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Hahnenschrei

Hans Leifhelm: Hahnenschrei - Kapitel 37
Quellenangabe
typepoem
booktitleHahnenschrei
authorHans Leifhelm
year1926
firstpub1926
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin / Leipzig
titleHahnenschrei
pages69
created20180323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kapitän

        In Blankenese stand sein Haus,
Klein wie ein Vogelbauer,
Zur Elbe ging er oft hinaus
Und sah voll stiller Trauer
Die Schiffe ziehn stromab, stromauf,
Er kannte Namen, Flagg und Lauf,
Er war ja selbst gefahren
Zur See in vielen Jahren.

Wenn er in dunkler Kammer lag
Und auf den Regen lauschte,
Wenn an und ab mit hohlem Schlag
Des Westwinds Flügel rauschte,
Dann sank sein Herz erinn'rungsschwer,
Er hörte branden tief das Meer
Und hoch in Mastes Stiegen
Die Segel knatternd fliegen.

Im Traume führte er sein Schiff,
Dann pflügte wie ein Messer
Der Kiel die See vorbei am Riff
Im südlichen Gewässer –
Hei, wie er segelnd vorwärts schoß,
Im Fluge gleich dem Albatros,
Das Schiff, das pfeilgeschwinde,
Lag ostsüdost am Winde.

*   *   *        

Es stößt ans Haus in dunkler Nacht,
Nun geht es auf der Stiege,
Nun wird die Türe aufgemacht,
Als ob die Flut sie biege,
Da steht und lehnt am Pfosten an
Geschloss'nen Augs der Steuermann,
Vom Ölzeug rinnen Tropfen,
Die auf den Boden klopfen.

O Seemannsmeldung trüb und schwer,
O Wort aus totem Munde,
Wenn Mann und Schiff ertrinkt im Meer
Und sinkt hinab zum Grunde,
O letzte Fahrt zum Heimatland,
Zum Abschied vom vertrauten Strand,
Zur Botschaft für die Treuen,
Die sich der Heimkehr freuen.

Nun geht es fort mit schwerem Schritt,
Dann ist der Spuk verschwunden,
Des Schläfers Geist geht suchend mit,
Nun hat er sie gefunden,
Nun weiß er es, bevor der Schrei
Im Kabel dringt zur Reederei –
Die Toten tief im Sunde
Sie sandten ihm die Kunde.

*   *   *        

Der Alte steht vom Lager auf
Und geht hinab zum Ufer,
Ein Kutter kreuzt von Hamburg auf
Und nimmt herein den Rufer,
Ein bleicher Lotse ist zu Gast,
Dort lehnt er ungesehn am Mast,
Und seine Augen liegen
Auf dem, der eingestiegen.

Und Tag und Nacht entflieht das Land,
Der Alte ohne Schlafen
Blickt immer seewärts unverwandt,
Dann grüßen sie Kuxhaven,
Dann rollt die große Salzflut auf,
Sie segeln mit der Sonne Lauf –
O uferlose Ferne,
O Wasser, Wind und Sterne.

Sie halten Kurs zur Doggerbank,
Die Netze gehen nieder,
Der Alte legt sich müd und krank,
Die Woge singt Kehrwieder,
Aufs graue Meer senkt sich die Nacht,
Nun hält er seine letzte Wacht,
Der Lotse steht zur Seite
Dem Seemann zum Geleite.

*   *   *        

Sie nähen ihn ins Segeltuch
Und kreuzen ihm die Hände,
Sie geben ihm sein Seemannsbuch,
Daß er die Fahrt vollende –
Es sinkt nach Lee die stille Last,
Elmsfeuer flammt am hohen Mast,
Dann fährt er in den Hafen,
Wo die Gefährten schlafen.

 

* * *

 

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