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Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt

Verschiedene Autoren: Halali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleHalali! Die schönsten Jagdgeschichten der Welt
publisherGeorg Müller
editorRolf Bongs
year1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141107
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Kassian aus Krassiwa Metsch

Von Iwan Turgenjew.

Ich kehrte in einer Telega, die stark rüttelte, von der Jagd zurück, und ermattet von der Schwüle und Glut eines bewölkten Sommertages schlummerte ich ein wenig ein (die Hitze ist dann bekanntlich zuweilen noch unerträglicher als an hellen Tagen, zumal wenn kein Lüftchen sich regt). Mit düsterer Resignation ertrug ich die Stöße der Telega und gab mich dem feinen, weißen, ätzenden Staube preis, der auf dem ausgefahrenen Wege unaufhörlich von den ausgetrockneten Rädern aufgewirbelt wurde. Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit durch die ungewöhnliche Unruhe und die aufgeregten Bewegungen meines Kutschers geweckt, der bis dahin noch fester geschlafen hatte als ich selbst. Er zog die Zügel an, rutschte auf dem Kutscherbock hin und her und schrie die Pferde an, indem er jeden Augenblick nach der einen Seite hin schaute. Ich sah mich um.

Wir fuhren durch eine weite Ebene; Ackerland, niedere, gleichfalls beackerte Hügel fielen in weiten Stufen und Wellen zu ihr ab, höchstens fünf Werst der Öde konnte man übersehen; die fast gerade Linie des Horizonts wurde in der Ferne fast durch nichts als die rundlichen und gezackten Wipfel kleiner Birkenwäldchen unterbrochen. Schmale Fußpfade zogen sich durch die Felder, verloren sich in den Vertiefungen und wanden sich die Hügel hinauf. Auf einem der Pfade, die unseren Fahrweg in einer Entfernung von etwa fünfhundert Schritt kreuzen mußten, sah ich einen Zug herankommen. Der Zug hatte die Aufmerksamkeit meines Kutschers erregt.

Es war ein Leichenzug. Voran fuhr der Geistliche im Schritte in einer Telega, die mit einem einzigen Pferde bespannt war; der Küster saß neben ihm und hielt die Zügel; hinter der Telega her trugen vier Bauern mit entblößten Köpfen einen Sarg; er war mit einem weißen Leinentuche bedeckt. Zwei Weiber gingen hinter dem Sarge her. Die dünne, klagende Stimme der einen erreichte plötzlich mein Ohr, ich lauschte ... sie sagte mit singender Stimme Klagelieder her. Die einförmige, schleppende Weise des hoffnungslos-klagenden Gesanges klang traurig über die Felder hin.

Mein Kutscher trieb die Pferde an: er wollte dem Zuge zuvorkommen; denn, einem Toten auf dem Wege zu begegnen, ist ein schlimmes Zeichen. Es gelang ihm auch wirklich, über den Weg zu jagen, ehe der Leichenzug ihn erreichte, aber wir waren noch nicht hundert Schritt weiter gekommen, als unsere Telega plötzlich einen heftigen Stoß bekam; sie krachte und wäre beinahe umgestürzt. Der Kutscher brachte die Pferde, die noch immer vorwärts gingen, zum Stehen, holte mit der Hand aus und spie aus.

»Was gibt es?« fragte ich.

Der Kutscher stieg schweigend und langsam ab.

»Was gibt es denn?«

»Die Achse ist gebrochen ... sie ist durchgebrannt«, antwortete er finster und brachte mit solchem Unwillen den Rückenriemen des Seitenpferdes in Ordnung, daß es fast auf die Seite gerissen wurde; es blieb indessen auf den Füßen, schnaubte, schüttelte sich am ganzen Leibe und fing ruhig an, sich mit den Zähnen das eine Vorderbein unter dem Knie zu kratzen.

Ich stieg ab und stand eine Weile auf dem Wege mit dem unangenehmen Gefühle, nicht zu wissen, was nun geschehen solle. Das rechte Rad war fast ganz unter die Telega gerutscht, und schien seine Nabe mit stummer Verzweiflung in die Höhe zu strecken.

»Was fangen wir nun an?« fragte ich endlich.

»Der da hat uns Unglück gebracht!« sagte mein Kutscher, mit der Peitsche auf den Leichenzug weisend, der schon auf dem Hauptweg war und sich uns näherte. »Das habe ich immer bemerkt,« fuhr er fort, »das ist ein ganz sicheres Unglückszeichen, wenn man einer Leiche begegnet ... Ja.«

Er fing wieder an, das Seitenpferd zu peinigen, das seine üble Laune und Härte merkte und sich entschloß, unbeweglich stehen zu bleiben; nur zuweilen wackelte es mit dem Schweif. Ich ging um die Telega herum und blieb wieder vor dem Rade stehen.

Unterdessen hatte der Leichenzug uns eingeholt. Vorsichtig vom Wege ab und in das Gras einbiegend, zog der Trauerzug an uns vorüber. Der Kutscher und ich entblößten unsere Häupter, begrüßten den Geistlichen und sahen uns die Träger an. Sie kamen mit Mühe vorwärts; sie atmeten schwer mit ihrer breiten Brust. Von den beiden Weibern, die dem Sarge folgten, war die eine sehr alt und bleich; ihre unbeweglichen, von Gram entstellten Züge trugen den Ausdruck strenger, feierlicher Würde; sie ging schweigend einher und führte nur zuweilen ihre dürre Hand an die dünnen eingesunkenen Lippen. Das andere Weib, eine junge Frau, von höchstens fünfundzwanzig Jahren, hatte gerötete und feuchte Augen, und ihr ganzes Gesicht war von dem heftigen Weinen geschwollen; als sie an uns vorüber kam, unterbrach sie ihre Klagelieder und bedeckte das Gesicht mit ihrem Ärmel ...

Jetzt war der Zug vorüber; sie lenkten mit der Leiche wieder auf den Weg ein, und die Frau begann ihren klagenden, herzzerreißenden Trauergesang von neuem. Nachdem mein Kutscher eine Zeitlang dem langsam dahinschwankenden Zuge mit den Augen gefolgt war, sagte er zu mir:

»Das ist Martin, der Zimmermann, den sie begraben – aus Riäba.«

»Woher weißt du denn das!«

»Ich sehe es an den Weibern. Die Alte da, das ist seine Mutter und die Junge – seine Frau.«

»War er denn krank!«

»Ja, er hatte das Fieber ... Vorgestern schickte der Verwalter nach dem Arzte, sie fanden ihn aber nicht zu Haus! Er schlug wohl gerne einmal über die Schnur, aber er war ein guter Zimmermann. Seht, wie seine Frau sich abhärmt ... Freilich ... Weibertränen sind wohlfeil ... Weibertränen sind alle das nämliche Wasser ... Ja.«

Er bückte sich, kroch unter dem Zügel des Handpferdes durch, in die Mitte, und ergriff mit beiden Händen das Krummholz.

