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Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt

Verschiedene Autoren: Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleHalali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt
publisherGeorg Müller
editorRolf Bongs
year1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141107
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In Nordlands Bergen

Von Egon Freiherr von Kap-herr.

Rotglasig steigt die Sonne im Nebel über den Bergen auf, violett und blau heben sich die schroffen, finsteren Felswände vom gelb- und rotglänzenden Wasser des Waldsees ab. Das Eis glitzert und flimmert am Ufer, weißer Rauhreif bedeckt das Heidekraut und die Porstbüschel im Moor. Unglückshäher schwirren mit leisem »tüd, tüd« von Baum zu Baum, Enten schreien am See, und die Graugans zieht rufend in langen Linien dem Süden zu.

Hier im Waldtale steht eine kleine Blockhütte – irgendwann von irgendwem gebaut. Sie ist eine jener kleinen Hütten, wie sie die Jäger der nordischen Wildnis an geeigneten Orten – an Fuß- und Schneeschuhpfaden – anlegen, immer zehn bis fünfzehn Kilometer auseinander. Bläulicher Rauch quillt aus einem Loch im First, und Stimmen ertönen im Innern. Erschreckt flattern die Häher auf: Die Tür öffnet sich, und ein breitschultriger Karele tritt aus der Hütte. Der Mann sieht sich um – und befriedigt klingt's von seinen Lippen: » Choroschaja pogoda, Barin.« (Gutes Wetter, Herr.) Hundegebell ertönt, zwei zottige, große Finnhunde stürzen heraus und umkreisen, mit den buschigen Ruten wedelnd, ihren Herrn. » Tagasi, koirad!« (Zurück, Hunde), ruft der rotbärtige Enakssohn ihnen zu, während nun der Jäger aus der Hütte tritt. Nach kurzem Wortwechsel wird der eine Hund angeleint, während der zweite als Wächter in die Hütte gesperrt wird, und die beiden Jäger verschwinden im Bestande.

Über Steingeröll und Windbruch gehts auf schmalem Pfade, dann wird eine Wand erklettert, und rutschend und strauchelnd gehts auf der anderen Seite hinab ins Moor. Hier steht ein Auerhahn mit schwerfälligem Gepolter vor den Jägern auf, Sumpf- und Tannenmeisen schwirren zwischen den bemoosten, greisenbartbehangenen Kiefern umher, Haselhühner surren im Tann, und von den Bergen erschallt das Hämmern des Schwarzspechtes. Breite Pfade sind hier ins Moos eingetreten: Renntierwechsel. Nebenan im Heidelande ist der Boden aufgewühlt und das weiße Moos aufgerissen – hier haben Renntiere geäst, und dort in jenen Gruben haben sie gelegen. »Alte Fährten«, murmelte der Karele. »Gebe Gott endlich stärkeren Wind – bei dieser Stille kann der Hund nicht weit wittern, und das Wild vernimmt uns auf mehr als eine Werst!« Plötzlich zieht der Finnhund scharf an; eine starke Elchfährte kreuzt hier den Weg der Jäger. Frische Losung – ein frisches Lager – los! Vorsichtig schleichen die Leute hinter dem heftig vordrängenden Hunde her, das Heidekraut knirscht unter dem Tritt, und das gefrorene Moos knarrt und knackt bei jedem Schritte. »Verdammte Windstille«, murrt der Karele, der mit beiden Händen den Leithund zurückhält. Mühsam gehts über einen Windbruch die Böschung hinab – vorn donnerts und brausts – springend und schäumend rauscht der Bergfluß über Felsblöcke und Geröll.

Bis an die Hüften reicht das eisige Wasser, aufwärts klettern die Männer, sich mit den Händen an die schlüpfrigen, feuchten Steine anklammernd. Härter zieht der Hund am Riemen, sein Atem keucht, sein Rückenhaar sträubt sich; nur mühsam hält ihn der Mann zurück und beruhigt ihn durch halblauten Zuspruch. Ein Dickicht vorn – da hinein führt die Fährte! Am Gebaren des zottigen Begleiters merkt es der Jäger: man ist nahe am Wilde. »Das Dickicht umschleichen?« flüsterte der Karele.

