiel für uns einlegte; wir durften selbst wählen, wofür wir uns entscheiden wollten. Das war schwer genug, und wir schlugen uns gründlich darum. Darüber, daß es zu Pferde sein müßte, waren wir zwar alle einig, aber hier begann die Schwierigkeit. Viele waren für »Türkenkopfabschlagen«; aber da uns die Lanze schließlich doch interessanter vorkam als der Säbel, so trug am Ende das »Schweinestechen« den Sieg davon.

Wir stiegen auf die hohen Gäule der Lanzenreiter, auf denen wir vermutlich wie Zirkusaffen aussahen. Wir nahmen die langen Lanzen in die Hände und stellten uns, sechs wilde Bengel, in Reih und Glied auf. Ein Sergeant band das Schwein an seinen Sattel, einen dicken, mit viel Werg und Seegras gefüllten Sack, den er an einer fünfzig Meter langen Leine hinter sich herschleppte. Kaum war er im Galopp, da pfiff der Oberst und wir ritten los. Ich sah, wie die anderen Jungen davonschossen, aber mein Gaul schien diesen Lauf durchaus unter seiner Würde zu finden, er rührte sich nicht vom Fleck. Ich trat ihm tüchtig in die Seiten, ich klopfte ihm ungeschickt genug mit der Lanze an die Beine und riß in die Zügel – das alles machte gar keinen Eindruck auf das langbeinige Tier. Ich rief einem Offizier, der neben mir stand, zu, mir doch seine Reitpeitsche zu leihen, aber der schlechte Mensch lachte mich nur aus. Und er lachte noch mehr, als mir eine schöne Dame statt einer Gerte, einen knallroten Sonnenschirm reichte. Die Tränen kullerten mir über die Wangen vor knabenhaftem Zorn und vor Scham; aber ich ergriff doch den Schirm, nahm die Lanze in die linke Hand zu den Zügeln und drosch aus Leibeskräften auf den Kopf des Gaules. Das laute Lachen der Herren und Damen schrie mir in die Ohren, ich hätte noch ein paar Hände haben mögen, um sie festzuhalten. Dann irgendwie öffnete sich der Schirm, die glührote Seide fuchtelte vor den Augen meines störrischen Gaules. Das war ihm endlich zu viel, er machte einen langen Satz und brach los. Ich flog über das Feld; krampfhaft hielten meine Finger Zügel, Lanze und Sonnenschirm, schlossen sich meine Schenkel um den viel zu großen Sattel. Ich hatte keine Ahnung, wie der infame Bock über den Rasen ging, wie er ausbrach, seitwärts ein paar Hürden nahm, eine Fahnenstange umriß und endlich wieder zurückkehrte; ich weiß nur, daß ich plötzlich wieder am Starte war und daß alle Leute klatschten und mir jubelnd zuriefen. Trotzdem war ich recht beschämt, ich hatte das Schwein nicht einmal gesehen auf meinem Ritt, kaum seinen Reiter. Es tröstete mich nur, daß auch kein anderer der Jungen das Schwein gestochen hatte. Und doch hatten wir alle vorher untereinander gewettet, und jeder war mit sich einig gewesen, daß er es sein würde, der das »Schwein« speerte.

Drei der Buben waren heruntergefallen, von ihnen hatte nur einer noch Lust, wieder mitzutun: so starteten wir zum zweiten Male nur zu vieren. Diesmal lief mein Gaul gleich mit den anderen los, wir galoppierten über das Feld hinter dem Sergeanten her und bemühten uns sehr, unsere Lanzen hübsch stechfertig zu halten. Aber ehe ich das Pig auch nur gesehen hatte, war ich wieder am anderen Ende. Ich blickte nach den anderen Jungen, einer lag auf dem Rasen, ein anderer hatte seine Lanze verloren und trabte hinter mir her. Nur den kleinen rothaarigen Donald Fergusson, den ich nie leiden konnte, sah ich nicht weit von mir herfliegen; er jagte an dem Sergeanten vorbei, gerade auf das springende Pig zu. Ich trat meinem Bock in die Flanken, ritt ihm entgegen, sah gerade, wie er einen tüchtigen Stoß nach dem Sack tat. Da glitt die Lanze aus der kleinen Hand, sie stak hoch aufgerichtet im Boden. Nun trabte mein langer Bock dicht neben dem holpernden Pig – es war, als ob er seine Frechheit wieder gutmachen wollte. Ich hob meine Lanze – Donald schrie mir zu, daß es sein Pig wäre, und daß ich es nicht stechen dürfte. Aber das schien mir gleichgültig; ich stach los und ich traf das Schwein. Ich riß die Lanze hoch; in dem Augenblick setzte sich mein Gaul wieder in Bewegung und galoppierte nach Hause. Und Donald Fergussons Schecke folgte ihm und mit ihm sein kleiner, schimpfender, wütender Reiter – ohne Lanze und ohne Pig.