»Aber«, bemerkte ich, »was sollen wir denn nun anfangen?«

Mein Kutscher stemmte das Knie gegen die Schulter des Gabelpferdes, rüttelte ein paarmal an dem Krummholz, schob das Rückenkissen zurecht und kroch dann wieder unter dem Zügel des Seitenpferdes hervor, dem er im Vorübergehen einen Stoß gegen die Nüstern gab, trat dann an das Rad – dicht an das Rad heran und holte, ohne es aus dem Auge zu lassen, unter dem Schoße seines Kaftans ein Döschen aus Birkenrinde hervor. Er zog den Deckel an dem kleinen Riemen langsam heraus, steckte zwei seiner dicken Finger langsam in das Döschen (sie hatten kaum Platz darin) und knetete und drehte den Tabak. Seine Nase hatte er schon im voraus ganz krumm gezogen, er schnupfte langsam, indem er jede Prise mit einem langen Atemzug einzog, und versank dann, krampfhaft mit den tränenden Augen blinzelnd und zwinkernd, in tiefes Nachdenken.

»Nun!« sagte ich endlich.

Der Kutscher steckte sein Döschen vorsichtig in die Tasche, rückte seinen Hut, ohne seine Hände zu Hilfe zu nehmen, nur durch eine Bewegung seines Kopfes, tief ins Gesicht und kroch gedankenvoll auf den Kutschbock.

»Wohin?« fragte ich ihn erstaunt.

»Belieben Sie, sich hinzusetzen«, antwortete er ruhig und nahm die Leine in die Hand.

»Wie können wir denn fahren?«

»Es wird schon gehen.«

»Aber die Achse?«

»Setzen Sie sich nur hinein.«

»Die Achse ist ja aber zerbrochen ...«

»Zerbrochen ist sie freilich; aber bis zum nächsten Weiler schleppen wir uns wohl hin ... das heißt im Schritt. Hier rechts gleich hinter dem Walde ist ein Weiler, er heißt Judino.«

»Und du glaubst, wir können ihn erreichen?«

Mein Kutscher würdigte mich keiner Antwort.

»Ich will lieber zu Fuß gehen«, sagte ich.

»Wie es Ihnen gefällig ist ...«

Er schwang seine Peitsche und die Pferde setzten sich in Bewegung. Wir erreichten das Dörfchen wirklich, obgleich das rechte Vorderrad kaum hielt und sich sehr merkwürdig drehte. Auf einem Hügel flog es beinahe ab; aber mein Kutscher schrie es zornig an, – und wir kamen glücklich unten an.

Das Dörfchen Judino bestand aus sechs niedrigen, kleinen Hütten, die sich bereits auf die Seite geneigt hatten, obgleich sie erst vor kurzer Zeit erbaut waren; nicht alle Höfe waren mit Zäunen umgeben. Als wir ins Dorf einfuhren, begegneten wir nicht einem einzigen lebenden Wesen; nicht einmal Hühner waren auf der Straße zu sehen; nur ein schwarzer Hund mit einem kurzen Schwanze sprang bei unserer Annäherung aus einem vollkommen ausgetrockneten Wassertroge hervor, in den ihn wohl der Durst getrieben hatte, und zog sich ohne Gebell unter den Torweg zurück.

Ich trat an die erste Hütte heran, öffnete die Flurtür und rief nach den Wirtsleuten. – Niemand antwortete mir. Ich rief noch einmal: ein hungriges Miauen tönte hinter der anderen Tür hervor. Ich stieß sie mit dem Fuße auf: eine magere Katze schoß an mir vorüber; ihre grünen Augen leuchteten im Dunkeln. Ich steckte den Kopf ins Zimmer und sah hinein: es war dunkel, rauchig und leer. Ich begab mich also auf den Hof: auch hier war niemand. In einem Verschlage blökte ein Kalb! eine lahme, graue Ente watschelte zur Seite. Ich trat in die zweite Hütte: auch dort keine Seele; so ging ich wieder auf den Hof ...

Ganz in der Mitte des Hofes, der hell beschienen war, in der allerärgsten Glut, lag, wie es mir schien, ein Knabe, mit dem Gesichte auf der Erde und den Kopf mit seinem Kittel bedeckt. Einige Schritte von ihm, neben einem schlechten Wägelchen, stand unter einem überhängenden Strohdache ein mageres Pferdchen mit abgenutztem Geschirr. Der Sonnenschein, der in einzelnen Strahlen durch die engen Ritzen des baufälligen Verschlages fiel, zeichnete bunte, helle Flecke auf das zottige, rotscheckige Haar des Pferdchens. In einem Neste, das eine hohe Stange trug, schwatzten ein paar Stare und schauten mit einer gewissen, ruhigen Neugierde aus ihrer luftigen Wohnung auf mich herab. Ich trat zu dem Schlafenden und begann ihn zu wecken.

Er hob den Kopf, gewahrte mich und sprang sogleich auf die Füße.

»Was? Was ist? Was wollen Sie?« murmelte er, verschlafen wie er war.

Ich konnte ihm nicht gleich antworten, so sehr war ich durch seine äußere Erscheinung überrascht. Stellen Sie sich einen Zwerg von etwa fünfzig Jahren vor. Er hat ein kleines, braunes, eingeschrumpftes Gesicht, eine spitze Nase, braune, kaum bemerkbare Augen und dickes, krauses, schwarzes Haar, das ihm breit, wie das Hütchen auf dem Pilze, auf dem winzigen Kopfe saß. Sein ganzer Körper war sehr kümmerlich und hager; unmöglich ist es, mit Worten zu beschreiben, wie seltsam und ungewöhnlich sein Blick war.

»Was brauchen Sie?« fragte er mich noch einmal.

Ich erklärte ihm, um was es sich handelte, er hörte mich an, ohne seine langsam blinzelnden Augen von mir abzuwenden.

»Könnten wir also nicht eine neue Achse erhalten?« schloß ich, »ich will sie gerne bezahlen.«

»Aber, wer sind Sie? Ein Jäger? Wie?« fragte er mich vom Kopfe bis zu den Füßen musternd.

»Ja, ich bin ein Jäger.«

»Ihr schießt also die Vögel des Waldes tot und die Tiere des Waldes! ... Ist es nicht eine Sünde, die lieben Gottesvögel zu töten und unschuldiges Blut zu vergießen?«

Der seltsame Alte sprach sehr gedehnt. Selbst der Klang seiner Stimme war höchst sonderbar; sie war äußerst lieblich, jugendlich und sogar weiblich-zart.