Keine zwanzig Schritt kann man sehen; so dicht ists hier. Da prasselts im Busch, weiß leuchtets im dichten Tann – die Läufe eines Elches. Zu spät! Nun ist die Folge aussichtslos: ein einmal rege gemachter Elch ist mit dem Finnhund nicht mehr zu holen. Der Karele flucht wie ein Heide, und ärgerlich über ihren Mißerfolg treten die Jäger den Weitermarsch an, nur mit Mühe den aufgeregten Hund bändigend und beschwichtigend. Unter mächtigem Felsblock ruhen die Jäger aus und beraten sich.

»Herr, die verdammten ›Weißbeine‹ kriegt man ja doch nicht! Sie stecken immer im Dickicht – und da kommt man ohne starken Wind nicht ran.« – »Gut, versuchen wirs mit den ›Langwedeln‹. Die werden heute bei dem schönen Wetter im kahlen Moor stehen.« Warm scheint das Tagesgestirn auf die Männer nieder, ein leises Rauschen und Raunen geht durch die Wipfel der Kiefern. Ein kleiner Bach plätschert über das Gestein, Drosseln eilen in Schwärmen über den Wald, und ein Adler zieht seine prachtvollen Kreise über den nahen Waldsee. »Klüh!« schallt der Ruf des großen Spechtes, ein Häher kreischt, und oben im Wipfel einer Fichte schwirren Kreuzschnäbel.

Der Karele drängt zum Aufbruch; schweigend marschieren die Jäger durch den Wald. Hinab gehts den Abhang, dann längs des Sees, dessen kleine Wellen gegen das felsige Ufer plätschern. Taucher schwimmen auf der silbernen Fläche, es sind elegante, schöne Vogel, die da fischen und tauchen, und deren schwarz-weißes Gefieder in der Sonne leuchtet. »Gagagagarr«, tönen die rauhen Kehllaute der Polartaucher, ein Fischadler schwebt über dem See, und der Kolkrabe krächzt auf der Insel. Nun wird der Boden weich, die Jäger sind am Rande eines großen Morastes angelangt, dessen Fläche in tausend Farben leuchtet – vom hellen Rot und Gelb bis zum tiefsten Braun und dunkelsten Violett und Blau. Die Fläche ist mit verkrüppelten, teilweise abgestorbenen, moosbehängten Kiefern bestanden, klar, lückig und kümmerlich; der Fuß raschelt im Porstkraut und in den Büscheln der Polarbirke. Blaubeerkraut und Zwergweiden wechseln mit Strauchbirken und halbabgefrorenem Schellbeerkraut ab, weiches, nasses Moos dämpft den Schall der Tritte. Schneehühner schwirren über die Fläche und Auerwild prasselt heraus, Zwerg- und Sumpfmeisen hacken an den geplatzten Rinden der Kiefern, und in wellenförmigem Fluge überfliegt ein Buntspecht die Einöde. Ein kräftiger Windzug strömt den Jägern entgegen und läßt die Wipfel des Urwaldes rauschen und schwanken, spielt schwirrend mit der flatternden Rinde einer Birke und schlägt die schwankenden Stengel des Schilfes klirrend und knisternd aneinander.

Der Hund ist erregt und markiert die frischen Fährten vom Lager der Renntiere, eine mächtige Bärenfährte kreuzt den Weg der Jäger, und Losung vom Fiellfraß lenkt die Aufmerksamkeit der Männer ab. Hoch hält jetzt der Hund die Nase und zieht in gerader Richtung übers Moor, zerrt ungestüm am Riemen und keucht. Vorsichtig das Terrain abspähend, folgen die Waldleute, vorüber gehts an kleinen Tümpeln und Wasserlachen, felsigen Brunnen am Morastrande, deren Grund grün und blau leuchtet, abgrundtief und kristallklar. Dann wendet sich der Hund wieder der Mitte des Moores zu, wo dichtes, weiches Moos mit schwankenden, tückischen Stellen abwechselt, und der Fuß bis über die Knöchel im eisigen Naß versinkt.

Der Hund wird immer aufgeregter, zerrt und reißt an der Leine, und plötzlich raunt der Führer seinem Herrn zu: » pödra« (Renntiere) ... Dunkel heben sich die Silhouetten des Wildes vom hellen Boden ab – Renntiere, ein kleines Rudel, stehen da und verhoffen nach den Männern hin, die jetzt gebückt heranschleichen. Der Karele duckt sich nieder und hält den leise winselnden Hund am Halsband, während der Schütze vorsichtig weiterschleicht. Nun werfen alle Renntiere auf, treten unruhig hin und her, richten die Wedel steil auf und äugen nach dem Jäger hin. Noch sinds reichlich zweihundert Schritte – doch längeres Zaudern wäre zwecklos, da das Wild flüchtig werden könnte. Dort – der starke Hirsch mit den hell leuchtenden Stangen!

