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Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt

Verschiedene Autoren: Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleHalali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt
publisherGeorg Müller
editorRolf Bongs
year1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141107
projectidb59ba0fe
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Elchjagd

Von Andreas Haukland.

Hoch oben im Gebirge standen zwei Elche und streckten die langen Mäuler zu den Föhrenwipfeln empor. Die Föhren standen hier niedrig und verkrüppelt von dem Wind, der über die öden Weiten fuhr.

Die Elche bissen die harzgetränkten Spitzen ab, hoben dann die schlanken Beine aus dem Schnee und wanderten langsam von Baum zu Baum.

Der Schnee lag metertief.

Die Bäume standen weit voneinander, und wo sie standen, waren runde Löcher im Schnee, als hätte die Erde sie von unten herauf gehöhlt.

Weiter oben leuchtete der Bergrücken weiß und kahl, unten aber blaute des Waldes welliges Meer. Große Schneeflächen lichteten es, wie Meerschaum sich auf dunkeln Wogen wiegt. Und in weiter Ferne ragten nackte weiße Zinnen auf, wie Festland aus der See.

Endlos wellte der Wald, – endlos. Wolken segelten über ihn hinweg, senkten sich und tauchten ihre Schwingen wie Möwen in das blaue Meer oder ballten sich über den Zinnen wie Nebel über fernes Land. Endlos wellte der Wald, – endlos.

Sein Blau ging in Weiß über, es goß sich wie ein schäumender Rand in den Himmel, dort, wo der Blick ermüdete und ihn nicht mehr erreichte. Schloß man jedoch die Augen, fühlte man seine Weite, ohne Ende, ohne Ende, in den weißen Himmel hinein. Am Rande des Waldes und des Felsens wanderten die zwei Elche. Sie gingen gemächlich. Hier und da blieben sie stehen, käuend, witternd. Ihre langen Ohren bewegten sich und lauschten.

Plötzlich durchfuhr sie ein Zittern. Sie wandten sich beide, so daß sie in einer Linie standen, ihre Nüstern blähten sich, – ihre Ohren ragten weitgeöffnet, daß selbst ein meilenferner Ton sich in diesem Schallrohr fangen mußte.

Lange standen sie so.

Dann begann der eine dem andern ganz leise zu klagen, und der andere krümmte eine Sekunde langsam den Rücken und antwortete. Leise und schmerzlich wiehernd standen beide.

Bis der Erste und Größte sich umdrehte. Sie sahen sich mit großen flackernden Augen an, drückten sich einen Augenblick wie frierend aneinander, klagten von neuem und fingen dann an zu laufen. In schwerem Trab strichen sie längs des Abhangs. Stunde auf Stunde liefen sie, – der Große voraus, der Kleine in seiner Spur.

Wie sie jedoch längs der Baumgrenze unter dem Gebirge liefen, wehte ihnen vom Fels herab ein Luftzug entgegen. Wieder standen sie, Nasen und Ohren hoch erhoben. Kalt und wie rieselndes Glas kam der Wind vom Gebirge. Sie sogen die Nüstern voll und schnaubten, und füllten ihre Nasen immer und immer wieder mit der reinen nadelscharfen Luft. In ihren Ohren sang der Tanz der knisternden, hüpfenden Schneekörner über der Lichtung. Ihr schnaubender Atem stieg wie dichter Dampf aus ihren Mäulern, die nach und nach weiß bereift erglänzten.

Dann begannen sie von neuem an den Föhren zu naschen. Der Kleine hielt sich dicht an den Großen. Und wie die Gefahr mehr und mehr aus ihrem Sinn schwand, und die Sicherheit die Oberhand gewann, bemächtigte sich des jungen Elchs eine kecke Freude. Er hob sich auf die Hinterbeine und klopfte den alten Elch mit den gekrümmten Vorderpfoten liebkosend in die Seite. Der Alte brummte überlegen und schüttelte nur dann und wann milde abwehrend das mächtige Haupt.

Aber in weiter Ferne jagte ein Mann auf flinken Skier der Spur der Tiere nach. Größer als die meisten Menschen war er. Und zäh und unermüdlich war sein Schritt über dem tiefen Schnee.

Als er an der Spur erkannte, daß die Tiere ihn gewittert hatten und geflüchtet waren, stutzte er. Ein kurzes Erwägen, dann prüfte er mit hoch erhobener Hand den Lufthauch, verließ die Spur und steuerte dem Gebirge zu. Stunde auf Stunde ging er über den Felsrücken. Der Schnee lag oben hart, er sang und knarrte unter seinen Füßen und die zusammengelegten Kufen der Skier trugen leicht seine Last. Der Tag schwand. Unter dem Gebirge dunkelte es, der Wald starrte wie ein schwarzer, bodenloser Abgrund zu dem Fels empor, droben aber auf der weißen Öde schossen noch Strahlen auf. Sie hüpften knisternd über den Schnee, und schlugen ihre flammenden Schwingen empor, dort wo Schnee und Himmel in eins verschwanden. Und duckten sie sich, war es, als stünde jemand dort draußen, spielte mit einem lodernden Band und schwänge es, daß sich die großen feurigen Schlingen über das Himmelsgewölbe ringelten.