»Eine Achse habe ich nicht,« sagte er nach kurzem Schweigen, »diese da taugt nichts,« setzte er, auf sein Wägelchen weisend, hinzu, »Sie haben wohl eine große Telega!«

»Aber kann man im Dorfe denn nicht eine bekommen.«

»Was ist das für ein Dorf! ... Hier hat niemand eine Achse ... Es ist auch niemand zu Hause: sie sind alle auf der Arbeit. Gehen Sie fort!« setzte er hinzu und legte sich wieder auf die Erde nieder.

Ich hatte diesen Ausgang durchaus nicht erwartet.

»Höre, Alter,« sagte ich, seine Schulter berührend, »tue mir den Gefallen und schaffe Rat.«

»Gehen Sie mit Gott! Ich bin müde, war in der Stadt,« sagte er und zog sich den Kittel über den Kopf.

»Sei so gut und tu mir den Gefallen!« fuhr ich fort, »ich ... ich werde es bezahlen.«

»Ich brauche Ihr Geld nicht.«

»Ich bitte dich, Alter ...«

Er richtete sich zur Hälfte auf, setzte sich und kreuzte die dünnen Beinchen übereinander.

»Ich will dich meinetwegen in die Lichtung führen – da haben Kaufleute unseren Wald aufgekauft. Gott mag sie richten – da schlagen sie unseren Wald nieder und da haben sie ein Kontor gebaut; Gott mag sie richten! Dort solltest du eine Achse bestellen oder eine fertige kaufen.«

»Vortrefflich!« rief ich freudig aus. »Vortrefflich! ... So komm! ...«

»Eine eichene, gute Achse,« fuhr er fort, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

»Ist es weit bis zur Lichtung?«

»Drei Werst.«

»Na, ... da könnten wir ja auf deinem Wägelchen hinfahren.«

»Nein, das geht nicht ...«

»Nun, so komm!« sagte ich, »komm, Alter! mein Kutscher wartet auf der Straße.«

Der Alte erhob sich widerwillig und trat mit mir auf die Straße hinaus. Mein Kutscher befand sich in einer sehr schlimmen Laune; er hatte die Pferde tränken wollen, es fand sich ein Brunnen, aber darin war wenig Wasser, und dies von so schlechtem Geschmack; und gutes Wasser, wie die Kutscher sagen, ist die Hauptsache ... Beim Anblicke des Alten fing er indessen an zu lächeln, nickte mit dem Kopfe und sagte:

»Ach, Kassianuschka! wie geht es?«

»Wie geht es, Jerofei? Du Gerechter?« antwortete Kassian mit klagender Stimme.

Ich teilte dem Kutscher sogleich den Plan mit; Jerofei erklärte sich damit einverstanden und fuhr auf den Hof. Während er seine Pferde geschäftig ausspannte, stand der Alte mit der Schulter an die Pforte gelehnt und guckte mißmutig bald ihn, bald mich an. Er schien verdutzt, und ich glaubte zu bemerken, daß ihm unser unerwartetes Erscheinen nicht eben angenehm war.

»Hat man denn auch dich hierher übersiedelt?« fragte ihn Jerofei, das Krummholz abnehmend.

»Auch mich.«

»Aha!« murmelte der Kutscher zwischen den Zähnen. »Und Martin, der Zimmermann! ... Du kennst ja doch Martin? den Riäbaschen Martin?«

»Ja, ich kenne ihn.«

»Er ist gestorben. Wir haben eben seinen Leichenzug gesehen.«

Kassian zuckte mit dem ganzen Leibe.

»Gestorben?« sagte er und senkte den Kopf.

»Ja, gestorben. Warum hast du ihn nicht gesund gemacht? Du kurierst ja auch, wie man sagt: du bist ja so eine Art Doktor!«

Mein Kutscher machte sich offenbar lustig über den Alten und verspottete ihn.

»Ist denn das deine Telega?« fügte er hinzu, indem er mit der Schulter auf sie hinwies.

»Ja, meine.«

»Nun, das ist mir auch eine Telega,« sagte er, dabei ergriff er sie bei der Gabeldeichsel und hätte sie beinahe umgestürzt. »Eine schöne Telega! Worauf willst du uns denn in die Lichtung fahren? In diese Gabel spannst du unser Pferd nicht ein – unsere Pferde sind groß – und was ist das für ein Wägelchen!«

»Dann weiß ich nicht, worauf Sie fahren sollen, wenn Sie nicht etwa mit jenem Tierchen fahren wollen«, setzte er mit einem Seufzer hinzu.

»Mit diesem da?« fiel Jerofei ein, er trat an Kassians Mähre heran und stieß sie mit dem dritten Finger der rechten Hand verächtlich in den Hals. »Sieh einmal,« fügte er vorwurfsvoll hinzu, »der Racker ist eingeschlafen!«

Ich bat Jerofei, das Pferdchen schleunigst einzuspannen. Ich hatte wirklich Lust, selbst mit Kassian in die Lichtung zu fahren, weil sich dort oft Birkhähne aufhielten. Als das Wägelchen bereit war und ich mich, so gut es ging, mit meinem Hunde auf dem höckrigen Boden von Birkenrinde gesetzt hatte, und auch Kassian auf dem Brettchen vorn Platz gefunden, wie ein Knäul hatte er sich zusammengekauert, und sein Gesicht zeigte denselben schwermütigen Ausdruck, trat Jerofei zu mir und flüsterte mir geheimnisvoll zu:

»Sie haben wohlgetan, Väterchen, daß Sie mit ihm fahren. Der ist ja so ... er ist gestört ... sie haben ihm auch den Zunamen Blocha Blocha – auf russisch: Floh. gegeben. Ich begreife nicht, wie Sie sich nur mit ihm verständigen konnten ...«

Ich wollte Jerofei soeben bemerken, daß mir Kassian bis jetzt sehr vernünftig vorgekommen sei, aber mein Kutscher fuhr sogleich in demselben Tone fort.

»Sehen Sie nur zu, daß er Sie an den richtigen Ort führt und wählen Sie die Achse selbst; nehmen Sie nur eine recht solide ... Nun, Blocha,« setzte er laut hinzu, »hast du wohl Brot im Hause?«

»Such, vielleicht findest du etwas,« antwortete Kassian, zog die Zügel an und wir fuhren ab.

Sein Pferdchen lief, zu meinem nicht geringen Erstaunen, recht gut.

Während der ganzen Fahrt behielt Kassian ein hartnäckiges Schweigen bei, und beantwortete meine Fragen stockend und widerwillig. Wir gelangten bald in die Lichtung und suchten dort das Kontor auf, eine hochgelegene Hütte, die einsam an einer kleinen Schlucht stand, die vorläufig abgedämmt und so in einen Teich verwandelt war. Ich fand in dem Kontor zwei junge Gehilfen. Sie hatten schneeweiße Zähne, freundliche Augen, eine süße, gewandte Rede und ein schelmisches Lächeln; ich handelte ihnen eine Achse ab und ging zur Lichtung zurück. Ich hatte geglaubt, daß Kassian bei dem Pferde geblieben sein und mich dort erwartet haben würde, allein er folgte mir.