Weiß schimmert das Korn auf der schiefergrauen Decke. Paff! Der Wedel klappt als Jammerzeichen nieder, und in rasender Flucht eilt der Todwunde dem hohen Holze zu, während das Rudel in schnellem Troll, die hellgrauen Läufe hochhebend, steifläufig und mit aufgerichteten langen Wedeln ins Moor flüchtet. Der Hund kläfft und zerrt den Führer vorwärts; bald findet man den Anschuß. Schnitthaare und heller Schweiß, tiefe Eingriffe! Vorwärts! Hinein ins hohe Holz gehts auf roter, warmer Schweißfährte. Da liegt etwas Graues, fast wie ein großer Stein – Hurra, er ists, der kapitale Hirsch, dessen vielendiges Geweih, in zitternder Freude betastet, in jubelnder Seligkeit bestaunt wird.

» Wot Barin, choroschaja stuka« (eine gute Sache, Herr). Schmunzelnd klopft der Karele die Schulter des Herrn. – »Was nun?« – »Ich werde zum See gehen, Herr – es sind keine sechs Werst – und unser Boot holen. Ich rudere dann bis zu den Stromschnellen den Fluß hinauf, und bis dahin können wir das Ren schleppen.«

Nachdem der Hirsch aufgebrochen, entfernt sich der Führer, während der Jäger beim Wilde bleibt; bläulich kräuselt sich der Rauch der Zigarette, wieder und wieder kehrt der Blick zurück zu der stolzen Beute da im Moos des nadelbestreuten Waldbodens.

Ans Werk! Sorgsam mit Beil und Messer arbeitend, trennt der Jäger das Haupt des Hirsches vom Rumpfe, vorsichtig wird die Decke gelöst, abgestreift und geschärft. Dann wird die Decke am Boden ausgebreitet, und das Beil tritt wieder in Aktion: Die Keulen werden gelöst, der Rücken geteilt, Hals und Blätter werden abgeschlagen. Gierig fällt der Hund über Aufbruch und Abfälle her, Häher kreischen, und hoch über den Wipfeln rufen Kolkraben. Die Sonne steht schon tief am Himmel und die Stämme werfen lange, bläuliche Schlagschatten, als der Karele erscheint. » Wsjo gotowo, Barin« (alles fertig, Herr). Schwer beladen marschieren die Jäger durch den Tann, dem Flusse zu. Bergauf und bergab gehts mit der schweren Last. Kaum die Hälfte hat man geborgen, als man das Boot erreicht, welches unterhalb der großen Stromschnelle im Wasser schaukelt. Der Rest ist in den Zweigen einer Fichte wohl aufgehängt; morgen wird man ihn holen – denn es wird Abend, und bis zur Hütte ists weit. Das Wildbret wird verstaut. Decke und Geweih werden ins Boot gelegt, und von schnellem Ruderschlage getrieben, schießt das Boot die Strömung hinab.

Goldigrot bescheint die Abendsonne die wilde Szenerie, Schwärme von Seidenschwänzen ziehen zwitschernd und schwatzend ihren Schlafstellen zu. Über den großen See gleitet das Boot, stolz schimmern Schwäne auf der leuchtenden Wasserfläche, »klong, klong« rufen sie beim Anblick der Menschen. In den Fluß hinein schießt das Boot – in rasender Fahrt jagt es über donnernde und brausende Stromschnellen, weißer Schaum spritzt auf. Es wird dunkel, die Bäume am Ufer heben sich als dunkle Silhouetten vom roten Abendhimmel ab, ein Uhu ruft, und das heisere Bellen der Uraleule hallt schaurig in den Felsen. Still gleitet das Boot in die Bucht an der Hütte ...

 

Grell flammte das Licht im Nordosten. Das Gestein glühte und glänzte im Frühtau, der See leuchtete wie flüssiges Gold. Und die Schatten krochen zurück in Schlucht und Tal, Hels Geister flohen vor Balder. Sommerfrühe ...

In Zweig und Heide raunt der Morgenwind, es flüstert und knistert leise. Und in Busch und Strauchversteck beginnts zu flöten, zu zwitschern, zu pfeifen und zu rufen. Feuer flammt über blauem Berg und Gold über Wipfel und Zinne. Stille, Feierstunde der Frühe.

