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Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt

Verschiedene Autoren: Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleHalali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt
publisherGeorg Müller
editorRolf Bongs
year1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141107
projectidb59ba0fe
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In der Jagdhütte

Von Egon Freiherr von Kap-herr.

»'S ist Zeit, Iwàn, wirf kein Holz mehr aufs Feuer.« Der Angeredete, ein kleiner untersetzter Mensch, blickte auf. »Schon Zeit?« Langsam rückte er die Kohlen auf dem Herde zusammen; dann dreht er sich eine Papierzigarette, sucht in der Asche, kriegt ein kleines Stück Glut hervor und setzt den Tabak umständlich in Brand.

Eine niedrige, verräucherte Blockhütte, wie sie die Jäger in der Taigâ bauen, roh aus Stämmen zusammengezimmert mit Lehmdiele und Holzdach. Ein kleines blindes Fenster, eine niedrige Tür, in einer Ecke ein aus Feldsteinen geschichteter Ofen, und daneben auf erhöhtem Gerüst die einfache, mit Heu bedeckte Schlafstatt. An den Wänden Pflöcke, an denen Gewehre, ein Gurt und Tragkörper aus Rinde hängen, ein paar Reifen mit Roßhaarschlingen, ein altes Messer. Auf dem Boden stehen roh zusammengeschlagene Bänke, ein Bock, der als Tisch dient und auf dem Gefäße aus Birkenrinde, Holzlöffel und Messer, Fischgräten und Brotkrusten liegen. Von der Lagerstelle klettert ein Mann, riesig, breitschultrig und mit wirrem rotem Bart; wie sein Gefährte ist er karelisch gekleidet. Ein schweres Messer hängt am Gürtel, in langen Stulpenstiefeln stecken die Füße.

»Ich werde zum See gehen und die Netze herausziehen und dann nach den Fallen sehen; sieh du nach deinen Schlingen.« Die Männer treten vor die Tür, ein kurzer Gruß, dreimaliges Bekreuzigen, dann gehen sie jeder seinen Weg. Romàn Omossow, der »Bär«, wie man ihn nennt, hat weiten Weg, vor Abend wird er nicht heimkehren. Schnell schreitet er aus, vorbei am See, die Hänge hinauf über Geröll und Gestein. – In dichten Flocken rieselts vom Himmel, feucht und schwer, der erste Schnee ...

Als der Trapper am Abend müde wieder zur Hütte gestapft kommt, leuchten die letzten roten Lichtstrahlen über die Landschaft, färben das schwer herabhängende Gezweig blutrot. Merkwürdig, keine frische Spur steht vor der Hütte, kein Rauch wirbelt aus dem First. Schwerer Fußtritt öffnet den Eingang. Leer und kalt ists drin. Der Mann schnitzelt am Holz, wirft Span zu Span, schlägt Feuer mit Stahl und Stein, bläst im Schwamm den Funken zur Glut, zündet die Birkenrinde an, die sich in der Hitze krümmt und knistert, zusammenrollt und endlich aufflackert; Holz darüber. –

Lustig flackerts auf dem Herd. Dann nimmt der Mann ein paar Forellen aus dem Schnappsack, legt sie auf den Holzbock und spaltet sie, indem er sein Messer an der Stirn des Fisches ansetzt und mit einem schnellen Schnitt bis zur Schwanzflosse durchzieht. Er streut Salz dazu, legt die Fische auf die Kohlenglut und sieht nachdenklich zu, wie sie bräunen, wie das Salz in der Hitze springt und wie der Saft bratzelt. Der Mann bekreuzigt sich, wischt die Reste vom Tisch und beginnt zu essen. Dann lauscht er lange angestrengt, tritt vor die Hütte, späht und horcht. Es ist doch merkwürdig, von Iwàn noch keine Spur, und doch wars ihm, als hätte jemand gerufen. Was das nur für Albernheiten sind, Dinge zu hören, die es gar nicht gibt; weit und breit ist doch kein Mensch in der Heide zu sehen, und die übergroße Anstrengung der letzten Tage muß daran schuld sein, daß Romàn allerlei Dinge hört, die gar nicht vorhanden sind. Es war wohl nur der Nachtwind, der in den Bäumen sauste und klapperte, nur der Schrei einer Eule, der vom Berge her gellte. Achselzuckend tritt der Mann in die Hütte zurück, schließt den Eingang, schürt das Feuer, setzt sich auf die Bank in der Ecke und zündet sein Pfeifchen an. Er nimmt einen langen Holzkloben her, stemmt das Messer dagegen und schneidet lange Späne, die er zwischen die Balken und die Fenstereinfassung einklemmt. Dann zündet er die harzigen Dinger an, nimmt den Schleifstein und wetzt sein Messer. Bedächtig öffnet er den Schnappsack, zieht einen Otter hervor, der ihm gestern am Bergfluß ins Eisen ging und beginnt ihn mit Bedacht und Geduld abzubalgen. Den Körper wirft er auf den Boden, dann schabt und kratzt er die Haut, salzt sie, spannt sie aufs Brett, zieht sie in die Länge und nagelt sie an. Eine Zeit lang hockt er noch am Feuer, wirft neue Holzscheite auf die Glut, bläst nachdenklich den Rauch seiner Pfeife hinein und stochert in den Kohlen. Müde sucht er endlich sein Lager auf und, nachdem er sein Gebet gesprochen und sich dreimal gegen Osten verbeugt und bekreuzigt hat, kriecht er aufs Heu.