»Jetzt gehst du wohl, um die Vögelchen totzuschießen? he?« fing er an.

»Ja, wenn ich welche finde.«

»Ich will mit dir gehen ... darf ich?«

»Freilich; freilich!«

Wir gingen. Der Wald war etwa im Umkreise einer Werst umgehauen. Ich gestehe, daß ich Kassian mehr Aufmerksamkeit schenkte, als meinem Hunde. Er hatte nicht umsonst den Spitznamen »Blocha« erhalten. Sein schwarzer, unbedeckter Kopf, sein Haar konnte ihm übrigens jede Mütze ersetzen, verschwand im Gebüsch, um bald in einiger Entfernung wieder aufzutauchen. Er ging ungewöhnlich schnell und pflegte dabei zu hüpfen, und bückte sich fortwährend, um allerhand Kräuter zu pflücken; die steckte er dann in den Hemdenlatz; er murmelte beständig vor sich hin; dabei schaute er bald auf mich und bald auf meinen Hund, und das tat er mit einem sehr seltsamen, mißtrauischen Blick.

In niedrigem Gesträuche und an seichten Stellen halten sich oft gewisse kleine graue Vögelchen auf, die unaufhörlich von einem Bäumchen auf das andere flattern, pfeifen, und im Fluge auf und nieder tauchen; – Kassian neckte sie, indem er ihre Laute nachahmte; eine junge Wachtel flog piepend unter seinen Füßen auf, er piepte ihr nach; eine Lerche ließ sich, mit den Flügeln zitternd und ihr Lied schmetternd, über seinem Kopfe herab – Kassian stimmte in ihren Gesang mit ein. Mit mir sprach er kein Wort.

Das Wetter war herrlich, noch schöner als vorher; aber die Hitze legte sich noch immer nicht. Hoch zogen an dem klaren Himmel hie und da kleine Wölkchen dahin; sie waren weißlichgelb wie Frühlings-Schnee, flach und länglich, wie flatternde Segel. Flaumig und leicht wie Baumwolle, hatten sie zackige Ränder und veränderten sich in jedem Augenblicke langsam aber sichtbar; sie lösten sich auf, und sie warfen keine Schatten, diese Wölkchen.

Lange streiften Kassian und ich durch die Lichtungen. Junge Sprößlinge, die noch nicht eine Elle hoch waren, legten sich um die schwarzgewordenen niedrigen Stämme mit ihren dünnen, glatten Ruten; runde schwammige Auswüchse mit grauen Rändern, von der Art wie man sie zu Feuerschwamm benutzt, klebten an diesen Baumstümpfen, und Pilze drängten sich in Haufen um sie herum. Erdbeerenpflänzchen sandten ihre rötlichen Schößlinge aus.

Unsere Füße verwickelten sich unaufhörlich in dem langen Grase, das unter den Strahlen der brennenden Sonne verdorrt war. Überall stach einem das scharfe, metallische Glitzern der rötlichen jungen Blätter an den Bäumen ins Auge. Der Boden war mit Blumen wie besät. Überall schauten die dunkelblauen Dolden der Ackerwicke, die goldenen Kelche des Hahnenfußes, die halb violetten und halb gelben Blüten der Stiefmütterchen hervor; hie und da lag neben verlassenen Wegen, auf denen die Räderspuren sich durch Streifen eines feinen, rötlichen Grases abzeichneten, gefälltes und aufgestapeltes Holz, es war von Wind und Wetter dunkelgrau geworden; die Klafter warfen schwache Schatten in Gestalt verschobener Vierecke – anderen Schatten gab es nirgends.

Ein leichter Wind erhob sich wohl und legte sich dann wieder: er hauchte mir plötzlich wie spielend über das Gesicht, – rundherum fing alles an lustig zu rauschen, zu nicken und sich zu bewegen, die biegsamen Fächer der Farrenkräuter schwankten zierlich; kaum erfreut man sich aber an dem kleinen Lüftchen, als es auch schon wieder erstirbt, und alles still wird wie zuvor. Nur die Grashüpfer zirpen im Chore mit einer Art von Wut – und diese scharfen ununterbrochenen, einförmigen Töne sind ermüdend. Sie passen zu dem heißen Sonnenbrande der Mittagsstunde; es ist, als hätte diese sie hervorgerufen und der durchglühten Erde entlockt.

Ohne auf eine Kette gestoßen zu sein, kamen wir endlich bei neuen Lichtungen an. Dort lagen Espen traurig am Boden, die unlängst gefällt waren, und erdrückten durch ihr Gewicht das junge Gras und das niedere Gesträuch; auf einigen der Baumstämme waren die Blätter zwar noch grün, aber schon abgestorben und hingen welk an den unbeweglichen Zweigen; an anderen waren sie schon ganz verdorrt und zusammengeschrumpft. Von den frischen goldigweißen Spänen, welche haufenweise um Baumstümpfe herumlagen, die noch vom Safte feucht waren, wehte ein ganz besonderer, äußerst angenehmer, bitterer Duft herüber. In der Ferne, aus dem Walde her, ertönten dumpfe Schläge, und von Zeit zu Zeit senkte sich still und feierlich, als verneigte er sich tief mit ausgebreiteten Armen, ein dichtbelaubter Baum.

Lange stieß ich auf kein Wild; endlich flog aus einem Eichengebüsch, das ganz mit Wermut durchwuchert war, eine Wachtel auf. Ich drückte los; sie überschlug sich in der Luft und fiel herab. Als Kassian den Schuß hörte, bedeckte er die Augen schnell mit der Hand und regte sich nicht, bis ich meine Flinte wieder geladen und die Wachtel aufgehoben hatte. Als ich weitergehen wollte, schritt er auf den Fleck zu, auf den der erschossene Vogel gefallen war, bückte sich zu dem Grase herab, auf dem einige Tropfen Blut sichtbar waren, schüttelte den Kopf und sah mich ängstlich an ... Dann hörte ich, wie er vor sich hinmurmelte: »Sünde! ... Ach, das ist Sünde!«

Die Hitze nötigte uns endlich, in den Wald hineinzugehen. Ich warf mich unter ein hohes Nußgesträuch nieder, über das ein junger, schlanker Ahorn zierlich seine zarten Äste breitete. Kassian setzte sich auf das dicke Ende einer gefällten Birke. Ich betrachtete ihn. Die Blätter wiegten sich leicht in der Höhe, und ihre flüchtigen Schatten glitten über seinen mageren Körper, der ärmlich in einen dunkeln Kittel gehüllt war, und über sein kleines Gesichtchen hin und her. Mit seinem Schweigen unzufrieden, legte ich mich auf den Rücken und sah dem leichten Spiele des Laubes zu, das hin und her geweht wurde und sich vom Grunde des hellen Himmels abhob.