Da kollerts unten am Hang, es poltert über Halde und Moosblänke, klippt und klappt ans Felsgestein und plumpst dumpf hinab in die Klamm. Und dann rieselts und rieselts und klapperts und knirschts, und es schurrt und schürft und poltert wieder. Klapp – klick – torrr ... Und das Singen und Flöten in Busch und Strauch wird zu schrillem Zwitschern, das Zwitschern geht in helles Kreischen und ängstlichzorniges Krächzen und Schreien über. »Klapp – klipp – schur – schur ... Zwitscheritsiti, zwitscherizizizizi – rätsch, kätsch, kräh!« Und Schwirren im Geäst, und Rascheln im Busch, und Knistern im Strauch.

Und gerade, als das Morgenfeuer über die Berge, über den See steigt, hebt sichs oben vom Felsen, braunzottig und mächtig, schwer und breit, wuchtig und massig. Und lockerer Stein kollert zur Tiefe, springt und hüpft über Block und Zinne, klappert an Kante und Schroffe und prasselt in die Schlucht. Oben aber, im hellen Blutschein, steht der große Herr des Waldes, der Gebieter der Berge und Schluchten. Nordlands gewaltiger Sohn – der Bär – mit schnaubendem Atem. Er wollte Ausschau halten über sein Reich. Wie ein Standbild aus Fels steht er hier auf dem Granit: regungslos, gewaltig, eine klotzige Masse, im Morgenwind schimmernd. Erhoben das schwere, breite Haupt, äugt er hinüber über See und Berg, über Tal und Hügel, lange, lange.

Seine Heimat, sein Revier, sein Reich. Unbestrittener König ist er hier, lange schon. Zur warmen Zeit, wenn die Flüsse rauschen, die Seen glitzern, wenn die sonnenglastigen Tage das Gestein durchglühen, wenn im feuchten, modrigen Tal die Tümpel dumpfigen Brodem brauen, Myriaden von Gelsen im Bruch summen und singen, dann krachen des Gewaltigen Branten die modrigen Faulstämme auseinander, brechen Block und Stumpf, daß Borke und Splitter fliegen. Und dann scharrt der Alte und gräbt und kratzt, daß es weithin schallt und die Elche drüben im Moor erschreckt zusammenfahren und hinüber verhoffen zur Heide, wo der wüste Lärm ertönt. Dann hören wohl auch die munteren Meisen auf im Schwirren, und die schwatzhaften Seidenschwänzchen halten inne mit Gezwitscher und Geflatter, und der mausernde, grämliche Urhahn auf seiner Krummföhre lauscht ängstlich und angestrengt und sträubt Kehlfedern und Rückenkleid, knappt mit dem Schnabel und faucht leise, aber böse vor sich hin.

Das stört ihn alles nicht, den Alten, das kümmert ihn nicht. Er ist ja hier Alleinherrscher, unumschränkter Herr. Und darum fliegen Span und Splitter, lustig polterts und lärmts in der Heide, und der Alte schmatzt und brummt, bis keine einzige fette Made mehr im Faulstamm, bis der letzte dicke Engerling zwischen schnalzenden Lippen verschwand. Und im warmen Mittag träumt er dann ein wenig im Schatten des Felsblockes auf weichem Moospolster, denn heiß ist die Sonne und brennt auf dem Pelz, und die Nächte sind lau und hell, die beste Zeit zum Streifen durch Busch und Heide. Wer sollte dann schlafen, wenns im Norden feurig dämmert die ganze Nacht? Kaum schlafen die Vögel, wenn Nordsommers kurze Schattennacht über Berg und Tann liegt. Weiße Nacht, Nordlandssommer ...