Unter diesem glühenden Himmel erstarb die Weite zu bläulichem Weiß. Der Mann ging unaufhörlich. Sein Schatten zuckte beständig und verkroch sich zuweilen ganz unter die Skier.

Ehe die Nacht sich senkte, machte der Einsame halt. Ein breites Tal neigte sich vom Gebirge dem Walde zu. Er stand, sah hinab und maß in Gedanken den Weg, den er gegangen war.

Dann fuhr er talwärts.

Die Skier glitten immer geschwinder. Er beugte sich nach vorn, den Luftdruck abzuwehren, der ihn erstickte. Es dröhnte in seinen Ohren, es war, als bräche ein gewaltiges Getöse ins Tal hinein. Die Fahrt wurde immer jäher.

Zuletzt kauerte er fast auf den Skier, die feuchten Augen rotumrändert und geblendet. Während er jedoch abwärts sauste, überlegte er, und seine Gedanken jagten ebenso rasch wie sein Körper. – – Jetzt mußte er den Elchen voraus sein, wenn er unten ankam! Dann konnte er sie stellen. Als er den Abhang erreichte, und die Skier schräg legte, um die Fahrt zu mäßigen, hörte er vom Walde herab ein plötzliches Knacken und Brechen und erkannte ihre Nähe. Sie hatten sich zur Nachtruhe unter die Bäume gelegt. Er vermochte nichts zu sehen, denn das Dickicht lag tief im Dunkel.

Nun hemmte er die Fahrt und suchte nach den Spuren. Er fand sie. Wo das Gezweig eine Öffnung ließ, gähnten die tiefen Löcher, die die Beine der Elche wie eine Reihe schwarzer Punkte in den Schnee gedrückt hatten. Ohne Rast, ohne Müdigkeit folgte er ihnen die ganze Nacht. Zuweilen maß er mit seinem Skistab ihre Tiefe, und begriff, je tiefer die Tiere traten, je rascher ermatteten sie. Erschöpft mußten sie zuletzt zusammenbrechen und seine Beute werden.

Als der Tag graute, sah er, wie die Punktreihe sonderbar ungleich wurde. Die Spur wankte – – der Erste mußte ein Bein schwer nachgeschleppt haben, und der andere trat oft neben die Spuren seines Genossen. Er erkannte, daß sie müde waren und beschleunigte seinen Lauf auf den leichten Skier. Ein paarmal drückte er seine Büchse ab, so daß das Echo im Wald erwachte, die Bäume aus ihren Schlummer fuhren und den Laut von Stamm zu Stamm schleuderten. Er stieß laute Schreie aus. Die Hände vor dem Munde brüllte er durch den Wald! Und wenn dieser grollend widertönte, rann es wie ein Schauer durch seine Glieder.

Und weiter ging es. Und wieder schrie er, so laut er konnte. Denn jetzt sollten die Tiere erschreckt werden und vor Entsetzen stürzen.

In der Spur zeigte sich blutiger Schaum. Da durchzuckte es ihn: Jetzt hatte er sie!

Das waren die Tropfen des Todes, die aus den Mäulern troffen.

Sein Hirn fieberte nach der rastlosen Jagd. Augenblicke wilden Jubels, Momente kühner Freude durchglühten ihn. Er murmelte vor sich hin:

Jetzt sind sie die Beute des Todes.

Und wieder und immer wieder:

Jetzt sind sie die Beute des Todes!

Jetzt sind sie die Beute des Todes!

Und dann folgte er voll tiefen Ernstes der Spur; wo der blutige Schaum in immer größeren und immer röteren Flecken lag.

Als der Tag vom Gebirge über den Wald geschritten kam, sah er sie.

Mitten auf nackter Höhe hatte der Kleine sich niedergelegt. Neben ihm stand der Große, der Alte. Und sie sahen den Jäger, wie er sie sah. Ein hilfloses, jammerndes Klagen klang durch den jungen kalten Tag.

Die großen flachen Geweihe des alten Elchs zeichneten sich wie zwei hocherhobene, flehende Hände vom Himmel ab. Das Licht rann durch die Zacken der mächtigen Hörner, wie Licht durch die Finger aufgehobener Hände quillt.

Der Jäger stand still, hob die Büchse und schoß.

Im Nu erhob sich der Elch auf zwei Beinen – die langen Vorderfüße schlugen in die Luft – und mit rasendem Gebrüll stürzte er sich gegen den Jäger. Doch ehe er ihn erreichte, brach er zusammen und fiel kopfüber in den Schnee. Es sah aus, als wollte das gewaltige Tier Kobolz schießen.

Der kleine Elch richtete sich zitternd auf, machte ein paar Schritte und wankte wie ein neugeborenes Kalb, das die Beine noch nicht tragen. Er stöhnte leise und hoffnungslos.

Und wieder lud der Jäger seine Büchse. Und wieder tönte ein Knall durch den frostklaren Tag.

Dann Stille. Nur der Tropfenfall des Blutes, der in den Schnee pulste, und ein leises Knistern des Schnees, der ringsum schmolz.

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