Welch angenehme Beschäftigung, im Walde auf dem Rücken zu liegen und emporzuschauen! Es ist, als schautet ihr in ein bodenloses Meer, das sich weit über euch ausbreitet, als ob die Bäume sich nicht von der Erde erhöben, sondern vielmehr wie die Wurzeln riesiger Pflanzen herabfielen und sich senkrecht in die kristallhellen Wogen senkten; die Blätter der Bäume schimmern bald durchsichtig wie Smaragd, und bald verdichten sie sich, daß es wie samtartiges, fast schwarzes Grün erscheint. An einer Stelle, weit, weit am äußersten Ende eines dünnen Zweigleins steht ein einzelnes Blättchen unbeweglich auf einem blauen Flecke des durchsichtigen Himmels, und neben demselben wiegt sich ein anderes, das durch seine Bewegung an das Spiel der Fischflossen erinnert, denn sie erscheint selbständig und nicht durch den Wind hervorgebracht.

Zauberhaften Inseln unter dem Wasser vergleichbar, schwimmen runde, weiße Wölkchen leicht heran und ziehen vorüber ... und auf einmal bewegt sich dieses ganze Meer, diese leuchtende Luft; all diese in Purpur getauchten Zweige und Blätter fangen an, sich zu regen und in flüchtigem Glanze zu erzittern; es erhebt sich ein frisches, lebendiges Rauschen, es gleicht dem Plätschern der Wellen, die unermüdlich auf dem Sand des Strandes branden.

Und ihr liegt regungslos und schaut – und es ist unmöglich, mit Worten zu beschreiben, wie süß und still es euch ums Herz wird. Ihr schaut – und dieses tiefe, reine Azurblau lockt euch ein Lächeln auf die Lippen, so unschuldig wie das Blau selbst, wie die Wolkenflocken am Himmel, und mit ihnen ziehen euch langsam glückliche Erinnerungen in langer Reihe durch den Sinn, und es ist euch, als wenn euer Blick immer tiefer und tiefer hineindränge und euch selbst nachzöge in jenen stillen, leuchtenden Raum; es scheint unmöglich, sich von dieser Höhe, dieser Tiefe loszureißen ...

»Herr! hören Sie, Herr!« sagte Kassian plötzlich mit seiner wohltönenden Stimme.

Ich erhob mich verwundert; bisher hatte er mir auf meine Fragen kaum eine Antwort gegeben, und jetzt redete er mich selbst an.

»Was willst du?« sagte ich.

»Warum hast du denn eigentlich das Vögelchen getötet?« hub er an, mir gerade ins Gesicht sehend.

»Wieso, warum? ... Eine Wachtel ist – Wild: man ißt sie.«

»Nicht deshalb hast du sie getötet, Herr! ... Du hast sie zum Vergnügen getötet.«

»Du selbst aber issest ja Hühner und Gänse zum Beispiel!«

»Diese Vögel sind von Gott für den Menschen bestimmt; aber eine Wachtel – ist ein freier Waldvogel. Und sie nicht allein; da gehören viele dazu, da gibt es allerlei Geschöpfe im Walde, auf dem Felde, im Flusse, auf den Sümpfen und Wiesen, Tiere in der Höhe und in der Tiefe, und es ist Sünde, sie zu töten; mögen sie doch leben auf der Erde bis zu dem Ziele, das ihnen gesteckt ist ... Aber dem Menschen ist andere Nahrung bestimmt, die schöne Gottesgabe, das Brot vom Korn, die Wasser des Himmels und die Haustiere, – schon von den Erzvätern her.«

Ich sah Kassian verwundert an: seine Rede hatte einen freien Fluß. Er suchte nicht nach Worten; er sprach mit stiller Begeisterung und bescheidener Würde und schloß dabei zuweilen die Augen.

»Deiner Ansicht nach ist es also auch sündhaft, einen Fisch zu töten?« sagte ich.

»Die Fische haben kaltes Blut,« sprach er mit Überzeugung, »der Fisch ist ein stummes Tier. Er kennt keine Furcht und keine Freude: er ist ein bewußtloses Wesen. Der Fisch fühlt nicht, er hat kein lebendiges Blut ... Das Blut,« fuhr er nach langem Schweigen fort, »es sieht die liebe Gottessonne nicht, es ist etwas Heiliges und verbirgt sich vor dem Lichte ... es ist also eine große Sünde, Blut an das Tageslicht zu bringen ... ja, eine große Sünde! eine schreckliche Sache!«

Er seufzte und senkte den Kopf. Ich gestehe, daß ich den seltsamen Alten mit dem größten Erstaunen betrachtete. Seine Rede klang gar nicht wie die Rede eines Bauern: so spricht das gemeine Volk nicht, und auch ihre Schönsprecher reden nicht so. Die so überlegte, feierliche, seltsame Sprache voller Überlegung – ich hatte niemals Ähnliches gehört.

»Sage mir doch, Kassian,« fing ich an, ohne mein Auge von seinem Gesicht abzuwenden, das von einer leichten Röte überflogen war, »was treibst du eigentlich für ein Gewerbe?«

Er antwortete nicht gleich auf meine Frage. Sein Blick schweifte einen Augenblick unstet umher.

»Ich lebe, wie Gott der Herr es befiehlt,« sprach er endlich, »aber – ich treibe kein Gewerbe. Ich bin von Kindheit an schon so einfältig; ich arbeite, so lange die Kräfte reichen, – bin aber ein schlechter Arbeiter ... Wie sollte ich! Es fehlt mir die Gesundheit und meine Hände sind ungeschickt. Im Frühling fange ich Nachtigallen ein.«

»Du fängst Nachtigallen? ... Aber du hast mir ja gesagt, daß man sich weder an Tieren des Waldes, noch des Feldes, noch an irgendwelchen anderen Tieren vergreifen soll.«

»Töten darf man sie nicht, das ist wahr; der Tod nimmt ohne uns schon das Seinige. Nehmen wir z. B. Martin, den Zimmermann: es lebte Martin, der Zimmermann, und lebte nicht lange und starb; seine Frau härmt sich jetzt um den Mann und die kleinen Kinder ab ... gegen den Tod richtet weder Mensch noch Tier mit List etwas aus. Der Tod läuft nicht, aber man entflieht ihm nicht ... aber zu Hilfe kommen soll man ihm nicht ... Ich töte die Nachtigallen nicht – Gott soll mich davor bewahren! Ich fange sie nicht, um sie zu quälen oder zu ihrem Verderben, sondern dem Menschen zum Troste und zur Freude.«

»Du gehst wohl nach Kursk auf den Nachtigallenfang?«

»Ich gehe nach Kursk und weiter noch, je nachdem. Ich übernachte in Sümpfen und Wäldern, oder einsam auf Feldern und in Einöden: da schwirren die Schnepfen, da schreien die Hasen, da schnattern die wilden Enten. Am Abend spüre ich sie auf, am Morgen belausche ich sie, mit Morgengrauen stelle ich meine Netze im Gebüsch auf ... da singt wohl einmal eine Nachtigall so klagend, so süßklagend, daß es fast Schmerzen macht!«

»Und du verkaufst sie dann?«

»Ich gebe sie an gute Leute ab.«

»Was treibst du denn noch?«

»Wie, was ich treibe?«

»Womit beschäftigst du dich?«

Der Alte schwieg.