Da steht er und äugt und schaut hinüber über sein Revier. Die kleinen Lichter blinzeln geblendet, die Nasenlöcher blähen sich, schnüffeln, saugen den frischen Frühhauch ein. Und dann schüttelt sich der mächtige Körper, ein langes Gähnen, und der große Herr der Taiga steigt herab vom Felsen zum See, lautlosen Trittes, nur ein Rollstein poltert und klappert und bullert von Zeit zu Zeit gegen Block und Kante: klick – klack ... Und dann gehts schwer und gewichtig über feuchten Ufersand, glitzernde Muschel knirscht unter wuchtigem Tritt, und gleißender Kiesel klirrt übers Gestein. Hier schlürft der Alte das klare, frische Naß. Und tiefer und tiefer steigt er hinein, bis nur das schwere Haupt und der mächtige Rücken aus dem Wasser ragen; es plätschert und rauscht, und die kleinen Wellen klatschen an die Ufersteine, rieseln über Kiesel und Grant und zurück. Und behaglich schnaufend, nimmt der Bär sein Bad und schwimmt hinein in den See, der Halbinsel zu, wo die Enten quaken und mit ihren Schwingen das Wasser schlagen. Im hellen Blau schwebt der Fischadler und späht nach Raub, rüttelt erstaunt über dem zottigen Schwimmer und blockt auf dürrer Föhre auf felsiger Insel. Und der Taucher schnarrt und gackert und reckt den schlanken Hals und beugt sich ins Wasser, taucht nieder und auf und schlägt mit den hellen Schwingen. Und die Rohrspatzen zwitschern und schwatzen und schwirren erschreckt im Rohr, als der mächtige Schwimmer durchs Schilf bricht und ans Land steigt. Das rinnt und rieselt von naßzottiger Flanke, und wie Sprühregen fliegt der Wasserstaub, als der Bär seinen nassen Balg schüttelt – purrrr ... Langsam verschwindet der mächtige Leib in den Büschen. Drüben, in sandiger Heide, ist ein stiller Ort, so recht geschaffen zum Träumen, zum Ruhen. Warm leuchtet hier die Sonne durch die Häupter der Kiefern, sie trocknet den Pelz des Schläfers, brennt wohlig auf der Haut ...

Roter und schwarzer Beeren Pracht in grünem Moosteppich. Gedeckter Tisch. Dort, wo zwischen wildem Felsgeröll der Bergstrom donnert, wo die Wasseramsel über die Schnellen hinschießt, wo zwischen mächtigen Erlen nickender Farne Pracht, liegt ein gewaltiger, halbmorscher Klotz. Windwurf fällte ihn vor langer, langer Zeit. Noch starren die Wurzeln wild und wüst aus dem weichen, feuchten Boden, noch ragen die Reste wirren Gezweiges über Steinblock und Felsen. Und unter dem Stamm schießt hindurch gurgelnde Flut, schäumt an Ast und Gipfelgezweig. Schlick, Schlamm und Flechtenmoos hängen daran, vom Wasser des Frühjahrs hierher getrieben, verfangen im Gewirr dürrer Zweige. Hier hockt der Wasserstar über seinem Reich. Wasserstaub fliegt auf, bunte Farben schimmern im Sonnenstrahl und weißgelber Flockenschaum wirbelt und tanzt auf den Strudeln. Urwaldzauber ...

Da knisterts in den Erlenbüschen und raschelts in den Farnen, und es kommt heran wie schwerer Tritt. Der Wasserstar schwirrt schimpfend ab, die Häher kreischen, und die Meisen zanken. Und dann schwankt und wackelt die Spitze des alten Baumes und wippt klatschend im Wasser auf und nieder, denn wuchtigen Trittes steigt der braunzottige König der Wälder auf den Stamm und quert den Fluß auf schaukelnder Brücke. Und wieder schließen sich die Farne hinter dem mürrischen Gast, und wieder rascheln die Büsche und knistern Zweig und Dürrast. Und wieder schwirrt der Wasserstar herbei und hockt auf dürrer Wipfelspitze, beugt sich und bückt sich, trippelt auf und nieder und dreht den kleinen Kopf hin und her und reckt den Hals. »Zirr, zirp!«

Der Herr des Waldes aber trottet durch Schlick und Schlamm, tief drückt sich die wuchtige Sohle ins Erdreich. Und dann steigt er den Hang hinan. Rote und schwarze Beeren. Im grünen Moospolster sitzt der Alte und rafft die Beerenbüsche und streift die Früchte und brummt und schmatzt. Dann rutscht er sitzend weiter und lutscht und schluckt und füllt den dicken Wanst zum Platzen. Niedergedrücktes Gesträuch, zerquetschter roter und schwarz-violetter Brei bleiben zurück, wo der gewaltige Körper gerutscht.