Wüste Gedanken jagen durchs Hirn. Unruhig wälzt sich der Mann auf der knarrenden Lagerstatt, fährt empor, horcht, und wirft Span auf Span ins Feuer. Allmählich kommt bleierne Müdigkeit, fest schlummert er ein. Draußen pfeift der Nachtwind, ein Käuzlein heult und kichert am Berge. Horch! Was war das? »Romàn!« Laut und deutlich ein Hilferuf. Der Mann fährt auf. Täuschte ihn ein Traum? Wars wüster Spuk? Fieber erregter Nerven? Es graust ihn. Doch nein, es war wohl nur Täuschung, ein wilder Traum, oder der Ruf eines Nachtvogels im Tann und das Heulen des Windes ... Beruhigt streckte sich der Jäger aus. »Es war nichts«, murmeln seine Lippen. Und wieder der Ruf, röchelnd, gepreßt, voller Angst: »Romàn!« Entsetzt springt der Mann vom Lager, reißt die Tür auf und springt vor die Hütte ...

Still ists draußen. Nur der Wind rauscht in den Wipfeln. Weit hinten im Moor bellt ein Fuchs, und bleich und silbern steht der Vollmond im dunklen Blau. Lächelnd tritt der Mann in die Hütte, schüttelt sein Haupt und streicht über die rotblonde Mähne. Dann wirft er Holz auf den Herd, bläst die Flamme an, kriecht aufs Lager und schläft ein. Doch kein guter Schlaf ists – ein Alp lastet auf Herz und Kehle, wüstes Traumbild scheucht häßliche Fratzen, Alpdruck wechselt mit bösem Gesicht. Der Schläfer stöhnt und atmet schwer. Er sieht sich in lichter Heide stehen und den Gefährten am Asthau, gebückt nestelt der Freund an Schlingen und Sprenkeln. »Ein unrecht Handwerk, ein schmutzig Brot. Doch er ist so arm, hat ein krankes Weib, soviel hungrige Gören. – Boschinka Góspodin! Er muß sie füttern ...« Und dann sieht er Iwàn an der Erde und über ihm steht ein riesiges Etwas, schwarz und zottig, mit weit gesperrtem rotem Rachen, mit langer Zunge, mit riesigen Krallen. Und es geht aufrecht einher, mit langen stelzenden Schritten, trägt Reisig herzu, Moos und Stangen und wirfts auf den blutigen Mann. Und dann tanzt es umher, springt und kichert und lacht in teuflischer Freude. Romàn reißts Gewehr an den Kopf, zieht und drückt am Abzug, und es ist, als wäre die Büchse ein toter Ast, ein Knüttel. Kein Schuß, kein Knall ... Ein neues Traumbild. Er sieht in der Hütte auf dem Boden vor dem Herde den armen Iwàn in roter Lache, die Hände gekrallt, die Augen blutglotzig und glanzlos – – –. Und wieder der Schrei, erstickt, gequält und heiser in den Ohren des Schläfers, angstvoll: »Romàn!«

In Schweiß gebadet, mit stockendem Herzschlag, zitternd und bebend fährt er empor. Entsetzen in der Brust, Schrecken im Hirn blickt er umher. Da, auf dem Boden liegts rot und blutig ... Mit gurgelndem Schrei ist der Mann vom Lager ... Doch gleich gewahrt er den Irrtum und lächelt über sich und das wilde Gespinst erregten Hirns: Denn dort liegt still und friedlich, unsauber, blutig und roh im zuckenden Flammenschein des Feuers der Leib des Otters vom gestrigen Fang.