»Ich beschäftige mich eigentlich mit nichts ... Ich bin ein schlechter Arbeiter. Ich verstehe indessen zu lesen und zu schreiben.«

»Du kannst lesen und schreiben?«

»Ich kann lesen und schreiben! Gott und gute Menschen haben mir dazu verholfen.«

»Hast du Familie?«

»Nein ... ich stehe allein da.«

»Wieso? ... sind die Deinen tot?«

»Nein, nie in meinem Leben habe ich jenes Glück gehabt. Das liegt alles in Gottes Hand; wir wandeln alle unter Gottes Schutze. Gerecht aber muß der Mensch sein – das heißt Gott wohlgefällig, darauf kommt es an.«

»Hast du auch keine Verwandte?«

»Ich habe ... ja ... so ...«

Der Alte wurde verlegen.

»Sage mir doch, bitte,« fing ich an, »mir ist, als hätte mein Kutscher dich gefragt, warum du den Martin nicht hergestellt hättest? Verstehst du dich denn aufs Kurieren?«

»Dein Kutscher ist ein gerechter Mann,« antwortete Kassian nachdenklich, »aber er ist auch nicht ohne Sünde. Er nennt mich einen Heilkünstler ... Was bin ich für ein Heilkünstler! ... Und wer vermag denn zu heilen? Das liegt alles in Gottes Hand. Aber es gibt ... es gibt Kräuter, es gibt Blumen, die helfen doch. Da ist der Zweizahn zum Beispiel – der tut dem Menschen gut; ebenso der Wegerich – von denen zu sprechen, ist keine Schande: die sind unverdächtig – wahre Gotteskräuter! Mit anderen Kräutern ist es nicht so: sie helfen wohl auch – aber es ist Sünde; und selbst von ihnen zu sprechen ist Sünde ... es sei denn mit Gebet ... dann gibt es auch dergleichen Worte ... und wer glaubt, der wird erlöst werden,« fügte er mit leiserer Stimme hinzu.

»Du hast dem Martin nichts gegeben?« fragte ich.

»Ich erfuhr es zu spät«, antwortete der Alte. »Indessen geschieht jedem, wie es ihm bei seiner Geburt bestimmt ist! Martin, der Zimmermann sollte nicht lange auf dieser Erde leben; seines Bleibens war hier nicht, das ist ausgemacht. Nein, den Menschen, der nicht mehr auf dieser Welt leben soll, den wärmt auch die liebe Sonne nicht wie einen andern, und das Brot tut ihm nicht gut – es ist, als ob es ihn abriefe ... Ja; Frieden seiner Seele!«

»Ist es schon lange her, daß man dich hierher übersiedelt hat?« fragte ich nach kurzem Schweigen.

Kassian fuhr zusammen.

»Nein, nicht lange, erst etwa vier Jahre. Bei dem alten Herrn lebten wir alle auf unserem alten Grund und Boden. Dann hat das Vormundschaftsamt uns hierher übersiedelt. Der alte Herr war eine fromme, vor Gott demütige Seele, – Gott schenke ihm das ewige Himmelreich! Nun, das Vormundschaftsamt wird wohl recht gehandelt haben; es sollte wohl so sein!«

»Wo habt ihr denn früher gelebt?«

»Wir sind von den Ufern des Krassiwa-Metsch.«

»Ist das weit von hier?«

»Wohl hundert Werst!«

»Nun, und war es dort besser?«

»Ja, besser ... besser! Das Land, wo wir daheim sind, ist ebener, wasserreicher, es war unser Nest; hier ist es so eng und so trocken ... hier sind wir Waisen. Wenn man dort bei uns an den Ufern unseres Flusses einen Hügel hinansteigt und hinaufkommt – Herr Gott! Was ist das dann für ein Anblick! – da ist der Fluß, – und Wiesen und Wald; dort eine Kirche und immer noch andere Wiesen. Breit, weithin konnte man sehen. Wahrhaftig, es war eine Freude, wie weit man da sehen konnte! Hier ist nun freilich der Boden besser: Lehmboden, guter Lehmboden mit guter Erde vermischt, sagen die Bauern; aber für mich wird sich ja überall Brot genug finden!«

»Sage mir aufrichtig, Alter, du möchtest wohl gern wieder einmal deine Heimat besuchen!«

»Ja; ich möchte sie wohl wiedersehen; doch ist es überall gut. Ich bin ein alleinstehender, unruhiger Mensch. Übrigens – zu Hause still sitzen, was hat man davon! Wenn man so geht und geht, wird es einem ordentlich leichter ums Herz«, fuhr er mit erhöhter Stimme fort. »Da bescheint einen die liebe Sonne, man ist für Gottes Auge klarer, und es singt sich besser. Auf einmal siehst du, da wächst ein Kräutchen; du bemerkst es und du pflückst es dir. Hier zum Beispiel fließt ein Wässerchen ... Quellwasser! ... heiliges Wasser! Du siehst es und trinkst. Und die Vögelchen unter dem Himmel singen ... Dort, hinter Kursk, fangen dann die Steppen an; ach, diese Steppen! dieses herrliche Steppenland, ein wahrer Gottessegen, und für den Menschen reine Wonne und Freude. Ein Gottessegen! Und die erstrecken sich, wie die Leute sagen, bis an die warmen Meere, wo der süßstimmige Vogel Gamajun lebt und die Blätter weder im Herbst noch im Winter von den Bäumen fallen, und goldene Äpfel an den silbernen Ästen wachsen und jeglicher Mensch in Fülle und in der Furcht des Herrn lebt ... Dahin wäre ich wohl gern gezogen ... Ich bin übrigens schon viel herumgekommen! Bin in Romion gewesen, und in Simbirsk, der berühmten Stadt, und sogar in Moskau mit den goldenen Mohnköpfen Kuppeln.. Ich war an der Oka, der Ernährerin, und an der Zna, dem Täubchen, und an der Mutter-Wolga und habe viele Menschen und gute Christen gesehen und bin in ehrlichen Städten gewesen ... Seht, dahin wäre ich gern gegangen ... soeben ... außerdem ... und nicht ich sündiger Mensch allein ... viele andere gute Christen in Bastschuhen streifen in der Welt umher und suchen die Wahrheit ... ja! Und was hat man denn auch zu Hause? Wie? Es ist keine Gerechtigkeit in dem Menschen, – das ist es eben ...«

Die letzten Worte sprach Kassian äußerst rasch und unverständlich; hierauf setzte er noch etwas hinzu, was ich nicht hören konnte, und sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an, daß mir unwillkürlich wieder das Wort »gestört« in den Sinn kam. Er senkte den Kopf, hüstelte und schien dann wieder zu sich zu kommen.