Plötzlich hält der Bär inne im Schmatzen. Der breite Kopf wendet sich hin und her, die Nüstern blähen sich, steif stehen die runden Gehöre. Und dann ist er hoch und dreht sich talwärts und steht und lauscht, denn fremder, verdächtiger Ton schlug an sein Ohr. Und wieder knisterts und klapperts in der Heidesenke, und wieder kollert ein Stein. Stimmen ertönen, wie Petz sie nie gehört, – unheimliche Stimmen ...

Hochaufgerichtet auf den Hinterbranten verhofft der Bär und zieht den Wind in weit offene Nüstern. Eine Witterung schlägt ihm entgegen, – fremd, unheimlich ... Schnaufend und blasend prasselt der Alte durch Busch und Heide und brummt mürrisch und ängstlich und böse. –

Herbststurm braust in den Föhren, rauft die Wipfel der Fichten, wiegt schwanke Birken und wirbelt der Blätter rotgoldenen Schwarm durch die eisige Luft. An den Büschen und Bäumen hängen reifbeperlte Spinnfäden, glitzert der Tau. Heulend und pfeifend fährt der Wind durch Klamm und Schlucht, faucht an den Wänden und Schroffen, fegt über See und Blänke, und jagt den Rauch der kleinen Hütte über den stumpfbedeckten Hau.

Hier, wo Beilschlag und Sägekreischen den Wald lichtete, liegt einsam und verlassen die Farm. Ein wagelustiger Mann ists, der hier sein Anwesen gründete, furchtlos den Kampf mit der Wildnis und ihren Schrecken aufnahm. Buntes Vieh an der Moorwiese, ein Pferd weidet am Ufer.

Abendglühen. Zwitschernd und schwatzend ziehen die Seidenschwänze dem Walde zu, und der Rabe krächzt von dürrastiger Föhre. Der Ziemer im Dickicht zetert und zankt, und der Häher zieht den Kopf hervor unter schützendem Flügel, denn er hörte leisen Tritt, behutsames Tappen. Und wild und gehässig kreischt und schimpft er, denn zottige dunkle Masse streifte Strauch und Astwerk unten am Hange. Aus Dickicht und Busch stürzt plumpe, zottige Gestalt. Und das Vieh brüllt und rast über die Blänke. Dumpfe Schläge, als dröhne schwerer Stock auf weiches Erdreich, als schlüge gewichtiger Faulstamm ins Moor. Und schmatzend hält der Bär sein Mahl, die Knochen krachen unter malmendem Fang.

Stinkendes Luder am Hau. Der Rabe krächzt über den Wipfeln und rauscht zum Fraß. Verzweifelt ringt der Farmer die Hände. Und er ballt die Faust und schüttelt sie haßbebend gegen den Busch. Still liegt die Taiga, die schweigende, geheimnisvolle Sphinx, sie raschelt und raunt ...

Was suchst du, Mensch, in finsterer Wildnis? Weshalb drangst du ein in Nordlands gespenstige Berge? – Es rächen sich die Geister der Klüfte, wenn deine Spur den Boden entheiligte. Kampf ist dein Leben, wagehalsiger Eindringling – und siegst du, so zeichnet Vernichtung deine Spur, Tod und Verderben und Mord ...

Und wieder wards Schattenzeit, und wieder kreischte der Häher am Hang, denn der Bär tappte hervor aus finsterem Busch und hielt mit Schmatzen sein ekles Mahl. Lautlos huscht der Kauz über die Blänke und greint; gelb blitzen die Lichter des Blockhäuschens ...

Der Farmer fährt aus erstem Schlummer – denn wüster Lärm, heiseres Brüllen schreckt ihn auf. Und klopfenden Herzens lauscht er hinaus in die Nacht. Klar und hell steht der Mond auf dem Himmel, silbern glänzen die Wipfel der Taiga. Krach – krach! Schmetternde Schläge, gellendes Klagen und Kreischen der Eulen. Und wieder dumpfes Murren und Brummen und heiseres Brüllen.

Und als der Rabe des Morgens von der Föhre krächzt, schleicht der Farmer zum Busch. Gepflügt der Boden, zerwühlt das Moos, und breite Schweißfährte darüber hin. Splitter und Fetzen hängen von Rinde und Stamm, wo wuchtiger Schlag getroffen. Und rot besudelt liegt das tückische Eisen am Steinblock, mit zerbogenen Bügeln und zerstörtem Gelenk. Einen derben Fluch tut der Mann. Und dann klaubt er die Reste des zerschlagenen Eisens aus dem Moos. –

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