Der Oberst sagte, daß ich der Sieger sei, und ich erhielt eine hübsche Nadel zum Geschenk. Donald aber meinte, daß es unfair sei, daß ich ihn angeritten habe, und wir boxten uns. Er schlug mir die Nase blutig und erhielt dafür ein blaues Auge. Und dann vertrugen wir uns wieder.

Damals war ich ein unausstehlicher Lausbub. Es gab nichts, das mir nicht Gelegenheit gab, irgend etwas zu fragen, und ich hatte ein erstaunliches Talent für Fragen, auf die man keine Antwort geben konnte. Jetzt fragte ich den Oberst, warum man das Spiel »Pig-Sticking« heiße, da man doch einen alten Sack stäche und durchaus kein Schwein. Und der Oberst antwortete, ich solle froh sein, daß ich gewonnen hätte, und solle keine albernen Fragen stellen. So bin ich unglücklicher Mensch durchs Leben gegangen und hatte keine Ahnung, was so ein Gymkhana-Pig-Sticking denn eigentlich mit einem Schwein zu tun habe.

Nun aber, nach langen Jahren, ist diese schwere Last von mir genommen. Ich habe eine ganze Woche lang richtig »Pig-Sticking« gespielt und dabei wirkliche Schweine gestochen.

Der Maharadja von Ralinkore lud mich dazu ein. Er ist zwar kein Sportsmann, denn es ist, trotz des Fürsten entgegengesetzter Meinung, für mein Gefühl ein Irrtum, seine große Vorliebe für seinen Harem mit sportlichem Interesse zu begründen. Auch die Schwärmerei für seinen Marstall ist nur sehr einseitig, denn es kommt ihm hauptsächlich darauf an, daß seine schönen Gäule lange, wohlgepflegte Schwänze und große leuchtende Glasaugen haben, von seinen dreihundert Pferden haben wenigstens die Hälfte Glasaugen: grüne, bordeauxrote, himmelblaue und mauvefarbene. Es ist nicht zu leugnen, daß das verblüffend genug aussieht, namentlich, wenn man es nicht weiß und ganz unvermutet sieht. Aber, frage ich, hat das etwas mit Sport zu tun?

Und doch ist der Hof des reichen Fürsten eines der größten Sportszentren in Indien. Oberst Prewett, der britische Resident des Staates, legt Wert darauf, daß der Maharadja nicht nur für die Glasaugen seiner Pferde und für die richtigen Augen seiner Haremsdamen sein Geld ausgibt. Bei der Gelegenheit – Herrgott, ich habe immer noch nicht das Fragen verlernt! –: warum liebt Seine Hoheit nur bei den Pferden die Glasaugen? Oder aber: müssen seine Favoritinnen auch auswechselbare Glasaugen tragen! Ich habe den Oberst danach gefragt, der meinte: Nein. Das sagt aber gar nichts, denn er hat ebensowenig wie ich je einen Schritt in des Fürsten Harem setzen dürfen. So steht die Frage immer noch offen.