»Diese liebe Sonne!« sprach er dann halblaut. »Welcher Gottessegen! Wie gut tut das im Walde!«

Er zuckte mit den Schultern, schwieg wieder, blickte zerstreut um sich und fing mit halber Stimme an zu singen. Ich konnte nicht alle Worte seines gedehnten Gesanges verstehen; folgendes hörte ich:

»Und nennen mich Kassian
Und rufen mich ›Floh‹.«

Ach! dachte ich, der dichtet ja! ...

Plötzlich fuhr er auf und verstummte, dabei blickte er unverwandt in das Dickicht des Waldes. Ich sah mich um und gewahrte ein kleines Bauernmädchen von etwa acht Jahren; sie trug einen blauen Sarafan Rock der russischen Bauernfrauen., ein karriertes Tuch um den Kopf und hielt ein aus Baumrinde geflochtenes Körbchen in den sonnverbrannten, bloßen Händchen. Sie hatte offenbar gar nicht erwartet, uns hier zu treffen und war, wie man zu sagen pflegt, auf uns gestoßen; sie blieb auf einem schattigen, kleinen Grasfleck unbeweglich zwischen den grünen Nußsträuchern stehen und sah mich ängstlich mit ihren schwarzen Augen an. Ich hatte kaum Zeit gehabt, sie näher ins Auge zu fassen, als sie auch schon hinter einem Baume verschwand.

»Annuschka! Annuschka! komm her; fürchte dich nicht!« rief der Alte freundlich.

»Ich fürchte mich«, ertönte ein dünnes Stimmchen.

»Fürchte dich doch nicht; fürchte dich nicht. Komm zu mir!«

Annuschka verließ schweigend ihr Versteck, ging langsam um den Baum herum – ihre kindlichen Tritte waren auf dem weichen Rasen kaum hörbar – und trat dicht neben dem alten Manne aus dem Dickicht heraus.

Doch war das Mädchen nicht acht Jahre alt, wie ich anfangs geglaubt hatte, weil sie so klein von Wuchs war, sondern dreizehn oder vierzehn. Ihr Körper war klein und mager, zierlich und gewandt, und ihr hübsches Gesichtchen hatte überraschende Ähnlichkeit mit dem Gesichte Kassians, obgleich der gar nicht hübsch war. Dieselben scharfen Züge, derselbe seltsame Blick, listig und zutraulich, nachdenkend und durchdringend zugleich; dieselben Bewegungen ... Kassian sah sie aufmerksam an; sie hatte ihm die eine Seite zugewendet.

»Hast du Pilze gesammelt?« fragte er.

»Ja, Pilze«, antwortete sie mit schüchternem Lächeln.

»Hast du viele gefunden?«

»Ja.« Sie warf einen flüchtigen Blick auf ihn und lächelte wieder.

»Hast du auch weiße?«

»Auch weiße.«

»Zeige doch mal her, zeige ...« Sie ließ das Körbchen vom Arme herabgleiten und hob das breite Klettenblatt, mit welchem die Pilze bedeckt waren, halb in die Höhe. »Ei!« sagte Kassian, sich über das Körbchen beugend, »und welch prächtige Pilze! Brav, Annuschka!«

»Ist das deine Tochter, Kassian!« fragte ich. Annuschkas Gesicht überflog eine leichte Röte.

»Nein, nur eine Verwandte«, sagte Kassian mit erkünstelter Gleichgültigkeit. »Geh jetzt, Annuschka,« fügte er sogleich hinzu, »geh mit Gott! ... und siehe dich vor ...«

»Warum soll sie denn zu Fuß gehen?« unterbrach ich ihn, »wir können sie ja nach Hause fahren ...«

Annuschka wurde rot wie eine Mohnblume, ergriff mit beiden Händen die Tragschnur ihres Körbchens und sah den Alten unentschlossen an.

»Nein, sie wird zu Fuß gehen«, setzte er mit derselben trägen, gleichgültigen Stimme hinzu. »Wozu denn? – Sie kommt auch so nach Hause ... Geh nur.«

Annuschka verschwand rasch im Walde. Kassian sah ihr nach, schüttelte dann den Kopf und lächelte vor sich hin. In diesem anhaltenden Lächeln, in den wenigen Worten, die er zu Annuschka gesagt, in dem Tone seiner Stimme selbst, wenn er zu ihr sprach, lag unsägliche, leidenschaftliche Liebe und Zärtlichkeit. Er sah noch einmal nach der Seite hin, wo sie verschwunden war, lächelte abermals, sich mit der Hand übers Gesicht fahrend, und schüttelte mehrmals den Kopf.

»Warum hast du sie so eilig fortgeschickt?« fragte ich ihn. »Ich hätte ihr die Pilze abgekauft ...«

»Das können Sie auch zu Hause tun, wenn Sie wollen«, antwortete er mir, zum ersten Male das Wort »Sie« gebrauchend.

»Das ist ein allerliebstes Mädchen, weißt du?«

»Nein ... wie so ...« erwiderte er, gleichsam wider Willen, und von dem Augenblicke an verfiel er in seine frühere Schweigsamkeit.

Als ich sah, daß alle meine Bemühungen, ihn wieder zum Sprechen zu bringen, vergeblich waren, ging ich wieder auf die Lichtungen zu. Zudem hatte auch die Hitze etwas nachgelassen; allein mein Mißgeschick dauerte fort: ich hatte Pech, wie man bei uns sagt, und ich kehrte mit einer einzigen Wachtel und mit meiner neuen Achse nach Judino zurück. Erst als wir an den Hof herangefahren kamen, wandte sich Kassian nach mir um:

»Herr,« begann er, »lieber Herr, ich bekenne mich schuldig vor dir, denn ich bin es gewesen, der dir das Wild verjagte.«

»Wie denn das?«

»Ja, das weiß ich am besten. Sieh, dein Hund ist klug und fein, aber er hat doch nichts dabei tun können. Wenn man so über die Menschen nachdenkt ... Wie? Da ist jetzt ein Tier, und – was hat man aus ihm gemacht?«

Ich hätte mich vergebens bemüht, Kassian von der Unmöglichkeit zu überzeugen, das Wild zu »besprechen« und entgegnete ihm daher nichts. Wir fuhren auch gerade zum Tore hinein.