 

Hastig kleidet sich der Jäger an, stülpt die Fellmütze auf, schultert die Büchse und verläßt die Hütte; er spürt den Tapfen des Gefährten nach. 's ist heller Tag, die Häher schwirren und pfeifen, und der Schwarzspecht hämmert am Baumstamm. Romàn Omossow ist kein Phantast. Seine Kraftnatur sträubt sich gegen Spuk und Gespenster, gegen den finsteren Geisterglauben seines Volkes. Und doch – bange Ahnung erfüllt sein Herz. Rüstig schreitet er auf halbverschneiter Spur, den Tapfen des Gefährten nach. Er muß es ergründen, wo jener geblieben. Hier am Moorrand ist der Schnee festgetreten, die Schlingen sind geleert und geräumt. Weiter führt die Spur den Abhang hinab, die Halde hinauf, von Verhau zu Verhau. Überall ist der Freund am gestrigen Tage gewesen, hat die Sprenkel geleert und abgewunden. Dann führt die Spur in die Heide hinauf, in lichten Stangenort. Auch hier ist ein Astverhau, hier sind die Sprenkel noch am Türlein. Warum nahm sie Iwàn nicht mit? Der Fuß des Jägers scharrt im Schnee. Rot schimmert es durch. »Heilige Mutter Gottes, Schmerzensreiche, erbarme dich!« brüllt der rote Riese. Entsetzen schnürt ihm die Kehle zu. » Góspodin, Góspodin!« murmeln die Lippen. Ringsum in eiliger Hast tastet der Mann den Boden ab, hastig scharrt der Fuß, rot schimmerts hindurch, rot ist das Kraut: Blut! Und hier, wild durcheinander geworfen Geäst, aufgewühltes Moos, übereinander geschichtet Stangen und Klötze. Am Boden daneben ein kleiner Hügel im Schnee: ein Bündel Sprenkel, zwei Hühner, ein Birkhahn, dann das Handbeil, eine zerfetzte, blutige Mütze, ein Handschuh ... Der Mann schlägts Kreuz über Stirn und Brust, denn erst jetzt sieht er die unheimliche Doppelspur, die Fährte eines riesigen Bären hinter der Spur des Freundes. Hier am Astverhau hat der ungleiche Kampf stattgefunden, ringsum ist der Platz zerstampft, von breiten schweren Tritten, wie in höllischem, teuflischem Freudentanz ...

Fieberzitternde Hand zerrt am Astwerk, am Strauch, rot grinst der Fleck in tiefgekratzter Moorgrube. » Góspodin, Góspodin, erbarm' dich, Herr!«

Hier ist der Freund weitergekrochen, wie ein wundes Tier, und breit und schwer führt den Hang hinauf die unheimliche Fährte des Bären. Geschleift, taumelnd, wie eines Trunkenen die Spur des Armen, rot gefärbt. Hin und wieder ist er stehen geblieben, hat sich hingesetzt, gekauert, blutig ist der Stumpf modernder Brandkiefer, große Lachen bezeichnen die Raststellen. Grauen im Herzen, Fieber im Hirn, eilt der Jäger weiter. Als er drüben in der Heide ankommt, schrickt er zusammen und hält ein im eiligen Lauf. Denn wieder hat sich die Bärenspur mit der des Freundes vereint. Jetzt ists dem Mann klar. Der große Herr der Wildnis wollte sich überzeugen, ob sein Opfer nicht doch wieder aufgestanden, er war auf Umwegen wieder zurückgekehrt und in der Heide auf die Spur gestoßen. Da war er gefolgt, um das halbvollendete Werk zu beenden ...

Romàn rafft sich wieder auf und eilt vorwärts. Vielleicht kann er noch helfen, retten. Denn frisch ist hier die Spur. Fest klammert sich die Faust um Kolben und Rohr. Weiter führt die unheimliche Doppelspur. Vorbei am Berghang, wo zwischen Dickung und Bruch die alte verfallene Hütte steht. Da führt die Spur hinein. Dicht vor der Hütte macht die Fährte des Raubtiers halt, dann führt sie bergan und über die Halde. Weit offen der Eingang. Mit fliegendem Atem steht der Rotbart auf der Schwelle, zitternd schlägt die Rechte das Kreuz: denn drinnen vor dem Herde, auf lehmharter Diele, liegt in rotklebriger Lache ein Mensch ... Blutig grinst zerfetzter Mund, unter roter Stirn starren gläserne Augen, gekrampft krallen sich die Hände in harten Boden.

Mit heiserem Schrei sinkt Romàn in die Knie: »Herr, erbarme dich, erbarme dich!«

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