Also: Seine Hoheit von Kalinkore lud mich zum Schweinestechen ein. Ich wohnte in einem herrlichen Bungalow, hatte vierzig Diener, drei Wagen, zwei Elefanten, fünf Kamele und eine Anzahl Ochsen, die alle natürlich nicht zu benutzen waren. Denn in den Ochsenwagen fühlt man sich wie Muskatnüsse in einem Mörser, und beim Kamele kommt man sich vor, als ob man ein Karussell sei. Reitet man aber auf einem Elefanten, so weiß man nie recht, wo einem eigentlich die Eingeweide, wo Magen, Herz, Leber und andere wichtige Gegenstände gerade stecken. In dem einen Augenblick sind sie im Halse, in dem anderen wieder irgendwo in den Beinen, nur da, wo sie hingehören, sind sie nie. Pferde gab uns der Maharadja nicht, die waren ihm zu schade zum Gebrauch, wahrscheinlich waren wir ihm auch zu dumm, um die Schönheiten der langen Schwänze und Glasaugen genügend verstehen zu können. So schickte uns der Oberst seine Tiere.

Und er kam jeden Morgen um fünf Uhr, uns abzuholen; dann ritten wir hinaus in das Dschungelgras. Wir waren zehn Reiter, darunter zwei Damen, und jeder trug eine leichte Bambusstange. Wir hatten auch ein halbes Dutzend Kamelreiter mit und einen Elefanten, so stellten wir unsere Reihe auf, in der Mitte den Rüsselträger; trabten dann langsam durch das hohe Ried. Endlich scholl vom Elefanten her die helle Trompete: sein Mahaut hatte von seinem hohen Sitz aus einen Keiler entdeckt. Im Nu jagten wir auf unseren Ponies dem Tiere nach. Rechts und links brachen Säue, Antilopen und Gazellen auf, flohen Dschungelhasen, Füchse und Schakale, aber wir achteten sie nicht, jagten dem Eber nach. Ein gelber Blütenstaub brach aus dem Dickicht, dick wie ein Nebel, legte sich heiß vor unsere Augen, drang in unsere Nasen und die Nüstern der Pferde. Einer trat in ein Loch, stürzte, überschlug sich mit dem Pony, lachte und sprang wieder auf. Der Keiler schlug einen Haken, schnell warfen wir die Tiere herum.

Und dann, müde und arg erbost, macht der Keiler kehrt. Er nimmt das Pferd an, mitsamt dem Reiter und seiner Lanze. Er ist ein starker und mutiger Geselle, scheut sich nicht, den Tiger und den Elefanten anzugreifen und setzt ihnen übel zu, ja selbst vor dem wilden Büffel zeigt er keine Angst.

Nun jagt der Eber auf den Reiter zu. Der hält nicht an, er würde unfehlbar über den Haufen gerannt werden. Er gibt seinem Tiere die Sporen, schnalzt mit der Zunge und läßt es die Beine strecken. Er paßt nur auf, den Keiler an die rechte Seite zu bekommen, weil an dieser Stelle der Stoß viel leichter und sicherer ist, als über den Hals des Pferdes weg nach links. Und er läßt den Eber aufrennen in seinen Speer.

Einmal sah ich, wie dicht vor mir ein mächtiger Keiler das starke australische Pony einer jungen Lady anrannte. Sie flog weit aus dem Sattel, der Eber zerschnitt mit seinen scharfen Waffen dem Pferde die Beine und riß dann dem armen Tiere den Leib auf. Das alles war im Augenblick geschehen, dann wandte sich der Keiler und stürzte auf die Dame zu, die irgendwo, vom hohen Gras verdeckt, ohnmächtig am Boden lag. Es wäre ihr nicht anders ergangen wie ihrem Pony, wenn nicht ein rascher Lanzenwurf den Eber abgelenkt hätte.

– Ich habe manche Jagd mitgemacht in Indien, zu Fuß und zu Roß, vom Elefanten herab und vom Ochsenwagen; Jagden auf Leoparden und Tiger, auf Elefanten und Büffel auf Hochwild und kleines Raubzeug. Aber nicht eine dünkte mich so aufregend und aufreizend wie das Schweinestechen vom Pony herab in dem weiten Dschungelgrase von Ralinkore.

Und ich bin froh, daß ich nun weiß, warum Pig-Sticking eigentlich Pig-Sticking heißt.

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