Annuschka war nicht in der Hütte, aber sie war offenbar schon nach Hause gekommen und hatte ihr Körbchen mit den Pilzen dagelassen. Jerofei paßte die neue Achse an, die er vorher einer strengen Musterung unterworfen und ziemlich niedrig eingeschätzt hatte.

Eine Stunde später fuhr ich ab und ließ Kassian etwas Geld zurück; er wollte es anfangs nicht nehmen, dann aber steckte er es, nachdem er es einige Zeit auf der flachen Hand gehalten und nachdenklich betrachtet hatte, in den Sack. Im Verlaufe dieser Stunde brachte er nicht ein einziges Wort hervor; er stand wie vorhin an die Pforte gelehnt, antwortete nicht auf die Vorwürfe meines Kutschers und nahm kühl von mir Abschied.

Sofort bei meiner Rückkehr hatte ich bemerkt, daß mein Jerofei sich wieder in einer finsteren Gemütsverfassung befand ... Nicht ohne Grund, er hatte in dem ganzen Dörfchen für sich nichts Eßbares gefunden und auch das Trinkwasser für die Pferde war schlecht. Wir fuhren ab. Mit einem Mißvergnügen, das sich sogar in der Haltung seines Nackens aussprach, saß er auf dem Kutschbock und brannte vor Begierde, mit mir zu sprechen; in der Erwartung, daß ich ihn anreden würde, beschränkte er sich indessen auf ein leises Gemurmel und lehrreiche, aber zuweilen sehr beleidigende Reden, die er an seine Pferde richtete.

»Auch ein schönes Dorf?« brummte er. »Das nennt sich ein Dorf, das! Ich verlangte Kwaß – und nicht einmal Kwaß war zu haben ... Herr, du meine Güte! Und das Trinkwasser – pfui!« Hier spuckte er geräuschvoll aus. »Weder Gurken noch Kwaß – gar nichts! Na, und du,« fügte er laut, zu seinem rechten Seitenpferde gewandt, hinzu, »ich kenne dich, du Heuchler! Du tust bloß, als ob du zögest: ich soll wohl schön mit dir tun«, und er teilte einen Schlag mit der Peitsche aus. »Das Pferd ist ganz böswillig geworden und war doch sonst so gehorsam wie ein Schaf ... Nun, nun ... sieh' dich nur um ...«

»Sage mir mal, bitte, Jerofei, was ist das für ein Mensch, der Kassian?«

Jerofei antwortete mir nicht gleich, er war überhaupt ein überlegender und langsamer Mensch; ich bemerkte aber sogleich, daß ihm meine Frage angenehm war und seine schlechte Laune besänftigte.

»Der Blocha?« fing er endlich an, indem er die Zügel anzog. »Ein wunderlicher Mensch, ein vollständiger Narr und Schwärmer! Einen zweiten so wunderlichen Menschen findet man gewiß nicht bald. Er ist ... zum Beispiel ... doch ganz wie Ihr Rotschimmel da ... der windet sich einem auch aus der Hand, drückt sich auch vor der Arbeit. Freilich, was ist der für ein Arbeiter – Seele und Leib halten ihn ja kaum zusammen, – und so, so ist er von Kindesbeinen an. Zuerst ging er mit seinen Onkeln als Fuhrmann fort; er hatte ein Dreigespann. Das hatte er bald satt – und gab es auf. Dann lebte er zu Hause; aber auch da konnte er es nicht aushalten; er ist ein so unruhiger Geist – ein vollkommener Floh! Zum Glück hatte er einen guten Herrn, der ihn zu nichts zwang. Seit der Zeit irrt er herum wie ein herrenloses Schaf. Er ist ein seltsamer Kauz, weiß Gott! Bald ist er stumm wie ein Baum; bald schwatzt er – aber was er schwatzt, das weiß der liebe Gott! Ist das eine Manier? – das ist keine Manier. Er ist ein ganz besonderer Mensch, wie er leibt und lebt. Er singt indessen gut. – Sehr feierlich, nicht übel! – Nicht übel!«

»Er soll ja auch kurieren?«

»Ein schönes Kurieren! ... Wie sollte der auch! Der ist mir der rechte Mann dazu! Mich hat er übrigens von einer Drüsengeschwulst geheilt ... Wie sollte der! ... Ein einfältiger Mensch, wie er leibt und lebt!« setzte er nach einer kleinen Weile hinzu.

»Kennst du ihn schon lange?«

»Schon lange. Durch Sitschowka sind wir Nachbarn in Krassiwa Metsch.«

»Aber jenes kleine Mädchen, das uns im Walde begegnete, – ist es mit ihm verwandt?«

Jerofei warf mir über die Schulter einen Blick zu und lachte über das ganze Gesicht.

»Haha! ... ja, verwandt! Sie ist eine Waise. Sie hat keine Mutter, und niemand weiß, wer ihre Mutter war. Sie ist aber wahrscheinlich wohl eine Verwandte: sie gleicht ihm gar zu sehr ... sie lebt bei ihm. Sie ist ein pfiffiges Mädchen, und der Alte hängt mit ganzer Seele an ihr ... sie ist ein gutes Mädchen. Ja, sehen Sie, Sie werden es mir kaum glauben; aber es könnte ihm einfallen, seine Annuschka lesen und schreiben zu lehren. Bei Gott, er wäre dazu imstande: er ist ein gar zu seltsamer Mensch. Er ist so unbeständig, so unberechenbar ... Ei, ei,« unterbrach sich mein Kutscher plötzlich selbst, hielt die Pferde an, bog sich auf die Seite und fing an, in der Luft herumzuschnuppern: »Ist das nicht Brandgeruch? Meiner Treu? das sind die neuen Achsen! ... Und wie hatte ich sie geschmiert! ... Ich muß sehen, wo ich Wasser auftreibe; ach, da ist auch gerade ein kleiner Teich.«

Und Jerofei glitt bedächtig vom Kutscherbänkchen herab, band den Eimer ab, ging zum Teiche, kehrte zurück und horchte nicht ohne Vergnügen auf das Zischen der Radbuchse, als sie plötzlich mit Wasser übergossen wurde ... Auf die zehn Werst, die wir zurückzulegen hatten, mußte er wohl sechsmal die erhitzte Achse begießen, und erst mit einbrechender Nacht kamen wir zu Hause an.

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